Skip to main content

Full text of "Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



Xibrarp 
of ttie 



'!< 



A 
448 



"1 

] 



t 

I 

I 

I 



DER SELBSTMORD 



ALS 



SOCIALE MASSENERSCHEINUNG 



DKR 



MODEKNEN CIVILI SATION. 



DER SELBSTMORr / 



ALS 



SOCIALE MASSENERSCHEINÜNG 



DER 



MODEENEN CIVILISATION. 



VON 

J 
D^ THOMAS GARRIGUE MASARYK 

DOCENT DEB PHILOSOPHIK AN DER UMIVEBSITÄT WIEN. 



Greift nar hinein in*s volle Menschenleben! 
— wo ihr's packt, da ist's interessant. 




WIEN, 1881. 

VEELAG VON CARL KONEGEN, 



^4 8 



647819 



CZ^-<j 



Vorrede. 



Die Erscheinung des Selbstmordes ist gewiss in jedem ein- 
g zelnen Falle höchst interessant; aber ein ganz besonderes Inter- 
^ esse erweckt er als sociale Massenerscheinung. Die Selbstmord- 
neigung tritt gegenwärtig in allen civilisirten Ländern mit 
erschreckender Intensität auf: bei uns in Oesterreich (Cisleitha- 
nien) werden jährlich 2600 Selbstmorde constatirt, in Deutschland 
etwa 9000, in Frankreich gegen 7000; in allen europäischen Län- 
dern, aus denen wir officielle Berichte haben, zählt man jährlich 

1X7 

KjT mindestens 22.000 Fälle. Sollte es wahr sein, wie Viele glauben, 
dass die statistischen Daten höchstens die Hälfte der verübten 
— und versuchten Selbstmorde ausweisen, so würden in den civili- 
sirten Staaten Europas jährlich etwa 50.000 Menschen Hand an 
sich legen. Man denke sich die Zahlen eines Decenniums oder 
gar eines halben Jahrhunderts! In Wien allein werden jährlich 
200 Fälle constatirt: es kommt also etwa 1 Selbstmord auf bei- 
läufig 1500 erwachsene Einwohner, und das ergibt wiederum 
1 Fall unter circa 500 Männern! 

Der Gegenstand ist bisher seiner Bedeutung entsprechend 
vielfach behandelt worden. Die Philosophen untersuchten das 
ethische, die Aerzte das pathologische Moment, und die Statistiker 



— VI — 

erbrachten eine Fülle sociologischen Materials; aber eine end- 
giltige Lösung vom sociologischen Gesichtspunkte aus hat bisher 
Niemand versucht, und doch ist es gerade diese Lösung, welche 
uns am meisten nahe geht: ist ja die Frage nach den Ursachen 
des Selbstmordes die Frage nach dem Glück und Unglück der 
Menschheit. 

Es ist Aufgabe dieser Arbeit, zu zeigen, wie sich die Massen- 
erscheinung des Selbstmordes aus und in dem modernen Cultur- 
leben entwickelt hat. Dabei nun werden wir erfahren, dass der 
Selbstmord als Massenerscheinung periodisch auftritt, und es wird 
daher unsere specielle Aufgabe sein, gerade dieses periodische 
Auftreten desselben zu begreifen und zu würdigen. Wichtig ist 
ferner das Verhältniss der modernen Selbstmordneigung zu der 
stark verbreiteten Nervosität und Geisteskrankheit; es wird daher 
Aufgabe der psychologischen Analyse sein, in diesen beiden 
Phänomenen den krankhaften pathologischen Gesammtzustand 
der Gegenwart zu erkennen und als Einheit aufzufassen. 

Ich bin wohl überzeugt, die eigentliche Natur der Krank- 
heit unseres Jahrhunderts richtig erklärt und ihre wahre Be- 
deutung für die Cultur erkannt zu haben, trotzdem ist aber die 
Aufgabe noch nicht vollkommen gelöst. Im Gegentheil fordert 
gerade diese Schrift zu Einzelnarbeiten auf, und es ist mein 
sehnlichster Wunsch, dass recht viele Monographien über die 
einzelnen Ursachen des Selbstmordes erscheinen würden. So z. B. 
sollten im Einzelnen die Selbstmorde der verschiedenen Städte, 
Berufs- und Standesclassen, der verschiedenen Geschlechter u. s. w. 
behandelt werden. Nicht weniger sollten dem Gegenstande auch 
die Historiker ihre Aufmerksamkeit schenken, damit derselbe in 
jeder Beziehung genau durchforscht und erkannt werde. 



— VII — 

Diejenigen, die mit der Literatur des Gegenstandes vertraut 
sind, werden vielleicht einige allgemeine Doctrinen vermissen, die 
von vielen Autoren gelegentlich der Untersuchung über den Selbst- 
mord mit erbracht werden. Nun hätte ich sehr gerne Einiges 
über Sociologie, ihre Methode und vor Allem über das Ver- 
hältniss dieser Wissenschaft zur Statistik gesagt, und es wäre 
dies um so gerathener gewesen, als die Sociologie als Wissen- 
schaft, wenigstens bei uns, noch wenig bekannt ist. Allein ich 
wollte die ohnedies umfangreiche Untersuchung nicht noch grösser 
machen und versuchte es daher nach dem Beispiele der Natur- 
wissenschaft, eine sociologische Monographie zu liefern, indem ich 
von der Ansicht ausgehe, dass eine Specialuntersuchung für die 
Wissenschaft fruchtbringender ist als allgemeine Untersuchungen 
und vorschnelles Aufstellen von logischen Systemen. An dem 
Speciellen kann das Allgemeine sehr gut gelernt und gelehrt 
werden. 

Noch eine Bemerkung muss ich mir erlauben. 

Bei meiner Arbeit musste ich, und es gieng eben nicht 
anders, viele, ja eigentlich alle Fragen berühren, die heute die 
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich erkläre daher 
ausdrücklich, dass ich die betreffenden Gegenstände vom rein 
wissenschaftlichen Standpunkt betrachte, jedenfalls nur von 
diesem Standpunkt zu betrachten wünschte, und ich hoffe daher, 
dass meine Ansichten in derselben Weise beurtheilt werden. Die 
socialen Phänomene sind dem Psychologen und Sociologen nur 
Thatsachen, wie dem Astronomen die Erscheinungen am Himmel 
nur Thatsachen sind, beiden muss es gleichgiltig sein, wie jene 
der praktische Politiker, diese etwa der Dichter auffasst und 
verarbeitet. Wenn ich daher mit wissenschaftlichem Ernste und 



— VIII — 

der der Wissenschaft nöthigen Freiheit z. B. den religiösen Zu- 
stand der eivilisirten Nationen geprüft, über das Wesen des 
Christenthums und seiner Secten sociologische Untersuchungen 
anstellte, wenn ich so Manches, das Vielen Herzenssache ist, 
als einfache Thatsache behandelt habe, so war es kein Mangel 
an Pietät, der micli leitete, sondern rücksichtsloses Streben nach 
Wahrheit. So gerne ich daher da, wo ich geirrt habe, Beleh- 
rungen annehmen werde, ebenso entschieden verwahre ich mich 
gegen die bei sociologischen Discussionen in praxi geübte In- 
toleranz und Indifferenz. 

Schliesslich sage ich allen Denen herzlichen Dank, die mich 
bei meiner Arbeit mit Eath und That freundlichst gefördert haben. 

Wien, im Januar 1881. 



Der Verfasser. 



Uebersicht des Inhalts. 



Erstes Capitel. 
Beg^ffsbestimmting p. 1—4 

1. Leben und Sterben. 2. Der natürlicbe und unnatürliche Tod: 
Krieg, Duell, Todschlag, Mord, Abortus, Verunglückungen, Hinrich- 
tung, Selbstmord. 3. Selbstmord im weiteren, uneigentlichen, im 
engeren, eigentlichen Sinne. (Duell), Selbstaufopferung. Scheidung 
von Selbsttödtung und Selbstmord analog der Scheidung von Tod- 
schlag und Mord. 4. Die unkluge und unsittliche Vernichtung der 
Lebenskraft im Allgemeinen und durch den Selbstmord im Speciellen. 

Zweites Capitel. 
Die Ursachen der Selbstmordneigung . . p. 5—122 

1. Classification der den menschlichen Willen bestimmenden 
Ursachen. I. Wirkungen der Natur: terrestrische, kosmische. IL Wir- 
kungen der physischen und geistigen Organisation der Menschen: 
1. Physische Verhältnisse der leiblichen Organisation; 2. Allgemein 
gesellschaftliche Verhältnisse; 3. Politische Verhältnisse; 4. Wirth- 
schaftliche Verhältnisse; 5. Verhältnisse der geistigen Cultur: intel- 
lectuelle, moralische und religiöse Bildung: Lebensanschauung über- 
haupt. 2. Zweck dieser Classification. 

Erstes Hauptstück. 
Die Wirkungen der Natur p. 6—19 

1. Wie die Natureinflüsse auf den Menschen studirt werden 
sollen. 2. Klima. Die geographische Vertheilung der Selbstmorde. 
3. Wirkung der Jahreszeit. Die meisten Selbstmorde kommen im 
Sommer vor; der relative Wärmegrad als Ursache. Erregung des 
Nervensystems durch ungewohnte Wärme. Extreme, Excesse und 
Unregelmässigkeiten der Temperatur. Das Maximum der Selbstmorde 
entfällt wahrscheinlich auf den Juni. 4. Feuchtes Wetter; trüber 
Himmel. 5. Winde. 6. Wochentage. 7. Tageszeit. 8. Die übrigen 



— X — 

klimatischen Einflüsse können übergangen werden. 9. Die Einwirkung 
des Bodens. 10. Stadt und Land. 11. Nahrungsmittel. 12. Eosmische 
Einflüsse. 13. Wirkung der Sonne. 14. Wirkung des Mondes. 15. Die 
Einwirkung der Natur erklärt die sociale Massenerscheinung des Selbst- 
mordes nicht, daher muss die eigentliche Ursache in dem Menschen 
selbst gesucht werden. 

Zweites Hauptstück. 

Die Wirkungen der physieohen und geistigen Organisation der 

Mensclien p. 19—92 

I. Theil. 
Physische Verhältnisse der leiblichen Organisation p. 19 — 28 

1. Die leibliche Organisation eigentlich zur Aussenwelt gehörend. 
2. Körperliche Beschaffenheit und Gesundheitszustand. Krankheiten. 
Epidemien. Morbilität, Mortalität und Selbstmordneigung. 3. Ge- 
schlecht. 4. Alter. Selbstmord im Greisenalter. Kinderselbstmord. 

5. Besume. 

n. Theil 

Allgemein gesellschaftliche Verhaltnisse . . . p. 28 — 42 

1. Die Yolkszahl im Yerhältniss zur Selbstmordfrequenz. Abso- 
lute und relative Bevölkerung. Uebervölkerung. Untervölkerung. Rasch- 
heit des Bevölkerungszuwachses. Abnahme der Bevölkerung. Auswan- 
derung. 2. Ehe- und Familienleben. Verheiratete, Ledige, Witwen, 
Witwer, Geschiedene, Concubinat. Wirkung des Ehe- und Familien- 
lebens auf die Kinder. Die unehelichen Geburten und die Selbstmord- 
neigung. 3. Selbstmord der Gefangenen. 4. Der Beruf. 5. Besum^. 

III. Theil. 

Politische Verhältnisse p. 42 — 56 

1. Bace; Bacenmischlinge. 2. Nationalität. Mischlinge der ver- 
schiedenen Nationen. Aufgehen der eigenen Nationalität. 3. Ver- 
fassung. 4. Politische Krisen, Bevolutionen, Agitationen. 5. Krieg. 

6. Militarismus: Allgemeine Wehrpflicht. 7. Besume. 

IV. Theil. 

Wirthschaftliche Verhaltnisse . . . . p. 56—62 

1. Zerrüttete Vermögens Verhältnisse, Noth, Elend; Armuth, 
Beichthum. Wahre und falsche Bedürfnisse. 2. Die wirthschaftlichen 
Verhältnisse als Selbstmordursache. 3. Ungewohnte Vermögensände- 
rungen. Schlechtes Ernteergebniss. Geschäftskrisen (1873), Spiel, Lot- 
terie. 4. Volksreichthum und Selbstmordfrequenz : Staatsschulden. Ver- 
kehrsmittel. 5. Art der Arbeit. 6. Die Entwickelung der Selbstmord- 
neigung bei wachsendem Beichthum der Nationen. Die sociale Frage. 



— XI — 

V. Theü. 

VerJiältnisse der geistigen (Mtur: inteUectueUe, moralische und 

religiöse Bildung: Lehensanschauung überhaupt . p. 63 — 92 

1. Die Selbstmord gfinstige, -un^nstige Leben sanschauung. 
2. Die intellectnelle Bildung. Bildung und Halbbildung. Letztere als 
Ursache der Selbstmordneigung. Schul- und Volksbildung und ihr 
Parallelismus mit der Selbstmordfrequenz. 3. Die moralische Bildung. 
Die Motive des Selbstmordes. Die Motive des Selbstmordes sind über- 
wiegend unsittlicher Natur. 4. Einige unsittliche Motive im Einzelnen. 
a) Affect, Leidenschaft (unglückliche Liebe, Ehrgeiz, Grössenwahn) ; 
h) Lebensüberdruss (taedium vitae); c) Alcoholismus ; d) die ge- 
schlechtliche ünsittlichkeit; e) der Selbstmord nach Mord und Tod- 
schlag; f) ein Curiosum: Selbstmord aus Speculation. 5. Die Moti- 
vation des Selbstmordes im Yerhältniss zur Jahreszeit, Wohnort, 
Geschlecht, Alter, Beruf, den wirthschaftlichen Verhältnissen, Natio- 
nalitat. 6. Die moralische Bildung der Selbstmörder mit der intel- 
lectueUen verglichen und als Einheit aufgefasst. 7. Die religiöse 
Bildung, Wirkung der Beligion und Kirche. Die Halbbildung der 
Selbstmörder als Irreligiosität. Die allgemein verbreitete Irreligiosität 
als eigentliche Ursache der socialen Massenerscheinung des Selbst- 
mordes. 8. Einfluss der Confession: Der Selbstmord unter Katho- 
liken, Protestanten, Griechen; Juden, Mohammedanern, Buddhisten. 
9. Die späteren Untersuchungen werden den Selbstmord als Folge 
der herrschenden Irreligiosität in das gebührende Licht setzen. 

Drittes Hauptstück. 

Die Selbstmordneigung vom psychologischen Standpunlite 

betrachtet: Selbstmord und Psychose . . p. 92-122 

§. 1. Die Psychose als Ursache der Selbstmordneigung. Die 

allgemeine Unbekanntschaft mit der Psychose erheischt eine kurze 

Darstellung derselben. 

I p. 93-100 

§. 2. Charakteristik der wichtigsten Formen der Geisteskrankheit. 
Grenze zwischen dem normalen und anormalen Geistesleben. Elementar- 
störungen. Psychische Depression: Hypochondrie und Melancholie. Die 
Melancholie als eigentliche Selbstmordpsychose. („Selbstmordmono- 
manie.") Exaltationsznstände : Tobsucht, Wahnsinn. Verrücktheit und 
Blödsinn. §. 3. Classification der Selbstmorde vom psychologischen und 
psychiatrischen Standpunkt. Zurechnung der Selbstmörder. §. 4. Der 
Geisteszul^tand des Selbstmörders. Ist der Selbstmord eine muthige 

Handlung? 

n p. 100-115 

§. 5. Die Psychose als sociales Uebel der Gegenwart. Die Ur- 
sachen der Geisteskrankheit. 1. Natureinflusse. Klima, Witterungs- 
verhältnisse. Jahreszeit. Kosmische Einflüsse: Mondlicht. 2. Stadt 



— XII — 

und Land. 3. Alter. 4. Körperliche Beschaffenheit. Die Krankheiten, 
welche die Psychose verursachen. Die psychischen Dispositionen (Tem- 
peramente). 5. Die Erblichkeit der Psychose und Selbstmordneigung. 
6. Geschlecht. 7. Alter, Kindesalter. 8. Ehe- und Familienleben. Ver- 
heiratete, Ledige, Witwen, Witwer, Geschiedene. Unehelich Geborene. 
9. Gefangene. 10. Beruf. 11. Belative Bevölkerungszahl. 12. Bace. 
13. Nationalität. 14. Verfassung. 15. Politische Krisen, Revolutionen, 
Agitationen, Krieg. 16. Militarismus. 17. Wirthschaftliche Verhältnisse. 
Elend und Noth. Krisen (Strikes). 18. Die Psychose entsteht am häufig- 
sten durch psychische Ursachen. Die Geisteskrankheit wird fortwährend 
häufiger. Guislain über die moderne Civilisation als Ursache der all- 
gemein verbreiteten Psychose. 

m p. 115—119 

§. 6. Psychose und Selbstmordneigung sind Theilphänomene 
eines und desselben socialen Processes. Die intellectuelle, moralische 
und religiöse Bildung und die Psychose. Confession und Psychose. 
§. 7. Das psychologische Verhältniss der Psychose und Selbstmord- 
neigung. 

IV p. 119-122 

§. 8. Ueber die Verbreitung der krankhaften Selbstmordneigung., 
Psychische Nachahmung und Ansteckung. Das psychologische Gesetz, 
welches die Verübung des Selbstmordes erleichtert. Die Selbstmord- 
neigung der Gegenwart beruht auf Wahnideen der Civilisation. 

Drittes Capitel. 
Die Arten und Formen des Selbstmordes p. 123—127 

1. Werth dieser Untersuchung. 2. Die Wahl der Mittel. 3. Er- 
hängen, Ertränken, Erschiessen u. s. w. 4. Die Wahl der Mittel 
determinirt durch Jahreszeit, örtliche Bodengestaltung, Geschlecht^ 
Alter ^ Nationalität, Beruf u. s. w. 5. Das Motiv und die Wahl des 
Mittels: nobler und gemeiner Selbstmord. 6. Krankhafte Motivation 
und ihr Einfluss auf die Selbstmordart. 7. Heiltrieb. 8. Indirecte, 
passive Selbstmorde. 9. Doppelselbstmorde* 10. Zunahme des Erhän- 
gens. Wechsel in den Selbstmordarten. 11. Der Selbstmord als privile- 
girte Todesstrafe. 

Viertes Capitel. 
Zur Geschichte der Selbstmordneigung . p. «128—140 

1. Die moderne Selbstmordneigung kündigt sich als historischer 
Process an. 2. Quellen zur Geschichte der Selbstmordneigung. Die 
zu befolgende Methode. 3. Der Selbstmord bei den Griechen, Römern, 
im Mittelalter. Der Selbstmord seit der Renaissance. 4. Die statisti- 
schen Ausweise über die stetige Zunahme der Selbstmordneigung im 



— XUI — 

19. Jahrhundert. 5. Die Zunahme wird modificirt durch die Nationalität, 
das Geschlecht, Alter, Wohnort. 6. Oh die Psychose immer mit der 
Selbstmordneigung gleichzeitig auftrat? 7. Eesume: Die Selbstmord- 
neigung tritt bei allen Völkern periodisch auf. 

Fünftes Capitel. 
Die Selbstmordneigung and die Civilisation p. 141—241 

I. Theü. 
Die Entwickelung der modernen Selbstmordneigung p. 141 — 175 

1. Aufgabe dieser Untersuchung. 2. Die Naturvölker haben keine 
krankhafte Selbstmordneigung, nur die civilisirten Nationen. Metho- 
dische Ausnützung dieser Thatsache für die Culturgeschichte. Die 
Selbstmordneigung entwickelt sich mit zunehmender Civilisation. 
3. Die griechische Cultur. 4. Die römische Cultur. 5. Die Bekehrung 
der ßömerwelt. Das Christenthum und seine Bedeutung für die Mensch- 
heit. 6. Die christlichen Kirchen: der Eatholicismus und griechische 
Cäsaropapismus. Das katholische Mittelalter. Die griechische Kirche. 
7. Die Eeformation. Der Katholicismus und Protestantismus als zwei 
historische Grundprincipien der Civilisation. 8. Das Wesen des Pro- 
testantismus. 9. Die moderne Entwickelung des menschlichen Geistes. 
Das Christenthum der Gegenwart. Eeligion und Wissenschaft: Cultur- 
kampf. Halbbildung, Halbheit und Irreligiosität. Der Verlust der 
Religion die Quelle der Unzufriedenheit, des Pessimismus und des 
Lebensüberdrusses. Christen und Nichtmehrchristen : die intellectuelle 
und moralische Anarchie der Gegenwart. Der Selbstmord und die 
moderne pessimistische Lyrik und Philosophie. 10. Zurückführung 
der Selbstmorderscheinung auf ein oberstes geschichtliches Princip. 
(Darwin, Morselli, Wagner.) Der Zusammensturz der Volksreligion. 

IL Theil. 

Verification des gewonnenen allgemeinen Satzes, üeher 
den religiösen Zustand der civüisirten Nationen der 

GegenwaH p. 175—229 

1. Aufgabe dieser Untersuchung. 2. Die Verification des sta- 
tistischen Inductionsmaterials über: Stadt- und Landbevölkerung, 
Geschlecht, Alter, Familien- und Eheverhältnisse, Militarismus, Halb- 
bildung, Unsittlichkeit u. s. w. 2. Die religiösen Verhältnisse der ver- 
schiedenen Nationen. Die katholischen Völker im Allgemeinen. 3. Die 
religiösen Verhältnisse in Frankreich. 4. Belgien. 5. Oesterreich. 
6. Italien. 7. Spanien und Portugal. 8. Die protestantischen Völker 
im Allgemeinen. Das Wesen des Protestantismus und seine Leistungen 
für das moderne Culturleben. 9. Der Protestantismus in der Gegen- 
wart. 10. Die religiösen Verhältnisse im protestantischen Deutschland. 



— XIV — 

Das katholische Deutschland. 11. Dänemark. 12. Schweden and Nor- 
wegen. 13. Die reformirten Völker. Das Wesen des Calyiuismus. Die 
Schweiz. 14. Holland. 15. England. 16. Schottland und Irland. Bedeu- 
tung der schottischen Zustände für die in diesem Werke gegebene 
Erklärung der modernen Selbstmordneigung. 17. Die religiösen Zu- 
stände in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. 18. Die Völker der 
griechischen Kirche; Bussland. 19. Die nichtchristlichen Völker. Juden. 
Mohammedaner. Buddhisten. Brahmanen. 20. Besum^. 

Sechstes Capitel. 

Zar Therapentik der modernen Selbstmord- 
neigung p. 230—241 

1. Aufgabe der socialen Therapentik: Prophylaxe. 2. Therapie 
der ungesunden Verhältnisse der physischen und psychischen Orga- 
nisation des Menschen, der allgemein gesellschaftlichen Verhältnisse. 
3. Wie die wirthschaftliche und politische Unzufriedenheit definitiv 
beseitigt werden kann. 4. Die erwünschte einheitliche Weltanschauung : 
Keligion. Die Zukunft der Beligion und die Beligion der Zukunft: 
a} SoU nur das Volk religiös bleiben, die Gebildeten nicht? b) Wird 
es überhaupt keine Eeligion geben? c) Kann die Kunst die Beligion 
ersetzen? d) Die Zukunft des Christenthums. Inwiefern wir eine 
neue Beligion zu gewärtigen haben. 5. Die Therapentik der Selbst- 
mordneigung scheint auf fatalistisches Abwarten hinauszulaufen. 
Determinismus ist nicht Fatalismus. Es wird gezeigt, wie gerade der 
entschiedene Determinismus zum Handeln ermuthigt. 6. Vom Nutzen 
der allgemeinen sociologischen Begeln für das praktische Handeln im 
speciellen Fall. Lessing's und Tocqueville's Normen. Schluss. 

Berichtigungen p. 142 

Autorenregister p. 143 



Literatur. 



Ausser den yielen statistischen und medicinischen Werken und Zeit- 
schriften wurden folgende Specialuntersuchungen henützt: 

Bertrand^ Trait^ du suicide consistant dans ses rapports avec la Philo- 
sophie, la theologie, la m^decine, 1857; 

Blanc, Du suicide en France; Separatahdruck des Journal de la Soci^t^ 
de statistique de Paris, 1862; 

Brierre de Boismont, Du suicide et de la folie suicide, 1865 (2. Auflage); 

Gas per, Üeber den Selbstmord und seine Zunahme in unserer Zeit, 1825 
(Beiträge zur medicinischen Statistik und Staatsarzneikunde) ; 

Cazauvieilh, Du suicide, de Tali^nation mentale et des crimes contre les 
personnes, compares dans leurs rapports reciproques, 1840; 

Diez, Der Selbstmord, 1838; 

Douay, Le suicide ou la mort violent, 1870; 

Falret, De Thypochondrie et du suicide, 1822; 

Hejfelder, Der Selbstmord in arzneigerichtlicher Beziehung, 1828; 

Ho ff bau er, Ueber die Ursachen der so sehr überhandnehmenden Selbstmorde 
und deren Verhütung, 1859; 

Legoyt, Sur le suicide dans les divers etats de TEurope, 1844; 

Lisle, Du suicide, statistique, medecine, histoire, legislation, 1856; 

Morselli, II suicidio, saggio di statistica morale comparata, 1879; 

Müller, Der Selbstmord, 1859; 

Osiander, Ueber den Selbstmord u. s. w., 1813; 

Petit, Becherches statistiques sur l'etiologie du suicide, 1850; 

Plagge, Die Quellen des Irrsinns und der Selbstmorde, 1861; 

Platter, Ueber den Selbstmord in Oesterreich in den Jahren 1819—1872, 
Statistische Monatsschrift 1876; 

Salomon, Welches sind die Ursachen der in neuester Zeit so sehr über- 
handnehmenden Selbstmorde u. s. w., 1861; 

Sedlaczek, Die Selbstmorde in Wien 1854 — 1878, Statistische Monatsschrift 
1879; 

Tissot, De la manie du suicide et de l'esprit de rävolte, de leurs causes, 
et de leurs remedes, 1840; * 

Wagner, Die Gesetzmässigkeit in den scheinbar willkürlichen mensch- 
lichen Handlungen, 1864; 

Winslow, The anatomy of suicide, 1840. 



Erstes Capitel. 
Begriffsbestimmung. 



§. 1. Gewöhnlich stellt man sich den Tod im schroffen 
Gegensatze zum Leben vor und denkt gar selten daran, dass er 
eigentlich das natürliche Endergebniss eines längeren Processes 
ist, der gleich vom ersten Schrei — ja noch von früher her — 
bis zum letzten Hauche und darüber hinaus im Organismus vor 
sich geht. Leben und Sterben kommt zu gleicher Zeit an jedem 
lebenden Erdenwesen vor; die einzelnen Theile, der ganze Körper 
nützt sich ab, um wiederum erneut, veijüngt zu werden; es findet 
eine ununterbrochene Assimilation, Organisation, ein fortwährender 
Kampf des Lebens mit dem Tode statt, jeder Schritt vorwärts ist 
zugleich ein Schritt rückwärts. Zwischen den zwei Polen des Wer- 
dens und Vergehens wogt die Lebensbewegung, schäumt und tost 
es im Ocean des Lebens ; wir bemerken zwar, wie sich die Fluthen 
allmählich legen und glätten, denken aber trotzdem nur an die 
schroffen Gegensätze von Leben und Tod. In diesem Gegensatz 
erscheint der Tod so furchtbar: darum finden sich nur Wenige 
mit Gleichmuth in sein unabwendbares Gesetz, nur Wenige können 
ihm mit ruhigem Auge in's Antlitz sehen, er verwirrt die Men- 
schen, wie die Sonne das Auge blendet — und doch suchen ihn 
so Viele aus freien Stücken! 

Wie am einzelnen Menschen ein steter. Kampf des Lebens 
mit dem Tode stattfindet, so ringt das Leben mit dem Sterben 
natürlich auch im Ganzen der Menschheit: in jedem Augenblicke 
werden Menschen geboren, in jedem Augenblicke sterben Men- 
schen, als ob Eines das Andere bedingen würde, 

Masaryk. Der Selbstmord. 1 



— 2 — 

§. 2. Die Todesarten sind mannigfaltig. 

Wenn dem menschlichen Körper zu seinem Lebensprocesse 
keine der erforderlichen Bedingungen (so weit eben unsere Con- 
troUe reicht) entzogen werden, so erfolgt die Auflösung des- 
selben als nothwendiges Endergebniss und wir sprechen in diesem 
Falle von einem natürlichen Tode. Dem entsprechend ist das 
Sterben durch Krieg, Duell, Todschlag und Mord, Abortus in 
einem bestimmten Stadium des Embryo, Verunglückungen, Hin- 
richtung und schliesslich Selbstmord als gewaltsame, unnatür- 
liche Todesart zu bezeichnen, als eine Ausnahme von der Regel. 

§. 3. Der Begriff des Selbstmordes kann in verschie- 
dener Weise aufgefasst werden. 

Im weiteren Sinne des Wortes versteht man darunter 
diejenige anomale Todesart, welche durch ein unbeabsichtigtes 
Eingreifen des Subjects in den Lebensprocess herbeigeführt wird, 
sei es durch positive, active Selbstbethätigung, oder durch nega- 
tives, passives Verhalten gegen die Gefährdung des Lebens. In 
diesem Sinne ist z. B. deijenige ein Selbstmörder, der durch einen 
unmoralischen oder unklugen Lebenswandel einen frühzeitigen Tod 
findet; denn es wäre normal, wenn jeder Mensch das Greisenalter 
erreichte — nach Elourens sollte der Normalmensch hundert 
Jahre alt werden — und dann erst in Folge der Alters- und 
Lebensschwäche diese Welt verliesse. Im engeren und eigent- 
lichen Sinne ist dagegen nur derjenige ein Selbstmörder, der 
absichtlich und wissentlich seinem Leben ein Ende setzt, der 
das Todtsein als solches begehrt und die Gewissheit hat, dass 
sein Todtsein durch seine Handlung oder Unterlassung herbei- 
geführt wird. Die Schnelligkeit des Sterbens ist nicht das cha- 
rakteristische Merkmal der That; denn man kann sich auch 
auf sehr langsame Weise, allmählich, den Tod geben wollen. 
Auch die Selbstbethätigung nicht; das negative, passive Ver- 
halten gegen die Gefährdungen des Lebens kann ebenfalls in 
selbstmörderischer Absicht geschehen: es kommt, wie bei jeder 
willkürlichen Handlung, auf die Absicht an. ^) 



^) Nach dieser Unterscheidung ist es klar, dass das Duell nicht zum 
Selbstmorde im engeren Sinne gezählt werden darf, wie Einige thun wollen, 
dass es nur ein Selbstmord im weiteren Sinne ist. Der Duellant will nicht 
todt sein, vielmehr will er leben bleiben, todt sein soll sein Gegner; er 



— 3 — 

Ausgeschlossen von diesen zwei Gruppen, obwohl logisch 
unter die erste gehörend, ist die Selbstaufopferung; während 
jenen das moralische Urtheil der Missbilligung anhaftet, gilt diese 
•im Gegentheil als höchste menschliche Tugend, obwohl im All- 
gemeinen auch in dieser Hinsicht die Lebenskraft häufiger als 
nöthig geopfert wird. 

Unsere Unterscheidung entspricht der juristischen Scheidung 
von Todschlag und Mord und wir wollen daher im Folgenden 
unter: Selbsttödtung den Selbstmord im weiteren Sinne ver- 
stehen, während: Selbstmord die That im engeren, eigent- 
lichen Sinne bezeichnen wird. ') Auf diese Weise werden keine 
neuen Namen geschaffen, und da die analoge Scheidung von Tod- 
schlag und Mord schon allgemein zur Geltung gekommen ist, 
Verstössen wir nicht besonders stark gegen das Gesetz der Logik, 
welches die Einführung neuer Bezeichnungen nur ungerne gestattet. 

§. 4. Sowohl die Selbsttödtung als auch der Selbstmord 
kommen in der modernen Gesellschaft häufiger vor, als man 
gewöhnlich glaubt. Beobachtet man die Mei^ßchen in ihrem täg- 
lichen Thun und Lassen genauer, so gewahrt man sehr bald, 
dass die Unwissenheit und Schlechtigkeit, die Unkenntniss und 
Nichtbefolgung der praktischen Wissenschaften (Hygiene, Ethik 
u. s. f.) sehr viele Selbsttödtungen verursachen, und ebenso viele 
schleichende Todschläge, die auch nur deshalb vor keinem Forum ' 
abgeurtheilt werden, weil sie zu allgemein sind. Die Statistik kann 
leicht beweisen, dass die mittlere Lebensdauer um wenigstens ein 
Drittel kürzer ist, als sie sein sollte! 2) Schier hat dann ein geist- 
reicher Hygienist Recht, der da gesagt hat, die Menschen stürben 
an verschiedenen Krankheiten und an — Dummheit. Die Men- 
schen greifen selbst fort und fort eigenmächtig und willkürlich 
in ihr und der Anderen Leben ein, verringern derart die Lebens- 
kraft und fördern das Reich des Todes waün werden wir 

es gelernt haben, mit unserer Lebenskraft zu geizen? 



gefährdet sein und das fremde Leben und er kann gewöhnlich mit der 
Wahrscheinlichkeit V2 den Tod oder Todschlag erwarten. 

') Oettingen spricht von einem chronischen und acuten Selbst- 
mord; allein diese Bezeichnung entspricht dem eigentlichen Begriffe nicht. 

2) Kraus, Hygiene 1878, p. 423. 

1* 



— 4 — 

Was von der Selbsttödtung, gilt im Ganzen auch vom 
Selbstmord, den man als einen Specialfall der Selbsttödtung 
auffassen könnte; sofern aber hier die Willkür, die freie Wahl 
in Betracht kommt, gewährt gerade diese Todesart .das grösste • 
Interesse, und sie ist es daher, mit welcher wir uns nun ein- 
gehend zu beschäftigen haben. 



Zweites Capitel. 

Die Ursachen der Selbstmordnelgung. 



§. 1. Im Allgemeinen wird die sociale Massenerscheinung 
des Selbstmordes, wie jedes sociale Phänomen, welches auf freier 
Wahl beruht, durch alle die Ursachen bedingt, die überhaupt 
solche Phänomene bewirken können; also einerseits durch die 
Natur, andererseits durch den Menschen selbst. Und zwar könnte 
man diese Ursachen etwa so gliedern: 

L Wirkungen der Natur: 

a) terrestrische, 

b) kosmische; 

II. Wirkungen der physischen und geistigen Organisation 
der Menschen: 

a) Physische Verhältnisse der leiblichen Organisation; 

b) Allgemein gesellschaftliche Verhältnisse; 

c) Politische Verhältnisse; 

d) Wirthschaftliche Verhältnisse; 

e) Verhältnisse der geistigen Cultur: intellectuelle, mo- 
ralische und religiöse Bildung: Lebensanschauung 
überhaupt. 

§. 2. Die Classification hat natürlich, wie jede Classification, 
ihren Werth nur für einen bestimmten Zweck, und dieser ist hier 
der folgende. Es handelt sich nämlich darum, die grosse Zahl 
der Ursachen, welche den Selbstmord bedingen, möglichst über- 
sichtlich darzustellen; das ist aber bei der Complicirtheit und 
dem Consensus der socialen Verhältnisse sehr schwer, doch soll 
die hier befolgte Anordnung diesen Zweck wenigstens annähernd 



— 6 — 

erreichen. Ausserdem kommt es aber noch auf etwas Anderes 
an: die Ursachen sollen nach ihrer Wirksamkeit der Reihe nach 
behandelt werden. Wir beginnen also mit den entfernteren und 
schreiten allmählich zu den näheren vor; wir suchen vorerst die 
kleineren (Neben-, Mit-) Ursachen zu erkennen, um die gi'össeren 
(Haupt-, eigentlichen Ursachen) in ihrer wahren Wirksamkeit zu 
erfassen; denn nur so kann es uns gelingen, über die Natur des 
Selbstmordes klar zu werden und seine grosse Bedeutung für 
das sociale Leben der Gegenwart zu würdigen. 



Erstes Hauptstück. 
Die Wirkungen der Natur. 

§. 1. Dass Himmel und Erde auf den Menschen wirken 
und seine Willensentscheidungen beeinflussen, hat man frühzeitig 
erkannt und gibt es heutzutage fast allgemein zu; es ist aber 
sehr schwer, den Einfluss der Natur zu messen und seine Wirk- 
samkeit genau zu bestimmen. Ohne uns hier in eine methodo- 
logische Untersuchung dieser Trage einzulassen, wollen wir wenig- 
stens einige allgemeine Erörterungen vorausschicken, um zu zeigen, 
wie wir uns über die Wirkungen der Natur beim freiwilligen Tode 
klar werden können. 

Man zerlege sich die Natur in die einzelnen Factoren: 

I. Erde: 

a) Klima (geographische Breite, Temperatur, Feuch- 
' tigkeit und Trockenheit der Luft u. s. w.); 

b) Boden (Gestalt der Oberfläche, Quellenbildung u. s. f.). 
II. Kosmische Einflüsse (Sonne, Mond u. s. f.). 

Man beachte dann die Wirkungsweise dieser einzelnen Fac- 
toren, ob sie nämlich constant wirken, oder periodisch, inter- 
mittirend, ephemer; beachte den Unterschied der directen und 
indirecten Wirkungen und — was die Hauptsache ist — ver- 
meide in der eigentlichen Erklärung jegliche mystische Vorstel- 
lung und begnüge sich nicht mit Allgemeinheiten und bloss geist- 
reichen Combinationen. Die Wirkungen der Naturkräfte müssen 
immer entweder an Leib oder Seele wahrgenommen und aufgezeigt 



— 7 — 

werden, und zwar sind dieselben: a) physisch, h) physiologisch 
(morphologisch), pathologisch und c) psychologisch. 

Wie man auch immer über das Verhältniss von Leib und 
Seele denken mag, die einzelnen Wirkungen der Naturkräfte auf 
den menschlichen Geist sind gegebene Thatsachen und müssen 
als solche genommen werden; die alte Frage nach der Wechsel- 
wirkung von Leib und Seele muss durch die Untersuchung über 
den Natureinfluss auf den Menschen eine präcise Fassung be- 
kommen, der Determinismus auf psychischem und socialem Ge- 
biete muss vollinhaltlich begriffen werden. Es versteht sich aber 
von selbst, dass die verschiedenen socialen Phänomene nicht 
ausschliesslich durch die Natureinwirkung erklärt werden können; 
im Gegentheil müssen hauptsächlichst die übrigen Verhältnisse, 
in denen sich der Mensch befindet, zur Erklärung herbeigezogen 
werden; das. ergibt sich aus der psychologischen Natur der 
Phänomene selbst, und erst in letzter Instanz greift man auch 
nach den Wirkungen der Natur: die Sociologie lässt sich eben 
nicht aus der Naturgeschichte oder Geographie construiren. 

Dieser Auffassung gemäss fragen wir uns daher, wie und 
in welchem Grade die Selbstmordneigung durch den Einfluss der 
Natur hervorgebracht wird. 

§. 2. Klima. Die geographische Vertheilung der Selbst- 
morde lässt sich selbstverständlich sehr leicht darlegen und etwa 
graphisch darstellen, wenn man einfach die Daten der Statistik 
sammelt. Er kommt im Allgemeinen auf der ganzen Erde vor, 
am häufigsten aber in Europa und hier wiederum häufiger und 
am häufigsten im Nordwesten, gegen Süden (Osten und Westen) 
nimmt er ab. Auch in einzelnen Ländern Europas überwiegt 
der Norden über den Süden, so z. B. in Oesterreich, Italien, 
Prankreich; aber das gilt nicht allgemein: in England und 
anderswo verhält sich die Sache schon anders. Es ist aber ein- 
leuchtend, dass wir aus der geographischen Lage der Orte allein, 
wo Selbstmorde begangen werden, gar keinen Einblick in die 
Ursachen der Handlung gewinnen, dass wir uns also nach den 
übrigen Factoren des Klimas umsehen müssen. 

§. 3. Wirkung der Jahreszeit. Alle Angaben stimmen 
im Allgemeinen darin überein, dass die meisten Selbstmorde im 
Sommer, resp. dem ersten und zweiten Quartal, begangen 



— 8 — 

werden: das Maximum entfiillt auf die Monate Mai, Juni, 
Juli, das Minimum auf den November, December, Januar; 
der Frühling weist eine grössere Zahl auf als der Herbst. 

Im Besonderen zeigt sich die Kegelmässigkeit nicht durch- 
schlagend. So z. B. entfallen die Maxima bei unserem Militär 
von 1872 — 1875 auf den November, August, Juni, Mai; in 
Wien kommen verhältnissmässig die meisten Fälle im Mai, die 
wenigsten im Februar vor. Falret gibt sogar für die beiden 
Geschlechter verschiedene Maximalmonate an, und zwar für die 
Männer den April, für die Frauen den August; neuere und ver- 
lässlichere Daten ergeben aber, dass sich in dieser Beziehung 
beide Geschlechter ziemlich gleich verhalten. 

Was ist nun die Ursache, der wir diese Kegelmässigkeit 
im Vorkommen der Selbstmorde zuzuschreiben haben? Die Zeit 
an sich kann es natürlich nicht sein, man müsste denn, wie 
ehedem auf der Bühne, auch im Gesellschaftsleben ein fatales 
Datum gelten lassen. 

Von vornherein wird man geneigt sein, die Wärme, resp. 
Hitze, als wirkende Ursache anzuerkennen, und es verhält sich 
in der That so; nur muss genauer untersucht werden, wie 
und bei welchem Grade sie selbstmordvermehrend wirkt. 
Denn dass die Wärme allein die Selbstmorde nicht bedingt, 
folgt schon daraus, dass in allen Jahreszeiten Selbstmorde 
verübt werden. Es wird daher die absolute Sommerhitze 
nicht die Ursache sein; auch wissen wir, dass in Europa in 
südlicheren Ländern, dort, wo es beständig wärmer ist, die 
Selbstmorde seltener vorkommen als in den nördlicheren, käl- 
teren Gegenden. Die beständige Wärme macht den Organismus 
schlaff, in wärmeren (und fruchtbaren) Ländern ist für das 
Leben eher gesorgt, weil Nahrung, Kleidung und Wohnung 
leichter erworben werden, die ganze Lebenshaltung ist freundlicher, 
angenehmer und leichter, und das Alles wirkt entschieden selbst- 
mordvermindernd. Auch könnte man für unsere Gegenden 
geltend machen, dass die Menschen im Sommer gesünder sind 
als im Winter, ein Umstand, der eher günstig als ungünstig 
aufgefasst werden muss. Der absolute Wärmegrad ist es also 
nicht, sondern der relative: wenn das Thermometer steigt, 
meint Boudin, mehren sich auch die Selbstmorde, und Fodere 



— 9 — 

und Dllglas halten geradezu den Thermometerstand über 22^ R. 
für gefährlich. Die Statistiker Wagner und Morselli finden 
auch, dass es die ungewohnte Wärme ist, welche als Ursache 
angesehen werden muss: darum steige die Selbstmordziflfer im 
Frühling und Sommer und vermindere sich dann im Herbst und 
noch mehr im Winter. Die ungewohnte Hitze greift nämlich das 
Nervensystem an, regt an und auf; das Körpergewicht nimmt 
daher entsprechend ab — im Winter nimmt es zu — die Secretion 
wird im Frühjahre stärker und erreicht im Sommer das Ma- 
ximum. In diesem Zustande der grösseren Erregtheit müssen 
dann die näheren Ursachen des Selbstmordes unter sonst gleichen 
Umständen wirksamer sein als zu der Zeit, in welcher diese 
Erregtheit nicht vorhanden ist. 

Dass diese Erklärung in der That richtig ist, ergibt sich 
unzweifelhaft aus folgenden Thatsachen. 

Extreme, Excesse und Unregelmässigkeiten der Tem- 
peratur wirken ganz offenbar ungünstig. So z. B. gab es 1803 
in Wien relativ sehr viele Selbstmorde in Folge der ungewohnten 
grossen Hitze; die Leute sagten damals, sie wären von einer 
solchen Neigung zum Selbstmord beherrscht, wie sie sonst dem 
Trieb zum Niesen nachgeben müssten. Aehnlich verübten die 
Franzosen unter Napoleon in Egypten wegen der unerträglichen, 
ungewohnten Hitze, in Russland wegen der ungewohnten Kälte 
häufig Selbstmorde. Auch hat man beobachtet, dass der Scirocco 
selbstmordvermehrend wirkt. Es verhält sich mit den Selbst- 
morden wie mit der natürlichen Sterblichkeit: eine Erhöhung 
der Wärme über den normalen Zustand im Sommer vermehrt, 
die Erniedrigung vermindert die Sterblichkeit. 

Diese ungünstige Wirkung einer ungewohnten Erhöhung 
der Temperatur ersieht man bestens auch daraus, dass im Früh- 
jahr und Sommer die Selbstmorde in Folge von Geistes- 
krankheit häufiger verübt werden, als in den übrigen Jahres- 
zeiten; überhaupt entsteht die Geisteskrankheit eher in den 
warmen als in den kalten Jahreszeiten. Physische Leiden 
treiben im Sommer mehr zum Selbstmord als im Winter, was 
ebenfalls für eine gefährliche Reizung der Nerven durch die 
Wärme spricht. Die praktischen Versuche der Acclimatisation 
zeigen dieselbe Thatsache: die ungewohnte Hitze der Tropen 



— 10 — 

versetzt in furchtbare Aufregung und führt häufig zu Geistes- 
krankheiten: nach Boudin*) sollen in Amerika die Neger ver- 
hältnissmässig doppelt so viele Selbstmorde begehen als die 
Weissen, und zwar in Folge des ungewohnten Klimas. Derselbe 
Boudin erzählt, dass in der Expedition des General Bugeaud 
bei 72^ C. wähi'end einiger Stunden 11 Selbstmorde und 200 Ge- 
hirncougestionen in der nur einige Tausend zählenden Truppe 
vorgekommen sind. 2) In tropischen Gegenden soll es geradezu 
eine Krankheit geben — calentm*e — welche in der Begierde 
besteht, sich in das Meer zu stürzen. ^) 

Schliesslich sei noch dessen Erwähnung gethan, dass im 
Sommer die meisten Verbrechen gegen die Person begangen 
w'erden und nach Boudin auch die meisten Duelle stattfinden; 
endlich darf nicht vergessen werden, dass im Sommer die meisten 
ünzuchtverbrechen vorkommen und dass wahrscheinlich in 
diese Jahreszeit die concept ionsreichsten Monate fallen. (Den 
Selbstmord begehen in der Eegel nur Erwachsene.) 

Die erbrachten Thatsachen verificiren unsere Erklärung 
vollkommen: die ungewohnte Sommerhitze wirkt disponirend 
oder sie gibt unter Umständen den Ausschlag; und gerade beim 
Selbstmord ist die Wirkung der Jahreszeit um so sicherer, weil 
die That ohnehin von physisch und psychisch mehr oder we- 
niger afficirten Individuen begangen wird und die Naturkräfte 
auf kranke und krankhafte Menschen mehr und entscheidender 
einwirken als auf gesunde.^) 

Die Statistik hat für unsere Zwecke noch eine Aufgabe zu 
vollbringen: den Monat genau anzugeben, in welchem die meisten 
Selbstmorde begangen werden. Es haben Einige den Juli be- 
stimmt; aber es dürfte wohl, wie Guerry, Kolb u. A. zeigen. 



») Ann. de hyg. 1849, p. 53. 

2) Boudin, Traite de Geogr. et de Statist, med. et des maladies 
endem., p. 397. 

3) Bei Brierre de Boismont wird einer ähnlichen Afiection der 
Matrosen während des Winters gedacht; Du Suicide, p. 20. 

*) Oettingen sagt daher mit Recht, dass die Jahreszeiten einen 
grösseren Einfluss auf die Entstehung der Selbstmordneigung ausüben, wenn 
physische Leiden und Krankheiten entstehen, als wenn nachweislich geistige 
und sittliche Motive herrschen. 



— 11 — 

im Allgemeinen der Juni sein. Ich sage im Allgemeinen, weil 
eine absolute Constanz nicht möglich ist bei einer nur indirecten, 
disponirenden und entfernteren Ursache. Für den Juni spricht aber 
Folgendes. Für unsere Gegenden ist nämlich der Januar der 
kälteste, der Juli der heisseste Monat; im Mai steigt die Wärme 
am geschwindesten und erreicht Mitte Juli das Maximum. ^) 
Nun ist nach unserer Erklärung nicht die absolut, sondern die 
relativ höchste Hitze massgebend; darnach sollte der Mai der 
eigentliche Selbstmordmonat sein, aber dem ist wohl deshalb 
nicht so, weil die Wirkung der ungewohnten Wärme erst etwas 
später zu Tage treten kann. Ebenso fand man die grösste 
Kälte im Januar, die grösste Sterblichkeit aber im Februar, 
die grösste Wärme im Juli und die geringste Sterblichkeit im 
August. Da und dort müssen die schädlichen, resp. heil- 
samen Einflüsse des Klimas auf den Organismus erst eine Zeit 
lang gewirkt haben, bevor sie in den häufigeren Selbstmorden 
und der höheren oder geringeren Sterblichkeit sich äussern 
können. Darum also dürften im Juni die meisten Selbstmorde 
vorkommen. 2) 

§. 4. Feuchtes Wetter. Einige Forscher glaubten, feuchtes 
Wetter begünstige die Selbstmordneigung in ganz besonderer Weise; 
so hat denn Montesquieu aus diesem Grunde die Engländer für 
das eigentliche Selbstmord volk verschrieen, und allgemein wird 



') Der Juli hat für die ganze Erde den Charakter des heissesten 
Monats; Kloeden, Handb. d. phys. Geogr. (8. Aufl.)> P- 879. 

2) Kolb — gelegentlich auch Boudin u. A. — behauptet, dass die 
Länge der Tage das häufigere Auftreten des Selbstmordes „markire**, und 
er macht Wagner den Voi'wurf, dass er vergessen habe, die Monate auf 
eine gleiche Anzahl von Tagen zu reduciren. Nimmt man diese Reduction 
vor, so ergibt sich in der That das Maximum für den Juni; aber damit ist 
noch nicht gesagt, dass die Länge der Tage die eigentliche Ursache ist, es 
muss eine in den längeren Tagen wirkende Ursache geben, da die Länge 
selbst nicht Ursache sein kann. Wagner kann also neben Kolb Recht 
haben. V. Kolb, Handb. d. vergL Stat. 1875, p. 15; cf. Schimmer, Biotik 
d. k. k. österr. Armee, p. 54 : die Dauer der Tageslänge übe auf die Zahl der 
Selbstmörder beim Militär wesentlichen Einfluss. (Da in der Nacht die 
wenigsten Selbstmorde begangen werden, so könnten an einem längeren 
Tage unter sonst gleichen Umständen mehr Fälle vorkommen als an einem 
kürzeren. Das verträgt sich aber ganz gut mit unserer Erklärung.) 



— 12 — 

noch jetzt der November für den Selbstmordinonat gehalten. ^) 
Allein dem ist nicht ohne Weiters also; Holland ist viel feuchter 
als England — es gibt dort 150 Regentage im Jahre und das 
Wetter wechselt dort beständig zwei- bis dreimal des Tages — 
und weist dennoch verhältnissmässig weniger Selbstmorde auf 
als die weniger feuchten Länder. Constante Feuchtigkeit wirkt 
hier ebenso wenig wie constante Wärme, und daher muss man 
wohl so sagen: ungewohntes feuchtes Wetter wirkt selbst- 
mordvermehrend; ein ungewohnter trüber Himmel verfinstert 
das Gemüth und feuchtes Wetter greift die Nerven an. Darum 
glaubten Cabanis und Esquirol die meisten Fälle in einem 
nassen Herbst zu finden, der auf einen trockenen Sommer folgt; 
und oft werden bei eintretendem trübenWetter mehr Selbst- 
morde signalisirt, als für die vorhergehende schöne und heitere 
Zeit. ^) Im Ganzen ist aber die Wirkung der Feuchtigkeit nicht 
so ungünstig, als man gewöhnlich annimmt.^) 

§.5. Winde. Dass die Winde zum Selbstmord in Be- 
ziehung stehen, darauf deutet schon der Volksglaube hin, dem 
gemäss sich starke Winde erheben sollen, wenn sich Jemand 
erhängt hat. Jedenfalls sind gewisse Winde schädlich, so z. B. 
derScirocco; Cheyne macht die Herbst- und Westwinde für 
England, Osiander für Norddeutschland verantwortlich. Wie 
aber heisse, austrocknende, kalte und feuchte Winde ungünstig 
wirken, ist Jedem ersichtlich; man erinnere sich z. B. daran, 
dass die austrocknenden Winde Amerikas eine Degenerirung des 
Drüsensystems verursachen, wodurch der auffallende Unterschied 
des Yankees von seinem Onkel Bull und zum Theil auch dessen 
Keizbarkeit bewirkt werden. 

§. 6. Die Wahl der Wochentage wird selbstverständlich 
auch nicht zufällig sein; doch bestehen darüber noch keine all- 
gemein giltigen Daten. Morselli schreibt das Maximum Mitt- 
woch, Donnerstag und Montag zu, wohl im Hinblick auf 



') In der Schweiz wird der November „Hängemonat" genannt, ebenso 
in England. 

2} Ein moderner Komanschriftsteller leitet die vielen Selbstmorde, die 
in Paris begangen werden, von dem dichten Dunst und Rauch ab, der den 
Stadtbewohnern selten den Anblick des klaren Himmels verstatte. 

3) Cf. Kraus, Hygiene, p. 480. 



— 13 — 

Oettingen's Erklärung: es sollen nämlich Samstag die wenig- 
sten Selbstmorde vorkommen, weil an diesem Tage die Arbeiter 
ausgezahlt werden; Montag und Dienstag werden viele verübt 
in Folge der Nachwehen des durchgeschwelgten Festtages; Don- 
nerstag erreiche die Noth das Maximum, der Freitag bringe 
schon neue Hoffnung auf den kommenden Geldtag. Diese Er- 
klärung setzt offenbar voraus, dass die arbeitende, wöchentlich 
ausgezahlte Classe das grösste Contingent liefere, was nicht 
richtig ist; trotzdem ist aber die Erklärung gut und kann sich 
in vielen Fällen bestätigen. 

Frauen, sagt man, wählen relativ häufig den Sonntag, 
und zwar aus religiösen Gründen; der Samstag, als Scheuertag, 
lasse ihnen zur Unzufriedenheit mit dem Leben keine Zeit; auch 
soll ihnen der Montag unlieb sein. 

§. 7. Der Tageszeit nach werden im Allgemeinen die 
meisten Selbstmorde bei Tag, die wenigsten in der Nacht verübt. 
Die Nacht hat etwas Besänftigendes, Lebenspendendes und Er- 
haltendes an sich; in ihr werden auch die meisten Menschen ge- 
boren, die wenigsten sterben in ihr. Der helle Tag regt an und 
auf, während die Dunkelheit der Nacht Verstand und Gemüth 
der Ruhe und dem Schlafe entgegenführt. In der Nacht mag 
über die auszuführende That nachgedacht werden, ausgeführt 
wird sie erst am Tage, an welchem wir gewohnheitsmässig alle 
unsere Handlungen verrichten. Eichtig bemerkt Tissot, dass 
die überlegten Selbstmorde früh vor sich gehen, die unüber- 
legten im Laufe des Tages; Morselli gibt die Vormittagsstunden 
von 6 bis 12 als Maximalstunden an. 

Genauere Angaben haben keinen grossen Werth. So wird 
unter Anderem das Maximum für 10 — 12 Vormittags, 4 — 6 und 
6 — 8 Nachmittags angegeben; das Minimum entfalle auf 12—2 
Nachts. Zur Mittagsstunde sollen keine Selbstmorde vorkommen. ^) 



^) Man könnte sich fragen, ob die Wahl der Tagesstunden in allen 
Jahreszeiten dieselbe sei u. a. m. Interessant wäre die Untersuchung, ob 
die relative Tageswärme, ähnlich wie die der Jahreszeiten, zur That in 
irgend einer Beziehung steht. Der tägliche Gang der Erwärmung verhält 
sich nämlich so : vom Sonnenaufgang bis Mittag erhält die Oberfläche mehr 
Wärme, als sie ausstrahlt, daher steigt die Temperatur der Luft; ist dann 
die Temperatur der Erdrinde so hoch, dass ihre Ausstrahlung ebenso viel 



— 14 — 

§. 8. Die übrigen klimatischen Factoren übergehen wir, 
weil ihre Einwirkung auf die Entstehung der Selbstmordneigung 
gering ist; es Hessen sich wohl im Detail viele und ganz artige 
Deductionen anstellen, aber wir würden dadurch höchstens ver- 
wirren. Der Sociologe thut's wie der Mathematiker: minimale 
Werthe werden in der Rechnung ohne Schaden weggelassen. 

§. 9. Die Einwirkung des Bodens. Die stetige Wirkung des 
Bodens auf die Gestaltung aller menschlichen Verhältnisse ist 
gewiss sehr gross und ganz besonders wird das wirthschaftliche 
und politische Leben der Völker durch diesen Naturfactor beein- 
flusst; da wir jedoch diese Verhältnisse eingehender zu untersuchen 
haben, so enthalten wir uns hier der Deduction, denn nur dieser 
Weg ^ände uns bereit, da sich fast gar kein Inductionsmaterial 
vorfindet. Es bleibe Jedem unbenommen, etwa eine geologische 
Karte mit den Angaben über Häufigkeit der Selbstmorde zu ver- 
gleichen. Petit z. B. gibt für Frankreich an, dass diejenigen 
Departements, welche ebenes und Tertiärterrain haben, die 
meisten, gebirgige und Urgebiete hingegen weniger FäUe auf- 
weisen. 

§. 10. Von den verschiedenen Factoren der Bodenwirkung 
interessirte seit jeher vornehmlich der Wohnort, besonders in 
seinem Verhältnisse von Stadt zu Land. 

In allen Städten ist der Selbstmord relativ häufiger als 
auf dem Lande; er fehlt zwar heutzutage nirgends, ist in den 
entlegensten Gegenden anzutreffen, aber die Städte, zumal die 
Haupt- und Weltstädte, sind ganz besonders stark betheiligt. 
Z. B.: 

„^. ,, , ^ auf 100 Selbstmorde 

Städte Jahr :, cj. ^ 

des Staates 

Wien 1876 320 

Berlin 1872—74 143 

Kopenhagen .... 1876 112 

Von der Stadt verbreitet sich gewöhnlich die krankhafte 
Selbstmordneigung wie ein ansteckendes Miasma auf das flache 

beträgt, wie ihr durch die Bestrahlung zufällt, so ist das Maximum der 
Wärme erreicht. Dieses ist im Sommer beiläufig um 2, im Winter um 
1 Uhr der Fall. Natürlich kann durch andere Einflüsse das Maximum 
schon auf den Vormittag fallen, wie es z. B. an manchen Meeresküsten 
der heissen Zone geschieht. 



— 15 — 

Land, indem sie auf die umliegenden Gegenden stärker wirkt 
als auf die entfernteren; so entfallen z. B. auf 10.000 Einwohner 
in Niederösterreich mit Wien etwa 1*86 Fälle, auf Niederöster- 
reich allein 1*51, auf den ganzen Staat aber höchstens 1; auf 
Wien selbst 2-63. Doch darf man nicht denken, dass diejenigen 
Länder, die eine grosse Stadtbevölkerung haben, auch die meisten 
Selbstmorde aufweisen; England, welches die meisten und volk- 
reichsten Städte hat, weist bedeutend weniger Selbstmorde auf 
als Deutschland, Frankreich und Oesterreich. Es sind also nicht 
die Städte, welche die Selbstmordneigung in einem Lande ver- 
breiten, vielmehr muss anderen, allgemeineren Ursachen die Schuld 
gegeben werden; im Allgemeinen sind auch auf dem Lande die 
Fälle häufiger, wenn die Städte ein grosses Contingent stellen. 
Die Stadt wirkt nur disponirender als das Land, sie wirkt Selbst- 
mord vermehrend, aber nicht erzeugend. 

Brierre macht darauf aufmerksam, dass von den in Paris 
vorkommenden Selbstmorden die Mehrzahl von den daselbst an- 
sässigen Fremden und nicht von (geborenen) Parisern verübt 
werde. Aehnlich hat man auch darauf hingewiesen, dass die 
Mehrzahl der in der Stadt verübten Verbrechen auf die Fremden 
zurückzuführen sei, dass also die Stadt nicht ungünstiger wirken 
könne als das Land. Aber das ist ein nichtiger und verkehrter 
Einwand: die moderne Stadt in ihrem rapiden Anwachsen ver- 
dankt ihren Charakter zum grössten Theil eben dem Umstände, 
dass die Landbevölkerung und Fremde überhaupt in die Stadt 
ziehen, und darum hat jede Stadt eine bald grössere, bald 
kleinere flottirende Bevölkerung. Es sind die Verhältnisse der 
neuen Niederlassung, welche ungünstig wirken, und diese können 
eben nur in der Stadt, wie sie ist, vorkommen. 

Ueber das Anwachsen der Stadtbevölkerung im Verhältniss 
zur Landbevölkerung v. Cap. II, 2, 2, §. 1. 

Die Stadt weist im Gegensatz zum Lande manche Ver- 
schiedenheiten auf. Es dürfte, um nur das Wichtigste hervor- 
zuheben, die Jahreszeit auf die Städtebevölkerung eine gerin- 
gere und andere Wirkung ausüben als auf die Landbevölkerung; 
eine geringere, weil die Stadt mehr schützt, eine andere, weil 
zumal die wirthschaftiichen Verhältnisse andere sind als auf dem 
Lande. So z. B. dürfte die periodische Sommerwanderung der 



— 16 — 

reicheren Olassen auf die ärmere Bevölkerung eine regelmässig 
wiederkehrende ungünstige Wirkung ausüben. Ferner verhalten 
sich die Geschlechter anders (Gap. II, 2, 1, §. 3) und des- 
gleichen das Alter (Gap. II, 2, 1, §. 4). 

Interessant ist schliesslich die Beobachtung, dass die Zu- 
nahme der Selbstmordneigung in den Städten nicht überall so 
rasch ist wie auf dem flachen Lande. (Gap. IV, §. 5.) 

§.11. Der wirksamste und sichtbarste Einfluss des Bodens 
wäre schliesslich die Einwirkung der Nahrungsmittel, von 
denen uns ganz besonders einige Genussmittel interessiren würden. 
Die ungünstige Wirkung der geistigen Getränke werden wir 
später behandeln (siehe Trunksucht); über die Wirkungen des 
Kaffees, Thees und Tabaks ist man noch uneinig. Ich bin 
geneigt, allen diesen Mitteln, wenn sie unmässig genossen werden 
wegen ihrer nervenerregenden Kraft eine ungünstige Wirkung 
zuzuschreiben; auch glaube ich nicht, dass diese Stimulantia in 
Folge der geistigen Anforderungen der Gegenwart Bedürfniss 
seien. Uebrigens sind für unsere Zwecke diese und ähnliche 
Untersuchungen mehr interessant als nothwendig, und ich er- 
wähne sie daher nur, um einem mehr logischen als sachlichen 
Bedürfnisse zu genügen. 

§. 12. Ueber die kosmischen Einflüsse auf die Ent- 
wickelung der Selbstmordneigung lässt sich wenig sagen. An 
und für sich sind sie der Analyse schwer zugänglich, weil sie 
mit und in den terrestrischen Factoren gegeben sind; auch ist 
ihre Wirksamkeit in der That nicht so gross, als manche poe- 
tische Köpfe sich gerne einbilden. Im Ganzen thun wir am 
Besten, vornehmlich die näheren Ursachen in's Auge zu fassen 
und die entfernteren und entferntesten zu vernachlässigen, wo- 
bei man dessen stets eingedenk sein mag, dass unsere Erde 
nur ein verschwindend kleiner Theil einer grossen Weltinsel, und 
dass Paris nicht die Hauptstadt des Weltalls ist, wie Jemand 
gesagt hat. 

§. 13. Die Bedeutung der Sonne als Wärmequelle ist 
für unsere Zwecke nach dem, was wir über die Jahreszeiten 
sagten, klar; natürlich lässt sich von der Wärme das Licht 
nicht trennen. Wir begreifen ganz gut, dass z. B. der Verlust 
des gewohnten Tageslichtes beunruhigend und zum Selbstmord 



— 17 — 

disponirend wirken kann. Man erzählt nämlich von den Wall- 
fischjägern des Nordens, dass sie, wenn die Sonne geschwunden 
ist, sehr traurig werden und sich dann häufig das Leben nehmen. 

Ueber trübes Wetter haben wir schon gesprochen. 

§. 14. Die Wirkung des Mondes ist gewiss auch vor- 
handeff, aber derzeit kaum messbar. Wir wissen, dass der Mond 
auf gewisse nervöse und psychose Personen aufregend wirkt, dass 
in den Tropen die Krankheiten durch die Mondphasen mehr be- 
stimmt werden, als bei uns, und dass schliesslich die Regen- 
menge zum Wachsen und Abnehmen des Mondes in Beziehung 
steht (: trübes Wetter), i) 

§. 15. Die in den vorhergehenden 11 Abschnitten vorge- 
brachten Thatsachen über die Einwii'kung der Naturkräfte auf 
die Entstehung der Selbstmordneigung zeigen uns ganz deutlich, 
dass diese Neigung aus dem Einflüsse der Natur auf den 
Menschen nicht abgeleitet werden kann. Die Natur- 
einflüsse sind vorhanden und wahrnehmbar, aber ihre 
Wirkung ist nur schwach, disponirend und indirect; ge- 
wöhnlich geht sie auf einem pathologischen Umwege, 
durch physiologische und morphologische Aenderungen 
des Organismus vor sich. 

Aus diesem Grunde vermag die Statistik des Selbstmordes 
keine „erschreckende Constanz" und Eegelmässigkeit im Auftreten 
der Selbstmorde zu verschiedenen Jahreszeiten u. s. w. — wie 
Einige dachten — aufzudecken; sie vermag nur empirische Ge- 
setze, keine Naturgesetze, die mit unwandelbarer Nothwendigkeit 
wirken würden, aufzustellen. Daher ist es möglich, dass unter 



^) In Preussen zählte man: 

Selbatmorde 
^^* MÄnner Frauen Summe ^"^ *««> 

Nenmond 614 151 765 246,8 

Erstes Viertel . . 644 149 793 255,8 

Vollmond 604 134 738 238,6 

Letztes Viertel . . 640 162 802 258,8 

Nach Band in regnet es mehr während des Wachsens des Mondes; 
klare Tage seien häufiger im letzten Viertel, das Maximum von Regen und 
trühem Wetter falle gegen das zweite Achtel. Ich suche die ungünstige 
Wirkung nur in dem Lichte, sofern es den Schlaf stört und die krankhafte 
Phantasie anregt. 

Masaryk. Der Selbstmord. 2 



— 18 — 

der Stadtbevölkerung, trotzdem sie vor den Natureinflüssen 
mehr geschützt ist, der Selbstmord häufiger geübt wird als auf 
dem Lande, wo die Menschen gegen die Einflüsse der Natur 
weniger geschützt sind. 

Ja noch mehr: bei uncivilisirten Völkern, unter den 
Wilden, kommt der Selbstmord gar nicht vor, und doch sind ge- 
rade diese Menschen den Natureinflüssen am meisten ausgesetzt; 
dagegen finden wir ihn bei den Civilisirten und nur bei den Civi- 
lisirten, vornehmlich den Europäern. Die Civilisation besteht aber 
zum grössten Theile in dem Unterjochen und Dienstbarmachen 
der Naturkräfte. Der Mensch unterliegt zwar diesen Kräften mit 
Nothwendigkeit, aber er lässt sich nicht mit Nothwendigkeit von 
ihnen leiten; es geschieht mit ihm alles nach den Naturgesetzen, 
aber nicht jede seiner Handlungen geschieht ohne die Kenntniss 
dieser Gesetze. Er kann der Gesammtheit der Naturgesetze nicht 
entgehen, weil er sich nicht über das All setzen kann; aber er 
kann sich von den einzelnen Gesetzen frei machen, er kann sich 
des einen gegen das andere bedienen, er kann dieses gegen jenes 
als Mittel für seine Zwecke benützen. Durch die Kenntniss der 
Gesetze sind wir in die Lage versetzt, Herren der Natur zu werden 
und uns vor ihrem Einflüsse, wenn er schädlich ist, zu schützen, 
ihre Wirkungen zu paralysiren oder in andere Bahnen zu leiten. 
Der Wilde erzittert vor dem Blitze und betet ihn in seiner Furcht 
als eine gewaltige Gottheit oder als Sendboten derselben an: die 
Wissenschaft bemächtigt sich der rohen Naturgewalt und sie dient 
ihr dann als das wirksamste Mittel des Verkehrs. Die Natur, 
sagt Mill, wirkt rücksichtslos auf den Menschen, sie schont ihn 
nicht, sie macht keine Ausnahmen: alles Lob der Civilisation, der 
Kunst oder der Geschicklichkeit ist ebensoviel Tadel der Natur, 
ein Zugeständniss der UnvoUkommenheit, an deren fortwährender 
Verbesserung und Milderung zu arbeiten, die Aufgabe, das Ver- 
dienst des Menschen sind. Was aber von der Civilisation im 
Allgemeinen gilt, gilt wohl auch im Besonderen, und so kann 
man aus diesem allgemeinen Princip das Gesetz ableiten, dass 
auch die Selbstmordneigung der civilisirten Völker durch die Natur- 
einflüsse nicht in hohem und entscheidendem Grade bedingt wird. 
Unsere Untersuchung beweist aber die Richtigkeit dieses abge- 
eiteten Gesetzes auf das Schlagendste. 



— 19 — 

Schliesslich muss noch darauf aufmerksam gemacht werden, 
dass die Selbstmordneigung in den verschiedenen Ländern und 
bei den verschiedensten Völkern im Laufe der Zeit zugenommen 
hat und noch immer zunimmt. Das beweist nicht minder, dass 
diese sociale Massenerscheinung nicht durch die constant und 
gleichförmig wirkenden Kräfte der Natur, sondern durch ganz 
andere Ursachen hervorgebracht wird. Da aber auf den Menschen 
ausser der Natur nur noch die eigentlich menschlichen Verhält- 
nisse wirken können, so müssen die eigentlichen Ursachen der 
Selbstmordneigung in diesen zu suchen sein, nachdem wir den 
einen gi'ossen Factor, die Natur, in seiner geringen Wirksamkeit 
erkannt haben. *) 



Zweites Hauptstück. 

Die Wirknngen der physisehen and geistigen Organisation 

der Mensehen. 

I. Theil. 

Physische Verhältnisse der leihlichen Organisation, 

§. 1. Die Untersuchung über die Wirkungen der leiblichen 
Organisation auf die Entstehung der Selbstmordneigung ist eine 
naturgemässe Fortsetzung des Studiums der Natureinflüsse; denn 
streng genommen gehört ja der menschliche Körper zur Aussen- 
welt und ist die Frage nach dem Einfluss der Natur auf die 
Menschen nur eine andere Form der alten Frage nach der Wechsel- 
wirkung von Leib und Seele. Es kann aber unsere Aufgabe nicht 



^) Ich betone alle diese Dinge deshalb, weil auf diesem Gebiete eine 
grosse Begriffsverwirrung besteht. Sehr Viele sind sich darüber unklar, wie 
die Natur auf den Menschen überhaupt wirkt. Viele leiten, einer falschen 
naturwissenschaftlichen Methode folgend, jedes sociale Phänomen ohne Weiteres 
aus den Naturkräften ab und die Wenigsten vermögen den Determinismus 
mit der Wahlfreiheit in Einklang zu bringen. Diese Unklarheiten tyeten 
aber nirgends so deutlich zu Tage als in den zahlreichen Untersuchungen 
über den Selbstmord. 

2* 



— 20 — 

sein, dieses Problem hier lösen zu wollen; im Gegentheil weichen 
wir ihm gerne aus und halten uns einfach an den gegebenen 
Unterschied des Physischen und Psychischen, ohne uns um die 
etwaige Grenze beider und ähnliche Dinge zu kümmern. Wir 
werden aber in diesem Theile sprechen über : die körperliche Be- 
schaffenheit (Gesundheitszustand), das Geschlecht und Alter. 
§. 2. Körperliche BeschafTenheit und Gesundheitszustand. 

Um unter den gegebenen Verhältnissen das Leben mit Erfolg 
wahren zu können, ist für den Einzelnen, somit auch für die 
Gesellschaft, eine nicht unbedeutende körperliche Kraft und Ge- 
wandtheit nöthig, welche selbstverständlich nur einem normalen 
und gesunden Menschen zu Theil werden kann. Die Selbstmord- 
neigung wird im Allgemeinen bei einem normalen und gesunden 
Menschen nicht entstehen. 

Die Eesultate der neueren Anthropometrie sind derzeit 
zu spärlich und zu mangelhaft, um sie mit Nutzen mit den Daten 
der Selbstmordstatistik zu vergleichen. So wissen wir z. B., dass 
das Gewicht des Mannes das der Frau übersteigt, dass das 
Maximum des Gewichtes vom Manne um das 40., vom Weibe um 
das 50! Jahr erreicht wird und Aehnliches. Ueber die Entwickelung 
des Wuchses wissen wir, dass in sehr heissen und kalten Klimaten 
das Wachsthum rascher endet als im gemässigten, dass der 
Städter im Allgemeinen grösser ist als der Landbewohner, dass 
Gefangene in ihrer Entwickelung hinter den Freien zurückbleiben 
und dass ganz besonders die in Fabriken arbeitenden» Kinder ver- 
kümmern. Ueber Muskelkraft der verschiedenen Nationen u. A., 
was uns besonders interessiren würde, wissen wir so gut wie 
nichts, und wir müssen uns danim mit dem Wenigen begnügen, 
um im gegebenen Falle physiologisch zu deduciren, wie sich die 
krankhafte Neigung entwickelt hat. 

Die Kranicheiten des Körpers disponiren und determiniren 
häufig zum Selbstmord. Der Schmerz ist unter allen Umständen 
ein Uebel, das ein Jeder loszuwerden bestrebt ist; besonders 
dann, wenn schwere und unheilbare Krankheiten die Lebenslust 
geraubt und die Heiterkeit des Geistes völlig gebannt haben, er- 
greift der Mensch das letzte Mittel, er stirbt freiwillig. Ganz 
besonders wirken aber diejenigen Krankheiten ungünstig, welche 
das Gemüth verfinstern und zu einer mehr oder weniger aus- 



— 21 — 

gesprochenen Psychose führen: Hirn-, Nerven-, Leber- und 
Abdominalkrankheiten. 

Ob Epidemien ungünstig wii-ken, lässt sich nicht mit 
Bestimmtheit ausmachen. Behalten wir die Cholera im Auge, so 
muss wohl gesagt werden, dass die grosse Furcht, der Schrecken 
und die Trauer ungünstig wirken und zwar direct auf die heim- 
gesuchte Generation, indirect auf die kommende, sofern ihre Er- 
ziehung verschlechtert und ihre Gesundheit schon im Keime — bei 
der Conception — inficirt wird. 

Wichtig ist das Verhältniss der Morbilität zur Selbstmord- 
neigung. Die Morbilität nach den Klimaten ist bisher nur nach 
einigen besonders acuten Krankheiten (z. B. gelbem Fieber) ge- 
nauer untersucht; allgemeine Daten fehlen. Der Jahreszeit 
nach scheint der Herbst und nach ihm der Sommer günstiger zu 
sein als der Winter und der Frühling; in den Städten ist die 
Morbilität grösser als auf dem Lande. Die Frauen sind den 
Krankheiten mehr unterworfen als die Männer, aber die Frauen- 
krankheiten sind weniger verheerend als die der Männer. Dem 
Alter nach ist die Morbilität am gross ten von 0—4, am ge- 
ringsten von 5 — 15 Jahren; von da ab steigt sie mitzunehmen- 
dem Alter, es widerstehen aber die höheren — nicht zu hohen ! — 
Altersclassen den Krankheiten besser als die jüngeren. Der Beruf 
ist auch zu berücksichtigen; aber von ausgesprochen schädlichen 
Beschäftigungen abgesehen, wirken die übrigenVerhältnisse (Lebens- 
weise, Gesitkmg u. s. w.) mehr als der Beruf selbst; Industrielle weisen 
eine grössere Morbilität auf als die Landbewohner. Der Arme 
und Elende erkrankt leichter als der Eeiche und Wohlhabende. 
Die verschiedenen Nationen verhalten sich natürlich auch in 
dieser Hinsicht verschieden, wir wissön aber nicht genau wie; 
gewiss ist z. B. die Ertragsfähigkeit und Ausdauer bei körper- 
lichen (und geistigen) Leiden wie bei verschiedenen Individuen, 
so auch bei verschiedenen Völkern verschieden. Man hat im Krim- 
krieg beobachtet, dass von der gleichen Anzahl Operirter unter 
den Franzosen viel mehr den Wunden erlagen als unter den 
Engländern, und das stimmt mit der grösseren Selbstmordneigung 
der Franzosen überein. Auch zeigen die Selbstmorddaten aus ver- 
schiedenen Ländern, in welchem Grade körperliche Krankheiten 
als Ursachen des Selbstmordes auftreten ; leider sind die Angaben 



— 22 — 

noch unverlässlich. Da körperliche Leiden häufig die Ursache des 
Selbstmordes sind, so müssen diejenigen Individnen und Völker, 
die mit einer geringeren Lebens- und Widerstandskraft begabt 
sind und die häufiger und leichter erkranken, unter sonst gleichen 
Verhältnissen dem Lebensüberdrusse leichter verfallen als kräf- 
tigere und widerstandsfähigere Menschen. 

Wissenswerth wäre es schliesslich, ob die Morbilität im 
Ab- oder Zunehmen begriffen ist; man hat beides behauptet, 
aber keines genau bewiesen. Man sagt: Wir wissen, dass die 
Sterblichkeit mit dem Portschiitt der Civilisation geringer wii*d; 
demnach müssen auch die Ursachen des Todes und vor Allem 
die schweren und tödtlichen Krankheiten jetzt eine geringere Macht 
besitzen. Andererseits weist man auf die „medicinische Züchtung" 
hin und beklagt sich darüber , dass. der Fortschritt der Medicin 
krankhafte und schwächliche Menschen am Leben erhalte; die 
Menschheit degenerire, werde schwächlicher, die körperlichen 
Leiden werden stärker empfunden; vornehmlich sollen sich die 
Krankheiten des Nervensystems und der Verdauungsorgane, Blut- 
armut, Scropheln u. A. vermehren. Es lässt sich hier schwer das 
Kichtige treffen; gewiss nimmt die Selbstmordneigung zu und 
die Geisteskrankheiten werden auch häufiger: vielleicht kann man 
im Hinblick auf diese Thatsachen die Frage dahin beantworten, 
dass mit fortschreitender Civilisation der Organismus sich derart 
verfeinert, dass eine Störung desselben leichter und häufiger ein- 
zutreten vermag als bei roheren Nationen. ') « 

Soweit die Morbilität zur Mortalität in geradem Verhältnisse 
steht, steht auch die Mortalität zur Selbstmordneigung in näherer 



Viele Pathologen glauben, dass die Krankheiten im Laufe der Zeiten 
ihren Charakter verändert haben, und dass die heutigen Patienten die kräftige 
Behandlung von früher nicht mehr vertragen. .Dr. Elam (Lancet 1869, 
Nr, 17, 23, 24) zeigt, dass für England speciell die Ertragung der Krank- 
heiten nicht in demselben Verhältniss wachse, wie die Kenntniss derselben, 
und dass die Behandlung derselben im Jahre 1869 weniger fruchtete als vor 
30 Jahren. Er stützt sich auf folgende Daten: 

1838—1866 gab es 2242 Todte auf 100 Lebende. 
1860—1866 „ r, 2261 „ „ 100 „ 
1863-1866 „ „ 2348 „ „ 100 „ 

Nicht die Medicin, sondern die grossen socialen üebel seien an dieser Er- 
scheinung schuld. 



— 23 — 

Beziehung. Das Klima übt natürlich einen grossen Einflass auf 
die Sterblichkeit; die meisten Todesfälle geschehen in der kalten 
Jahreszeit und am Tage; die Stadt weist eine grössere Sterb- 
lichkeit als das Land auf, das männliche Geschlecht eine 
gi'össere als das weibliche; die Kinderjahre sind die gefahr- 
lichsten und selbstverständlich das Greisenalter, für die Männer 
sind auch die ersten zwanziger Jahre verderblich (wegen der 
Herrschaft der Leidenschaften?). Verheirathete weisen eine 
geringere Sterblichkeit auf als Ledige, ebenso ist die Mortalität 
der unehelich Geborenen und der Gefangenen verhältniss- 
mässig gross. Gewisse Berufsarten sind natürlich gefahrlicher 
als andere, und Armuth und Elend wirken auch hier schlimm; 
freilich leben die arbeitsamen, ordentlichen und massigen Ar- 
beiter länger als die Eeichen und Vornehmen, namentlich als 
der Adel. Im Ganzen beeinflusst, wie schon Süssmilch fand, 
die Civilis ation die Lebenskraft mehr als die natürlichen Ein- 
flüsse, und darum nimmt auch mit fortschreitender Civilisation 
die Sterblichkeit ab. Dieselben Ursachen, die hier den Tod, 
können dort den Selbstmord, gleichsam den Tod auf einem Um- 
wege , herbeiführen; während aber im Ganzen und Grossen die 
Sterblichkeit geringer wird, wächst die Selbstmordneigung fort- 
während. Das beweist aber, dass die Menschen einen ganz be- 
sonderen Grund für ihre Unzufriedenheit mit dem Leben haben 
müssen. r 

§. 3. Das Geschlecht. Ueberall verüben verhältnissmässig 
die Männer mehr Selbstmorde als die Frauen. Das Verhältniss 
ist in verschiedenen Ländern verschieden und bleibt wohl nie 
constant; im Ganzen und Grossen kann man sagen, dass sich 
etwa dreimal so viel Männer als Frauen das Leben 
nehmen. 

Die Jahreszeit wirkt nicht auf beide Geschlechter gleich 
ein; die Frauen unterliegen der Hitze leichter als die Männer, 
und es wäre daher möglich, dass für sie das Maximum schon 
auf den Mai entfiele. Ueber die Wahl der Wochentage 
V. Cap. II, 1, §. 6. 

Interessant ist die Frage, wie sich die Stadt zum Land 
verhält. In ersterer Beziehung hat schon Cazauvieilh und 
neuerlich Morselli behauptet, dass im Verhältniss zu den Männern 



— 24 - 

mehr Fälle auf dem Lande vorkommen als in der Stadt; auf 
dem Lande sei das Weib dem Manne gleichartiger, sie entwickle 
dort ihre Nerven- und Muskelkraft mehr als hier, und darum sei 
auf dem Lande der Unterschied, wie überall auch in diesem spe- 
ciellen Falle, geringer. Allein man kann dem gegenüber geltend 
machen, dass die Frau in der Stadt dem Manne ebenso, ja noch 
gleichartiger ist als auf dem Lande, dass also das Verhältniss 
da und dort gleich sein werde; oder es kann auch vorkommen, 
dass die Stadtfrauen stärker betheiligt sind als die Landfrauen, 
wie es z. B. in Wien (1868 — 1878) der Fall war. Genau ist die 
Sache noch nicht ausgemacht. 

Was das Verhältniss der Stadt- zu den Landfrauen 
anbelangt, ' so folgt aus dem allgemeinen Ueberwiegen der Stadt 
über das Land, dass auch die Stadtfrauen verhältnissmässig mehr 
Selbstmorde aufweisen als die Landfrauen. 

lieber Ehe und Familienleben und seine Wirkung auf 
die beiden Geschlechter v. IL Theil, §. 2; ungünstige wirth- 
schaftliche Verhältnisse wirken schlimmer auf die Männer 
als auf die Frauen. 

Die Nationalität bedingt auch hier Unterschiede, nur sind 
diese noch nicht bekannt. Im Einzelnen: bei den österreichischen 
Slaven tödten sich mehr junge Mädchen als bei den Deutschen; 
nach Gasper kam seinerzeit der Selbstmord am häufigsten bei 
den französischen Frauen vor, weil da§ Weib dort eine hervor- 
ragendere öffentliche KoUe spiele als anderswo. 

Dem Charakter entsprechend ist die Motivation des Selbst- 
mordes bei den Frauen eine andere als bei den Männern. Der 
weichere Charakter bewahrt das schwache Weib eher vor Lebens- 
überdruss als den rauheren und kräftigeren Mann. Gewissens- 
bisse, Scham und Furcht vor Schande (wegen ausserehelicher 
Schwangerschaft) wirken auf das weibliche Gemüth stärker als 
auf das männliche; sie ist leidenschaftlicher, die unglückliche 
Liebe und Eifersucht stört sie mehr als den Mann, während 
diesen viel mehr der Ehrgeiz als die Liebe zu Grunde richtet. 
Die Frau begeht den Selbstmord häufiger als der Mann in Folge 
von Geisteskrankheit. Dem erregenden Treiben der Politik steht 
sie in den meisten Ländern fern, sie geht weniger auf Erwerb 
aus umd darum verursachen ihr zerrüttete Vermögensverhältnisse, 



— 25 — 

Armuth und Elend weniger Kummer als dem Manne. Es muss 
eben „der Mann hinaus in das feindliche Leben, muss wirken und 
streben und pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen, muss wetten 
und wagen, das Glück zu eijagen". Die Frau ist sittlicher und 
religiöser und findet daher trotz ihrer Schwäche eher einen Halt 
als der stärkere Mann. 

Schliesslich erübrigt noch die Präge, ob dieSelbstmord- 
neigung bei beiden Geschlechtern gleich zunimmt. Ich 
bin der Ansicht, dass bei dem gegenwärtigen Streben nach be- 
rechtigter und unberechtigter „Emancipation" das weibliche Ge- 
schlecht verhältnissmässig gefährdeter fst als die Männer ; denn je 
mehr sich die Frauen auf allen Gebieten in Concurrenz mit den 
Männern einlassen, desto häufiger kommen sie in ungewohnte 
Verhältnisse und zu Schaden, während die Männer an den härteren 
Kampf um's Leben schon gewohnt sind (Cap. IV, §. 5). 

§. 4. Das Alter. In dem Maasse, in welchem Mann und 
Frau reif werden und die Sorgen des Lebens zu tragen bekommen, 
entsteht die Selbstmordneigung und wächst im Allgemeinen 
mit dem Alter in geradem Verhältnisse. Man hat zwar 
verschiedene Maxima *) angegeben, aber die Angaben sind meist 
unbrauchbar, weil sie sich auf eine ungenügende Induction stützen. 
Gewiss beginnt in den Jahren der Pubertät bei beiden Geschlechtern 
die gefährliche Zeit ; aber die Sorgen und Verirrungen der Jugend 
richten nicht so viel Schaden an als die Jahre, in welchen man 
einen eigenen Herd gründet, wo dann die Sorgen und Nöthen des 
Familienlebens Mann und Frau kaum zur Euhe kommen lassen; 
diese gefahrvolle Zeit dauert während der beständigen Entwicke- 
lung, also bis zum 50. Lebensjahre, bei beiden Geschlechtern. 
Mit der Epoche des Alterns (klimakterische Periode bei Frau 
und Mann) entstehen neue Sorgen und Nöthen, welche das 
Gemüth afficiren; es beginnt die Vereinsamung, welche den 
Menschen mehr auf sich selbst anweist, die Hilflosigkeit und 
Hoffnungslosigkeit. Die Jugend und auch das mittlere Lebens- 
alter macht Pläne für 's Leben und geht, wenn sie auch nebelhaft 



1) Esquirol gibt 20—25 an, Tissot 20—30; für die Frauen sollen 
nach verschiedenen Angaben die gefährlichsten Jahre sein: 24 — 35 oder 
15—25 oder 21—30 oder 40—60 u. s. w. 



- 26 — 

sind, rüstig an ihre Ausführung, verträgt es, öfters getäuscht zu 
werden; das Alter hat weniger Phantasie und verträgt keine 
Täuschungen und wird daher in seiner natürlichen Schwäche des 
Körpers und Geistes leicht lebensüberdrüssig, hat aber anderseits 
gerade in seinem Realismus ein wirksames Antidot gegen den 
Pessimismus des Selbstmordes. 

Will man eine genauere Zahlenangabe haben, so bietet sich 
die von Morselli dar: vom 21. — 50. Lebensjahre nimmt die Ent- 
wickelung der Selbstmordneigung beständig zu und erreicht im 
40. — 50. das Maximum. 

Natürlich bestehen Einige Unterschiede der Stadt, des Ge- 
schlechtes, der Nationalität u. s. w., aber im Ganzen ist für ganz 
Europa dasselbe Gesetz massgebend, woraus man eben den Ein- 
fluss des Alters selbst entnehmen kann. Nach Morselli verlieren 
folgende Länder in den angegebenen Jahren eine grössere Anzahl 
von Männern: 

Ungarn, Italien von 21 — 30 

Dänemark, Frankreich viele über 50 

Schweden, Bayern, Dänemark von 30—40 

Würtemberg, Belgien, Schweiz „ 40—50 

Dänemark, Bayern, Preussen ,, 51 — 60 

Frankreich, Oesterreich, England „ 44—55 

Für das weibliche Geschlecht gilt: 

Schweden, Dänemark, Bayern von 20—30 

Preussen, Sachsen, Oesterreich -Ungarn, England „ 35—45 
Die übrigen Länder über 41 hinaus. 

Damit stimmt theilweise die Wagner 'sehe Angabe, dass 
vielleicht bei den germanischeu Völkern die Betheiligung der 
Männer und mehr noch der Frauen in der ersten Lebenshälfte, 
bis zum 40. Jahre, relativ etwas stärker, in der zweiten Hälfte 
etwas schwächer sei als bei den Romanen. Ueber die Selbstmord- 
neigung der slavischen Mädchen v. §. 3. 

Was speciell das hohe Alter anbelangt, so haben seiner- 
zeit Esquirol und nach ihm Palret behauptet, dass das Greisen- 
alter, welches täglich nahe daran sei, das Leben zu verlieren, einen 
starken Wunsch, am Leben zu bleiben, hegen müsse, dass also 
die Greise den Selbstmord nicht üben werden. Allein Lisle hat 
statistisch nachgewiesen, dass diese Deduction Esquirol's falsch 



— 27 — 

ist, wie denn auch schon Casper darüber klagte, dass sich so 
viele Greise das Leben nehmen. Neuere Angaben bestätigen 
Lisle's Untersuchung: nach Legoyt nimmt der Selbstmord bis 
zur Gruppe von 60 — 70 Jahren zu; nach Oettingen liefert das 
höchste Alter zwischen 60 — 70 geradezu bei beiden Geschlechtern 
das höchste Contingent. 

Es dürften auch hier verschiedene Abweichungen von der 
allgemeinen Kegel stattfinden. So steigt nach Oesterlen der 
Selbstmord in England beständig bis zum 45. — 55. Jahre, in 
Frankreich bis zum 70. — 80.; nach den" neuesten Angaben soll 
in England bei den Männern eine Verminderung nach dem 80. Jahre 
eintreten, nicht aber bei den Frauen. 

Die Motive der That waren — nach Brierre — bei 
IS^ Greisen von 70 — 80 Jahren folgende: 

Psychose, Lebenstiberdruss 34 Männer, 14 Frauen. 

Physische Leiden, Schwäche 35 „ 12 „ 

Elend, Vermögensverlust, Geschäftsstörung 25 „ 10 „ 

Häusliche Sorgen, Verlust theurer Personen 22 „ 4 „ 

Trunksucht 12 „ 5 „ 

Unbekannte Ursachen 10 „ 9 „ 

138 Männer, 54 Frauen. 

Eine besondere Aufmerksamkeit ist schliesslich dem Kinder- 
selbstmord zu widmen. Schon Casper und Heyfelder hielten 
die grosse Zunahme der Kinderselbstmorde für ein Zeichen ihrer 
Zeit und neuere Daten aus allen Ländern beweisen die erschreckende 
Thatsache, dass unsere zarte „unschuldige" Jugend mit dem Leben 
immer unzufriedener wird. Vornehmlich sind es die Städte, in 
denen der Kinderselbstmord häufiger wii*d. ') 

Es gibt Selbstmörder, die kaum 5 Jahre alt sind, die also 
kaum die physische Kraft besitzen, sich das Leben zu nehmen! 
Und die Motive der jugendlichen Selbstmörder sind nicht kindisch : 
Unbefriedigter Ehrgeiz, Eifersucht und unglückliche Liebe, Furcht 



') Für Oester reich erbrachte Daten: Platter, über den Selbstmord 
in Oesterreich in den Jahren 1819—1872, statist. Monatsschr. II, p. 97; für 
Sachsen: Zeitschr. des k. sächs. statist. Bur. 1877, p. 32; für die Gross- 
städte: Morselli, II suicidio 1879, p. 329. Cf. Durand-Fardel, Etudes 
sur le suicide chez les enfants (Ann. med. -psych. 1855, Jänner). 



— 28 — 

vor Strafe, schlechte Behandlung, liederliches Leben, Elend und 
Noth. Ausser der ererbten Psychose ist auch die Onanie als 
disponirende Ursache anzuführen: nur krankhafte und verwahrloste 
Kinder können sich das Leben nehmen! 

§. 5. Wir resumiren: Die physischen Verhältnisse der leib- 
lichen Organisation wirken disponirend, nur die Krankheit kann 
überdies noch determinirend wirken. Diese disponirende Wirkung 
erklärt aber die Entstehung der Selbstniordneigung nicht, weil 
die leibliche Organisation, ebenso wie die übrige Aussenwelt, flur 
als eine entfernte Ursache der psychischen und socialen Phänomene 
aufgefasst werden kann. 

n. Theil. 
Allgemeine gesellschaftliche Verhältnisse. 

§. 1. Die Voikszahl im Verhältniss zur Selbstmordfrequenz. 

Je mehr Bewohner ein Land hat, um so mehr Selbstmörder kann, 
aber muss es nicht haben; das ist klar. Die statistischen An- 
gaben der Selbstmordfrequenz der verschiedenen Länder beziehen 
sich auf die absolute Zahl der Bevölkerung und dienen im All- 
gemeinen zu einer mehr oder weniger genauen Vergleichung der 
einzelnen Länder resp. Nationen unter einander. 

Will man genauere Vergleiche anstellen, so muss man 
einige Verhältnisse besonders beachten. Vor Allem sollte man 
den Altersaufbau der verschiedenen Nationen kennen, man sollte 
wissen , wie viele Erwachsene (etwa über das 15. Jahr hinaus) 
vorhanden sind, da die Selbstmordneigung in der Eegel nur bei 
den Erwachsenen entsteht. Wenn wir z. B. wissen: In 

Frankreich Deutschland Prenssen Vereinigte Staaten 

44% 52% 53-380/0 59 o/o 

gibt es so viele Procent der Jugend vom 1. — 15. Lebensjahre, so 
kann man daraus manche Schlüsse ziehen. Frankreich hat 
weniger Kinder als Preussen; wenn für beide Länder auf eine 
Million Einwohner etwa dieselbe Zahl von Selbstmorden angegeben 
würde, so kann trotzdem in Preussen die Neigung intensiver sein. 
Ferner: in Frankreich gab es (1874) 11*6% Von mehr als 
60 Jahre alten Bewohnern, während bei uns in Westösterreich 



— 29 — 

nur 6-6 7o waren; das alterirt offenbar die Angaben über den 
Selbstmord der Greise, ü. s. w. 

Auch muss man die Zahlenangaben über das Geschlecht 
der Erwachsenen berücksichtigen. Z.B.:. nach dem Kriege be- 
trug der Unterschied der Geschlechter überhaupt in Deutschland 
755,075, in Frankreich nur 137,899, was gewiss auf die Selbst- 
mordneigung der Frauen der betreffenden Länder einiges Licht 
werfen kann. 

Was die Dichtigkeit der Bevöll(erung anbelangt, so wäre 
man geneigt, anzunehmen, dass der Selbstmord um so häufiger 
vorkommen müsse, je dichter eine Bevölkerung sei. Man könnte 
geltend machen, dass die Städte mit ihrer dichteren Bevölkerung 
eine grössere Selbstmordfrequenz aufweisen als das weniger dicht 
bevölkerte Land ; auch ist der Parallelismus der Volksdichtigkeit 
und Selbstmordfrequenz einiger Länder ersichtlich. So haben 
z. B. in est er reich die dichteste Bevölkerung: Nieder- 
österreich, Schlesien, Böhmen und Mähren, zugleich aber 
auch die höchste Selbstmordfrequenz; in Deutschland hat 
Sachsen — von den freien Städten abgesehen — die dichteste 
Bevölkerung und die meisten Selbstmorde. 

Je dichter eine Bevölkerung ist, um so inniger ist das Zu- 
sammenleben, um so grösser die Complication und gegenseitige 
Abhängigkeit, um so mannigfacher und reicher das private und 
sociale Leben und Treiben; die Concurrenz, der Kampf um's Leben 
ist um so stärker, die Ernährungsmittel sind knapper zugemessen, 
kurz in einer dichteren Bevölkerung kann sich der Lebensüberdruss 
leichter entwickeln und verbreiten, als in einer weniger dichten. 
So könnte man calculiren; aber man geht fehl, wenn man 
annimmt, der Parallelismus der Dichtigkeit einer Be- 
völkerung und ihrer Selbstmordneigung beruhe auf einem 
absolut giltigen Gesetze. Man kann leicht zeigen, dass nicht 
überall die dichte Bevölkerung die grösste Selbstmordfrequenz 
aufweist, z. B. nicht in Holland, England, dem Eheinthal. 
Eine dichte Bevölkerung kann das Zeichen von physischer und 
moralischer Stärke oder Schwäche sein ; in einem Lande kann die 
dichte Bevölkerung vernünftig, klug, kräftig, arbeitsam und massig 
sein, während in einem anderen Unvernunft, Schwäche, Trägheit 
und tJnmässigkeit die Bevölkerung zwar dicht, aber nicht wider- 



- 30 — 

standsfähig erhält; es kann also eine dichte Bevölkerung unter 
Umständen lebensfroh oder — überdrüssig sein. 

Noch Einiges im Besonderen. 

Uebervölkert ist derzeit — so sagen uns die National- 
ökonomen — kein einziges Land Europas ; allein die grosse Aus- 
wanderungslust und hohe Selbstmordfrequenz deuten gewiss auf 
(relative) üebervölkerung ; die Selbstmordausweise zeigen, dass 
seit einigen Jahren die wirthschaftliche Krise sehr ungünstig 
wirkt. Wie die Menschen jetzt sind — und nur mit diesen darf 
man rechnen — so stört sie in der That in einzelnen Gebieten 
die üebervölkerung, wobei man nicht nur an die materielle Noth- 
läge, sondern auch an die intellectuelle und moralische UnvoU- 
kommenheit denken muss. 

Ein untervölkertes Land kann unter Umständen auch viele 
Selbstmorde aufweisen; das folgt aus dem Obigen. 

Die Raschheit des Bevölkerungszuwachses kann die Selbst- 
mordneigung begünstigen, sobald das Anwachsen materielle und 
moralische Uebelstände im Gefolge hat. In Europa ist der rasche 
Zuwachs der Bevölkerung am sichtbarsten in England (mit 
Wales), Sachsen und Preussen, am schwächsten ist er in 
Portugal; dort ist der Selbstmord häufig, hier selten. Um- 
gekehrt vermehrt sich in Frankreich die Bevölkerung sehr 
langsam, nimmt hie und da sogar ab, die Selbstmordneigung 
wächst aber trotzdem fortwährend. Der Parallelismus ist also 
auch hier nicht durchgreifend. 

Besonders zu beachten ist das Anwachsen der Städte im 
Verhältniss zur Vermehrung der Landbevölkerung. Nach Wappaus 
gestaltet sich das Verhältniss folgendermassen : 

„, , Vermehrung 

Staaten „, ,, ^ , 

Stadt Land 

Dänemark 246 0-94 

Frankreich 1-53 0-35 

Sachsen 1-46 0*81 

Norwegen 2-00 r02 

England, Wales 187 1*00 

Holstein 1-63 076 

Schweden 150 OSl 

Belgien 078 0-31 

Hannover 039 0*05 

Niederlande O'Sl 074 



— 31 — 

Das, was wir über den Einfliiss der Stadt erfahren haben, 
erklärt uns, warum in den angeführten Ländern die Selbstmord- 
frequenz zum Anwachsen der Stadtbevölkerung so ziemlich in 
geradem Verhältnisse steht. 

Die Abnahme der Bevölkerung, wenn sie eine physische 
und moralische Degenerirung bedeutete, könnte auch Massen- 
selbstmorde als Mitursache und Symptom des Verfalles aufweisen : 
das alte Eom und andere sinkende Nationen zeigen uns diesen 
Process. lieber Morbilität und Mortalität cf. L Theil, §. 2. 

Für einige europäische Länder ist die Auswanderung eine 
mächtige Ursache der Bevölkerungsabnahme, und es entsteht die 
Frage, ob die Auswanderung in unserem Falle günstig oder un- 
günstig wirkt. Die meisten Auswanderer gehen aus England 
und Deutschland fort; d^nn aus den skandinavischen Län- 
dern, Italien, Schweiz, Belgien u. s. f. Als Gründe der Aus- 
wanderung werden angegeben: Noth, Unzufriedenheit mit den 
socialen und politischen Verhältnissen, insbesondere mit der Mi- 
litärpflicht. Man könnte sagen : die blosse Möglichkeit der Aus- 
wanderung, die Hoffnung auf Besserung der materiellen Lage 
wirkt günstig, das Land wird von unzufriedenen Elementen befreit. 
Wenn also z. B. in Deutschland die Selbstmordfrequenz sehr 
gross ist, trotz der zahlreichen Auswanderungen, so wäre, von 
diesem Gesichtspunkte betrachtet, die Selbstmordneigung in diesem 
Lande höher als in Frankreich, welches beinahe ebenso viele Selbst- 
morde aufweist, aus welchem aber, obschon es ebenso dicht be- 
völkert ist, als Deutschland, sehr Wenige auswandern. 

Allein man muss auf der anderen Seite bedenken, dass ge- 
wöhnlich nur die auswandern, welche für die längere Keise die 
nöthigen Mittel haben, und dass, was besonders wichtig ist, ge- 
rade die kräftigsten und stärksten Menschen das Land verlassen, 
während der ganz Arme, Verkommene, Schwache und Kraftlose 
zu Hause bleibt. Während also die Möglichkeit der Auswanderung 
denen zu Gute kommt, welche auswandern können, hilft sie den 
Zurückbleibenden nicht, und oft um so weniger, je mehrere aus- 
wandern. Daher muss man wohl sagen, dass die Auswanderung 
für das Mutterland ungünstig wirkt. 

§. 2. Das Ehe- und Familienleben. Die bisherigen statisti- 
schen Angaben über den Selbstmord Verheiratheter und Lediger, 



— 32 — 

• 

und überhaupt über die Wirkung des Ehe- und Familienlebens 
haben einen geringen Werth, weil die Begriffe nicht klar gefasst 
wurden. Es wäre aber zu untersuchen, wie das Ehe- und Familien- 
leben wirkt: 

a) auf die Eltern: in erster, zweiter, diitter Ehe; wie sich 
Ledige verhalten, wie Geschiedene, Verwitwete, im Con- 
cubinat Lebende; wie sich Mann und Frau verhalten; 
wie die Kinderzahl auf die Eltern rückwirkt; 

b) auf die Kinder: aus erster, zweiter, dritter Ehe; von Ver- 
witweten, von Geschiedenen, von im Concubinat oder gar 
nicht zusammenlebenden Eltern (unehelich Geborene) ; auf 
Waisen. 

a. Allgemein wird dem Eheleben eine sehr günstige Wirkung 
auf das physische und moralische Gedeihen der Verheiratheten 
zugeschrieben ; mit den Ledigen verglichen, sind — so sagt man — 
die Verheiratheten gesünder, widerstandsfähiger, ihre Lebensdauer 
ist eine grössere; die günstige Wirkung sei aber ersichtlicher am 
Manne als an der Frau. ^) Demgemäss lässt sich erwarten, dass 
die Ehe im Allgemeinen selbstmordvermindernd wirken muss. 
Viele Statistiker verificiren diese Deduction, allein es gibt auf der 
anderen Seite auch solche, welche das Gegentheil beweisen wollen. 
Auch verhalten sich in dieser Beziehung die beiden Geschlechter 
verschieden: nach Falret und Tissot sind die meisten Frauen, 
welche sich tödten, verheirathet, die Männer unverheirathet. 

Offenbar kann das eheliche Zusammenleben nur dann günstig 
wirken, wenn die Ehen aus wahrer Neigung entspringen und diese 
Neigung bewahren und festigen, und wenn das Leben in der 
Ehe rationell und sittlich ist; das hängt aber nicht von der 
Ehe selbst ab, muss vielmehr in die Ehe mitgebracht werden. 
Die Ehe bessert, macht aber nicht allein und an und für sich 
Alles gut. Es hängt also das eheliche Glück und dessen günstige 
Wirkungen in erster Linie von den intellectuellen und moralischen 
Eigenschaften der Menschen ab und wird, da zum Eheleben auch 



^) V. Bertillon, Gaz. med. de Paris 1861; cf. Med.-chirurg. Rundschau 
1870 II.; Farr, Influence of Marriage on Morality, Nat. Ass. for the Pro- 
motion of Soc. Scienee, 1858. Dagegen Spencer, Stud. d. Sociologie 
p. 115. 



— 33 — 

Brod nöthig ist, in hohem Maasse von den wirthschaftlichen Ver- 
hältnissen des Landes, gewisser Orte desselben und bestimmter 
Zeiten regulirt. An und für sich kann also die Ehe günstig 
und ungünstig wirken, sie kann die Selbstmordneigung 
hemmen oder befördern, je nachdem; entscheidend gün- 
stig wirkt sie nicht. 

Bedenkt man daher, dass der Selbstmord gewöhnlich im 
reiferen Alter begangen wird, dass sich die (erwerbenden) Männer 
häufiger tödten als die Frauen, dass seit Jahren die wirthschaft- 
lichen Verhältnisse gedrückt sind, und erinnert man sich daran, 
dass die Heilighaltung der Ehe gegenwärtig ziemlich tief steht, 
so wird man sich gestehen müssen, dass gegenwärtig die 
Ehe wenig oder gar nicht günstig wirke, vielleicht sogar 
schädlich. ^) 

Es ist nicht ausgemacht, ob sich die Verheiratheten, 
welche mehr Kinder zu ernähren haben, häufiger den 



^) Man vergleiche mit den Selbstmorddaten aus verschiedenen Ländern 
folgende Tabellen: 

Es gab in den folgenden Ländern etwa diesen Procentantheil der Ledigen 

(unter und über dem 16. Lebensjahre): 

Frankreich 331 Holland 41*5 

England, Wales .... 37*2 Portugal 43'6 

Italien 37-6 Schweiz 44-3 

Dänemark . 393 Belgien 44*9 

Deutschland 399 Irland 450 

Norwegen 40*8 Island 48*7 

Schweden 41*2 

Es scheint, dass unter den südlichen Eomanen weniger ünverheirathete 
sind, als bei den nördlicheren Germanen. 

Auffallend wegen ihrer Uebereinstimmung mit der Selbstmordfrequenz 
ist folgende Zusammenstellung der Verheiratheten unter den 41- bis 50- 
jährigen : 

Sachsen 84-0 »/o Frankreich 77-5 T 

Dänemark 82*9 Italien 76*9 

Prenssen 81*9 Elsass-Lothringen . . . 74'9 

Norwegen 80'8 Bayern 74*5 

Deutschland 80-3 Baden 73*9 

Hessen 800 Belgien 730 

England, Wales .... 792 Irland 71-6 

Schweden 78-5 Schweiz 69-6 

Niederlande 77=9 Portugal 69-1 

Würteraberg 778 Island 67-5 

(Im Allgemeinen überwiegen die Verheiratheten etwa vom 30. Jahre an.) 

M a s a r y k. Der Selbstmord. 3 



— 34 — 

Tod geben als diejenigen, die um weniger zu sorgen haben; 
in wenigen Fällen, die ich untersuchen konnte, war das erstere 
der Fall. 

lieber kinderlose Ehegatten habe ich gar keine in- 
ductiven Anhaltspunkte; auch wüsste ich nichts Neues über die 
zweite, dritte (vierte) Ehe zu sagen. 

Der verwitwete Stand ist entschieden ungünstig; für die 
Männer ungünstiger als für die Frauen; ') das Witwenthum macht 
die Frau männlicher, klüger, stärker. 

Noch ungünstiger gestaltet sich das Verhältniss für die 
Geschiedenen; auch hier ungünstiger für die Männer als für 
die Frauen. 2) 

In den Städten kommen relativ doppelt so viele Schei- 
dungen vor als auf dem Lande; Nothjahre wirken ungünstig, 
indem sie zerrüttete Verhältnisse vollständig sprengen. Die 
Scheidungen geschehen in den allermeisten Fällen aus 
unlauteren Motiven; das irrationelle und unsittliche Ehe- 
schliessen ist Regel, nicht Ausnahme. Es ist nachgewiesen, dass 
die gebildeten Stände die Ehe am unsittlichsten halten. Ge- 
schiedene Frauen verheirathen sich viel leichter als geschiedene 
Männer (was auf eine aussereheliche Neigung Seitens der Frau 
schliessen lässt?). 

Die zeitweilige, längere Trennung der Ehegatten 
wirkt, wie es scheint, auf die Frauen ungünstig. Historisch bekannt 
sind die Selbstmorde der Miletischen Frauen während der durch 
den Krieg verursachten Abwesenheit ihrer Männer. Mir sind 
auch einige ähnliche Fälle bekannt. (Das Motiv wäre also Sehn- 
sucht nach dem entfernten Manne: Analogie mit unglücklicher 
Liebe.) 



1) In allen Ländern gibt es dui*chschnittlich doppelt so viele Witwen 
als Witwer (weil der Mann in einem höheren Alter heirathet, sein Leben 
mehr gefährdet ist und sich viel mehr Witwer als Witwen wieder ver- 
heirathen); der üeberschuss der Witwen geht parallel mit dem Ueberschuss 
der Frauen überhaupt. 

2) Historisch bekannt sind die häufigen Selbstmorde der Frauen der- 
jenigen Priester, welche sich bei der strengen Durchführung des Cölibats 
durch Gregor VII. von ihren Männern trennen mussten; aber hier liegt eine 
gewaltsame Scheidung vor! 



— 35 — 

Die im Concubinat lebenden Frauen weisen eine dreimal 
so grosse Selbstmordfrequenz auf als die Männer. Die Erklärung 
liegt auf der Hand. 

b. Die Wirkung des Familienlebens auf die Kinder 
lässt sich im Allgemeinen durch das Sprichwort: ,der Apfel 
fällt nicht weit vom Stamme^ kennzeichnen. Gute und tüchtige 
Eltern erziehen gute und tüchtige Kinder, schlechte erziehen 
schlechte. 

Wie die mehrfachen Ehen auf die (fremden und eigenen) 
Kinder wirken, lässt sich nicht leicht angeben; geschiedene 
Ehen und das Concubinat wirken gewiss ungünstig. Die Waisen, 
ganze und halbe, dürften ebenfalls ungünstige Verhältnisse auf- 
weisen. Ueber alle diese wichtigen Verhältnisse fehlen gegen- 
wärtig statistische Inductionen; ebenso kenne ich keine Angaben 
über den Selbstmord der unehelich Geborenen im Verhältniss 
zu den ehelich Geborenen. 

Es liesse sich vermuthen, dass die unehelich Geborenen 
verhältnissmässig häufiger den Selbstmord üben als die Ehe- 
lichen, weil die unehelichen Kinder in jeder Beziehung ver- 
wahrloster sind: schon im Mutterleibe und noch mehr nach 
der Geburt mangelt ihnen die nöthige physische Pflege, und 
von wahrer moralischer und intellectueller Schulung kann in 
den allerwenigsten Fällen die Bede sein; demgemäss dürften 
diese unglücklichen Parasiten der Gesellschaft verhältnissmässig 
eine hohe Criminalität und Selbstmordfrequenz aufweisen, wie 
sie denn auch in hohem Maasse zur Geisteskrankheit hin- 
neigen. 

Die Frage, ob die Länder, welche viele ausserehe- 
liche Geburten, zugleich auch eine hohe Selbstmord- 
frequenz aufweisen, ist so zu beantworten. Wahrscheinlich 
verüben die unehelich Geborenen den Selbstmord verhältniss- 
mässig häufig; aber da die Sterblichkeit dieser unglücklichen 
(vornehmlich in den ersten Jahren) überaus gross ist, verschwindet 
die Zahl der unehelichen Selbstmörder in der absoluten Anzahl 
der übrigen. Was aber die unverehelichten Eltern anbelangt, 
so werden diese den Selbstmord relativ häufig verüben, weil das 
uneheliche Zusammenleben die Selbstmordneigung sehr leicht be- 
dingen kann. Es weist nämlich nicht nur auf geschlechtliche 



— 36 — 

ünmässigkeit zurück, sondern bekundet auch unordentliche wirth- 
schaftliche und sociale Verhältnisse, eine grosse fiohheit und 
ünsittlichkeit überhaupt. *) Daher wird sich im Ganzen und 
Grossen der Parallelismus in der Frequenz der unehe- 
lichen Geburten und der Selbstmorde offenbaren, aber 
er wird um so weniger durchgreifend sein, je mehr man 
die einzelnen Länder nach kleineren Gebieten genauer 
untersucht. 

Zu beachten wäre etwa Folgendes. Die Städte liefern eine 
bedeutend grössere Zahl unehelicher Geburten als das Land; 
berüchtigt war z. B. Wien, das 1862 auf 1 eheliche Geburt 
1*1 uneheliche hatte (wohl mit Einschluss der fremden Kinder 
in den Findelhäusern); London weist unter allen Grossstädten 
die günstigsten Verhältnisse auf. Der Nationalität nach kommen 



1) Bekanntlich ist mau darüber nicht einig, ob die unehelichen Geburten 
als Massstab der Sittlichkeit gelten sollen oder nicht; Hausner ist für, 
Engel, Mayr und selbst Oettingen dagegen. Ich denke so darüber: Die 
unehelichen Geburten sind immer das sicherste Zeichen dafür, dass eine ge- 
wisse Anzahl von Personen, ohne heirathen zu können oder zu wollen, der 
Leidenschaft unterliegt; das ist entschieden ein Mangel, j^ber besagt keine 
absolute und allgemeine Ünsittlichkeit. Wir sind zwar gewohnt, unter „Un- 
sittlichkeif* vornehmlich oder ausschliesslich an sexuelle Ünsittlichkeit zu 
denken, aber das ist nicht ganz richtig: der Mensch kann verschiedene Sünden 
begehen neben und ausser der Missachtung des sechsten Gebotes. Man sagt : 
Mangelnde Gesetze über Lohnerwerb (Bayern bis 1868), Vaterschaft, Alimen- 
tation, Defloration sentschädigung, ungeschickte agrarische Verhältnisse u. s. f. 
bedingen die unehelichen Geburten, also sind diese kein Massstab der Sitt- 
lichkeit. Dagegen erwähne ich, dass Niemand gezeigt hat, dass alle oder 
nur die grosse Mehrzahl der Fälle durch diese Ursachen bedingt werden; 
und wenn sie auch bedingt würden: genügt die Erklärung zur Entschuldigung? 
Ich glaube nicht; höchstens kann man gewisse Fälle — aber nicht alle! — 
milder beurtheilen. 

Dass übrigens die unehelichen Geburten nicht auf bestehende und 
constant wirkende Gesetze, Sitten und Aehnliches zurückzuführen sind, be- 
weist Folgendes. Seit zwei Decennien haben sich die unehelichen Geburten 
in allen Staaten Europas vermehrt. Karge Zeiten hemmen die Häufigkeit; 
das Kevolutionsjahr 1848 förderte sie in hohem Grade. Die Statistik klagt 
ferner über zunehmende Trunksucht, Arbeitsscheu, unsittliche Lösung der 
Familienbande, Zunahme der Verbrechen gegen die Sittlichkeit, — die un- 
ehelichen Geburten sind in der That ein Massstab der Sittlichkeit, das Wort 
im rechten Sinne verstanden. 



— 37 — 

nach Hausner's (sicherer?) Berechnung auf je 1 uneheliche 
Geburt eheliche: 

bei den Slaven 18*3 

„ „ Bomanen ........ 16*3 

„ „ Germanen 8*6 

„ „ Deutschen speciell ... 6*5 

Das stimmt mit den Daten über die Selbstmordfrequenz 
über ein, ebenso wie die folgenden Angaben über die Confession: 
auf je 1 uneheliche Geburt kommen eheliche : 

bei den Griechen 20*40 

„ „ Katholiken 11*15 

„ „ Protestanten 10*35 *) 

Die unehelichen Geburten mehren sich in allen 
Ländern, ebenso wie die Selbstmorde häufiger werden. 



>) Auf die einzelnen Länder Europas entfallen auf je 1 uneheliche 
Geburt eheliche: 

in den Niederlanden .... 1860—1862 24*61 

in Italien 1863—1868 17*04 

in Spanien 1868 17*18 

in Belgien 1867 14*16 

in Frankreich 1867 1314 

in England . 1868 12*18 

in Prenssen 1864 10*66 

in Oesterreich ' 1867 608 

in Wtlrtemberg 1857-1861—1868 5*10 

in Baden 1859—1863 5*04 

in Bayern 1858—1862 8*33 

Bodio giht die Zahl der unehelichen Gehurten von der Gesammtzahl 
der Gehurten an: 

Holland 3 — 4«/o 

Schweiz 1 

England ' 

Italien 6 — 7 

Belgien 7 

Ungarn 7 — 8 

Cisleithanien .... 12—14 

Diese Zählungen sind nicht auf dieselbe Weise vorgenommen worden ; 
man sollte die unehelichen Gehurten auch zur Heirathsfrequenz und zur Zahl 
der fortpfianzungsfähigen Männer und hesonders der Weiher in's Yerhältniss 
hringen. 

Interessante Daten für Oesterreich liefert Schimmer (Statist. Monats- 
schrift, 1876); er gelangt zu folgendem Eesultate: 

1. Gewerhe- und Industriehevölkerung hat mehr uneheliche 
Gehurten als Ackerhauer. 



— 38 — 

§. 3. Wirkung der Freiheitsstrafe. Das Leben im Ge- 
fängnisse disponirt sehr stark zum Selbstmord, wie die relativ 
hohe Selbstmordfrequenz der Gefangenen beweist. Zumal die 
Einzelnhaft wirkt deprimirend auf den Menschen: die Einsamkeit 
und die mehr oder weniger ungewohnte Behandlung wirken an und 
für sich verstimmend ; die meisten Verbrecher sind ferner durch 
ihr vorgängiges Leben physisch und psychisch alterirt, ihr Selbst- 
erhaltungstrieb, sagt Lombroso,^) ist unterdrückt; schliesslich 
wirkt die beständige Sehnsucht nach Freiheit, die Hoffnungslosig- 
keit und bei Vielen Keue und Scham höchst ungünstig. Darum 
weisen die Gefangenen eine gi'össere Mortalität und mehr Selbst- 
morde auf als die Freien. 

Man hat beobachtet, dass der Selbstmord häufiger vor- 
komme bei Menschen, die geringere Verbrechen begangen 
haben; die argen und verstockten Sünder, Diebe, Mörder u. s. w. 
geben sich den Tod seltener, weil sie der Aufregung der Eeue, 
Scham und Gewissensbisse nicht zugänglich sind. 

Ebenso erklärt sich's, warum von den zum erstenmale Ver- 
hafteten die That häufiger verübt wird als von den habituellen Be- 
wohnern der Geföngnisse. (Die Sterblichkeit unter den zum ersten- 
male Eingekerkerten ist auch grösser als unter den Rückfälligen.) 

Gefangene Frauen verüben den Selbstmord selten, werden 
aber häufig geisteskrank. 2) 



2. Grosse Gütercomplexe mit vielem Dienstpersonale, Wenn die 
Theilung der Güter selten ist, wirken disponirend; die Kinder werden durch 
folgende Heirathen legitim. 

3. Je mehr Frauen im gebärfähigen Alter, desto mehr, 

4. je mehr Gehurten von jugendlichen Eltern, um so weniger 
uneheliche Bänder. 

5. Der Nationalität nach liefern die Deutschen die meisten un- 
ehelichen Kinder. Die Juden, wo sie zahlreich zusammenleben, bilden keine 
gunstige Ausnahme. 

1) Uomo delinquente 1878; über den Selbstmord der Gefangenen 
V. p. 97 squ. 

2) Man sagte: Die Frauen müssten im Gefängniss zu schmerzlichen 
Mitteln greifen, darum tödten sie sich nicht. 

Andere meinen: Die Frauen verüben im Gefängniss und überhaupt 
deshalb den Selbstmord seltener als die Männer, weil sie beweglicher sind 
und sich nicht so lange bei einer Sache aufhalten. 



— 39 — 

Die Selbstmordziffer der Gefangenen steigt in dem- 
selben. Verhältniss, in welchem sie bei der freien Bevölkerung 
Jahr aus Jahr ein steigt. 

§. 4. Der Beruf. Die Berufsstatistik wird erst in aller- 
neuester Zeit ernstlich in Angriff genommen und daher können 
wir über die Selbstmordneigung der verschiedenen Berufsarten 
noch nicht definitiv urtheilen, zumal die Selbstmordstatistik selbst 
in dieser Beziehung mangelhaft ist. 

Die Berufsart entspricht im Ganzen und Grossen dem 
Charakter der Menschen, weil sie ja auf freier Wahl beruht, auf 
eigener oder auf der anderer verantwortlicher Personen; anderer- 
seits prägt sie dem Einzelnen und ganzen Gesellschaftsschichten 
einen ganz bestimmten Charakter auf. Der Beruf bedingt in- 
direct die wirthschaftliche , politische und sociale Stellung des 
Menschen; Bang, Stand, Kaste, gesellschaftliche Schichte mit 
ihren entsprechenden Bildungen werden in und durch die Berufs- 
art für den Einzelnen und die Gesammtheit massgebend. 

Die Arbeit erhält das Leben — Arbeit vernichtet Leben 
und Lebenskraft: Gesundheit, Kraft und Gedeihen hängen vom 
Berufe ab. Dass z. B. die Trockenschleifer von Sheffield den 
gefährlichsten Beruf haben , leuchtet Jedem ein , der sich über 
die Natur dieser Arbeit klar geworden; auch begreift man, warum 
die Schuster bei ihrer hockenden Lebensweise oft Magenleiden 
haben, wobei sie nicht selten geisteskrank werden, zur Poesie und 
politischen und religiösen Schwärmerei Anlage zeigen. Aehnlich 
soll sich bei den Webern die Hypochondrie, Schwärmerei und 
Theosophie entwickeln, u. s. w. 

Wie die Morbilität und Mortalität, so wird auch in 
gewissen Grenzen die Selbstmordneigung vom Berufe ab- 
hängen ; aber diese Abhängigkeit ist nicht zu überschätzen. Der 
Beruf macht nicht das sittliche Wesen des Menschen aus, er 
ist nur Mittel zum Zweck, von welchem die Entscheidung über 
Sein oder Nichtsein* nur indirect beeinflusst wird. Ein Beispiel 
wird es klar machen. Es wird uns gemeldet, dass die Wein- 
händler relativ häufig den Selbstmord verüben; offenbar deshalb, 
weil sie bei ihrem Geschäfte leicht zur Trunksucht verleitet werden, 
die Trunksucht führt aber häufig zum Selbstmorde; aber nicht 
alle Weinhändler sind unmässig, weil sie eben nicht nothwendig 



— 40 — 

durch ihr Geschäft dem Laster der Trunksucht verfallen, sondern 
in Folge ihrer Charakterschwäche bei ihrem Geschäfte diesem 
Laster leichter fröhnen können als andere. So oder ähnlich ver- 
hält sich's aber in allen Fällen. 

Wir hörten, dass die Stadt mehr Selbstmorde aufweist als 
das Land; daraus können wir den Schluss ziehen, dass die Acker- 
bau treibende Bevölkerung eine geringere Selbstmordneigung auf- 
weist als die in der Stadt vertretenen Berufsarten; aber man 
wird noch hinzuschliessen müssen, dass auch die ländlichen Hand- 
werker, Gewerbetreibenden u. s. f. eine geringere Frequenz auf- 
weisen als ihre städtischen CoUegen. Es sind — das will ich 
sagen — nicht die städtischen Professionen als solche, welche die 
grössere Selbstmordneiguug bedingen, sondern das ganze sociale 
Leben und Treiben der Stadt. Jedenfalls hat aber die Landbau- 
bevölkerung die geringste Selbstmordneigung. 

Für die übrigen speciellen Berufsarten lässt sich nach 
Wagner Folgendes mit einiger Sicherheit behaupten. Eelativ 
am Häufigsten kommt der Selbstmord vor unter Dienstboten, 
im Ganzen, wie einzeln bei jedem Geschlechte ; fast ebenso häufig 
unter den Soldaten (v. Militarismus, IIL Theil, §. 6), also unter 
den Classen, deren individuelle Freiheit am stärksten beschränkt 
ist; liberale Professionen und höhere gebildete Stände 
weisen eine etwas höhere als Durchschnittsfrequenz auf, Berufs- 
lose und diejenigen Personen, welche ein mehr oder weniger 
bedenkliches Leben führen, reihen sich an die erste Kategorie 
an. Die Frequenz der handel- und gewerbetreibenden Classen sinkt 
theilweise schon unter den allgemeinen Durchschnitt. 

„Soweit", meint Wagner, „aus dem Beruf auf den durch- 
schnittlichen Bildungsgrad zurückzuschliessen ist, scheinen 
die Stände, welche vorzugsweise als die der Halbbildung be- 
zeichnet werden können, die Dienstboten, Militärs, Berufslosen (?), 
Vagabonden (?), die höchste Selbstmordfrequenz aufzuweisen. Per- 
sonen, bei welchen ein Plus oder Minus dieser Halbbildung vor- 
auszusetzen ist, bieten beide ein günstigeres Bild, das günstigste 
aber zeigt sich bei den relativ ungebildeten Classen." 

Im Detail erwähne ich noch Folgendes. 

Eine sehr geringe Selbstmordfrequenz weisen die Geist- 
lichen aller Culte auf; Dichter, Künstler und geniale 



— 41 — 

Menschen überhaupt haben häufige Anwandlungen der Selbst- 
mordneigung. Gekrönte Häupter üben den Selbstmord nicht 
selten; Bettler von Beruf fast nieJ) 

Eine genaue Angabe der Motive für die einzelnen Berufs- 
classen fehlt gegenwärtig; das Wenige aber, was wir in dieser 
Beziehung besitzen, berechtigt zu der Annahme, dass mit geringen 
Ausnahmen bei allen Berufsarten fast dieselben Motive relativ 
gleich stark wirken. Das erklärt sich aber dadurch, dass der 
Beruf nur disponirend wirkt und dass die eigentlichen Ursachen 
und Motive der That in ihm nicht zu suchen sind. 2) 



1) Daniel Langhans, von den Krankheiten der Hof- und Weltleute 
1776. Cf. St. -Fare Bontemps, Tableau stat. et comp, des qualites di- 
stinctives des souverains de diverses nations depuis l'origine des empire 
jusqu'ä la fin du XVIII. siecle. Von 2542 Herrschern, die 64 verschiedenen 
Ländern angehörten, verübten 20 den Selbstmord (1 auf 127) und 11 (1 auf 221) 
waren geisteskrank. 

*) Der officielle Bericht aus Italien vom Jahre 1874 bietet folgende 

Tabelle : 

TJrsaolieii 

— . « . ,, Lebens- Unglflck- KBrper- ^ ... 

Berufsart gumme Y*" aberdra», liehe J°' Trunk- Hebe ^**^'J* ünbe- 

mOgeni- . , ,. . -. . Strafe **^"""' Krank- . . 

, . hlashcheB Liebe, . suebt Krank« . .. kennt 

verlast ,. .- . ...- ' ^ und ■»»'"«' heften 

Ungiflck Kifersncht ^ . . heiten 

Land- u. Forstwirthe 290 29 14 4 5 1 131 57 49 

Gewerbe, Industrie . 213 55 21 14 8 4 29 29 53 

Handel, Transport . 98 29 11 3 1 2 12 14 26 

Besitzer, Bentiers . . 90 12 10 5 2 — 15 23 23 

Dienstpersonale ...81 3 5 2 5— 2 4 10 

Militär 50 — 18 2 5 — 1 3 21 

Beamte 41 10 7 2 6 — 3 4 9 

Geistliche 4 — — — — — 1*2 1 

Beclitsgelehrte ...6 2 1 - — — 1 2 — 

Sanitätspersonen ..10 — 3 — 1— 8 22 

Lehrpersonale ....14 1 5 1 — — 1 3 3 

Musiker, Künstler .52 1 — ____2 
SonstigePersonen mit 

höherer Bildung . 25 11 2 1 2— '2 — 7 
Gewerbe im umher- 
ziehen (Musikan- 
ten etc.) 8 3 1 — 1— — — 3 

Tagl6hner 29 3 1 — 1 3 6 2 13 

ünselbstständige 

Personen 79 12 4 4 4 — 17 15 23 

Unbekannter Benif . 22 2 1— 1— — 2 16 

Nehmen wir die Frequenz der Landwirthe als Norm an, so spielt beim 
Gewerbe, bei Industrie, Handel und Transport der Vermögensverlust 
eine grosse Rolle; aber dasselbe gilt auch von den Beamten und anderen 



— 42 — 

Auf je 10.000 der 1869 in Wien in den einzelnen Berufs- 
classen gezählten Personen entfallen nach dem Durchschnitte 
1869—1878 Selbstmorde: 

Oeffentliche Beamte 60 

Privatbeamte 209 

Studirende 3*3 

Rechtsanwälte, Doctoren der Bechte . . . 25*6 

Gold- und Silberarbeiter 50 

Spediteure und Agenten 99 

Schmiede und Schlosser 3*7 

Gastwirthe 2*5 

Fleischer und Selcher 35 

Bäcker 3*6 

Tischler 21 

Taglöhner 94 

§. 5. Resumö. Die allgemein gesellschaftlichen Verhältnisse 
wirken auf die Entstehung der Selbstmordneigung nur disponirend 
imd indirect; ihre Wirksamkeit ist nicht gross genug, um aus 
ihnen das fragliche sociale Uebel ganz oder auch nur zum gi-össten 
Theile herleiten zu können. Mit den übrigen bisher behandelten 
Ursachen verglichen, sind aber die hier behandelten Verhält- 
nisse der Menschen nachweislich nähere Ursachen der Selbst- 
mordneigung, 

in. Theil. 

Politische Verhältnisse, 

§. 1. Die Race. Da im AUgemeinen die civilisirten Völker 
den Selbstmord üben, so können wir sagen, 'dass dieses sociale 
Uebel vornehmlich ein Erb theil der kaukasischen Eace ist. 
Ebenso kommt der Selbstmord häufig vor bei den Chinesen 
und Japanesen, woraus zu schliessen wäre, dass auch die 
mongolische Race, nach der kaukasischen die zweitcivilisirteste, 
an dem Uebel zu leiden habe. Was aber die übrigen Racen 



Kategorien : überhaupt istderVermögensverlust eine starke Ursache. Das 
Dienstpersonale, Militär und Beamte hat relatiy eine grössere Furcht 
vor Schande und Strafe; bei den Geistlichen fehlen viele Motive, die bei 
anderen wirksam sind, gänzlich. 



— 43 — 

anbelangt, so werden wir bald über die Naturvölker zu sprechen 
haben (Cap. V, 1, §. 2). ^ 

üeber Mischlinge verschiedener Racen besitzen wir 
keine Angaben. Einige Forscher halten die Mischlinge für tüch- 
tiger als die Gefärbten, ja als die Weissen selbst, und das 
spräche dafür, dass die Mischlinge, sofern die Race in Be- 
tracht kommt, widerstandsfiihiger wären als ihre respectiven 
Erzeuger. 2) 

§. 2. Die Nationalität. Nach Wagner kommen auf 1 Million 
Bewohner Selbstmorde: 

Germanen 100 

Bomanen 80 

Slaven (34) 

und zwar im Einzelnen: 

Skandinaven . . . 126 Italiener 20 

Deutsche 112 Portugiesen ... 7 

Engländer .... 65 Ostslaven 47 

Franzosen .... 105 Bussen (28) 

Nach Morselli entfallen gegenwärtig auf 1 Million Ein- 
wohner im Durchschnitte: 

I. Gruppe. Italiener, Spanier, Eumänen, Portugiesen, Corsen, 

Schweizer im Tessin 31 

n. Gruppe. Russen, Slovenen, Croaten, Dalmatiner 400 

ni. Gruppe. Magyaren, Pinnen 450 

IV. Gruppe. Skandinaven 127*8 

V. Gruppe. Franzosen 130*0 

VI. Gruppe. Czechen, Mähren, Polen 130*0 

Vn. Gruppe. Norddeutsche, Engländer 148*0 

Vm. Gruppe. Süddeutsche 165*0 

Im Einzelnen stellen sich die Ziffern derart: 

, , n ■ 3 Zahl der Selbstmorde 

Land Periode . ^ _-.,,. _,. , 

auf 1 Million Einwohner 

Spanien 1866/70 17 

Bussland 



Italien 



1873 


27-0 


1875 


30*0 


1871 


31*0 


1877 


40*6 



^) Wer die Eacen nicht nach Blumenhach, sondern Anderen — etwa 
Desmoulins — eintheilen will, muss das, was über die Nationalität gesagt 
ist, zu Eathe ziehen. 

2) Ueber die Magyaren, die in hohem Grade mit kaukasischem Blute 
versetzt sind, werden wir bald sprechen. 



44 — 



Land Periode 



Zahl der Selbstmorde 
auf 1 Million Einwohner 



England ^ 1871 66 

1876 73 

Norwegen 1871/3 73 

Schweden 1871/5 81 

Oesterreich 1873/7 95*6 

Preussen 1871/5 133*1 

Frankreich ...... 1871/5 150 

Dänemark 1871/0 258 

Zum Vergleiche wollen wir uns noch andere Angaben, neuere 
und ältere ansehen. / Bodio gibt an: ^) 

T , ^ , « « X j *^' 1 Million 

Land Jahr Selbstmorde ... . 

Einwohner 

Sachsen 1877 1114 391 

Schweiz 1877 600 216 

Preussen 1877 4563 174 

Bayern 1877 650 127 

Oesterreich 1877 2648 121 

Schweden 1877 430 96 

Belgien 1877 470 87 

England, Wales .... 1877 1699 69 

Norwegen 1877 99 55 

Irland 1875 75 16*2 

Morpurgo berechnet auf 100,000 Einwohner: 

in Frankreich . . 13*40 Selbstmorde in Belgien .... 5*36 Selbstmorde 

in Schweden . . . 7'43 „ in Italien .... 3*25 „ 

in England, Wales 6*56 „ in Spanien .... 1*35 „ 

Block 2) gibt für den Zeitraum von 1856—1865 das Ver- 
hältniss zu 1 Million Einwohner so an: 

Dänemark 288 Bayern 73 

Sachsen 251 England, Wales ..... 67 

Preussen 123 Oesterreich 64 

Prtuikreich 110 Belgien 55 

Norwegen 94 Russland 26 

Schweden 66 Spanien 14 



1) Bodio, Introduzione al Movimento dello stato civile 1862—1877, 
Rom 1878-1879. 

2) Traite theor. et prat. de Statistique 1878. 



— 45 — 

Brierre hält sich an folgende Beihenfolge: auf 1 Million 
Einwohner kommen: 

Sachsen - Altenburg . . . 303 Baden 119 

Dänemark 288 Norwegen 94 

Königreich Sachsen . . . 251 Bayern 73 

Schleswig 209 England 69 

Holstein 173 Schweden 66 

Mecklenbui'g (Schwerin) . 159 Belgien 55 

Lauenburg 156 Oesterreich 43 

Oldenburg 155 Schottland 35 

Hannover 128 Vereinigte Staaten .... 32 

Preussen 123 Spanien 14 

Frankreich 120 

Man vergleiche noch die Angaben für einige Städte. Es 
kommen 1876—1878 auf 10,000 Einwohner Selbstmorde: 

Leipzig .... 4-87 Wien 285 

Breslau .... 369 Berlin .... 278 

Dresden . . . 365 München . . . 176 

Paris 3-59 Newyork . . . 148 

Brüssel .... 3*53 London .... 084 

Nach einzelnen Ländern und Provinzen geordnet, nimmt 
in Oesterreich (1819 — 1872) die Frequenz in folgender Reihen- 
folge ab: 

Unterösterreich Steiermark 

Böhmen Eämthen, Krain 

Mähren, Schlesien Tirol, Vorarlberg 

Galizien, Bukowina Küstenland 

Oberösterreich Dalmatien 

lieber die Häufigkeit des Selbstmordes in Ungarn haben 
wir keine verlässlichen Daten. *) Die Magyaren verüben ihn 
verhältnissmässig selten ; das schliesse ich daraus, dass in Trans- 
leithanien sehr viele Verbrechen gegen die Person begangen 
werden: nach Koneg's Criminalstatistik Ungarns von 1873 bis 
1877 werden jährlich im Durchschnitt 10,851 wegen Mord, 
Todtschlag und schweren körperlichen Verletzungen angeklagt, 
2654 wegen Verübter Mordanschläge ; das machte 1877 44 % 
aller Criminalfalle , in Cisleithanien nur 26 %. Dort , wo viele 



^) Schwicker, Statistik des Königreichs Ungarn, 1877, p. 122. 



— 46 — 

Morde und überhaupt Verbrechen gegen die Person begangen 
werden, ist der Selbstmord verhältnissmässig selten. ^) 

Für Deutschland gestaltet sich nach Wagner die Selbst- 
mordfrequenz der Stämme (auf 1 Million): 

Sachsen 219 Slavo-Preussen ... 71 

Niedersachsen .... 174 Czecho-Deutsche . . 67 

Slavo-Sachsen .... 168 Westphalen 66 

Hessen 1B4 Rheinländer 62 

Alemanen 108 Bayern 52 

Franken 93 Südslavo-Deutsche . . 29 

Schwaben 85 Linksrheinländer. . . 27 

Friesen 79 

Stricker berechnete auf 100,000 Einwohner: 

Sachsen 1856—1860 24*5 

Mecklenburg 1856—1860 162 

Hannover 1856—1858 137 

Churhessen 1856—1860 13*4 

Preussen 1856-1860 122 

Baden 1856—1860 10*8 

Nassau 1860—1862 102 

Würtemberg 1856-1860 8*5 

Bayern 1856—1860 7*2 

Vergleicht man schliesslich mit den eben angeführten Daten 
die Ausweise über die Eeligion (v. Confession, V. Theil, §. 8) 
und die Zunahme der Selbstmordneigung in allen Ländern 
(Cap. IV, §. 4), so kann man mit Bestimmtheit Folgendes be- 
haupten. Am häufigsten wird der Selbstmord geübt von den 
Germanen, seltener von den Romanen und am seltensten von 
den Slaven; unter den Germanen ragen die Dänen und die 
Deutschen, unter den Bomanen die Franzosen, und unter 
den Slaven die G zechen und Polen hervor. Häufig kommt 
das Uebel vor bei den Dänen, Deutschen, Franzosen und 
Oesterreichern, selten bei den Spaniern, Portugiesen, 
Südslaven, Irländern und Schotten; mittelmässig stark in 
England, Schweden, Norwegen und in den Vereinigten 
Staaten. ^) 



*) Ueber dieses wichtige Gesetz v. Cap. V, 1, §. 2. 
3) Die statistischen Daten sind im Einzelnen vielfach mangelhaft. Aus 
Oester reich fehlen uns genaue Angaben über die Nationalität, weil die 



— 47 — 

Von den übrigen Nationen sind die Juden wegen ihrer 
geringen Selbstmordfrequenz hervorzuheben ; gross ist sie bei den 
Indiern, Japanesen und Chinesen. 

üeber Mischlinge der versciliedenen Nationen fehlen be- 
greif lieber Weise die Angaben. Man behauptet, dass Mischlinge 
tüchtiger sind als die reinen Nationalitäten, und weist in dieser 
Hinsicht gewöhnlich auf die Engländer, Norddeutschen und Andere 
hin, und BrierredeBoismont empfiehlt die Kreuzung geradezu 
als Mittel gegen die zunehmende Selbstmordneigung an. Gewiss 
gibt es in Europa fast gar keine grössere Nation, welche nicht 
mit anderen vermischt wäre; aber nicht alle durch Mischung 
entstandenen Völker müssen kräftig und lebensfähig werden und 
umgekehrt ist nicht einzusehen, warum unvermischte Völker 
— z. B. die Juden! — nicht lebenskräftig sein sollten: das 



ofßciellen Angaben nur landerweise gesammelt werden; so z. B. wissen wir 
nichts Positives über das Yerhaltniss der Slaven und Deutschen in Böhmen, 
Mähren u. ähnl. Auch aus Deutschland sind die Daten ungenau, weil 
die Berechnungen der slavischen, französischen und dänischen Bevölkerungs- 
minoritäten auch nur nach den Provinzen zu ersehen sind. Die hohe Selbst- 
mordfrequenz Sachsens fiel schon Ossiander auf, und dass sie in den 
Bheingegenden geringer ist als in den übrigen preussischen Provinzen, 
constatirte schon Casper. 

Sehr verlässlich sind die officiellen französischen Daten; jedoch 
wird der Unterschied der keltischen, germanischen und der übrigen Stämme 
auch hier übersehen. Belgiens Statistiker vernachlässigten den flämischen 
Volksstamm. 

Aus England sind die Daten in dieser Hinsicht sehr mangelhaft, 
weil der Unterschied der Nationalitäten — nach Einigen 4, nach Einigen 
sogar 6 — vernachlässigt wird. Man glaubte ehedem, dass die Engländer 
die meisten Selbstmörder und Geisteskranken aufweisen, allein schon Burrow 
(Inquiry int. certain errors relative to insanity 1820) hat die Unhaltbarkeit 
dieser Ansicht nachgewiesen. 

Gut sind die Daten aus Italien; fast keine Daten besitzen wir aber 
aus Spanien und Portugal; ebenso mangelhaft sind die Berichte aus den 
Vereinigten Staaten. (In Spanien war 1847 der Selbstmord fast un- 
bekannt ; Ford, Handbook f or Spain, p. 337 ; in Amerika, sagt Tocqueville, 
ist er selten, die Geisteskrankheit häufig.) 

Für Bussland haben wir gar keine genauen Angaben; nicht selten 
liest man aber gerade in neuester Zeit von vielen Selbstmorden, zumal unter 
den gebildeten Classen. Aus der Türkei und der Balkanhalbinsel überhaupt 
mangeln die Berichte gänzlich. 



— 48 — 

wird eben von den Völkern abhängen, welche sich vermischen, 
und auch von anderen Umständen, welche genauer zu er- 
örtern, Sache einer wissenschaftlichen Ethnographie und An- 
thropologie wäre. 

Interessant ist es, die Wirkung des Aufgebens der eigenen 
Nationalität, mit und ohne Vermischung, zu beobachten. Sehr 
Viele geben ihre Nationalität aus niederen und unsittlichen 
Motiven auf, und es entsteht dann jene ganz eigenthümliche 
Halbheit, wie wir sie in vielen Ländern Oesterreichs, zumal in 
Böhmen, Mähren und Ungarn, bemerken können, und die ganz 
gewiss der Entstehung und Verbreitung der Selbstmordneigung 
günstig ist. — 

Im Ganzen darf man die Wirkung der Nationalität nicht 
überschätzen. Es ist unglaublich, aber wahr: trotzdem die Na- 
tionalität in der Gegenwart überall eine so «grosse Eolle spielt, 
besitzen wir noch gar keine wissenschaftliche Definition und Unter- 
suchung über das Wesen derselben (und der Eace). Darum 
ist es so schwer, über den Gegenstand abzuurtheilen. Für uns 
muss daher folgende Ueberlegung genügen: Die Selbstmordneigung 
ist unter demselben Volke bald grösser, bald geringer, je nach 
der Eeligion, dem Bildungsgrad, dem Wohnort (Stadt, Land), der 
Jahreszeit — kurz nach allen individuellen, socialen und natür- 
lichen Verhältnissen; die Selbstmordneigung nimmt ferner bei 
allen (civilisirten) Völkern fortwährend zu. Daraus folgt, dass 
die nationalen Eigenthümlichkeiten nur einen schwachen dispo- 
nirenden Einfluss auf die Entwickelung der Selbstmordneigung 
ausüben, sofern man eben unter Nationalität nur die physischen 
und psychischen Grundeigenthümlichkeiten, nicht aber Bildung, 
Sitte, und überhaupt den Gesammtzustand eines Volkes in der 
Gegenwart versteht. Die Nationalität ist uns aber die physische 
und psychische Grundeigenthümlicbkeit, wie sie jedes Individuum 
hat, en masse betrachtet. 

Dasselbe gilt in noch höherem Maasse von der Eace. 

§. 3. Verfassung. Jede Eegierung hat einen überaus grossen 
Wirkungskreis, ihre directe und indirecte Macht ist sehr gross; 
daher kann sie den Menschen jedes erdenkliche Uebel zufügen, 
wenn sie schlecht ist, und selbst eine gute Eegierung kann 
viele Uebel bereiten. Jede Eegierung kann, direct und indirect. 



-~ 49 — 

eine bald grössere, bald geringere Unzufriedenheit hervorrufen, 
die sich dann unter gewissen Umständen bis zum Lebensüber- 
drusse steigern kann. Die Pflege der Justiz, die Verwaltung 
und Polizei, die Besteuerung und Finanzgebahrung u. s. w. ver- 
mögen, wenn sie schlecht sind, die Lebenshaltung der Staats- 
angehörigen völlig zu untergraben und derart direct und in- 
direct zu der Entstehung und Verbreitung der Selbstmordneigung 
beizutragen. 

Wir finden die Selbstmordneigung bei den Völkern mit 
den verschiedenstenEegierungsformen; im Ganzen ist sie 
aber grösser in freieren, geringer in unfreieren Staaten. 
Win slow meint, dass der Selbstmord in Eepubliken häufiger sei, 
weil dort die Phantasie in Folge der allgemeinen Gleichheit an- 
geregt werde, wodurch ein allgemeines Streben nach Neuerung 
entstehe, während in Despotien jeder auf seinem ihm angewiesenen 
Platze bleibe und gehorche. Was speciell die Eepräsentativ- 
regierungen anbelangt, so muss man bedenken, dass die Ee- 
gierungsorgane zum grössten Theile gewählt werden, und dass 
sich daher nicht annehmen lasse, dass auf die Dauer der Zeit 
ein schlechterer und unklugerer Eegierungsorganismus gewählt 
würde, als das Volk im Durchschnitte selbst gut und klug ist. 
Es können eine Zeit lang Störungen eintreten ; aber eine dauernde 
Missregierung, wenn es eine in Europa gibt, deutet auf eine Cor- 
ruption und Unwissenheit der ganzen Gesellschaft. Im socialen 
Leben besteht ein inniger Consensus aller Individuen, ein reges 
Wechselwirken aller Theile ; die Gebrechen der Gesellschaft sind 
die Gebrechen der Eegierung; daher haben überhaupt an der 
herrschenden Selbstmordneigung die Eegierungen der betreffenden 
Staaten wohl im Ganzen nicht mehr und nicht weniger Schuld 
als die Gesellschaft überhaupt. 

§. 4. Politische Krisen, Revolutionen, Agitationen. Eine 

politisch erregte Gesellschaft hat unter Umständen eine grosse 
Neigung zum Lebensüberdruss. So z. B. kann eine plötzlich ein- 
geführte Tyrannie viele Staatsbürger zum Selbstmord bringen; 
umgekehrt kann da, wo plötzlich und unvorbereitet eine zu freie 
Eegierungsform eingeführt wird, die Selbstmordfrequenz ebenfalls 
steigen. Politische Krisen untergraben die Ordnung und Sicher- 
heit, ruiniren die wirthschaftliche Basis und entfachen die Leiden- 

Masaryk. Der Selbstmord. 4 



— 50 — 

Schäften und die TJnsittlichkeit , so dass sie naturgemäss Viele 
zum Selbstmord bringen. ') 

Zu Zeiten von Eevolutionen, glauben Viele, werden wenig 
Selbstmorde verübt. Ich glaube es auch, obwohl man einwenden 
könnte, dass in solchen Zeiten unverlässliche Zählungen gemacht 
werden. Die Aufmerksamkeit wird auf ganz neue Bahnen gelenkt, 
und der Lebensüberdruss quasi in eine andere Form gepresst; 
um die Freiheitskämpfer schaaren sich alle Unzufriedenen und 
es finden Viele den Tod, den sie sich sonst selbst gegeben 
hätten. So betrachtet, erscheint die Eevolution als ein indirecter 
Massenselbstmord, als eine Art gewaltsamer Reinigung vom Lebens- 
überdruss. 

Auch will man beobachtet haben, dass in Eevolutionen die 
Zahl der Geisteskranken nicht steigt.'^)* 

Die allgemeine Aufregung und Nervosität der Eevolution 
vererbt sich selbstverständlich auf die Nachkommen, wodurch 
dann eine ganze Generation für die Selbstmordneigung empßlng- 
licher wird. Jedenfalls hat die grosse Eevolution des vorigen 
Jahrhunderts in diesem Sinne gewii'kt, wie denn seit jener Zeit 
die politische Aufregung in keinem europäischen Lande ge- 
schwunden ist. ^) 

Ungünstig wirkt natürlich jegliche Agitation, weil sie die 
Menschen aufregt und derart zum Lebensüberdruss disponirt. 
Zumal die politische Agitation ist verderblich, da sie oft 



') Des Etang, Du suicide politique en France depuis 1789 jusqu'ä 
nos jours, 1860. In Paris gab es einen Selbstmordverein, welcher seinen 
Mitgliedern die zu wählende Todesart vorschrieb. Einen ähnlichen Club 
gab es in Berlin und schon in Egypten in den unruhigen Zeiten der 
Cleopatra. 

2) Von den 76 Vorsitzenden des Pariser Convents gaben sich 3 den Tod, 
4 wurden geisteskrank, 18 kamen auf die Guillotine, fast alle fanden ein 
trauriges Ende. Descuret, La medicine des passions, 1841, p. 584. 

3) Man hat in Frankreich beobachtet, dass die Bevölkerung, welche 
1791—1811 geboren wurde, eine relativ grössere Criminalität aufwies als die 
jüngere Generation. 

Ferner ist bekannt, dass die Revolution von 1848 Europa mit Bastarden 
überschwemmte. 



— 51 — 

eine Exaltation erzeugt, welche direct und indirect zum Selbst- 
morde führt. ^) 

Winslow schreibt den Socialisten einen Theil der Schuld 
an der Verbreitung der Selbstmordneigung zu. 

§. 5. Krieg. Der Krieg, zumal ein grösserer, wirkt momentan 
günstig dadurch, dass die Aufmerksamkeit allgemein auf andere 
Objecto gelenkt wird; aber er wirkt sehr ungünstig durch seine 
Folgen. Das Volk verarmt, wird physisch und psychisch ge- 
schwächt und demoralisirt , und erföhrt so viel Leid, dass die 
Wirkung sowohl eines glücklichen als unglücklichen Krieges in 
dieser Hinsicht gleich ungünstig ist. Ein Blick auf die Tabellen 
(Cap. IV, §. 4) zeigt, wie in der That während aller grösseren 
Ejriege die Selbstmordfrequenz gegen die Vorjahre geringer wird, 
aber nach dem Kriege in vielen Fällen verhältnissmässig wieder 
rasch und stark steigt. ^) 

§. 6. Militarismus. Das Militär weist in allen Ländern 
eine grössere Selbstmordneigung auf als die Civilisten. So kommen 



^) Wie in den letzten Jahren das politische Leben bei uns überall 
reger und aufgeregter wurde, davon gibt folgende Tabelle eine Idee: 

In den im Eeichsrathe veHretenen Ländern wurden Zeitungsblätter 

abgestempelt : 

1860 1870 

Unterösterreich 30,851.210 54,189.034 

Oberösterreich 533.177 1,486.340 

Salzburg 65.457 118.441 

Steiermark 2,156.391 4,464.985 

K&rnten 2.000 109.264 

Erain 91.500 427.880 

Küstenland 1,393.571 1,364.074 

Tirol, Vorarlberg 876.000 1,791.234 

Dalmatien — 149.600 

Böhmen (!) 3,916.324 12,119.565 

Mähren 1,110.098 2,431.223 

Schlesien 94.057 165.407 

Galizicn 1,082.131 2,569.790 

Bukowina 3.539 

42,075.485 81,383.857 

In Ungarn erschienen vor 100 Jahren nur zwei (deutsche) Zeitungen ; 
1850 erschienen nur 3 politische Blätter, 1860 6 Tages- und 6 politische 
Wochenblätter, 1870 schon 10 und 28, 1871 14 und 37. 

2) Ueber die Degenerirung durch Kriege und Militarismus überhaupt 
V. Häckel, Natürl. Schöpfungsgesch. 1874, p. 153 squ. 

4* 



— 52 — 



nach Wagner auf 100 männliche Civilisten militärische Selbst- 
mörder in 

Oesterreich 1851-1857 

Schweden 1851—1855 

Preussen 1849 

Frankreich 1856—1860 

Wtirtemberg 1846—1850 

Sachsen 1847—1858 

Dänemark 1845—1856 



643 
423 
293 
253 
192 
177 
(98?) 



Neuere Angaben für 1862 — 1871 lauten: 

Auf 1000 Mann 



England . 
Belgien . . 
Frankreich 
Preussen . 
Oesterreich 



» 



1870 



0-379 

0-45 

0-49 

0-64 

0-85 

0-95 



Oesterreich 1871 
1872 
1873 
1874 

1875 
1876 



Auf 1000 Mann 

0-82 
0-90 
0-82 
0-96 
114 
1-28 «) 



Absolute Angaben über den Selbstmord im Verpflegs- 
s tan de sind folgende: 

Oesterreich 

.... 147 



1867 
1868 
1869 
1870 
1871 
1872 
1873 
1874 
1875 
1876 



131 
229 
243 
199 
213 
197 
242 
292 
330 



Preussen 
103 
155 
160 
171 j 
105 I 
138 
200 



(Eriegsjahre!) 



Von den Oesterreichern waren 

1874 geboren 69*4 % Cisleithanien, 302 % Transleithanien 

1875 „ 66-40/0 „ 33-3% 



Der Truppengattung nach liefert die Infanterie, Cavallerie 
und Gendarmerie ein grösseres Contingent als die Artillerie, das 
Genie- und Pionniercorps. 2) 



*) Die österr. Militärstatistik v. Schimmer, Biotik der k. k. österr, 
Armee im Frieden, 1863; neuere Daten finden sich im Militär.-statist. Jahrb. 
Yon 1870 ab. 

2) Bei uns war 1870 — 1875 das Verhaltniss des durchschnittlichen 
Truppenstandes in % folgendes: 



— 53 — 

Dem Range nach liefern die Unter- und Oberofficiere relativ 
ein höheres Contingent als die Nichtchargirten. *) 

Bedeutend ist beim Militär die Zahl der Selbstmord- 
versuche; so gab es in Oesterreich: 

1870 39 1873 67 

1871 38 1874 63 

1872 38 1875 64 

Zu beachten ist, dass auch an den Selbstmordversuchen 
die nichtchargirte Mannschaft weniger betheiligt ist. 

Im Kriege ist der Selbstmord beim Militär selten. 2) 

Was ist die Ursache der so grossen Selbstmordneigung des 
MiUtärs? 

Die Natur kann auf das Militär in einem Staate, wie 
Oesterreich, wo so verschiedene Climate sich vorfinden, ungünstig 
wirken, wenn die Soldaten in fremdes, ungewohntes Clima ge- 
bracht werden ; aber auch Staaten wie Sachsen und andere, welche 
ein gleichförmigeres Clima haben, weisen eine gi*osse Selbstmord- 
frequenz des Militärs auf, und man kann daher mit Sicherheit 
behaupten, dass die Natureinfiüsse im Ganzen und Grossen für 
das Militär nicht ungünstiger sind als für die Givilisten. Sollte 
das Clima dennoch ungünstiger wirken, so sind dafür andere 





Abflolnte Unien- 


Fahr- Ca- 


Orens* Ar- Pion« 


Oenie- 


SaniUta- 


Jmhr 


Zulil ^■«•' Infknterie 


wesen ralleri« 


Infanterie tlllerie nicre 


trappen 


corp« 


1870 


248 1-42 1-87 


0-78 0-69 


0-64 0-38 0-38 


0-21 


— 


1871 


199 1-27 1-09 


0-44 0*75 


— 034 — 


0-17 


— 


1872 


213 1-04 0-97 


— 1-21 


0-34 0-59 — 


015 


— 


1878 


197 0-96 0-89 


0-98 116 


— 0-38 — 


— 


0-66 


1874 


242 — 108 


1-93 1-28 


— — 106 


— 


— 


1875 


292 — — 


— — 


— — _ 


— 


— 




Oesterlen, Handb. d. med. Stat. 1865, p. 734. 








In Oesterreich kamen auf 1000 Mann: 








Jahr Stebsofficiere Dntwoflioier« ÜADiiMhaft 








1870 


1-3S% 2-91 •/• 0-71 »/o 








1871 


169 „ 1-36 , 0-69 « 








Von 242 Selbstmördern waren 


1874: 27 Officiere, 












84 ünterofficiere, 










131 Soldaten. 








n 292 


n 


1875: 18 Officiere, 












89 ünterofficiere. 










185 Soldaten. 







*) Oesterlen L c. p. 851. 



— 54 — 

Verhältnisse für das Militär günstiger; zum Militärdienst werden 
die tüchtigsten, kräftigsten, geistig und körperlich gesundesten 
jungen Männer genommen; der Soldat hat keine Sorge um 
Nahrung, Kleidung, Obdach, er geniesst eine gute ärztliche 
Pflege im Falle einer Krankheit; der Militärdienst, versichert 
man nns, bildet und kräftigt — woher also die gi'osse Selbst- 
mordneigung? 

Viele junge Soldaten haben Heimweh und überdies hassen 
die meisten den Militärdienst, der sie aus ihren gewohnten Ver- 
hältnissen ganz herausreisst und in ungewohnte Umstände versetzt. 
Daher kommt es, dass die meisten Selbstmorde von jungen, nicht 
älteren Berufssoldaten geübt werden; die Jahre von 20 — 24 sind 
die gefährlichsten, ') und die Furcht vor Strafe ist eine häufige Ur- 
sache des Selbstmordes. Die Trunksucht und vielleicht die Geistes- 
krankheit wirken beim Militär verhältnissmässig ungünstiger als 
beim Civil; 2) ungünstig wirken die schweren Strapazen und in 
manchen Ländern die ungenügende Ernährung. ^) Das Militär 
ist schliesslich unsittlicher als die Civilisten, und darauf kommt 
es vornehmlich an: es ist der „militärische Geist", der die grosse 
Selbstmordneigung des Militärs verursacht. Man sieht nur auf 
das Aeussere, nicht auf die innere Gediegenheit des Charakters ; 
der Ehrgeiz und der Gehorsam sind die einzige Tugend, man 
verlangt und verbreitet Kenntnisse, aber keine Sittlichkeit. Die 
Kaserne wirkt wie das Gefangniss ungünstig, nur nimmt dieses 



^) Der Hass gegen den Militärdienst zeigt sich auch an den zahl- 
reichen Selbstverstümmelungen, welche am meisten von den Nicht- 
chargirten geübt werden. In Oesterreich gab es bei der Truppe Selbst- 



Verstümmelungen : 








1870 . . . 


• . • 66 


1873 . . . 


... a/A 


1871 . . . 


... 54 


1874 . . . 


... 82 


1872 . . . 


... 43 


1875 . . . 


... 70 



2) Ueber die hohe Ziffer von Geisteskranken beim Militär, v. Kraus, 
Hygiene p. 932 ; cf. III. Hauptst., §. 5, Nr. 15. 

^) Die Mortalität des Militärs ist grösser als die des Civils ; man muss 
sich aber daran erinnern, dass beim Militär nur Männer gerechnet werden, 
die an und für sich eine grössere Sterblichkeit aufweisen als die Frauen — 
freilich sind es wiederum kräftige und gesunde Männer. Andererseits werden 
im Civile die Kinder mitgerechnet, welche eine sehr grosse Sterblichkeit 
aufweisen. 



— 55 — 

Unsittliche auf, jene macht sie; da und dort ist die Selbstmord- 
neigung gleich gross. ^) 

Von diesem Standpunkte betrachtet, erscheint die allge- 
meine Wehrpflicht verderblich, weil eben alle tüchtigen Männer 
der entsittlichenden Atmosphäre des Militarismus längere Zeit 
ausgesetzt werden; die Statistik zeigt uns aber, dass schon 
gegenwärtig fast das Maximum der Wehrkraft erreicht und ver- 
braucht wird. Es ist daher nicht zußlllig, dass viele grosse 
Militärstaaten — Deutschland, Frankreich, Oesterreich — eine 
grosse Selbstmordfrequenz aufweisen, während z. B. England, die 



^) üeber die Sittlichkeit des Militärs, v. Kolb, Statistik p. 843. — 
Wagner macht mit Hecht darauf aufmerksam, dass die absolute Selbst- 
mordfreqnenz unter den Soldaten verschiedener Staaten auf eine beim Militär 
allgemein wirkende Ursache — er meint die Beschwerde des Militärdienstes — 
hinweise. 

Motive der Selbstmorde unter Civil und Militär in Oesterreich und Sachsen 

(in Permille) nach Schimmer und Wagner: 

Oeaterreioh Sachten 

Civil Armee Civil Annee 

Geisteskrankheit 447 430 367 148 

LebensHberdrnss, Kummer, Krankheit, unglückliche Liebe. 288 349 196 154 

Noth und Schulden 114 52 138 20 

Misshandlung und Streit 38 6 86 114 

Trunksucht 82 23 125 168 

Verbrechen, Furcht vor Strafe 81 140 138 396 

In der östen-eichischen Truppe allein seit 1870—1875 in ^ o (soweit die Motive 

bekannt wurden = 47%): 

ünachen 1870 1871 187S 1878 1874 1876 

Furcht vor Strafe 17 13 12 19 41 F&lle 61 Fälle 

Irrsinn oder Geisteskrankheit überhaupt .6 8 6 7 24^9,, 
Schulden, sonstige zerrüttete pecuni&re 

Verhältnisse 5 5 6 6 20 „ 14 „ 

Unlust zum Dienen 4 6 5 7 5^ 30 ^ 

Liebesgram 4 2 4 7 10 „ 13 ^ 

Lebensüberdruss 4 4 5 6 18 « 16 ^ 

Heimweh, Trunksucht, zerrüttete Familien- 
▼erhältnisse, unheilbare Krankheit, ge- 
kränkter Ehrgeiz 7 — — — — „ — „ 

Unheilbare Krankheit — 4 — — 5„ 1, 

Heimweh — 3 — — 2„ 5„ 

Zerrüttete Familienverhältnisse — 1 — — 2» 9» 

Gekränkter Ehrgeiz — 1 — — 3„ 8„ 

Trunksucht — 0-5 — — 4 ^ — „ 

Aberglaube u. s. w — — . — 8 — „ — , 



— 56 — 

Vereinigten Staaten und andere weder viel Militär, noch eine grosse 
Selbstmordfrequenz haben. ^) 

§. 7. Eesumö. Die politischen Verhältnisse wirken auf die 
Entstehung und Verbreitung der Selbstmordneigung zumeist nur 
disponirend, wenige determinirend ; die Wirkung ist aber nicht 
stark genug, um die Intensität und Grösse des Uebels zu er- 
klären. Die politischen Verhältnisse, sofern sie socialer Natur 
sind, sind eigentlich das Ergebniss gewisser socialer Kräfte, welche 
tiefer liegen und zugleich die Entstehung der Selbstmordneigung 
und mancher politischen Institutionen reguliren; in gewissem Grade 
sind Selbstmordneigung und politische Verhältnisse Functionen 
desselben socialen Zustandes. 



IV. Theil. 
Wiriißchaftliche Verhältnisse, 

§. 1. Zerrüttete Vermögensverhältnisse, Noth, Elend; 

Armuth, Reichthum. Um leben zu wollen, muss der Mensch 
seine Bedürfnisse befriedigen können; vermag er das nicht, so 
verliert für ihn das Leben seinen Werth; der Mensch wird un- 
zufrieden und unglücklich und sucht schliesslich freiwillig den 
Tod. Selbstverständlich kommt es dabei auf den Maassstab an, 
der an die Mittel der Befriedigung angelegt wird, da das Be- 
dürfniss .allein nicht der richtige Maassstab sein kann ; es handelt 
sich um den Werth, welchen unser Verstand und unser Sitt- 
lichkeitsgefühl den (wirthschaftlichen) Gütern zuerkennt. 

Einige Befriedigungsmittel sind zur Erhaltung des nacktea 
Lebens absolut nothwendig; aber die Mehrzahl der Güter, welche 



') Mit den Daten über die Zunahme der Selbstmordneigung vergleiche 

man folgende Zusammenstellung über die rasche Vergrösserung der Militär- 
massen in der letzten Zeit: 

1859 1874 

Qesammtmaue Oflfenslvarmee Oesammtmaase Offensivarmee 

Oesterreich 634.400 443.800 856.980 452.450 

Dentschland 836.800 483.700 1,261.160 710.130 

Bassland (europ.) .... 1,134.200 604.100 1,401.510 665.890 

Frankreich 640.500 438.000 977.600 525.700 

Italien 317.650 156.450 605.200 322.000 

Schweden, Norwegen . . 134.900 46.300 204.510 54.910 



— 57 — 

der civilisirte Mensch braucht, sind ursprünglich nicht absolut 
nothwendig, sondern werden es erst im Laufe der Zeit durch die 
Gewohnheit. ') - Von diesen Gütern entsprechen einige wahren 
und sittlichen Bedürfnissen, einige wiederum sind eingebildet, 
sei es, dass Bedürfnisse nicht erkannt oder falsche vorausgesetzt, 
oder dass den Gütern falsche Eigenschaften zugeschrieben werden, 
oder schliesslich, dass sich die Unkenntniss sowohl auf die Güter 
als auch Bedürfnisse zugleich bezieht. 

Die Nichtbefriedigung der Bedürfnisse macht un- 
zufrieden, unglücklich und lebensüberdrüssig. Werden die zur 
Erhaltung des Lebens nothwendigen Bedürfnisse nicht befriedigt, 
so schwindet die Lebenskraft, und wir wissen zu gut, welch' 
trauriges Bild der Pauperismus gewährt; seine mittlere Lebens- 
dauer ist geringer als die der versorgteren Classen, seine Mor- 
bilität und Mortalität ist grösser, und seine Unsittlichkeit ist ge- 
radezu erschreckend ; den Einen rafft der Hungertod hinweg, der 
Andere kommt ihm zuvor und gibt sich selbst den Tod. Das Elend 
disponirt und determinirt häufig zum Selbstmorde. *^) Aber auch 
die Nichtbefriedigung der nicht absolut nothwendigen Bedürf- 
nisse führt zum Lebensüberdruss und Selbstmord, und in dieser 
Hinsicht ist dann der Reiche, Wohlhabende und Aermere dem 
Elenden gleichgestellt; denn da die Begriffe über die Lebenshaltung 
(Standard of life) relativ sind, so wirkt für die Entstehung 
der Selbstmordneigung eine eingebildete Noth nicht 
anders als eine factisch bestehende, beruhe die Einbildung 
auf einem In-thum des Verstandes oder auf moralischer UnvoU- 
kommenheit. So z. B. waren die Franzosen am Ende der Re- 
gierung Ludwig XIV. sehr verarmt, während sie gegenwärtig 
wegen ihres Reichthums allgemein beneidet werden, und doch 
war unter ihnen der Selbstmord damals selten, jetzt aber ist er 



^) Tucker steigert: necessaries, comforts and conveniences of the 
respectiye conditions, elegancies and refinements, grand and magnificent; 
Boisguilbert: necessaire, commode, delicat, superflu, magnifique. 

2) Anstatt der üblichen Declamationen über „Armuth" lese man die 
gründliche Arbeit von Drysdale: Ueber die Sterblichkeit Reicher und 
Armer (nach einem Vortrage, gehalten in der Londoner medicin. Gesellsch., 
1879, 27. Oct., Memorahilien 1880. 2.) : in England und Wales allein zerstört 
die Armuth jährlich 142>130 Lehen. 



- 58 - 

äusserst häufig. •) Es kommt eben auf die Werthschätzung an, 
und die ändert sich mit der Zeit; bei ganz denselben Mitteln 
der Befriedigung kann sich Zufriedenheit und Unzufriedenheit 
mit dem Leben einstellen, je nachdem sich der Maassstab der 
Werthschätzung geändert hat. 

§. 2. Die statistischen Ausweise geben etwa bei 20 — 30 % 
der Selbstmorde der Unzufriedenheit mit den Vermögensverhält- 
nissen die Schuld, und es erscheinen daher die ungünstigen 
wirthschaftlichen Verhältnisse als eine mächtige Ursache der 
hohen Selbstmordfrequenz. 

Entschieden ungünstig, disponirend und determinirend, wirkt 
das Elend; es versetzt den, der ihm anheimföUt, in einen patho- 
logischen, psychosen Zustand, und der Selbstmord erscheint dann 
als das Endglied einer langen Kette von unbeschreiblichen Trüb- 
salen. Die verheerenden Wirkungen des Pauperismus kommen 
zumeist in den Grossstädten und in Industriebezirken vor; nicht 
nur unter „Arbeitern", sondern auch in den „besseren" Classen 
der Bevölkerung, Beamten und ähnlichen. 

Die Armuth lässt sich mit Anstand ertragen, wenn der 
Mensch vernünftig ist und sich nicht an dem Eeichen ein Bei- 
spiel nimmt; heute geschieht es nur zu häufig, dass sich der 
Arme nicht einschränken will, dann aber verfällt er in solche 
Verhältnisse, aus denen ihn gewöhnlich nur noch der Tod 
retten kann. 

Die Reichen verüben auch sehr viele Selbstmorde, so dass 
wir sagen können, dass mit Ausnahme der Elenden keine wirth- 
schaftliche Lage an und für sich günstig oder ungünstig wirke; 
der Mittelstand dürfte, wie überall so auch hier, von allen der 
beste sein. 

§. 3. Ganz besonders ungünstig wirken ungewohnte Ver- 
änderungen der wirthschaftlichen Lage, und zwar vor- 
nehmlich die ungünstige Aenderung, obschon auch die günstige 
nicht jeden Menschen glücklich macht. 



') Nach Vauban's Berechnung (Dirne royale p. 34) musste Vio des 
ganzen Volkes betteln, 7io standen dem Elend sehr nahe, 3/^^ hatten sehr 
wenig, und nur der Rest (Vio) hesass irgend ein Veimögen; heute leben da- 
gegen in dem Milliardenlande Q^Iq der Bevölkerung von Beuten. 



— 59 — 

Aber nicht jede ungünstige Vermögensänderung wirkt gleich 
stark. Ein schlechtes Ernteergebniss z. B. verursacht im 
Allgemeinen keine allzu grosse Perturbation. Der Landmann, 
der der Erste getroffen wird, ist gewohnt, ab und zu eine Miss- 
ernte zu erwarten ; die übrigen Geschäftsleute, welche in zweiter 
Linie getroffen werden, vertrösten sich ebenfalls, weil der Schlag 
nicht plötzlich und unerwartet kommt, und weil er nicht einen 
Einzigen oder Wenige, sondern Alle trifft, und getheiltes Unglück 
ist nur halbes oder gar kein Unglück. Unter Umständen kann 
freilich auch eine Missernte ungünstig wirken. Entschieden un- 
günstig wirkt aber jede plötzliche, unerwartete nud unge- 
wohnte Zerrüttung der Vermögensverhältnisse, weil in 
den meisten Fällen die intellectuelle und moralische Bildung das 
Unglück nicht zu tragen vermag ; ganz besonders ungünstig wirkt 
aber der Vermögensverlust dann, wenn nur Wenige getroffen 
werden. Derart wirkte z.B. die grosse Krise von 1873; während 
z. B. in Wien 1869—1873 zerrüttete Vermögens Verhältnisse 13-8 7o 
aller Selbstmorde verursachten, gab es 1874 — 1879 aus dem- 
selben Grunde 16*6 %. ^) Die Krise kann natürlich sehr intensiv 
und dauernd sein und derart längere Zeit ungünstig wirken, wie 
denn Laveleye den Krach von 1873 sogar für eine definitive 
Krise ansieht, "welche zu einer besseren Art und Weise der Spe- 
culation und Production führen werde. 

So wie alle Krisen, wirkt jegliche unsichere Speculation 
ungünstig; Spielern von Fach ist Verlust oder Gewinn gleich- 
bedeutend mit Tod oder Leben, und man will bemerkt haben, dass 
die Selbstmordziffer häufig nach Lotterieziehungen steigt. 

§. 4. Wollte man die statistischen Angaben über die 
Selbstmordfrequenz der verschiedenen Nationen mit 
ihren entsprechenden Vermögens Verhältnissen verglei- 
chen, so käme man, dem Gesagten zufolge, auch im Grossen zu 
keinem allgemein giltigen Gesetze. So z. B. ergäbe die Com- 
bination der Selbstmorddaten mit den Angaben über Staats- 
schulden gar kein Kesultat; Spanien hat die grössten Staats- 
schulden und eine sehr geringe, Dänemark geringe Staatsschulden 
und eine sehr grosse Selbstmordfrequenz u. s. w. Es kommt eben 



V. TabeUe, Cap. IV, §. 4. 



— 60 — 

auf die Art und Weise an, auf welche die Schulden entstanden 
sind; neben den Staatsschulden muss aber der Volksreich thum 
und Anderes berücksichtigt werden. Auch der Keichthum 
der Städtebevölkerung und Anderes führt zu keinem posi- 
tiven Eesultate. *) 

Grösser wird die üebereinstimmung, wenn man die Ver- 
kehrsmittel betrachtet; denn da lässt sich sagen, dass bis zu 
einem gewissen Grade die Selbstmordneigung in jenen Ländern 
relativ höher ist, wo der Verkehr lebhafter ist; also je mehr Eisen- 
bahnen, Telegraphen, Posten, Zeitungen, Briefe u. s. w. 
ein Land aufweist, um so höher ist seine Selbstmordneigung. 
Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Verkehrsmittel 
nicht nur dem wirthsohaftlichen Verkehr, sondern vielmehr dem 
Verkehr überhaupt, dem Ideenaustausch dienen, und gerade in 
letzterer Hinsicht für die Entstehung der Selbstmordneigung von 
hohem Belange sind. 2) 



') Spanien hat sehr ai^me Städte, England sehr reiche; dann 
kommen der Keihe nach Deutschland, Prankreich, Italien und 
Oesterreich. 

2) Eisenbahnen Ende 1877: 

Auf 10.000 KInwobner Auf 10.000 Binwohner 

Vereinigte Staaten .... 32*9 km. Oesterreich 4*8 km. 

Schweden 10*8 Norwegen 4*4 

Schweiz 9*3 Spanien 3*7 

England 8*1 Italien 2*9 

Dänemark ......... 7*6 Rassland 2*8 

Deutschland 7*1 Knmänien 2*4 

Belgien 6*8 Portugal 2*3 

Frankreich 6*3 Türkei 1*6 

Niederlande 4*8 Griechenland 0*08 

Eine Telegraphenstation kam 1876 in 

Schweiz anf 2.519 Einwohner. Niederlande anf 11.371 Einwohner. 

England „ 6.254 „ Italien , 15.839 ^ 

Schweden „ 6.980 ^ Transleithanien ...» 17.025 » 

Deutschland „ 7.015 » Griechenland „ 21.968 „ 

Frankreich „ 8.300 „ Türkei „ 22.522 „ 

Danemark « 8.420 „ Portugal „ 29.878 , 

Belgien ........ , 8.814 „ Bum&nien „ 31.314 , 

Norwegen ....... « 9.152 , Russland „ 43.973 „ 

Cisleithanien „ 9.260 , Spanien , 60.000 » 

Beim Telegraphen kommt es darauf an, ob er vorwiegend vom Publi- 
cum gebraucht wird, wie z. B. in der Schweiz, oder von der Regierung, wie 
in Russland u. s. f. 

üeber Postwesen und Aehnliches v. V. Theil, §. 2. 



— 61 — 

§. 5. Die Art der Arbeit, des Erwerbes und Geschäftes 
disponirt in gewissem Grade zum Lebensüberdruss ; wir haben 
darüber schon beim Beruf geurtheilt. Die ackerbautreibende 
Landbevölkerung weist eine geringere Selbstmordfrequenz auf 
als die gewerbliche und städtische. Doch kommt es dabei 
nicht so sehr auf die Art der Arbeit selbst an, als vielmehr auf 
die mit und aus ihr entspringenden anderen Verhältnisse, in denen 
sich der Mensch befindet, vornehmlich auf die intellectuelle und 
moralische Widerstandskraft, welche der Mensch in verschieden 
ökonomischen Verhältnissen braucht. Nicht das Gewerbe und 
die Industrie sind an und für sich ungünstiger als der Ackerbau, 
sondern die ganze Lebensweise da und dort, die socialen Ver- 
hältnisse, wie sie sich mit und zum Theil aus den wirthschaft- 
lichen Verhältnissen entwickeln. Darum hat Wagner Recht, 
wenn er den vorwaltenden wirthschaftlichen Charakter 
eines Landes (Gegend, Ortes) für die relativ höhere Selbstmord- 
frequenz nicht verantwortlich macht; so z. B. weist das industriöse 
und gewerbtreibende England eine geringere Selbstmordfrequenz 
auf als Frankreich und Oesterreich, wo doch der Ackerbau be- 
deutend mehr gepflegt wird als dort. 

§. 6. Allgemein wird von den Theoretikern behauptet, dass 
die Gesellschaft wirthschaftlich fortschreite, dass die Völker reicher 
werden ; die Statistik zeigt aber, dass dieselben Völker von Jahi* 
zu Jahr eine höhere Selbstmordfrequenz aufweisen : ist es, fragen 
wir uns, nicht wahr, dass wir wirthschaftlich besser daran seien 
als unsere Vorfahren, oder wird die grössere Selbstmordneigung 
etwa gar durch das Keicherwerden bedingt? Um auf diese ver- 
fängliche Frage antworten zu können, müssen wir daran erinnern, 
dass sowohl Eeichthum als auch Armuth und Elend die Selbst- 
mordneigung aufkommen lassen, dass also die statistischen Daten 
über Selbstmordfrequenz nicht als absoluter Maassstab der wirth- 
schaftlichen Lage benützt werden dürfen. 

Gewiss sind die civiUsirten Völker jetzt reicher als ehe- 
dem, und es nimmt der Volksreich thum fortwährend zu, aber 
ich glaube nicht, dass die Vertheilung des Reich thums schon 
ganz gerecht ist. Bedenkt man nun, dass bei den heutigen 
Mitteln des Ideenaustausches und der socialen Agitation die 
berechtigten und unberechtigten Klagen Einzelner rasch ver- 



— 62 — 

breitet werden, und dass diejenigen, die im Nachtheile zu sein 
glauben, sich sehr leicht verständigen und organisiren können, 
so wird man es begreifen , warum ' trotz dem Anwachsen des 
Volksreichthums die Unzufriedenheit mit der wirthschaftlichen 
und socialen Lage gross sein muss, gi'össer als ehedem, obwohl 
früher die allgemeine Lage nicht besser war. Die modernen 
Völker streben jetzt darnach; alle ihre socialen Verhältnisse, die 
sich bisher so zu sagen nur spontan entwickelt hatten, nach 
Massgabe ihrer Einsicht logisch zu gestalten, und so erscheint 
denn neben vielen anderen Erscheinungen, die diesem Streben 
entspringen, auf wirthschaftlichem Gebiete der Socialismus in 
seinen verschiedensten Formen. Daneben aber findet sich allgemein 
ein grosses materielles Streben, und gerade dieses Streben wird 
durch die grossen Fortschritte auf wirthschaftlichem Gebiete immer 
wieder von Neuem belebt; belebt, nicht erzeugt, weil die ganze 
wirthschaftliche Arbeit der Menschheit nur das äussere Eesultat 
der inneren geistigen Entwickelung ist. Die Neuzeit ist unstreitig 
materiell und genusssüchtig geworden, das Ideale, Uneigennützig- 
keit und massige Enthaltsamkeit sind selten geworden ; eine solche 
Zeit, in welcher die Materie eine so grosse Rolle spielt, kann sich 
nicht glücklich fühlen und muss über kurz oder lang veröden und 
versumpfen. ') So muss sich denn nothwendig in Folge der gegen- 
wärtigen wirthschaftlichen Lage eine allgemeine Unzufriedenheit 
entwickeln, die sich dann in vielen Fällen zum Lebensüberdruss 
steigert. Aber im Ganzen ist es nicht die Noth oder der Reich- 
thum, sondern die unmoralische Werthschätzung der Güter, welche 
die Gegenwart unglücklich macht; die ganze „sociale Frage" ist 
die Frage, ob wir wahrhaft sittlich und verständig werden wollen. 2) 
Weder der Reiche noch der Arme, weder der Arbeitsgeber noch 
der Arbeitsnehmer ist allein an der gegenwärtigen Lage schuld; 
wir Alle sind schuld daran, und die gemeinsame Schuld müssen 
Alle büssen und sühnen. 



^) Le cky (Gesch. d. Geistes d. Aufklärung in Europa, p. 455) findet unser 
Zeitalter lohnsüchtig, feil und unheroisch; Maudsley (Phys. u. Path. d. Seele, 
deutsch V. Böhm, p. 218) sagt: Die praktische Religion des Tages, das wahre 
massgebende Lebensevangelium ist der Gelderwerb, die Religion, die wir be- 
kennen, ist das Christen thum. Cf. Lange, Gesch. d. Materialismus, IT. p.453squ. 

2)Funck-Brentano, La Civilisation et ses lois, p. 358 squ. 



— 63 



V. Theil. 

Verhältnisse der geistigen Cultur; intdlectuelle y moralische und 
rdigwse Bildung; Lebensatischauung überhaupt. 

§. 1. Wir haben bisher alle Ursachen der Selbstmordneigung 
mit Ausnahme der Verhältnisse der geistigen Cultur kennen ge- 
lernt und gefunden, dass sie zu einer genügenden Erklärung des 
fraglichen Phänomens nicht ausreichen; es muss also die eigent- 
liche Ursache der Selbstmorde in eben den Verhältnissen 
der geistigen Cultur liegen. Wir hörten fortwährend, dass 
die meisten Verhältnisse zur That nur disponirten und wenige 
determinirten, dass aber in beiden Fällen die Wirksamkeit relativ 
schwach wäre; es ist endlich an der Zeit zu fragen, was disponirt 
und determinirt wird? Der Mensch. 

Jede wahlfreie Handlung entspringt dem Charakter des 
Menschen und ist um so charakteristischer, je wichtiger sie für 
den Einzelnen ist; nun kann es kaum eine wichtigere Ent- 
scheidung als die über Sein oder Nichtsein geben, und es ist 
darum klar, dass der Selbstmord in ganz besonderer Weise dem 
ganzen Charakter des Menschen entspringt. Gerade hier kommt 
es auf die ganze Welt- und Lebensanschauung des Menschen an, 
es kommt auf das Urtheil an, welches der Einzelne über den 
Werth des Menschenlebens für das All und vornehmlich für die 
Menschheit fallen kann, diese Entscheidung ist das menschliche 
Gericht über die Welt: wie furchtbar lautet nicht diese Ent- 
scheidung, wenn man an die massenhaften Selbstmorde der 
Gegenwart denkt ! Was besagt im Vergleiche dazu alles Greinen 
und Höhnen der Pessimisten ä la Schopenhauer! 

Die nächste Ursache des Selbstmordes ist immer ein Un- 
glück, welches der Betreflfende für so gross hält, dass er das 
Leben nicht ertragen will; darum ist der statistische Ausweis 
über die Zahl der Selbstmörder ein Maass des menschlichen Un- 
glücks ; freilich ist dieses Maass nicht ganz vollkommen, weil es 
uns nichts oder nur Weniges sagt über die Intensität, Häufig- 
keit, Dauer und Verbreitung des Unglücks; aber es sagt trotz- 
dem genug. 



- 64 — 

Das Unglück, welches der Mensch empfindet, kann wahr 
und kann eingebildet sein, je nach der intellectuellen und morali- 
schen Beschaffenheit des Menschen. Für den Betreffenden ist es 
freilich immer massgebend, ist es immer gross genug, um das 
Leben hinzugeben; aber der objeetive Beurtheiler gewahrt in 
den allermeisten Fällen, dass die Ursache zu geringfügig war im 
Verhältnisse zu dem Verluste, und er staunt, wie kleine und 
unbedeutende Ursachen oft den Ausschlag geben, und er sieht 
bald ein, dass fast immer ein intellectueller oder moralischer 
Defect das Urtheil getrübt hat. Nicht grundlos erscheint dem 
gesunden Menschenverstand der Selbstmord unbegreiflich und so 
schrecklich; denn in der That vollführt ihn jeder halbwegs nor- 
male und verständige Mensch nicht. Jede gesunde Welt- und 
Lebensanschauung erkennt dem Leben einen hohen Werth zu und 
sucht es, dem natürlichen Selbsterhaltungstriebe folgend, zu er- 
halten; wir begreifen vollkommen, warum z. B. ein Gefangener 
die grässlichsten Foltermartern standhaft erträgt im Gedanken 
an den Galgen, an den ihn sein Geständniss bringen würde, 
aber wir entsetzen uns darüber, dass ein Mensch freiwillig 
seinem Leben ein Ende setzt. 

The weariest and most loathed worldly life 
That age, ache, penury, and imprisonment 
Can lay on nature, is a paradise 
To what we fear of death. 

Es ist daher unsere Aufgabe, die Lebensanschauung der 
Gegenwart zu prüfen und herauszufinden, wie es kommt, dass 
trotz aller Fortschritte auf fast allen Gebieten des praktischen 
Lebens die Menschheit sich nicht glücklicher, im Gegentheil un- 
glücklicher fühlt. Wir müssen untersuchen, welche Verhältnisse 
der geistigen Cultur in so hohem Grade lebensfeindlich sind. 

§. 2. intellectuelle Bildung. Aus der Thatsache, dass die 
Selbstmordneigung in allen civilisirten Ländern Jahr aus Jahr ein 
wächst, während überall die Volksbildung und der Unterricht 
sich bessert, ersieht man jedenfalls, dass eine grössere Bildung 
die Entstehung der Selbstmordneigung nicht hindert. Denselben 
Schluss kann man beim Vergleiche von Stadt und Land machen. 
Aber die grosse Uebereinstimmung der Selbstmordfrequenz ganzer 
Länder und gewisser Theile mit dem allgemeinen Bildungszustande, 



- 65 — 

die Thatsache, dass bei ungebildeteren Völkern der Selbstmord 
seltener ist als bei gebildeteren, legt die Vermuthung nahe, dass 
zwischen Bildung und Selbstmordneigung ein causaler Zusammen- 
hang besteht. 

Bekanntlich haben die Statistiker die Frage zu beantworten, 
ob mit zunehmender intellectueller Bildung die Criminalität 
wachse oder falle, und es haben Viele pro, Viele contra gesprochen. 
Von vornherein ist bei dieser Frage klar, dass die intellectuelle 
Bildung an und für sich die Criminalität und Moralität nicht be- 
einflussen muss ; und die statistische Induction zeigt in der That, 
dass gewisse Verbrechen zunehmen; Morde, Verbrechen gegen die 
Sittlichkeit, Nothzucht, Kindesmord und Rückfall überhaupt mehren 
sich in den gebildeten und gebildetsten Ländern; ebenso werden 
die Verbrechen häufiger, bei deren Ausführung Falschheit, Be- 
trügerei, Hinterlist und Täuschung nöthig sind, also die soge- 
nannten „feineren Verbrechen", während die groben Verbrechen 
allerdings seltener werden. Wir ersehen demnach, dass ein höherer 
Grad von Bildung nur gewisse Verbrechen zurückdrängt, dass er 
dagegen andere leichter und häufiger aufkommen lässt. Wir 
müssten lange discutiren, sollten wir entscheiden, was uns lieber 
ist; wir constatiren nur, dass die intellectuelle Bildung jeden- 
falls eine gewisse Verfeinerung, nicht aber Besserung 
und Versittlichung mit sich bringt; der Gescheidte kann 
gut oder schlecht sein. 

Aehnlich verhält es sich in unserem Falle. Die höhere 
intellectuelle Bildung führt nicht als solche leichter zum Selbst- 
mord; sie verfeinert aber den Menschen, gestaltet sein Leben 
reicher und mannigfaltiger, bringt ihn in neue und schwierige 
Verhältnisse und stellt ihn eben dadurch eher vor die Frage nach 
dem Sein oder Nichtsein, als den weniger Gebildeten, der wegen 
seines beschränkteren Gesichtskreises das Leben in Folge seiner 
Einfachheit und Bescheidenheit lieb hat, uiid dem die Frage nach 
dem Sein oder Nichtsein gar nie in den Kopf kommt. Nun besagt 
höhere intellectuelle Bildung noch nicht: richtige und wahre 
intellectuelle Bildung; im Gegentheil steht zu erwarten, dass 
zwischen den Extremen der Nichtbildung, wie sie in unseren 
Staaten der einfachste Bauer repräsentirt, und der hohen Bildung 
etwa eines üniversitätsprofessors eine Mittelbildung oder besser 

Masaryk. Der Selbstmord. 5 



— 66 — 

gesagt eine Halbbildung der mannigfaltigsten Abstufungen und 
Schattiiungen besteht, und dem ist in der That so, aber gerade 
diese Halbbildung ist gefährlich, wenn, wie es zumeist der 
Fall ist, diese Halbbildung identisch ist mit unharmonischer, nicht- 
einheitlicher und unmethodischer Durchbildung des Verstandes. 
Man sehe sich einmal die „Gebildeten" genau an und prüfe, was 
ihnen ihre Volksschule, Mittelschule und selbst Universität ge- 
nützt hat, und man kommt zu der üeberzeugung, dass die 
Halbheit in geradem Verhältnisse steht zur Höhe der Schulung. 
Die Menschen wissen viel, sehr viel, aber ihr Wissen hat auf ihr 
Leben lange nicht den Einfluss, den es haben sollte, und darin 
liegt der grosse Fehler: wir lernen viel zu viel für die Schule 
und nicht genug für das Leben. Daher kommt es, dass die 
Halbbildung zur Selbstmordneigung disponirt, davon vorläufig 
ganz abgesehen, dass gegenwärtig die intellectuelle Bildung auf 
Kosten der moralischen erworben wird. 

Wir können sagen: ceteris paribus ist in jenen Ländern 
und bei jenen Nationen die Selbstmordneigung am 
grössten, wo die unmethodische und unpraktische Halb- 
bildung am grössten ist. Das Wissen, welches nicht ver- 
werthet werden kann, macht den Besitzer phantastisch, führt zu 
wahnwitzigen Grübeleien, schafft unbefriedigbare Bedürfnisse, be- 
nimmt die Lust zu nützlicher Arbeit und führt schliesslich zum 
Lebensüberdruss. 

In der Selbstmordstatistik haben wir also einen annähernd 
richtigen Maassstab für die (Halb-) Bildung; ich sage annähernd 
richtigen, weil bei einem definitiven Urtheil und Vergleich ver- 
schiedener Länder, Nationen, Gegenden und Volksclassen alle 
Verhältnisse, welche zur Selbstmordneiguug bald da, bald dort, 
bald mehr, bald weniger beitragen, berücksichtigt werden 
müssen. Die Selbstmordfrequenz ist ein guter, aber nicht der 
einzige Maassstab. Vergleicht man daher mit den schon be- 
kannten Daten die Ausweise über Schulen, Bibliotheken, Samm- 
lungen, Presse, Buchhandel, Verkehrsmittel für Ideenaustausch 
überhaupt, schliesslich die Eesultate aller dieser Unterrichts- 
mittel und prüft womöglich nicht nur die Quantität, sondern 
auch die Qualität, so sieht man, wie die Selbstmorddaten mit 
diesen statistischen Angaben im Ganzen und Grossen stimmen. 



— 67 — 

Selbst geringfügige Dinge stimmen mit dem Besultate überein, 
so z. B. der Ausweis über den Verbrauch von Papier und Aehn- 
liebes. Nehmen wir, um das Gesagte zu iUustriren, etwa den 
Volksunterricht; nach Levasseur's Bericht über die Welt- 
ausstellung von Wien im Jahre 1873 kamen auf 100 Einwohner 
Volksschüler: 

Vereinigte Staaten ... 18 Irland 8 

Sachsen, Königreich . . 17*5 Bassland 7*5 

Baden 16 Italien 6*5 

Würtemberg 15*5 Griechenland 5*5 

Dänemark 15 Argentinische Republik . 5 

Deutschland überhaupt . 15 Chili 4 

Preussen 15 Uruguay 3*7 

Schweden 13*7 Portugal 25 

Bayern 13 Serbien, Rumänien ... 2 

Niederlande 13 Mexiko 2 

Frankreich 13 Peru 1*5 

Norwegen 125 Ecuador 1*3 

England 12 Brasilien 12 

Belgien 119 Türkei 1 

Oesterreich 9 Venezuela 3 

Spanien 9 Egypten 03 

Die Uebereinstimmung dieser und ähnlicher Angaben über 
Volksbildung stimmen im Ganzen und Grossen mit den Daten 
über die Selbstmordfrequenz verschiedener Völker überein; ganz 
können sie nicht übereinstimmen, weil — vorausgesetzt, die bei- 
derseitigen Angaben wären vollkommen — die Volksbildung allein 
und an und für sich nicht die Hauptursache der Selbstmord- 
neigung ist. 

Es ist schwer, die Volksbildung, zumal ihrer Qualität nach, 
zu messen, und es ist misslich, in dieser Hinsicht seine Meinung 
offen auszusprechen, — doch es muss geschehen, und zwar 
stelle ich mir die Sache, wenn ich Alles überlege und ab- 
wäge, so vor. ^) 



^) 1. Analphabeten (Leute ohne Schulbildung) gibt es am wenigsten 
in Deutschland, vornehmlich in Sachsen, dem classischen Lande der 
Schulbildung; in Preussen gab es 1871 13%. Vorzüglich ist der Schul- 
unterricht auch in der Schweiz. In den Vereinigten Staaten waren 
1870 von der Gesammtbevölkerung ohne jegliche Schulbildung 17*15 % männ- 
lich, 2305% weiblich; davon entfällt das Meiste auf die Eingewanderten: 

5* 



— 68 — 

Die Schulbildung ist am Besten geordnet und am gleich- 
massigsten in Deutschland, wo der Staat alle Schulen in Händen 
hat und auf Ordnung sieht; aber die Schulbildung ersetzt nicht 
die praktische Ausbildung, die der Mensch überall im Leben ge- 
winnen kann und soll. In Deutschland bildet- aber das Leben 
im Verhältniss zur Schule sehr wenig, Leben und Schule gehen 
auseinander ; man lernt sehr viel, aber man wendet es im Leben 
nicht au, höchstens beim Militär, wie denn die ganze Schulpolitik 
Deutschlands die Heranbildung eines intelligenten Heeres im Auge 
hat. Deutschland hat sehr viele und grosse Gelehrte, welche hoch 
über dem Volke stehen, die aber nicht für das Volk, sondern für 
sich schreiben ; das Volk selbst denkt und lernt viel, aber nur zu 
häufig Unnützes und Unpraktisches. 



Irländer, Skandinaven, Böhmen. In Frankreich konnten 1866 32*84% 
weder lesen noch schreiben; 1872 waren zwischen 6—20 Jahren vollständig 
ununterrichtet 23'89 %, von den über 20 Jahre 33'37 %, also von beiden im 
Mittel 3077 %. In esterreich konnten von den 1872—1874 ausgehobenen 
Rekruten lesen und schreiben (%): 

NiederösteiTeich .... 94*2 Tirol 53-4 

Schlesien 91*2 Kärnten 52-6 

Salzburg 88*6 Croatien, Slavonien . . . 42-3 

Oberösterreich 85*7 Küstenland 29"5 

Böhmen 84-7 Galizien 15-2 

Steiermark 73'7 Krain 7'3 

Mähren 71'4 Bukowina 6*2 

Ungarn, Siebenbürgen . 59*9 Dalmatien 1'6 

In Ungarn konnten 1875 von den über 6 Jahre alten 58% weder 
schreiben noch lesen. 

In England konnten bei je 100 Heirathenden nicht schreiben: 

1875 England 17*2 Bräutigame, 23*2 Bräute. 
1872 Schottland 10-4 „ 20*5 „ 

1875 Irland 30-3 „ 36-7 „ 

1877 besuchten von 3,154.973 schulpflichtigen Kindern in England 
und Wales nur 1,976.899 die Schule so weit, dass sie das gesetzlich ge- 
forderte Minimum erreichen konnten. In Italien besuchten 1861 zwischen 
6—12 Jahren nur 40*52 % die Schule , 1875—1876 57-27 % ; 1871 gab es 
noch 19 V2 Millionen Analphabeten, also etwa 67*5% von den über 10 Jahren, 
68*2% von den über 6 Jahren. In Spanien konnten 1860 nur 3,129.921 
lesen und schreiben, also V5 der Bevölkerung; Kolb erinnert: 1850 besassen 
die Kinder in ganzen Bezirken keine andere Schrift als die — Kreuzzugs- 
bulle; Ferdinand VII. schloss die Universitäten, weil er die Bildung für 
gefährlich hielt, und stiftete eine Schule für die Stiergefechtkunst. 



— 69 — 

In Oesterreich geht es ähnlich; auch bei uns sieht man 
viel mehr auf Zeugnisse als auf wahres und praktisch verwerth- 
bares Wissen. 

In England ist die Schulbildung mangelhaft; Dickens hat 
in seinen Schriften die Methode der Privatschulen unsterblich ge- 
macht. Dafür bietet das Leben ausserhalb der Schule reichliche 
Bildung, und so kommt es, dass das englische Volk weniger ge- 
lehrt ist als das deutsche, dass es aber vernünftiger ist, sein 
Wissen besser verwerthet und in allen Verhältnissen des Lebens 
mehr anwendet. Ich habe unzählige Male Deutsche sagen hören, 
dass ein einfacher englischer Handwerker mehr verstehe als ein 
absolvirter deutscher Universitätshörer, und es ist richtig, sofern 
damit gesagt wird, dass solide Bildung nicht durch den Schulen- 



2. Das Hoch- und Mittelschulwesen ist am Besten geregelt in Deutsch- 
land, der Schweiz und Oesterreich; wenigstens sind die Universitäten in diesen 
Ländern wahrhafte Hochschulen. 

3. Am schreibseligsten sind die Deutschen: 1877 erschienen 13,925 Schrif- 
ten; die Fi-anzosen und Engländer schreiben weniger. 

4. Die Presse ist am grossartigsten in England und in den Ver- 
einigten Staaten. 

5. 1875 kamen auf jeden Kopf der Beyölkerung: 

Briefe Zeitangen 

Grossbritannien 34'5 

Schweiz 27-3 17'2 

Deutsches Reichspostgebiet 15'6 8'0 

Würtemberg 13-3 14*0 

Bayern 11-5 15'5 

Belgien 130 12-5 

Frankreich 10"2 4*8 

Oesterreich . 10-6 2*9 

Ungarn 4*4 1'8 

Russland 0-5 0*6 

Türkei 02 0-1 

6. Von (europäischem) Papier entfiel per Kopf in: 

Vereinigte Staaten . . . 14'0 Egr. Skandinavien 5'0 Kgr. 

Schweiz 6-3 Frankreich 3*6 

Deutschland 6*0 Oesterreich -Ungarn <. . . 2'5 

Belgien 5*1 Italien 1-4 

Grossbritannien 5'0 Rassland 0'9 

7. Die Beförderung der Personen auf den Bahnen betrug 1875: 

Oesterreich-Ungarn mit 38 Millionen 41,396.384 Personen. 
Deutschland . . . . „ 43 „ 202,372.930 „ 

Frankreich „37 „ 116,546.175 „ 

Grossbritannien . . „ 33Vi » 506,975.234 „ 



— 70 — 

besuch allein erworben wird. Bei uns in Oesten-eich wenigstens 
hat man ausser der Schule fast gar kein theoretisches Interesse 
mehr, weil eben Theorie und Praxis nicht Eins sind. 

Den Gegensatz von Deutschland bilden die Vereinigten 
Staaten. Dort achtet man das Wissen nur, sofern es praktisch 
sein kann, und das Volk trachtet sich auch ausserhalb der Schule 
so viel als möglich zu bilden. Es gibt dort wenige Gelehrte, aber 
die Bildung ist dafür gleichmässiger und verbreiteter. Wissen 
und Leben sind Eins. 

Frankreich beginnt erst in neuester Zeit für guten Schul- 
unterricht zu sorgen; bisher wird die Bildung mehr im Salon als 
in der Schule erworben und von dort aus verbreitet. Italiens 
Schulen sind schlecht, aber besser als die spanischen und 
portugiesischen. 

Gut ist die Schule in der Schweiz und in Holland; in 
Bussland und in den südeuropäischen Ländern beginnt es 
erst zu dämmern. 

Es lassen sich nach dem Gesagten etwa folgende Gruppen 
bilden : 

Deutschland Schweiz England Frankreich Eussland Spanien 

Oesterreich Holland Yereinigte Staaten Italien Südslaven Portugal 

Dänemark Bumänen 

Schweden 
Norwegen 

Es ist klar, dass dort, wo die Schule und das Leben am 
weitesten aus einander gehen, die Halbbildung im schlechten Sinne 
am verbreitetsten sein muss, und dass in diesen Ländern der Selbst- 
mord verhältnissmässig am häufigsten vorkommen kann. 

Schliesslich ist noch auf den Parallelismus der Bildung und 
Selbstmordneigung im Einzelnen aufmerksam zu machen. In beiden 
Beziehungen übertrifft die Stadt- die Landbevölkerung, das männ- 
liche das weibliche Geschlecht; Professionen, welche eine grössere 
intellectüelle Bildung voraussetzen, bieten mehr Selbstmorde. Der 
Confession nach sind die Protestanten gebildeter als die Katholiken ; 
die geringste Bildung weist die griechische Kirche auf und 
wird nur von den nichtchristlichen Bekennern des Koran u. A. 
übertroffen. 



— 71 — 

§. 3. Die moralische Bildung. Der Mensch hat nicht nur 
Verstand, er hat auch Willen, und darum erscheinen die Hand- 
lungen desselben erst dann in rechtem Lichte, wenn man sie als 
Ausfluss nicht nur der Intelligenz, sondern auch des sittlichen 
Factors, des Willens, erkannt und begrififen hat. Die Frage nach 
der sittlichen Bildung der Selbstmörder ist daher nicht weniger 
wichtig als die eben geführte Untersuchung über ihre intellectuelle 
Bildung; denn wie der ganze Mensch eine aus Intelligenz und 
Sittlichkeit bestehende Einheit ist, so werden wir auch nur dann 
zu einem klaren Verständniss der socialen Massenerscheinung des 
Selbstmordes gelangen, wenn wir erkannt haben, welcher sitt- 
lichen Atmosphäre die traurige Erscheinung entspringt. 

Zu diesem Behufe führe ich einige Tabellen an, wie sie 
sich in älteren und neueren Ausweisen vorfinden, und zwar vor 
Allem die nach französischen Classificationen entworfene Liste 
von Wagner. ^) 





Ursachen und Motive 


Frankreich 


s 


achsen 


Belgien 




der 




1856—1861 




1847—1858 


1840—1849 




Selbstmorde 


Männl. 


Weihl. 


Snmme 


Männl. 


Weibl. Snmme 


Snmme 


1. 


Unbekannt 


1768 


371 


2139 


531 


100 631 


616 


2. 


LebensOberdruss . . . 


772 


179 


951 


302 


49 351 


63 


3. 


Geisteskrankheit . . . 


4912 


2509 


7421 


1152 


599 1751 


851 




a) Wahnsinn . . . . 


3931 


2115 


6046 


318 


177 495 


751 




b) Melancholie, Hy- 
















pochondrie .... 


273 


94 


367 


834 


422 1256 


2 




c) Monomanie . . . 


266 


95 


361 






7 




d) Geistesstöning . 








— 


— — 


71 




e) Gehirnfieber . . . 


210 


98 


308 




— — 


10 




f) Blödsinn, Idiotie 


232 


107 


339 






10 



^) Es kommt bei dieser Tabelle nicht auf das Alter derselben an ; der 
Selbstmord bleibt seiner Natur nach immer und überall dieselbe Erscheinung, 
und daher bieten ältere und die ältesten Berichte über die Ursachen und 
Motive der That ein gleich werthvolles Material. Vielmehr käme es auf eine 
natürlichere Classification an, in welcher Hinsicht auch die Wagner'sche 
Tabelle mangelhaft ist. (Wagner glaubt zwar, dass die französische ziemlich 
richtig ist, weil die Zahlen in den einzelnen Kubriken alljährlich mit grosser 
Regelmässigkeit wiederkehren; das spricht aber vielmehr dafür, dass eben 
nur dieselben Arten von Fällen und keine oder nur wenig neue vor- 
kommen.) 



— 72 — 

Ursachen und Motive Frankreich Sachsen Belgien 

^er 185fi-1861 1847—1858 1840-1849 

Selbstmorde Männl. Weibl. Summe Mannl. Weibl. Summe Summe 

4. MitGeistessitfrung ver- 

bundeneLeidenschafften 10 14 24 6 2 8 1 

a) Keligiöse Schwär- 
merei 3 13 16 6 2 8 1 

b) Polit. Exaltation .7 1 8 -- — — — 

5. Körperliche Leiden . . 2031 620 2651 280 96 376 32 

6. Leidenscliaften .... 424 321 745 190 74 264 224 

a) Heftiger Zorn . . 8 5 13 — — — 2 

b) Alteration, Ver- 
zweiflung — — _ 123 47 170 174 

c)UnglückUcheLiebe 330 271 601 1 38 

d) Eifersucht 86 45 131 J ^^ ^^ ^^ 10 

e) Ehrgeiz — — — -_ 

7. Laster 2417 315 2732 608 29 637 171 

a) Betrunkenheit . . 378 41 419 ) — 

b) Trunksucht . . . 1261 166 1427 i 594 29 623 104 

c) Liederliches Leben 716 105 821 j 67 

d) Spielsucht, Spiel- 
verlust 37 1 38 14 — 14 — 

e) Tagdieberei (pa- 

resse) 25 2 27 — — — — 

8. Kummer und BetrUb- 

niss über Andere . . 231 100 331 — — — — 

a) Verlust von An- 
gehörigen 208 93 301 — — — — 

b) Heimweh .... 14 2 16 — — — — 

c) Andere ähnL Fälle 9 5 14 — — — 

9. Zwist und Aerger über 

Familienangehörige . 1973 627 2600 88 41 129 193 

a) Undankbarkeit der 
Kinder gegen die 

Eltern 74 39 113 — — — — 

b) Zürnen der Kinder 

gegen die Eltern . 51 17 68 — — — 1 

c) Interessenstreit in 

der Familie .... 42 7 49 — — — — 

d) Kindern zur Last 

sein 1 1 2 — — — -^ 

e) Häuslicher Zwist . 1762 551 2313 88 41 129 192 

f) Häuslicher Aerger 

im Allgemeinen . — — — — — 

g) Streit mit, Tadel 

von Vorgesetzten . 43 12 55 — — — — 



— 73 — 

ürsaelieii und Motive Frankreich Sachsen Belgien 

der 1856—1861 1847—1858 1840—1849 

Selbstmorde Männl. Weibl. Snmme M&nnl. Weibl. Summe Summe 

10. Kummer Ober Ver- 

mtfgensverhältnisse . 2447 317 2764 594 46 640 197 

a) Elend und Furcht 

davor 897 171 1068 396 45 441 110 

b) Zerrtittete Vermö- 
gensverhältnisse .1108 74 1182 198 1 199 6Q 

c) Verlust des Ver- 
mögens 153 16 169 — - — 1 

d) Verlust der Be- 
schäftigung .... 88 19 107 — - -- 7 

e) Arbeitsmangel . . — — — — — — 4 

f) Verlust von Pro- 
cessen 27 7 34 — — — — 

g) Andere derartige 

Verluste 115 18 133 — - — — 

h) Keue über getrof- 
fene Vermögens- 
verfügung 34 3 37 — — — — 

i) Nichterfüllte Hoff- 
nungen in Bezug 
auf Vermögensver- 
hältnisse 25 9 34 - — — — 

11. Unzufriedenheit mit 

der Lage 200 53 253 _ _ _ — 

a) mit der socialen 

Stellung 13 6 19 — — — — 

b) mit dem Militär- 
dienste 67 — 67 — — — — 

c) Andere Widerwär- 
tigkeiten 120 47 107 — — — — 

12. Reue und Scham . . 43 115 153 — — — — 

a) Gewissensbisse . . | 18 61 — — — — 

b) Scham, Furcht vor > 43 

Schande ) 97 97 — — — — 

c) Aussereheliche 

Schwangerschaft . — 97 97 — — — — 

13. Furcht vor Strafe . . 1332 196 1528 — — — — 

a) Furcht vor rich- 
terlicher Unter- 
suchung 1091 176 1267 _ ^ _ — 



— 74 — 

Ursachen nnd Hotiye Frankreich Sachsen Belgien 

der 1856—1861 1847—1858 1840—1849 

■ 

Selbstmorde Männl. Weibl. Summe M&nnl. Weibl. Summe Snmme 

b) Furcht vor Exe- 

cution einer Strafe 120 20 140 - — — — 

c) Furcht vor mili- 
tärischer Discipli- 

narstrafe 121 — 121 — _ — _ 

14. Selbstmord nach Mord 

u. dgl 153 12 165 - — — — 

Summe 18713 5749 24462 4317 1180 5497 2428 

„ ohnedieun- 
bekannten 
Fälle .... 16945 5378 22323 3786 1080 4866 1812») 



') Zur bequemeren üebersicht der oben angeführten 13 Classen diene 
folgende relative Zahlenangabe in Permillesätzen: 

Frankreich Saohien Belgien 

MSnner Weiber Zniiammen Milnner Weiber Zueammen Zusammen 



2. Lebensüberdniss .... 


46 


33 


43 


80 


45 


72 


35 


3. Geisteskrankheiten . . . 


290 


467 


333 


304 


555 


359 


470 


4. Geistesstömng und Lei- 
















denschaften 


0-59 


2-6 


108, 


1-6 


1-9 


1-6 


0-55 


5. Körperliche Leiden . . . 


120 


115 


119 


74 


89 


77-3 


17-7 


6. Leidenschaften 


25 


60 


33 


50 


68 


54 


124 


7. Laster 


143 


58 


122 


160 


27 


131 


94 


8. Betrübniss über Andere 


13'7 


18-8 


14 9 




— 


— 




9. Zwist mit Familienange- 
















hörigen 


117 


117 


116 


24-3 


38 


26-5 


106 


10. Kammer über Yermögens- 
















verhältnisse 


145 


59 


124 


157 


43 


132 


109 


11. Unzufriedenheit mit der 














■ 


Lage 


11-7 


9-8 


11-3 




— 


— 


2-2 


12. Reue und Scham .... 


2-5 


21-4 


71 1 








5 


13. Furcht vor Strafe .... 


78 


36 


68 > 


149 


133 


147 


36 


14. Selbstmord nach Mord . 


9 


2-2 


7-4 ) 








— 



Oettingen liefert folgende Tabelle: 

Geisteskrankheit (religiöse und politische Schwärmerei in- 
begriffen) 29-1 o/o männl. 46*8 «/o weibl. 

Körperliche Leiden 

Zerrüttete YermÖgensverhältnisse 14'9 

Lasterhaftes Leben (Trunk-, Spielsucht, Liederlichkeit u. s. f.) 

Zank in der Familie 

Furcht vor Strafe (Reue, Scham, Gewissensbisse inbegriffen) 

Lebensüberdruss 

Leidenschaft (Zorn, Verzweiflung, Eifersucht, Ehrgeiz, un- 
glückliche Liebe) 

Allgemeine Unzufriedenheit mit der Lage 

Kammer über Andere (Verlust von Angehörigen) 



11-4 


« 


11-3 


14-9 


» 


6-4 


14 


» 


6 


9-6 


» 


101 


10-3 


1» 


8-2 


5-9 


1» 


41 


2-9 


» 


5-9 


0-9 


1» 


0-8 


1-0 


« 


1-4 



— 75 — 

Die Motive des Selbstmordes sind, wie ersichtlich 
ist, überwiegend unsittlich, die edleren und besseren 
Beweggründe verschwinden fast im Vergleiche mit den 
unedleren, schlechteren. Unglückliche Liebe, Schmerz und 
Kummer über Andere, zumal über den Verlust von Angehörigen, 
und Eeue und Scham kommen äusserst selten vor, während das 
Laster, die Liebe zum Gelde und die unedlen Motive überhaupt 
äusserst wirksam sind. Zu den Seltenheiten der Selbstmord- 
statistik gehört z. B. folgender Fall: ein Vater tödtet sich, um 
seinen Kindern die Versicherungsprämie zu verschaflFen. 

Die Sache erscheint noch schlimmer, wenn man bedenkt, dass 
der Selbstmord in den allermeisten Fällen der gewaltsame Ab- 
schluss einer langen Kette von Verirrungen und moralischer 
Fehler ist, dass also selbst da, wo das Motiv edel erscheint, die 



Brierre de Boismont fand unter den von ihm selbst registrirten 
4595 Fällen diese Ursachen: 

Geisteskrankheit (foiie, delire aign) ., . 707 Selbstmorde 

Trunksucht 630 ,, 

Krankheit 405 , 

flänsliche Sorgen 361 » 

Sorgen überhaupt, Widerwärtigkeiten SU ^ 

Liebe 306 

Armuth, Elend 282 

Verlust von Geld, Vermögen ; Habsucht 277 

Lebensüberdruss 237 „ 

Charaktere (schwache, exaltirte, la'aurige, hypochondrische) . . 145 „ 

Gewissensbisse, Furcht vor Schande und gerichtlicher Verfolgung 134 „ 

Schlechter Lebenswandel 121 ' „ 

Faulheit 56 

Eifersucht 54 

Spiel 44 

Arbeitsmangel 43 „ 

Stolz, Hoffahrt 26 

Verschiedene Motive (politische) 38 









Unbekannte Motive 518 



« 



n 



4595 Fälle. 



Endlich der officielle Bericht aus Italien von 1874: 



Ursachen MKnnlich Weiblieh 

Armuth, Vermögensverlust 28 •/© 11*5% 

Lebenstiberdruss, häusliches Unglück . . . 13*2 7*3 

Unglückliche Liebe, Eifersucht 4*8 68 

Furcht vor Strafe, Schande 5'8 6'2 

Trunksucht 1*8 — 

Körperliche Krankheiton 26*7 40'4 

Geisteskrankheiten 19 '7 28*8 



— 76 — 

That doch der Ausweg der selbstverschuldeten Verzweiflung ist. 
Fast jeder Selbstmord ist nämlich, wie wir es an der Wirksam- 
keit seiner Ursachen sehen, ^) lange vorbereitet worden, und des- 
halb muss man ihn als das Endglied einer langen Entwickelung 
ansehen, und bekennen, dass die Selbstmörder, mit wenigen Aus- 
nahmen, unsittlich sind. 

Das klingt hart und bedarf daher einiger Erklärung. Un- 
sittlich besagt Vieles, weil die Unsittlichkeit mannigfacher Art 
ist. Der Selbstmörder kann im Ganzen besser sein als Mancher, 
der am Leben bleibt , er kann ebenso schlecht oder schlechter 
sein; aber jedenfalls bekundet er in seiner That eine moralische 
Schwäche, eine moralische Haltlosigkeit, die man nur dann recht 
würdigen kann, wenn man bedenkt, dass die determinirenden 
Ursachen in der grossen Mehrzahl der Fälle so klein und kleinlich 
sind, dass wir kaum begreifen können, wie so kleine Ursachen 
eine so grosse Wirkung hervorbringen können. Denn es ist That- 
sache, dass die grosse Mehrzahl der Menschen ähnliche, dieselben 
und noch viel schlimmere Unglücksfälle standhaft erträgt, und 
auf je einen Menschen, dem sein Schicksal unerträglich wird, 
lassen sich Tausende finden, die dasselbe Unglück ertragen und 
überwinden. Es beruht also die specielle Unsittlichkeit der Selbst- 
mörder auf der eigenthümlichen Hoffnungslosigkeit und Verzweif- 
lung, auf dem Mangel an Vertrauen, auf dem Glauben, dass die 
Geschicke der Menschheit nicht gebessert werden können, und 
auf dem Mg^ngel an Energie, an der Besserung dieser Geschicke 
willig mitzuarbeiten. 

Darnach dürfte es klar sein, was unter der Unsittlich- 
keit der Selbstmörder gemeint ist. Erstens zeigen uns die 
statistischen Ausweise über die Motive, dass die meisten Selbst- 
mörder ein in vieler Hinsicht unsittliches Leben führen ; sie sind 
dem Trünke und jeglicher Art von Ausschweifung u. s. w. ergeben. 
Es disponirt demnach ein unsittlicher Lebenswandel zum Selbst- 
mord. Zweitens kommt den Selbstmördern der höchste Grad 
jener eigenthümlichen Haltlosigkeit zu, welche, die wahre Aufgabe 
des Lebens verkennend, die Mühe und Arbeit des Menschen um 
der Menschen willen scheut und verwirft. 



') Cf. Cap. IV, §. 1. 



— 77 — 

§. 4. Im Einzelnen Hesse sich natürlich über die ver- 
schiedenen unsittlichen Ursachen und Motive Vieles sagen, ich 
will mich aber auf das Wichtigste beschränken. 

a. Die meisten Selbstmorde werden im Affecte oder einer 
Leidenschaft begangen, also in einer Gemüthsverfassung, in 
welcher eine klare üeberlegung nicht vorhanden ist, oder, wenn sie 
vorhanden wäre, nicht gehört wird. So erzählt man von einem 
jungen Manne, der in Folge eines Streites plötzlich die Idee des 
Selbstmordes erfasste; er lief nach einem Laden, um sich eine 
SchiesswaflFe zu kaufen, der Händler bot ihm einen zu hohen 
Preis, es entsteht zwischen Käufer und Verkäufer ein heftiger 
Wortwechsel, und schliesslich wusste der Hitzkopf gar nicht, 
wozu er die Waffe nöthig hatte. — Ein Gelehrter wollte sich in 
die Themse stürzen, wird aber inzwischen von Dieben angepackt 
und vergisst darüber seines Vorsatzes. — Eine Frau will sich 
in's Meer stürzen; unterwegs wird ihr zufällig ein Gefass mit 
kaltem Wasser — die Geschichte spielt im Winter — auf den 
Kopf geschüttet, und ihre Selbstmordbegierde ist für immer 
geheilt. 

Mit so plötzlichen Anfällen der Selbstmordneigung 
ergeht es wie mit dem heftigen Weinen mancher Kinder, die 
schliesslich nicht wissen, warum sie weinen ; so wissen auch die 
erregten Menschen eigentlich nicht, warum sie sich tödten wollen. 
Zu ihrem unverdienten Glücke verfehlen sie, eben in Folge ihrer 
zu grossen Aufregung und Hast, ihre Absicht, ihre Selbstmord- 
neigung schwindet ebenso, wie sie entstanden ist; missräth der 
Selbstmordversuch, so lassen sich solche Leute, wie Kant richtig 
bemerkt, immer wieder gerne zunähen, wenn sie sich aufge- 
schnitten haben. Der Mann, der sich eben in voller Verzweiflung 
in den Brunnen stürzt, gibt, nachdem er durch das kalte Bad 
zur Besinnung gekommen, den Herbeieilenden die besten ßath- 
schläge, wie sie ihn herausziehen könnten. 

Solche Fälle sind sehr lehrreich und bieten mit den Selbst- 
morden, welche von Geisteskranken verübt werden, den besten 
Schlüssel zum psychologischen Verständniss des Gemüthszustandes 
der Selbstmörder. 

Die unglückliche Liebe wirkt verderblicher auf das Weib 
als auf den Mann; dafür untergräbt dieser sein Leben nur zu 



— 78 — 

häufig durch übermässigen Ehrgeiz, und es haben schon viele 
Forscher ausgesprochen, dass der Grössen wahn eines der grössten 
üebel unserer Zeit ist. Die Selbstmordstatistik bestätigt es; es 
kann z. B. vorkommen, dass sich ein Weinschmecker tödtet, der 
die Schande nicht überleben will, sich in einer Weinsorte geirrt zu 
haben. So nichtige Dinge machen den Menschen das Leben er- 
träglich oder unerträglich! 

b. Die Rubrik „Lebensüberdruss" bedarf einiger Auf- 
klärung. Es gibt nämlich Menschen, die sich thatsächlich aus 
Langweile das Leben nehmen: Blasirtheit, Faulheit, Tagdieberei, 
Arbeitsscheu. In seltenen Fällen stellt sich ein factischer Ekel 
am Leben ein; das ist ein krankhafter Zustand und entwickelt 
sich häufig bei Asketikern und Bou6s. ') 

c. Eine grosse Bolle spielen die geistigen Getränke. Der 
Betrunkene tödtet sich leicht, sei seine Betrunkenheit die Folge 
der habituellen Trunksucht oder nur einmalig; überhaupt ist schon 
das blosse und nicht gerade unmässige Trinken wegen seiner Übeln 
disponirenden Wirkungen gefährlich. Der Unmässige untergräbt 
seine Sittlichkeit und Gesundheit, verdu'bt Körper und Seele und 
kommt schliesslich zum Lebensüberdrusse, und drückt sogar den 
kommenden Geschlechtern das Kainszeichen der Lebensmüdigkeit 
auf die Stirne. 2) 



*) Im Mittelalter war in den Klöstern diese Krankheit unter dem 
Namen ac(c)edia bekannt. Eine gute Beschreibung dieses Zustandes findet 
sich bei Chance r. 

2) Die Morbilität und Mortalität der Trinker ist grösser als die 
der Nichttrinker; ihre mittlere Lebensdauer ist geringer. Von den Bier- 
trinkern sterben nach Oesterlen von 100 jährlich 4*59%; von den Brannt- 
weintrinkern 599 7oJ von denen, die beides trinken, 619%. 

Die im Bausche erzeugten Kinder werden häufig mit Dispositionen zur 
Geistesstörung geboren, und zwar nicht nur die Kinder von Trunkenbolden, 
sondern auch die Kinder von sonst nüchternen Vätern, wenn sie einer un- 
heilvollen Stunde des Bausches ihr Dasein verdanken. Flemming, Patho- 
logie und Therapie der Psychosen, p. 107. Cf. Magnus Huss, Ueber 
chronische Alkoholkrankheiten oder Alcoholismus chronicus (von v. d. Busch 
tibersetzt), 1852. Eenaudin (Annal. med.-psycholog., 1853, Jänner) con- 
statirt, dass mit dem Anwachsen der Trunksucht das Anwachsen der Geistes- 
krankheiten und Idiotie parallel geht. Andererseits weist Morel (Traite des 
degenerescences u. s. f., 1857) darauf hin, dass manche Krankheiten die 



— 79 — 

Man behauptet vielfach, dass die Trunksucht bei allen 
Völkern zunehme, dass also, wie Casper, Lunier, David, 
Brierre de Boismont und Andere glauben, die Zunahme des 
Selbstmordes mit der Zunahme des Alcoholismus parallel 
gehe. Allein davon abgesehen, dass die Frage, ob die Trunk- 
sucht überall zunehme, schwer zu beantworten ist, und dass viele 
Forscher gerade das Gegentheil behaupten, zeigt uns zum Beispiel 
Schweden eine constante Zunahme des Selbstmordes und gleich- 
zeitig eine Abnahme der Trunksucht und speciell des Selbstmordes 
in Folge von Alcoholismus. Die Zunahme der Selbstmordneigung 
hängt also nicht direct, ausschliesslich und überall von der Zu- 
nahme des Alcoholismus ab; wo viel Trunksucht, kann es auch 
viele Selbstmorde geben, aber nicht überall, wo es viele Selbst- 
morde gibt, gibt es immer auch viele Trunkenbolde. Selbstmord- 
neigung und Trunksucht haben, wie Baer richtig bemerkt, die- 
selbe Nahrungsquelle in der Art, wie mit der Civilisation die 
berechtigten und unberechtigten Forderungen an ein sogenanntes 
menschenwürdigeres Dasein unter allen Classen in ungesunder 
Weise angeerbt und anerzogen werden. Die Sucht nach Ver- 
gnügen, nach Müssiggang, nach Luxus, nach glänzendem Schein, 
die frivole Leichtlebigkeit bei cynisch - materiellem Denken und 
Handeln, die Ohnmächtigkeit und Unmöglichkeit, bei diesen Lebens- 
anschauungen den schweren Kampf für's Dasein durchzuführen, 
die Pseudocivilisation schafft in gleicher Weise Säufer und Selbst- 
mörder. ^) Die Trunksucht ist also neben dem Selbstmord die 
Wirkung einer und derselben grossen Ursache; sie sind beide 
ein Theilphänomen , um mich so auszudrücken. Der Selbst- 
mord ist die Negation des Glückes, die Trunkenheit, die Re- 
ligion des Materialismus, soll es ersetzen: wenn der Mensch 
ist, was er isst, so glaubt und hofft er, was er trinkt — 
den Tod. 



Entstehung und Verbreitung der Trunksucht begünstigen, wodurch ersichtlich 
ist, wie die Trunksucht mit den Gefährdungen des Lebens in inniger Wechsel- 
wii'kung steht. 

*) Baer, Der Alcoholismus, seine Verbreitung und seine Wirkung auf 
den individuellen und socialen Organismus, sowie die Mittel, ihn zu be- 
kämpfen, 1878, p. 310. 



— 80 — 

Aber trotz diesem Verhältnisse kann die Trunksucht eine 
wirksame, directe Ursache der Selbstmordneigung sein, und ist 
es auch thatsächlich.' ^) 

Nicht alle geistigen Getränke wirken gleich ungünstig; am 
schlimmsten ist der Branntwein, und das Traurige ist, dass sein 
Consum überall, zumal bei den niederen Classen, erschrecklich 
zunimmt. 

Schliesslich ist noch daran zu erinnern, dass die Wirkung 
der Trunksucht nicht unter allen Umständen gleich ist. In kalten 
Gegenden wird mehr getrunken als in warmen; daher kommt 
es, dass in England, Deutschland und vornehmlich in Bussland 
der Alcoholismus eine stärkere Ursache der Selbstmordneigung 
ist als in südlicheren Gegenden. Das männliche Geschlecht be- 
theiligt sich an diesem Laster mehr als das weibliche. Die Armen 
sind gewöhnlich dem roheren Branntweingenusse ergeben, und 
manche Professionen sind der Entwickelung der Trunksucht be- 
sonders günstig, so die der Sänger, Musikanten und ähnliche ; auch 
viele Dichter und Genies überhaupt verfallen leicht dem Trünke, 
und es ist bekannt, dass in diesem Jahrhunderte sogar ein gekröntes 
Haupt an delirium tremens starb. Diese und ähnliche Verschieden- 
heiten modificiren selbstverständlich auch die Selbstmordfrequenz, 
sofern sie Modificationen einer starken Selbstmordursache sind. 

d. Wo der Bacchus einheizt, sitzt die Venus hinter dem 
Ofen. Die geschlechtliche Unsittlichkeit ist wegen ihrer 
vernichtenden Wirkung auf leibliches und geistiges Wohlergehen 
der Einzelnen und ganzer Völker besonders schreckenerregend, 
und bei der anerkannten Zügellosigkeit unserer Zeit ist sie eine 
der stärksten indirecten Ursachen der modernen Selbstmord- 
neigung. 2) 

Die Statistiker melden uns die Zunahme der unehelichen 
Geburten, dör Unzuchtsverbrechen, zumal der Nothzucht 
(unter den gebildeteren Classen !) und schliesslich der P r o s t i t u t i o n , 



1) Nach Browne Reid (The Temperance Cyclopaedia, p. 217) ist die 
Trunksucht nach häuslichen und Nahrungssorgen, körperlichem Schmerz und 
Geisteskrankheit die wirksamste Ursache der Selbstmorde. 

2) Die Onanie ist ganz besonders wegen ihrer ungünstigen Wirkung 
hervorzuheben. 



— 81 — 

kurz — das Geschlechtsleben der modernen Gesellschaft ist schlecht 
und unsittlich. Was speciell die zuletzt angeführte schwarze Sünde 
betrifft, so ist ihre furchtbare indirecte Wirkung auf die Ver- 
breitung der Selbstmordneigung ganz besonders im Äuge zu be- 
halten. ^) Die Prostitution und ihr Gefolge, die Syphilis, bricKt 
die Kraft der civilisirten Völker, die Schwächung des Körpers 
und Geistes erschwert das Ertragen physischer und psychischer 
XJebel und befördert derart die Selbstmordneigung. 2) Nun nimmt 
die Prostitution, die öffentliche und geheime, überall zu und, was 
das Schrecklichste daran ist, dieses grässliche Gewerbe ist nur ein 
üebergangsstadium; denn wie uns Parent-Duchatelet gezeigt 
hat, kehren die Prostituirten so bald als möglich in die Gesell- 
schaft zurück und verpesten dann als Weiber und Mütter die 
Keuschheit und Sittlichkeit der Nationen. So bildet zu dieser 
grossen CoUectivschuld der Gesellschaft die Zunahme des Selbst- 
mordes, wie Haushofer sagt, das düstere Gegenstück. 

e. Eine eigenthümliche Erscheinung ist der Selbstmord 
nach Mord und Todschlag, in Folge der Reue und Gewissens- 
bisse über die unüberlegte Handlung. 

Aber der Mord kann auch in Folge der vorher gefassten 
Selbstmordneigung ausgeführt werden. 

Häufig ist nämlich der Selbstmordgedanke die primäre 
Affection der Seele, und der Mord folgt ihr; so tödten z. B. 
Väter ihre Kinder, um das Leben leichter verlassen zu können. 

Wiederum tödten Menschen, die im Begriffe sind, die schreck- 
liche That zu vollbringen. Diejenigen, die sie im kritischen Augen- 
blicke stören. 

Verhältnissmässig selten wird der Mord als Bacheact vor 
dem Selbstmord verübt. Bedenkt man, dass Beleidigungen, schlechte 
Behandlung u. s. f. wirksame Ursachen des Selbstmordes sind, so 
könnte man glauben, dass Viele zuerst Rache üben und dann sich 
selbst tödten werden. Allein dem ist nicht so, entsprechend der 
Natur des Selbstmordes, das eigene Ich als Ursache des Lebens- 



1) Prostituirte selbst sollen sich das Leben sehr selten nehmen. 

2) Die Syphilis erzeugt viele Krankheiten, die zur Geisteskrankheit 
und Selbstmordneigung in naher Beziehung stehen: Skropheln, Tuberkeln, 
englische Krankheit, Podagra, Neuralgie, Eheumatismus. 

Hasaryk. Der Selbstmord. 6 



— 82 — 

Überdrusses anzusehen, gleichsam als Selbstanklage und Bekennt- 
niss der eigenen Mitschuld an der grossen CoUectivschuld der 
Gesellschaft. 

f. Als Curiosum erwähnen wir, dass Selbstmordversuche 
auch aus Speculation gemacht werden. Die Zeitungen brachten 
wiederholt die Nachricht, dass Schwindler z. B. in das Wasser 
sprangen, um das Mitleid wachzurufen und beschenkt zu werden; 
ein solches Subject hat in mehreren Städten die Komödie auf- 
geführt und derart vom Selbstmorde gelebt, bis ihm schliesslich 
das Handwerk gelegt wurde. 

§. 5. Die Motivation der Selbstmorde ist, wie leicht zu 
vermuthen ist, unter verschiedenen Umständen verschieden. So 
dürften — um nur an das Wichtigste zu erinnern — die ver- 
schiedenen Jahreszeiten verschiedene Maxima derselben Selbst- 
mordart aufweisen; gewiss haben Stadt und Land ihre eigene 
Motivation, ebenso das Geschlecht und das Alter und schliess- 
lich die verschiedenen Berufsarten und Menschen von ver- 
schiedenen wirthschaftlichen Verhältnissen. 

Im Grossen betrachtet werden auch bei den verschiedenen 
Nationen entweder andere Motive oder dieselben in ungleicher 
Stärke wirken ; aber es ist bedeutungsvoll, dass trotz den bald 
grösseren bald kleineren Abweichungen im Ganzen die- 
selben Motive in allen Ländern und bei allen Völkern 
vorkommen und, wie die statistischen Ausweise lehren, 
auch relativ gleich stark wirken. Diese Thatsache zeigt, 
dass die allgemein verbreitete Selbstmordneigung auf 
eine oder mehrere allgemein wirkende Ursachen zurück- 
zuführen ist, welche zu bestimmen, Aufgabe der nächsten Unter- 
suchungen sein wird. ') 



*) Die unbekannten Ursachen und Motive besagen nur, dass nicht 
ermittelt wurde, welches von den bei den anderen Selbstmördern wirken- 
den Motiven gewirkt hat. Es gibt aber keine ganz undenkbaren und ganz 
neuen Ursachen und Motive, sondern sie werden nicht constatirt, weil der 
Ermittelnde gerade bei einem so traurigen Falle die Angehörigen schonen 
muss und die Menschen häufig die eigentliche Ursache zu verbergen suchen 
und lieber eine falsche — gewöhnlich Geisteskrankheit, Schwermuth und 
Aehnliches — angeben. Zu solchen „unbekannten" Ursachen und Motiven 
wären unter anderen etwa folgende Fälle zu rechnen. In manchen Gegenden 



— 83 — 

§. 6. Es erübrigt nur noch, die sittliche Bildung der 
Selbstmörder mit ihrer intellectuellen zu vergleichen 
und als Einheit aufzufassen. Wir wissen, dass die Selbst- 
mordneigung durch die Halbbildung verursacht wird; wenn wir 
jetzt überdies erfahren, dass sie ausser und neben der intel- 
lectuellen Halbbildung auch die moralische Haltlosigkeit — so 
wollen wir es kurz nennen — zur Ursache hat, so zeigt uns die 
sociale Massenerscheinung des Selbstmordes die moderne Gesell- 
schaft in einem ganz eigenthümlichen Lichte. Die civilisirte Ge- 
sellschaft ist lebensmüde; diese ihre Müdigkeit entspringt aber 
ihrer mangelhaften intellectuellen und moralischen Bildung: In- 
telligenz und Moralität sind nicht gleichmässig und gut aus- und 
durchgebildet; wir sind zu gescheidt, um gut, zu schlecht, um 
ganz gescheidt zu sein. Unsere Welt- und Lebensanschauung 
ist nicht harmonisch, nicht gut und schön genug, um uns lebens- 
freudig zu machen und zu erhalten. Sagen wir es kurz und 
offen: die (intellectuelle und moralische) Halbheit ist die grosse 
Ursache des modernen Lebensüberdrusses: unsere Halbheit gibt 
uns einen falschen Maassstab des irdischen Glückes und der Zu- 
friedenheit, unsere Halbheit verbittert uns die Früchte unseres 
Fortschrittes auf allen Gebieten des praktischen Lebens, unsere 
Halbheit . fordert Jahr aus, Jahr ein ungezählte Opfer des Selbst- 
mordes. 



ist der Aberglaube verbreitet, dass Einer, der sich erhängt, eine wunderbare 
Musik, sogar Engelgesang höre und ein Lichtparadies schaue. Es ist mir 
ein Fall bekannt, in welchem sich ein Bauernbursche diesen Genuss ver- 
schaffen und sich daher „ein wenig" aufhängen wollte, wie er sich zu seinen 
Bekannten geäussert hatte. Der Unglückliche büsste seinen Vorwitz mit 
dem Tode. 

Aehnlich werden uns Fälle berichtet, dass Einige den Selbstmord nur 
versuchen wollten, um die Wirkungen des Aufhängens zu studiren. Baco 
erzählt uns von einem seiner Freunde, der sich auf kurze Zeit aufhängen 
wollte, um an sich die Symptome des Erstickens zu beobachten; aber er 
hätte seine wissenschaftliche Neugierde mit dem Tode gebüsst, wenn ihn 
im kritischen Augenblicke sein Bekannter nicht zufällig gefunden und ge- 
rettet hätte. 

(Diese beiden letzteren Fälle sind eigentlich Selbsttödtungen , er- 
scheinen uns aber als Selbstmorde, wenn man die Motive der Unglücksthat 
nicht kennt.) 

6* 



— . 84 — 

§. 7. Die religiöse Bildung. Die Sittlichkeit des Menschen, 
sein ganzes Wirken und Streben erhalten in der Religion jene 
ganz eigenthümliche Weihe, welche dem Menschen den Stempel 
des Göttlichen aufdrückt. Es ist nicht unsere Sache, zu unter- 
suchen, was Seligion ist und wie sie im Menschen entsteht; für 
uns genügt, zu wissen, dass sie da ist und dem Menschen, wie 
der unsichtbare Duft der Blume, seinen eigentlichen Werth ver- 
leiht: verwische ihn, die Blume wird dein Auge ergötzen, aber 
du wirst sie nicht mehr so zart finden; nimm dem Menschen 
das religiöse Gefühl, und du hast aus ihm ein Wesen gemacht, 
das du achten und vielleicht auch bewundern, aber nicht so ganz 
aus vollem Herzen lieben kannst. 

Die Eeligion — ich denke vornehmlich an die monotheisti- 
schen Eeligionen — gibt den Menschen durch den Theismus 
und den ünsterblichkeitsglauben in allen Lagen des Lebens 
Trost, in allen Widerwärtigkeiten Hoffnung, und kräftigt seine 
Liebe zur Menschheit; darum ist der religiöse Mensch in allen 
Lagen des Lebens freudig, sein Glaube, seine üeberzeugung und 
seine Sicherheit binden ihn nicht nur an den Himmel, sondern 
zugleich an die Erde, an das Leben. 

Die lebendige Religiosität, das subjective Gefühl führt natur- 
gemäss zu einer innigen Vereinigung der Gleichgesinnten, die 
Religion äussert sich im kirchlichen Leben; so entsteht die re- 
ligiöse Organisation, welche das ganze Leben der Gesellschaft 
ordnend durchdringt. Die Menschheit, das sieht Jeder, braucht 
eine geistige Führung zum Wahren, Guten und Schönen; diese 
Führung kann aber nur jene Gewalt haben, welche die innersten 
Tiefen der menschlichen Seele zu erfüllen vermag, und die ist 
eben die Religion. Darum ist die Macht der Religion so gross 
und an dem ganzen Thun und Lassen der Menschen sichtbar; 
unterstützt wird aber diese geistige Macht über die Gemüther 
durch die Kirche (öffentliche religiöse Meinung und speciell den 
Clerus), die religiöse Organisation der Gesellschaft. 

Schwindet die Religiosität, schwindet die Macht der Kirche, 
so schwindet der Trost, die Hoffnung und Lebensfreudigkeit. Ein- 
zelne Geister vermögen zwar, wie sie glauben, ohne alle Religion 
wahr, gut und schön zu leben; aber das ist eigentlich doch nur 
Täuschung. Wenn z. B. Mill ohne Theismus und Unsterblichkeits- 



— 85 — 

glauben eine Keligion der Humanität gründen will, so will er doch 
eine Eeligion haben, und es wäre nur zu untersuchen, ob das re- 
ligiöse Gefühl auch ohne diese beiden Lehren möglich ist, wie oft 
behauptet wird; Mill will kein Christenthum , aber er will eine 
Eeligion — freilich fehlt vor allen Dingen ihm selbst das wahre 
und warme religiöse Gefühl. Wer Mill's, zumal ethische und 
sociologische, Schriften kennt, wird diesen Mangel empfunden 
haben; Comte, der die Keligion der Menschheit gründete, hat 
tiefes religiöses Gefühl, und zwar direct das christliche, nur 
will er es nicht an Gott, sondern an die Menschheit knüpfen. 
Ein Mensch, wie Mill, der mit seiner Philosophie die positiven 
Keligionen an Güte übertreffen will, wird natürlich bis zu einem 
gewissen Grade für sich Das leisten, was irgend eine der besseren 
Keligionen für ihn leisten könnte; aber die grossen Massen des 
Volkes haben, wenn sie ihre Keligion aufgeben, gar keinen Er- 
satz. Wie viele Geister, gleich Mill, gibt es denn? ' Ich kenne 
sehr wenige und doch kenne ich viele Philosophen unti Gebil- 
dete überhaupt. Oft hört man den Ausspruch : Die Keligion ist 
nur für das Volk, nicht für uns — die Gebildeten. Die Ge- 
bildeten ! Von Tausenden, die das sagen, ist kaum Einer nur an- 
nähernd ein Gebildeter wie Mill, vielmehi* sind es Menschen von 
jener Halbbildung, über deren Werth wir kurz vorher bereits 
gesprochen haben. 

In der That erscheint die moderne Halbheit und 
Haltlosigkeit als Irreligiosität, und so ergibt sich uns 
schliesslich, dass die moderne Selbstmordneigung in 
der Irreligiosität unserer Zeit ihre eigentliche Ursache 
hat. Die eben dargelegte Bedeutung der Keligion für das Leben 
der Menschheit macht es begreiflich. Eine harmonische religiöse 
Weltanschauung macht das Leben unter allen Umständen er- 
träglich, selbst das Leben eines Job ; Irreligiosität macht es beim 
ersten besten Stoss unerträglich. 

Man könnte gegen unsere Schlussfolgerung manchen Ein- 
wand erheben. So z. B. hält ein deutscher Culturhistoriker die 
Irreligiosität nicht für die Ursache der modernen Selbstmord- 
neigung, weil viele Menschen, zum religiösen Wahnsinn gebracht, 
sich das Leben nehmen — aus Keligion! Es ist unglaublich: 
das religiöse Gefühl, wenn es missleitet wird, führt natürlich 



- 86 — 

zur Geisteskrankheit, wie jedes andere missleitete Gefühl; wenn 
Mensehen vor Freude wahnsinnig werden, ist darum die Freude 
ein Uebel, und wenn dann ein solcher Unglücklicher in seinem 
Wahne Hand an sich legt, hat er sich das Leben vor Freude 
genommen? 

Mehr gedacht hat der französische Statistiker und National- 
okonom Block. Er glaubt, der Zusammenhang der Beligion mit 
der Selbstmordneigung sei nicht sicher aus folgenden Gründen: 
Die Verschiedenheit der Religion falle mit der Verschiedenheit 
der Bildung und des Reichthums zusammen; die Religion werde 
sehr schlecht unterrichtet und wirke daher wenig; eine grosse 
Zahl von Selbstmorden werde von Geisteskranken verübt; es gebe 
viele unbekannte Motive und viele Motive werden falsch an- 
gegeben. 

Ich antworte: Die Verschiedenheit der Religion fällt aller- 
dings mit den Verschiedenheiten der Bildung und des Reichthums 
zusammen; aber was folgt daraus? Nur so viel, dass man nicht 
ohne Weiteres die Religion allein zur Ursache der Selbstmord- 
neigung machen darf. Aber in dem Maasse, als neben allen 
anderen Ursachen die Religion im Leben der Menschheit eine 
bedeutende und die bedeutendste Rolle spielt, ist ihre Wirkung 
stärker und sichtbarer als die anderer, gleichzeitiger Ursachen. 
Was aber speciell die Bildung anbelangt, so wissen wir ja, dass 
gerade die grössere Bildung der Entwickelung der Selbstmord- 
neigung günstig ist; nun steht es fest, dass in unseren Tagen 
gerade die Gebildeten nicht kirchlich und noch weniger religiös 
sind. Wie diese zwei Erscheinungen zusammenhängen, werden 
wir später zeigen; so viel ist aber schon jetzt ersichtlich, dass 
der Mensch ohne Religiosität und Sittlichkeit — und wir haben 
gefunden, dass die Selbstmordneigung zum grössten Theile auch 
auf Unsittlichkeit beruht — die Arbeit des Lebens nicht so er- 
tragen kann wie der religiös-sittliche Mensch. Das Leben kann 
aber, wie es einmal ist, nur durch Arbeit, und zwar nur durch 
schwere Arbeit erhalten werden. — Wie sich der Reichthum zur 
Selbstmordneigung verhält, wurde schon gezeigt. — Es ist wahr, 
dass die Religiosität schlecht gepflegt wird (unterrichtet ist nicht 
das richtige Wort: Religion lässt sich nicht einfach lehren, sondern 
sie muss gelebt werden), aber gerade der Mangel in dieser Beziehung 



— 87 — 

ist, wie eben gezeigt wurde, der Entwickelung der Selbstmord- 
neigung günstig. — Die Selbstmorde der Geisteskranken wider- 
sprechen unserer Behauptung nicht, sobald nicht gezeigt wird, dass 
ihre Geisteskrankheit auf eine Art entsteht, die mit der Eeligion 
nichts zu schaffen hat. Wir werden die Sache genau prüfen. — 
Unbekannte und falsche Motive besagen nicht Motive einer ganz 
eigenthümlichen Art, die auf die Natur der Selbstmordneigung 
ein ganz anderes Licht werfen würden. 

Auf andere Objectionen einzugehen, ist der Mühe nicht 
werth, weil, wie ich überzeugt bin, die ganze Darstellung für die 
Wahi'heit meiner Behauptung Zeugniss abgibt, auch sind die Ein- 
wände höchst oberflächlicher Art. Ich erwähne nur noch, dass 
alle Forscher, welche sich mit der Erscheinung des Selbstmordes 
näher befassten und der Sache auf den Grund zu kommen suchten, 
die In-eligiosität als die eigentliche Ursache der modernen Selbst- 
mordneigung erkannt haben; so Casper, Blanc, Lisle, Wins- 
low, Brierre de Boismont, Wagner, Morselli, Oesterlen, 
Hausner, kurz die meisten Statistiker und Aerzte. ^) 

§. 8. Es entsteht nun die Frage, welche Religionen und 
Confessionen der Entwickelung der krankhaften Neigung am gün- 
stigsten sind. 

Eine genaue Antwort lässt sich nur in Bezug auf die 
europäischen Keligionen und Confessionen geben, weil die Be- 
richte über die Eeligionen der anderen Continente mangelhaft 
sind. Die Eeligionen der uncivilisirten Naturvölker wirken 
günstig; sehr ungünstig, also selbstmorderzeugend, wirkt der 
Buddhismus, dessen Lehre vom Nirwana die asketische Lebens- 
flucht im hohen Grade begünstigt. Der Mohammedanismus, 
ebenso der Mosaismus und schliesslich das Christenthum 
fördern die Selbstmordneigung nicht. 

Unter den christlichen Confessionen wirkt am günstigsten 
die griechische (unirte und nicht unirte) Kirche; weniger 



*) Ganz besonders interessant und belehrend sind die Untersuchungen 
Wagner 's. Dieser gewissenhafte Forscher entschloss sich schwer, den 
Einfluss der Eeligion, speciell der Confession anzunehmen ; aber das statisti- 
sche Material nöthigte ihm die Gewissheit auf, dass die Eeligion und 
Confession zu denjenigenFactorengehörei, welche ihren Einfluss 
auf die Selbstmordfrequenz am deutlichsten zeigen, p. 180, 277. 



- 88 — 



günstig die katholische und am ungünstigsten die prote- 
stantischen Kirchen. 

Es kommen nach Morselli im mittleren Durchschnitt auf 
1 Million Einwohner Selbstmörder: 

Griechen (unirte und nicht unirte) . . ' 40 

Katholiken 58 

Gemischte (Katholiken, Protestanten u. a. Secten) . . 96 

Protestanten 190 

Legoyt zählte auf 1 Million Einwohner: 

Protestanten 102*7 

Katholiken 623 

üebrige Christen 362 

Juden 48*4 

In Oester reich kamen auf 1 Million Einwohner: 

Juden 30 

Griechen 99 

Katholiken 100 

Protestanten 123 

Es ist eine ausgemachte Thatsache, dass unter den 
Protestanten der Selbstmord häufiger vorkommt als 
unter den Katholiken; die griechische Confession weist 
die wenigsten Fälle auf. 

Folgende Tabelle Morselli's mag das Gesagte zur Evidenz 
bestätigen. 



Selbst- 

- „ , mörder 
Lander . 
auf 


Einwohner 
per mille 


• 


Li 


1. n d e r 


Selbst- 
mörder 
auf 


Einwohner 
per mille 


1 Million 


Eath. 


Prot. 






1 Million 


Eath. Prot 


A. Katholische Li 


inder. 


') 


a. 
b. 


Dep. 


Seine . . 
Nord . . 


400 
110 


998 2 

996 4 


Spanien 17 


999 




c. 


n 


Pas de 






Portugal 13 


999 








Calais . 


147 


992 8 


Itaüen 32 


995 


2 


d. 


n 


Seine et 






Belgien 68 


996 


4 






Marne . 


383 


992 8 


Corsica 28 


999 




e. 


r» 


Seine et 






Luxemburg .... 35 


995 


5 






Oise . . 


288 


991 9 


Prankreich .... 150 


982 


16 


f. 


V 


Aisne . . 


298 


990 10 



^) Katholische oder protestantische Länder heissen hier jene, 
welche weniger als Vio ^^^ anderen Cultes haben; gemischte, welche über 
Vio eines der beiden Culte haben. 



89 



Länder 


Selbst- 
mörder 
auf 


Einwohner 
per mille 


Länder 


Selbst- 
mörder 
auf 


Einwohner 
per mille 




1 Million 


Kath. 


Prot. 


1 Million 


Kath. 


Prot 


SchweizerCan tone 


») 65 


984 


15 


C. Gemischte Li 


inder 


mit 


pro- 


Oesterreich (Cis- 








testantischer Maj 


orita 


t. 


leithanien) . . . 


72 


919 


41 


Bezirk Mannheim. 


73 


480 


482 










„ Danzig. . . 


95 


470 


499 


B. Gemischte Länder mit 
tholischer Majorität. 


ka- 


„ Arnsperg . 
„ Breslau . . 
„ Wiesbaden 


86 
191 
147 


430 
406 

385 


559 
574 
583 


Bezirk Münster . 


40 


898 


94 


„ Minden . . 


66 


390 


596 


„ Oppeln . 


53 


888 


92 


Niederlande. . . . 


35 


367 


613 


Dep. Doubs . . . 


114 


886 


114 


Provinz Geldern . 


34 


368 


620 


„ Ardeche . . . 


85 


884 


116 


„ Utrecht . 


41 


370 


621 


„ Drome . . . 


162 


882 


118 


Preussen (Königr.) 


138 


331 


651 


„ Duc Sevres . 


111 


880 


120 


Provinz Holland 








Brabant (nördl.) . 


6 


879 


116 


(nördl.) . 


43 


278 


663 


Elsass (Ober-) . . 


143 


855 


116 


„ Overyssel 


25 


297 


687 


Bezirk Köln . . . 


57 


816 


140 


Würtemberg . . . 


162 


304 


687 


Dep. Lozere . . . 


55 


844 


156 


Jaxtkreis 


120 


301 


687 


Bezirk Trier . . . 


53 


836 


153 


Hessen-Nassau . . 


158 


263 


708 


Irland 


14 


767 


234 


Schwarzwaldkreis 


150 


259 


736 


Bayern 


72 


713 


275 


Provinz Zeland . . 


41 


259 


736 


Schweizer Cantonc 


) 172 


700 


294 


„ Holland 








Bezirk Posen . . 


. 73 


672 


283 


(südl.) . . 


35 


246 


738 


„ Preiburg 


74 


653 


332 


Schweizer Cantone 


239 


260 


738 


„ Koblenz . 


74 


652 


329 


Bezirk Erfurt . . . 


197 


251 


741 


Baden 


. 157" 


648 


331 


Oldenburg .... 


198 


228 


764 


Dep. Gard . . . 


. 115 


643 


357 


Bezirk Königsberg 


153 


200 


786 


Elsass (Nieder-) 


. 130 


642 


322 


„ Kassel . . . 


167 


166 


806 


Donaukreis . . . 


. 180 


635 


358 


„ Liegnitz . . 


252 


158 


830 


Bezirk Karlsruhe 


. 105 


613 


370 


„ Hildesheim 


155 


150 


842 


„ Düsseldorf 


81 


593 


394 


Hannover 


153 


119 


874 


„ Osnabrück 


74 


554 


442 










„ Bromberg 


. 65 


545 


409 


D. Protestant 


ische 


Land 


ler. 


„ Marien- 








Neckarkreis .... 


190 


81 


907 


werder . 


71 


485 


482 


Provinz Friesland 


55 


82 


908 



1) Von den Schweizer Cantonen sind katholisch: Tessin, Uri, ünter- 
walden (ob und nied dem Walde), Appenzell (Innerrhoden), WaUis, Schwyz, 
Luzem, Zug. Gemischt, mit katholischer Majorität: Solothurn, Freiburg, 
St. Gallen, Genf. Mit protestantischer Majorität: Aargau, Graubündten, 
Thurgau, Basel, Glarus, Bern, Neufchätel. Protestantisch: Schaff hausen, 
Waadt, Zürich, Appenzell ( Ausser rhoden). 



90 — 



1 

Länder 


Selbst- 
mörder 
auf 


Einwohner 
per mille 


1 Million 


Kath. 


Prot. 


Provinz Groningen 
Schweizer Cantone 


97 

279 


70 

68 


908 
922 


Provinz Drenthe . 


63 


52 


923 


Bezirk Berlin- 








Potsdam .... 


195 


25 


940 


England 

Bezirk Aurick . . . 


70 
120 


53 
22 


946 
959 


„ Hannover . 


153 


29 


960 


Waldeck 


(62) 


21 


962 


Bezirk Magdeburg 
„ Köslin . . . 


231 

83 


29 
16 


962 
965 


„ Stettin . . . 


144 


6 


970 


„ Frankfurt . 


191 


16 


972 


Gumbinnen 


89 


12 


976 



L&nder 



Selbst- 
mörder 

auf 
1 Million 



Einwohner 
per mille 

Kath. Prot. 



Sachsen (Eönigr.) 311 

Sachsen-Meiningen 264 

Bezirk Lüneburg . 190 

Schleswig-Holstein 228 

Bezirk Stade ... 163 

„ Merseburg. 238 

„ Stralsund . 197 

Mecklenburg ... 167 

Hamburg 301 

Sachsen-Altenburg 303 

Lauenburg .... 156 

Dänemark 258 

Schweden 81 

Norwegen 75 



21 
6 

10 
6 
6 
7 
5 
2 
2 
1 



976 
983 
986 
988 
989 
990 
991 
992 
992 
998 
999 
999 
1000 
1000 



lieber die Wirkung der verschiedenen protestantischen Kirchen 
haben wir wenige zuverlässliche Inductionen. In Oesterreich 
kamen 1858/59 auf 1 Million Einwohner: 



Land 



Kath. Augsb. Helv. . , ... . , Unitarier Juden 

unirt nicht nnirt 



Böhmen 


69 


162 


114 


— 




— 


81 


Mähren 


67 


58 


72 








12 


Galizien .... 


45 


18 




47 


— 


— 


10 


Bukowina . . . 


80 


— 




— 


34 




— 


Ungarn 


41 


60 


74 


14 


15 




30 


Siebenbürgen. . 


130 


90 


83 


29 


24 


94 


— 


Grenze ..... 


28 


32 


— 


91 


22 


— 


— 



Wagner glaubt aus dieser Tabelle wenigstens mit einigem 
Recht schliessen zu dürfen, dass die reformirte Kirche derEnt- 
wickelung der Selbstmordneigung günstiger sei als die lutheri- 
sche. Er folgert es aus der Angabe über Ungarn (wo [1870] 
887.063 Lutheraner, 1,720.920 Reformirte waren); dagegen zeigen 
Siebenbürgen und Böhmen, wo auch grössere Zahlen vorliegen, 
das Gegentheil, während Mähren allerdings seine Ansicht be- 
stätigen würde. *) 



1) In Siebenbürgen gab es 1870: 209.080 Lutheraner, 296.460 Refor- 
mirte, 53.539 Unitarier; in Böhmen Ende 1869: 46.415 Lutheraner, 59.706 Re- 
formirte ; in Mähren 20.355 Lutheraner, 36.880 Reformirte. 



— 91 — 

Allein wir thun besser, uns an unsere Haupttabellen zu 
halten, und da sehen wir ganz deutlich, dass der Selbstmord 
in reformirten Ländern bedeutend seltener vorkommt 
als in lutherischen; so ist die Selbstmordneigung in England, 
Schottland und den Niederlanden bedeutend geringer als in 
dem rein lutherischen Sachsen, Dänemark und in Preussen; 
die verhältnissmässig höhere Frequenz der Schweiz erreicht 
trotzdem die Höhe der sächsischen Länder nicht. Wir sind also 
zu dem Schlüsse berechtigt, dass die reformirte Kirche die 
Selbstmordneigung weniger fördert als die lutherische. 

Von anderen Kirchen besitzen wir nur die oben angeführten 
spärlichen Daten über die Unitarier; detaillirtere Angaben über 
die einzelnen Kirchen in Schottland, Amerika u. s. w. fehlen 
gänzlich. 

§. 9. Es wäre nun unsere Aufgabe, die einzelnen Selbst- 
morddaten mit dem religiösen Zustand von Stadt- und Land- 
bevölkerung, Beruf u. s. w., und vornehmlich Nationalität und 
Land zu vergleichen; allein wir sind noch nicht ganz über die 
Natur der Selbstmordneigung unterrichtet, und müssen daher auf 
diese Untersuchung vorläufig verzichten, um vorerst das richtige 
Verhältniss der Selbstmordneigung zur Psychose und der Zunahme 
beider kennen zu lernen. 

So viel ist aber schon jetzt klar, dass nicht die Eeligion 
und Confession an sich, nicht etwa die Matrikel, in welcher der 
Mensch eingetragen ist, die Selbstmordneigung verhüten oder 
begünstigen, sondern dass es vielmehr auf die Eeligiosität und 
Kirchlichkeit selbst ankommt. Es ist richtig: nicht jede religiöse 
und confessionelle Organisation der Gesellschaft disponirt auf 
gleiche Weise; aber bestimmend wirkt die Qualität des religiösen 
und kirchlichen Gefühles, der religiös -sittliche Zustand des Ein- 
zelnen und ganzer Völker. Wenn daher gesagt wird, dass der 
Katholicismus die Selbstmordneigung weniger begünstigt als der 
Protestantismus, so kann damit gemeint sein, dass einerseits 
der katholische Glaube weniger disponirt, und andererseits, dass 
die Katholiken religiöser oder kirchlicher sind als die Protestanten. 
Freilich gälte das nicht von allen Katholiken; denn in dem ka- 
tholischen Frankreich und Oesterreich werden bedeutend mehr 
Selbstmorde verübt als in dem protestantischen England. Es 



— 92 — 

handelt sich, wie Wagner sagt, nicht allein, vielleicht nicht 
einmal so sehr um die dogmatische Verschiedenheit der einzelnen 
Eeligionen, als um den Grad, in welchem eine jede von ihnen 
gegenwärtig wirklich noch innere Glaubenssache für die Masse 
ihrer Bekenner ist. 

Wie aber die Selbstmordfrequenz als Maass der Ee- 
ligiosität aufzufassen ist, werden uns die Untersuchungen des 
V. Capitels deutlich zeigen. 



Drittes Hauptstück. 

Die Selbstmordneigung vom psychologischen Standpunkte 
betrachtet; Selbstmord und Psychose. 

§. 1. Die Geisteskrankheit interessirt uns nicht nur als stark 
wirkende Ursache der Selbstmorde — Vs ^^^^ Vbüq sind 
nämlich auf Geisteskrankheit zurückzuführen — sondern auch als 
sociales Uebel der Gegenwart, welches, wie von vornherein 
zu erwarten ist, zur Selbstmordneigung unserer Tage in naher 
Beziehung steht. 

Die öffentliche Meinung unserer Tage erklärt fast jeden 
Selbstmord durch die Geisteskrankheit der Thäter. Offenbar ahnt 
man die innere Beziehung der Selbstmordneigung zur Psychose; 
der gesunde und schlichte Menschenverstand findet es unbegreif- 
lich, wie sich ein Mensch selbst den Tod geben kann. ^) Auch 
fürchtet man das TJrtheil der öffentlichen Meinung, die den Selbst- 
mord trotz seiner Häufigkeit noch immer als eine unsittliche That 
brandmarkt, obwohl im Ganzen die Verurtheilung der unheilvollen 
That ziemlich gelinde, ja lax ist. ^) 



*) Auf Island Wurde nur Derjenige von einem Verbrechen gegen die 
Person freigesprochen, der früher an sich selbst die Hand anzulegen versucht 
hatte, denn nur dann hielt man ihn für unzurechnungsfähig und für nicht 
strafbar. — Die Indianer Nordamerikas betrachten den Selbstmord als Folge 
der geistigen Zerrüttung ; daher halten sie ihn weder für eine heroische noch 
für eine schlechte That, sie bemitleiden den Selbstmörder. 

2) Die Verwandten fürchten wohl hauptsächlich die Vermuthung, dass 
sie an der ünglücksthat irgend welche Schuld tragen. 



' — 93 — 

In der Wissenschaft hat Esquirol die Ansicht aufgestellt, 
dass jeder Selbstmord im unzurechnungsfähigen Zustande verübt 
werde. Dass dem aber nicht so ist, zeigt einfach die Thatsache, 
dass viele Leute, welche an der Ausführung ihres Vorhabens 
noch im letzten kritischen Augenblicke gehindert werden, nach 
ihrer Bettung zurechnungsföhig sind. Dass aber die Bettung 
selbst die Geisteskrankheit beseitigen würde, lässt sich vom psy- 
chiatrischen Standpunkte nicht annehmen. Man gebe nur einem 
ruinirten Geschäftsmann, der sich eben das Leben nehmen will, 
die nöthige Summe Geldes, und er wird ganz gewiss von seiner 
Absicht ablassen, wenn er geistesgesund ist; ist er aber geistes- 
krank, so kann ihn das Geld nicht retten. Es werden viele, 
aber nicht alle Selbstmorde im unzurechnungsfähigen Zustande 
verübt. 

Die Ansichten, welche über die Psychose in gebildeten und 
selbst gelehrten Kreisen herrschen, sind gewöhnlich ungenügend 
und mangelhaft. Daher kommt es, dass auch die Statistiker, 
wenn sie nicht Psychiatriker und Psychologen sind, bei der Be- 
gistrirung der Selbstmorde unwissenschaftlichen Principien in der 
Eintheilung folgen. So z. B. ist die Wagner 'sehe Classification 
mangelhaft; neben Geisteskrankheiten werden Geistesstörungen, 
verbunden mit Leidenschaften, angeführt; das Gehirnfieber fungirt 
als eigene Classe und Aehnliches. Daher bleibt nichts Anderes 
übrig, als die Sache in aller Kürze aufzuhellen. 

L 

Es ist ungemein schwer, eine scharfe Grenze zwischen 
dem normalen und anormalen Seelenleben zu ziehen. Bis- 
her ist es weder den Psychologen noch den Statistikern gelungen, 
den mittleren Menschen zu construiren, jenen Typus, nach 
welchem die Natur die Individuen zu bilden scheint; dennoch 
operirt aber der Psychologe, Statistiker, Sociologe, Mediciner, 
Jurist, Lehrer — kurz wir Alle mit dem Begriffe eines mittleren, 
normalen Menschen. *) Es ist selbst für den tüchtigsten Psy- 
chiatriker sehr schwer, die ersten Stadien der Geisteski'ankheit zu 



1) Ueber den mittleren Menschen v. Quetelet, Physique sociale, und 
Morpurgo, 1. c. p. 47 squ. 



- 94 — 

entdeoken; in praxi hat man zwar gewisse und oft untrügliche 
Anhaltspunkte dafür, aber es fällt nicht leicht, diese Symptome 
genau zu beschreiben, wenn es auch hauptsächlich daran liegt, 
dass sehr viel gesagt werden müsste. 

Die Geisteskrankheit entwickelt sich gewöhnlich sehr langsam 
und zeigt auch nicht so acute Wirkungen, wie die physischen 
Krankheiten; sie wird oft erst dann entdeckt, wenn das Uebel 
schon weiter fortgeschritten ist, und nicht selten hält man die 
Symptome der Krankheit für die Ursachen selbst; der „Ver- 
ständige" kann schon krank, und der „Kranke" kann noch ver- 
ständig sein. Zu den elementaren Störungen rechnet man 
die Anomalien des Gemüthes, des Wollens, des Denkens, und 
die sensitiven und motorischen Elementarstörungen. Die Selbst- 
empfindung und Stimmung wird gestört, das Gemüth wird reizbar 
oder stumpf; das Denken wird unlogisch, geht langsam oder zu 
schnell vor sich, wodurch eine bald grössere, bald geringere Ver- 
worrenheit eintritt. Das Gedächtniss wird häufig geschwächt, 
Wahnideen stellen sich ein. Das Wollen wird entweder sehr 
schwach oder zu stark und heftig; oft entwickeln sich heftige 
Triebe, besonders zu Muskelthätigkeiten, die in vielen Fällen ganz 
unwiderstehlich werden können; oft können diese selbst gestört 
Werden, wie wir es an den extatischen Zuständen mit ihrer kata- 
leptischen Erstarrung sehen. Es stellt sich ein allgemeines Krank- 
heitsgefühl ein, das oft sehr intensiv wird, und auf das schliesslich 
eine allmähliche Umwandlung des Ichbewusstseins folgt. Neben 
Anaesthesien kommen Extasen, Hallucinationen und Illusion vor. 

Alle diese Störungen können. vorhanden sein, ohne dass sich 
eine eigentliche Psychose einstellt. Das Kranksein selbst beruht im 
Wesentlichen darauf, dass gewisse Nervenzustände, Stimmungen, 
Gefühle, Affecte, Leidenschaften, Urtheile und Willensrichtungen 
von Innen heraus, durch die Krankheit des Seelenorganes ent- 
stehen, während alle diese Zustände im Gesundsein durch Ein- 
wirkungen von Aussen in uns erzeugt werden. Der Geisteskranke 
ist der grösste Egoist; freilich ist sein Egoismus nicht ethischer, 
sondern pathologischer Natur. Beim Gesunden besteht eine Har- 
monie zwischen seiner Umgebung und ihm, beim Kranken ist sie 
gestört; seine psychischen Zustände nehmen eine anormale Dauer 
und Intensität an und unterscheiden sich dadurch wesentlich von 



— 95 — 

den gesunden, normalen Geisteszuständen. Niemand fällt es auf, 
wenn Jemand z. B. traurig wird; aber es fällt auf, wenn ein 
Mensch sehr lange und sehr stark traurig bleibt, und wenn sein 
Znstand dem äusseren Anstoss nicht proportional ist, wenn auf 
eine geringfügige Ursache eine unerwartet starke Wirkung folgt. 

Die Classification der Psychosen — sofern sie über- 
haupt möglich ist — ist am richtigsten, wenn man den psycho- 
logischen Standpunkt festhält, auf die Art und Weise der Ano- 
malie des Seelenlebens sieht. 

Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, bietet das psy- 
chische Leben zwei Grundzustände dar, innerhalb deren sich 
auch die psychischen Anomalien bewegen. Auf der einen Seite 
haben wir eine Depression, auf der anderen eine Exaltation der 
krankhaften Seelenzustände ; die verschiedenen Formen dieser zwei 
Hanptgruppen erscheinen als verschiedene Stadien eines längeren 
Erankheitsprocesses, der einen steten Verlauf nimmt und mit der 
gänzlichen Zerstörung des Seelenlebens endet. Dieser Verlauf 
kann durch eintretende psychische und pathologische Ereignisse 
modificirt und gestört werden; dennoch aber ist er in jeder 
Krankheit bestimmt wahrnehmbar, nnd zwar derart, dass sich 
gewöhnlich nach den elementaren Störungen der Depressions- 
zustand einstellt, der dann in den Zustand der Exaltation über- 
geht, bis sich schliesslich die Formen der gänzlichen Verrücktheit 
und des Blödsinns einstellen. 

Mit diesem natürlichen Verlauf der psychischen Krankheit 
geht auch die entsprechende physiologische und anatomische Ver- 
änderung im Organismus vor sich. 

Die ersten Stadien der Psychose sind heilbar, die letzten 
zwei secundären Geistesstörungen nicht. 

Wenn die Grenze des normalen Seelenlebens überschritten 
wird, was, wie schon gesagt wurde, nicht leicht zu bestimmen 
ist, stellt sich der psychische Depressionszustand ein. Dieser 
ist durch das übergrosse Gefühl der Beklemmung, Angst und 
Traurigkeit — „Seelenschmerz" — kenntlich; Affeete und affect- 
artige Zustände bleiben fixirt. Im ersten Stadium, der Hypo- 
chondrie, ist von einer Abnahme der Intelligenz selten etwas 
zu merken, höchstens eine psychische Monotonie, weil der Kranke 
exclusiv auf bestimmte Dinge, gewöhnlich auf sein körperliches 



— 96 — 

Krankheitsgefühl achtet, so dass sich die falschen Urtheile des 
Kranken fast immer auf seinen Gesundheitszustand beziehen. 

Ein höherer Grad der Krankheit ist die Melancholie, 
welche vornehmlich durch eine übergrosse Empfindlichkeit und 
ein niederschlagendes Schmerzgefühl gekennzeichnet ist, das jede 
Nervenerregung begleitet; selbst die Lust wird in diesem Zu- 
stande zum Schmerz. Nichts vermag zu befriedigen, nichts kann 
Buhe schaffen. Oft stellt sich eine gänzliche Stumpfsinnigkeit 
ein. Das Ichbewusstsein wird allmählich durch die Anomalien 
des Vorstellens, Hallucinationen und Illusionen, alterirt und durch 
anhaltende Delirien oft ganz umgewandelt. Nicht selten ent- 
wickeln sich falsche Triebe und Willensrichtungen, die die Zer- 
störung der Umgebung oder der eigenen Person bezwecken. Die 
schmerzhaften Affecte, die unüberwindlichen Angstgefühle, endlich 
die Wahnvorstellungen und Sinnesdelirien sind in diesem Zustande 
der Psychose die häufigsten und allgemeinsten Ursachen des S(4l>st- 
mordes. >) Die Melancholiker üben unter den Geisteskranken den 
Selbstmord am häufigsten. 2) Die Aeusserungsweise dieser Krank- 
heitsform ist mannigfaltig. 3) Gut kann man die Melancholie ein- 
theilen nach dem verschiedenen Verhalten der Willensrichtungen 
von ihrer motorischen Seite betrachtet ; so erhält man die Unter- 
abtheilungen der Melancholie mit Stumpfsinn, die Melan- 



1) Der Kranke hört z. B. Stimmen, welche ihm befehlen, sich zu 
tödten, und Aehnliches. 

^ Man hat sehr oft von einer Selbstmordmonomanie gesprochen. 
Esquirol hat eine specielle Classe von Monomanien im Gegensatze zur 
Manie aufgestellt. Allein dabei befolgte er ein falsches Eintheilungsprincip, 
weil der psychische Zustand ausser Acht gelassen wurde und nur die äusseren 
Merkmale berücksichtigt wurden. Es ist auch gar nicht richtig, dass der 
Kranke nur eine einzige, anormale fixe Idee habe, in allen übrigen Be- 
ziehungen 'aber völlig gesund sei. Alle sogenannten Monomanien sind Sym- 
ptome eines allgemeineren Krankheitsprocesses. Ueber die vom psychologischen 
Standpunkt sehr interessanten Untersuchungen über den Gegenstand v. Annal. 
med. ' psychol. 1853; cf. Bari'od, ^tudes critiques sur les monomanies in- 
stinctives. Nonexistence de cette forme de maladie mentale, 1852. 

^) Griesinger zählt namentlich auf : Die melancholia religiosa, 
die Besessenheit, melancholia metamorphosis (mit der Wahnvor- 
stellung, dass die eigene Persönlichkeit verloren gegangen), und schliesslich 
das Heimweh. 



— 97 — 

cholie mit der Aeusserung negativer zerstörender Triebe 
und schliesslich die Melancholie mit anhaltender Willens- 
aufregung im Uebergang zur Tobsucht. 

Der Exaltationszustand ist der psychischen Depression 
als Aussersichsein dem Insichsein entgegengesetzt. Er gibt sich 
kund durch eine energische Ki'aftäusserung , Uebertreibung, 
Unruhe und Leidenschaftlichkeit; der Kranke ist gewöhnlich in 
einer heiteren Stimmung. Das falsche Denken und Wollen ent- 
steht mehr selbstständig, ohne tiefe En-egung des Gemüthes, und 
hat gewöhnlich den Charakter der psychischen Schwäche. Der 
Wille kann durch den Willen Anderer nicht mehr geleitet werden. 
In der Tobsucht äussert sich die Exaltation durch unbewusste, 
spontane, bald acute, bald chronische Kraftäusserungen; sie treibt 
als destructive Manie den Kranken sehr oft zum Morde, aber nie 
zum Selbstmorde, höchstens dass der Maniacus zufallig Schaden 
leidet und verunglückt. Der Wahnsinn — in diesem psychiatri- 
schen Sinne — ist durch eine vollständige Umwandlung des Ich- 
bewusstseins kenntlich; die Folge davon ist die Selbstüberschätzung. 
Die Handlungen werden mit Absicht, durch Bestimmungen des 
Willens gesetzt, die Ideen sind aber unstet, falsch, — „wahn- 
sinnig". 

Die unheilbaren psychischen Zustände sind die Verrückt- 
heit und der Blödsinn, i) 

§. 3. Für die Eintheilung der Selbstmorde vom psy- 
chologischen Standpunkte ergibt sich uns nach dem Gesagten 
Folgendes : 

Entweder wird die That in einem entschieden gesunden oder 
in einem entschieden kranken Zustande verübt; sie kann aber 
auch in einem zweifelhaften Zustande begangen werden, von dem 
weder das Eine noch das Andere mit Bestimmtheit ausgesagt 
werden kann. Die Absicht, sich zu tödten, wird im Zustande 
der Psychose gefasst (1), die Psychose stellt sich erst nach dem 
Entschlüsse und in Folge des Entschlusses ein (2), und schliess- 
lich kann eine Complication beider Fälle vorkommen (3). 



^) Die Erscheinungen des Idiotismus und Cretinismus, ebenso 
die durch Paralyse und Epilepsie complicirten Formen sind hier von 
keinem Belange. 

Masaryk. Der Selbstmord. 7 



— 98 -- 

Die Formen der Psychose selbst wären aber nach folgendena 
Schema anzugeben: 

A. Unentschieden. 

B. 1. Hypochondrie. 

2. Melancholie. 

3. Tobsucht. 

4. Wahnsinn. 

5. Verrücktheit. 

6. Blödsinn. 

Deshalb, weil die That in irgend einem Stadium der Psychose 
begangen wird, ist vom wissenschaftlichen Standpunkte die Zu- 
rechnungsfähigkeit und Verantwortlichkeit des Thäters 
nicht absolut geläugnet. Im Allgemeinen hält man Denjenigen 
für unzurechnungsfähig, der der Freiheit beraubt ist, für sein 
Glück und seine Erhaltung zu handeln, dem klare Vorstellungen 
und Urtheile über Objecte und Zwecke und über den Erfolg seiner 
Bethätigungen und schliesslich vom eigenen Ich fehlen. Die öffent- 
liche Meinung hält nun jeden Geisteskranken für unzurechnungs- 
fähig und unverantwortlich, weil man im gewöhnlichen Leben 
nur die höchsten Grade der Krankheit vor Augen hat; allein die 
Psychologie identificirt die Psychose nicht mit der gänzlichen 
Unfreiheit, und lässt daher in einem gewissen Grade die Verant- 
wortlichkeit der Geisteskranken zu. 

§. 4. Die kurze Charakteristik der Psychose, die wir hier 
geliefert haben, genügt, um die Beziehung dieser Krankheit zur 
Selbstmordneigung zu begreifen und gebührend zu würdigen, zu- 
mal die dazu nothwendige Lebenserfahrung und die allgemein 
bekannten Darstellungen des Uebels bei Shakespeare und Anderen 
bei den gebildeten Lesern vorausgesetzt werden können. ^) 

Die meisten Selbstmorde werden in einem gewissen 
Depressionszustande des Gemüthes verübt; der Mensch, der 
sich für so unglücklich hält, dass er freiwillig das Leben zu ver- 
lassen sich entschliesst, muss nothwendig eine grosse Seelenangst 
und Seelenschmerz empfinden. Das ergibt sich auch daraus, 



^) Maudsley hält diese Darstellungen für besser als jene in psychiatri- 
schen Fachwerken; er hat Kecht, soweit es sich um den psychischen Zustand 
der Kranken handelt. 



— 99 — 

dass die Melancholie überhaupt die Geisteskrankheit der Selbst- 
mörder ist. Die Todesangst regt den Unglücklichen derart auf, 
dass die grässliche That gewiss in den allermeisten Fällen in 
einer der Psychose sehr nahe stehenden Geistesverfassung verübt 
wird; der Zustand der Seele, sagt Göthe, in welchem man zum 
Selbstmorde fähig ist, ist immer ein zerrütteter, verdorbener Zu- 
stand; keine Wahrheit in dem Anblick der Dinge, keine Voraus- 
sehung einer oft nahen Zukunft, kein Einblick in das Umstehende, 
eine unglückliche Vereinigung aller Seelenkräfte auf einen einzigen 
schwarzen Punkt. Descuret nennt den Selbstmord sehr richtig 
ein Delirium der Selbstliebe. 

Nichtsdestoweniger kommen auch Fälle vor, in denen die 
That ganz kaltblütig begangen wird, wo die Entscheidung über 
Sein und Nichtsein ebenso kühl und ruhig getroffen wird, wie 
die Entscheidung über jede andere, geringfügige That. Natürlich 
kommen solche Fälle selten vor. ^) 

Specielle Indicien dafür, ob ein Selbstmord in irgend einem 
Grade der Geisteszerrüttung verübt wurde, gibt es nicht, ausser 
die Thatsachen, welche die Obduction der Leiche ergibt. Ueberdies 



1) Man streitet oft darüber, ob der Selbstmord eine muthige 
oder feige Handlung sei. Um den Streit zu schlichten, muss man vor 
Allem an einen ganz zurechnungsfähigen Thäter denken und den Begriff 
„Muth" rein psychologisch, nicht ethisch — etwa im Sinne der antiken 
Cardinaltugend der Tapferkeit — fassen. Bedenkt man dann, dass der Muth 
bei denjenigen Personen vorhanden ist, die ein gewisses Maass von physischer 
Kraft besitzen, über eine angeborene Energie des Willens gebieten, und die 
Lage, in der sie sich eben bewähren sollen, kennen, so ist nicht abzusehen, 
warum es keine muthigen Selbstmörder geben sollte, und warum sonst 
muthige Menschen nicht muthig dem Tode begegnen könnten. Trotz der 
grossen Seelenangst vermag der Geängstigte den Tod selbst muthig und 
tapfer zu ertragen; denn auch der Tapferste kann etwaige Anwandlungen von 
Furcht haben. 

Eine andere Frage ist es, ob es muthiger ist, das Leben aufzu- 
geben oder die Schicksalsschläge geduldig zu ertragen. Zu dem 
Ersteren gehört ein einmaliges Sichaufraffen, zu dem Letzteren ein muthiges 
Ausharren. Die Analyse der schriftlichen Aufzeichnungen der Selbstmörder be- 
weist, dass die letzten Gefühle der Unglücklichen in den meisten Fällen einer 
sehr trostlosen und traurigen Stimmung entfliessen; in der Mehrzahl der 
Fälle ist eine grosse Seelen- und Todesangst ausgesprochen. V. Brierre, 
p. 298 squ. 



— 100 — 

gelten die allgemein massgebenden Anzeichen der Psychose. Man 
achte darauf, ob nicht eine geringfügige Veranlassung den An- 
stoss zur That gegeben hat; man achte auf die etwaige Extra- 
vaganz in der Ausführung und in der Wahl der Mittel, des 
Ortes, der Zeit; man prüfe, ob nicht schon früher Selbstmord- 
versuche gemacht wurden; geisteskranke Selbstmörder schreiben 
selten über die Zustände ihrer letzten Lebenszeit. Im Uebrigen 
sollte man das ganze Leben solcher Unglücklichen kennen, denn 
nur dann könnte man den Entschluss und die That psychologisch 
vollständig begreifen. 

n. 

§. 5. Nachdem wir die Psychose vom psychologischen Stand- 
punkte untersucht haben, wollen wir es nun versuchen, das Ue bei 
in seiner socialen Bedeutung zu erkennen, und gehen daher auf 
die Ursachen derselben ein, und zwar in derselben Eeihenfolge, in 
welcher wir die Ursachen der Selbstmordneigung durchstudirt haben. 

1. Die Natureinflüsse, sowohl die tellurischen als auch 
die siderischen, wirken nur disponii-end auf die Entstehung und 
Verbreitung der Psychose, und es gilt von ihnen dasselbe, was 
über sie gesagt wurde, als wii* ihre Wirkung auf die Entstehung 
der Selbstmordneigung prüften. 

Speciell ist zu erwähnen, dass der ungewohnte Einfluss des 
Klimas, der Witterungsverhältnisse u. s. f. den Organismus 
angreift und derart zur Psychose disponirt. Der Jahreszeit nach 
finden die meisten Erkrankungen im Sommer (Mai bis August) 
statt. ^) 

Für Melancholiker ist, nach Maudsley, der frühe Morgen 
geßlhrlich, wenn sie zu früh aufwachen zu erneuertem Leiden; 
der Selbstmord wird dann häufig versucht. 



1) Da sich die Psychose nur allmählich entwickelt, ist eine genaue 
Controle dieser Angabe nicht möglich, obwohl die Hitze entschieden un- 
günstig wirkt. Aus der Zeit, in welcher sich die Kranken in eine Anstalt 
melden, dai-f man natürlich keine voreiligen Schlüsse ziehen. 

Esquirol hat behauptet, dass sich im Sommer die Tobsucht häufig, 
selten im Winter entwickele; wie sich die anderen Formen der Krankheit 
zu den Jahreszeiten verhalten, ist unbekannt. Cf. Jacobi, Die Hauptformen 
der Seelenstörung, 1844, I., p. 568. 



— 101 — 

Von kosmischen Einflüssen ist besonders das Mondlicht 
zu erwähnen; es wirkt auf Kranke beunruhigend. 

2. Die Städte sind für die Ausbildung der Geisteskrankheit 
günstiger als das Land. 

3. Vom Eintritt der Geschlechtsreife an wird die Geistes- 
krankheit häufiger. ^) Zeller^) gibt für das männliche Geschlecht 
den Zeitraum vom 20. bis 30., für das weibliche den vom 30. 
bis 40. Lebensjahre als die Epoche der häufigsten Erkrankungen 
an 5 für Weiber sollen die welkende Blüthe und der Eintritt der 
klimakterischen Jahre mit ihren schwindenden Hoffnungen auf 
Lebensglück eine wirksame Ursache sein; daher liefern die Frauen 
auch nach dem 40. Jahre eine grosse Anzahl. 

Das Greisenalter scheint keine besondere Veränderung 
der Erkrankungsfähigkeit herbeizuführen. Würde man die vielen 
Fälle des senilen Blödsinnes einrechnen, so dürfte sich freilich ein 
sehr ungünstiges Verhältniss für das hohe Alter herausstellen. 

Im Ganzen entsprechen den verschiedenen Altersstufen ver- 
schiedene Formen der Geisteskrankheit, ähnlich wie ihnen ver- 
schiedene Temperamente entsprechen. Im Kindes- und Greisen- 
alter findet sich häufig der Blödsinn, in der Jugend die Manie, 
im Mannesalter die Melancholie und bei den Greisen die Ver- 
rücktheit. 

4. Die köi'perliche Beschaffenheit, speciell der Gesundheits- 
zustand, wirken disponirend und determinirend auf die Entstehung 
der Psychose. Vornehmlich sind folgende schädliche Einwii'kungen 
auf das centrale Nervensystem mit ihren directen und indirecten 
Einflüssen hervorzuheben: 

1. Kopfverletzungen (Einwirkung von übermässiger Hitze oder 

Kälte, Afterbildungen innerhalb der Schädelhöhle u. s. f.). 

2. Narkotische Intoxication, Paralysen, Convulsionen, (Epi- 

lepsie). 

3. Hirnentzündung und Typhen. 

4. Blutungen, physische Erschöpfung (durch Hunger, Durst, 

Ausschweifung, Anstrengung, Alter). 



>) Esquirol behauptet, dass die erste Menstruation, wenn Geistes- 
krankheit ausbricht, immer mit Selbstmordneigung verbunden ist, 
2) Journal für Psychiatrie, I., 1, p. 18, 



- 102 — 

5. Abdominalstasen und Plethora (bewirkt durch Völlerei, 

sitzende Lebensweise , Decrepidität , Schwangerschaft, 
Pubertät, Menstruationsfehler u. s. f.). 

6. Fieber. 

7. Organische Herz- und Lungenkrankheiten. 

8. Bandwurm und Aehnliches. 

9. Folgen der geschlechtlichen Ausschweifungen. 

10. Andere Krankheiten, besonders Gicht, Rheumatismus u. s.w. 

Was die körperliche Constitution im Allgemeinen betrifft, 
so ist die sogenannte nervöse Constitution besonders gunstig 
für die Ausbildung der Psychose. 

Die psychischen Dispositionen der individuellen Natur- 
anlage sind von grosser Bedeutung. 

Von Natur aus exaltirte, excentrische, traurige, hypochon- 
drische und melancholische, sentimentale, unentschlossene und 
zaghafte, furchtsame und feige Charaktere sind der Krankheit 
leichter als andere ausgesetzt, weil alle diese Zustände an und 
für sich mit der Psychose verwandt sind, und weil auch die de- 
terminirenden psychischen Ursachen, von denen wir später handeln 
werden, mit diesen Dispositionen in naher Beziehung stehen. ^) 

5. Eine mächtig wirkende individuelle Prädisposition der 
Psychose bildet die Erblichkeit. 

Dass die Psychose, ebenso wie viele physische Krankheiten, 
vererbt werden kann und vererbt wird, lässt sich nicht bezweifeln. 
Allein man darf die Wirkung der Erblichkeit nicht übertreiben. ^) 



*) Sanguiniker haben wenig Anlage zur Selbstmordneigung, ebenso die 
Phlegmatiker; den phantasiereichen Choleriker reisst der Affect oft zu ge- 
waltsamen Thaten hin; ganz besonders günstig für die Entwickelung der 
Selbstmordneigung ist das sogenannte melancholische Temperament, das 
schon mit dem Namen auf die entsprechende Form der Geisteski'ankheit 
hinweist. 

5) Moreau führt 9/,o aller Fälle auf die Vererbung zurück; das ist 
aber entschieden übertrieben. 

Maudsley sagt: Gewiss sind Vi? vielleicht 1/2» möglich 3/4 ererbte 
Geisteskrankheiten. 

Schlager (Zeitschr. der k. k. Gesellsch. d. Aerzte in Wien, 1860, 
Nr. 34, 35) nimmt nur 4 % ^^j ^Jid lässt die Erblichkeit nur in den Fällen 
gelten, in welchen yor oder zur Zeit der Zeugung eines der Eltern geistes- 
krank war. 



- 103 — 

Die Untersuchungen und statistischen Berechnungen werden ge- 
wöhnlich zu oberflächlich gemacht, als dass eine richtige Ab- 
schätzung der Wirkungsweise möglich wäre. Deshalb, weil die 
Eltern geisteskrank sind oder waren, muss das geisteskranke Kind 
das Uebel nicht geerbt haben. Man sucht die Erblichkeit viel 
zu viel und findet sie darum überall. Man sollte genau angeben, 
ob die Eltern, oder eines derselben, dieselbe Form der Psychose 
hatte wie das Kind; man sollte untersuchen, in welcher Zeit 
sich die Psychose bei den Eltern und Kindern entwickelt hat, 
ob die Eltern — Beide oder Eines — bei oder vor der Zeugung 
des Kindes krank waren, ob eine frühere Psychose ihre Wirkung 
noch auf die betreffende Conception ausdehnen konnte; ferner 
muss untersucht werden, ob nicht ii-gend ein physisches Ge- 
brechen vererbt wurde, das unter günstigen Umständen nicht nur 
bei den Eltern , sondern auch beim Kinde zur Psychose führte. 
Wenn alle diese und noch manche andere specielle Vorsichts- 
massregeln methodisch angewendet worden, frage man sich, wie 
die Erziehung, das psychische Contagium, die Nachahmung und 
überhaupt alle übrigen Verhältnisse auf das Kind zusammen 
einwirkten, ob sich die Psychose nicht naturgemäss, ohne Ver- 
erbung, entwickeln musste. Vornehmlich achte man auf die 
ersten Lebensjahre, in denen das schwache Nervensystem nach- 
haltige Störungen erleiden kann. 

In vielen Fällen, die als erblich angeführt werden, wird 
das Kind durch die Furcht vor der Vererbung krank; beson- 
ders gilt das von der Furcht, die Selbstmordneigung geerbt zu 
haben. *) 

Die Vererbung der Selbstmordneigung speciell geht 
so vor sich, dass die Disposition zu einer Form der Psychose 
oder die Psychose selbst vererbt wird, die beim Kinde ebenso 
wie bei den Eltern zum Selbstmorde führen. Auch können die 
Kinder solche psychische Dispositionen erben, die unter gewissen 
Umständen zur Geisteskrankheit und zum Selbstmorde führen. 
Aber es gibt keine Vererbung der Selbstmordidee oder Selbst- 
mordneigung in dem Sinne, dass eine Vorstellung, ein Urtheil, 



1) Cf. Maudsl ey, Die Zurechnungsfähigkeit der Geisteskranken (intern. 
Bibüoth.), p. 177; Faire t, p. 355. 



— 104 — 

überhaupt eine Kenntniss und Neigung (= Liebe, Wollen) ver- 
erbt werden könnte, in Folge derer sich Jemand gleichsam ge- 
zwungen das Leben nehmen müsste. 

Geerbt werden nur Dispositionen ; freilich ist es unmöglich, 
den Vorgang genau vorzustellen; wahrscheinlich geschieht die 
psychische Vererbung auf dem physiologischen, morphologischen 
und pathologischen Umwege; aber wie wir uns das zu denken 
haben, sieht vorläufig Niemand ein. ') 



1) Das vererbte Uebel tritt bei den verschiedenen Generationen in den 
verschiedensten Formen auf; so z. B. gibt Morel folgendes Bild einer suc- 
cessiven Degenerirung : 

I. Generation zeigte: Moralische Depravation, Alcoholexcesse. 

II. „ „ Trunksucht, maniacale Anfälle, allgemeine Paralyse, 

in. „ „ Hypochondrie, Melancholie, Taediumvitae, Mordtriebe. 

IV. „ „ Imbecillität, Idiotie, Aussterben der Familie. 

Wenn behauptet wird, es gebe auf psychischem Gebiete eine 
Vererbung, so kann vernünftigerweise nur die Vererbung derjenigen psychi- 
schen Thätigkeiten gemeint sein, von denen uns die innere Wahrnehmung 
Eechenschaft gibt, da wir über unbewusste Thätigkeiten — gesetzt, es gäbe 
solche — keine Controle haben. Es müssten also nur bewusste psychische 
Phänomene einer der drei Gnindclassen der psychischen Thätigkeit oder Com- 
binationen derselben vererbt werden. 

Die Vererbung der Vorstellungen kann nur besagen, dass ich neben 
den Vorstellungen, welche ich durch die Erfahrung gewinne und im Ge- 
dächtniss aufbewahrt habe, auch ererbte Vorstellungen im Bewusstsein habe. 
Aber die innere Wahrnehmung kennt absolut keinen Unterschied von er- 
erbten und acquirirten Vorstellungen. Gäbe es solche Vorstellungen, so 
müssten wir uns erinnern, dass wir schon als Kind Vorstellungen hatten, zu 
denen im Laufe der Erfahrung noch andere hinzukamen. Wir kämen ja mit 
Vorstellungen auf die Welt. Da es aber keinen Unterschied zwischen den 
beiden Arten von Vorstellungen gibt, woher weiss man, dass es transmittirte 
Vorstellungen gibt? Man behauptet, dass sich diejenigen psychischen Thätig- 
keiten am ehesten vererben, die unsere Vorfahren am häufigsten hatten; die 
Vorstellungen der Farbe hat jeder Mensch am häufigsten; hat der Blind- 
geborene Farbenvorstellungen? Eben weil ihm das Auge fehlt, das Gehirn 
aber, das Organ der Vorstellungen, gesund ist, sollte er Farbenvorstellungen 
haben, wenn das Hereditätsprincip so gefasst werden könnte. — Oder soll 
man sagen, dass vererbte Vorstellungen, im Gegensatz zu den erworbenen, 
bessere Vorstellungen sind? Aber es gibt an den Vorstellungen (= Vor- 
stellen) nur Intensitäts-, keine Qualitätsunterschiede. Urtheile können des- 
halb nicht vererbt werden, weil die Vorstellungen nicht vererbt werden, die 
einem Urtheil zur Basjs dienei^. Daher können aiich keirje Schlüsse x\m\ 



- 105 - 

6. Geschlecht. In den öffentlichen Anstalten befinden 
sich gewöhnlich mehr Männer als Frauen, weil man die kranken 
Frauen im Privathause leichter verpflegen kann als die unbändigeren 
Männer. ^) Im Ganzen scheinen jedoch die Frauen der Geistes- 
krankheit leichter zu unterliegen als die Männer. 

Die Zahl der Selbstmorde, die von Geisteskranken geübt 
werden, ist für beide Geschlechter ziemlich gleich, doch scheint 
auch hier das weibliche zu überwiegen. 

7. Kein Lebensalter ist vor psychischer Erkrankung 
ganz gesichert; doch disponiren manche Altersstufen mehr als 
andere. 

Schon im Kind es alt er kommen, wenn auch ziemlich selten, 
fast alle Formen vor, besonders aber die Zustände der geistigen 
Imbecillität bis zum tiefsten Blödsinn herab. Seltener sind die 



keine Willens- und Gemüthsbethätigungen vererbt werden. Kommt 
es etwa vor, dass wir Prämissen erben, zu denen wir im Leben erst die 
Conclusio ziehen? Oder erben wir Conclusionen, zu denen uns die Prämissen 
fehlen? Kann man einen ererbten Aerger haben, ohne zu wissen, warum 
man sich ärgert? Kann man hoflfen, ohne zu wissen, was? U. s. w. 

Diese einfache Ueberlegung hätte den Psychologen genügt und gezeigt, 
dass es keine Vererbung psychischer Thätigkeiten, sondern nur 
von Dispositionen gibt. Die Vererbung erklärt psychologisch gar nichts, 
sondern sie erschwert dieselbe und schiebt sie hinaus; denn anstatt ein 
psychisches Phänomen nach seiner Entstehung zu erklären, müssten die 
Hereditätspsychologen noch die Vererbung selbst erklären, und dann erst, 
etwa an dem und dem schon längst nicht mehr existirenden Ur- Urahn, die 
Entstehung des fraglichen Phänomens studiren. 

^) Man will oft aus der Natur des Weibes die grössere Morbilität des 
Geistes ableiten; aber die Menstrualstörungen, die Krankheiten und Leiden 
des Wochenbettes und Anderes, was gewöhnlich angeführt wird, wiegen 
andererseits die Fährlichkeiten , denen der Mann ausgesetzt ist, kaum auf. 
Die Trunksucht und Unsittlichkeit überhaupt ist bei den Männern grösser 
und muss daher öfter zur Geisteskrankheit führen; gewiss weist das männ- 
liche Geschlecht schwerere Formen des Uebels auf als das weibliche, und 
darum findet man in Asylen mehr Männer als Frauen. Weibliche Irren haben 
eine geringere Mortalität, wie ja die Mortalität der Frauen im Ganzen ge- 
ringer ist als die der Männer. 

In Deutschland z. B. ist die Irrsinnsquote der Männer etwas 
niedriger als jene der Weiber. Mayr, Die Gesetzmässigkeit im Gesellschafts- 
leben, p. 209. 



- 106 — 

maniacalen Zustände (Tobsucht), ganz vereinzelt die Me- 
lancholie; für die Entwickelung der Selbstmordneigung ist aber 
gerade diese Form von Bedeutung. Kinder, welche den Selbst- 
mord verüben, zeigen gewöhnlich gewisse Anomalien, z. B. Grau- 
samkeit gegen Thiere. 

Der Selbstmord im Kindesalter ist höchst unnatürlich und 
deutet gewöhnlich auf eine Vererbung von psychosen Disposi- 
tionen hin. 

Vom Eintritt der Geschlechtsreife an wird die Geistes- 
krankheit häufiger; am gefährlichsten sind die Jahre der vollen 
Keife körperlicher und geistiger Entwickelung, etwa vom 25. 
bis zum 45. 2) 

Das Greisenalter scheint keine besondere Veränderung 
der Erkrankungsfähigkeit herbeizuführen.^) 

Auch entsprechen den verschiedenen Altersstufen ver- 
schiedene Formen der Geisteskrankheit, ähnlich wie ihnen 
verschiedene Temperamente entsprechen. Im Kindes- und Greisen- 
alter findet sich der Blödsinn häufig, in der Jugend die Manie; 
das Mannesalter weist die Melancholie, die Geisteskrankheit des 
Selbstmordes, auf; bei den Greisen findet sich oft die Ver- 
rücktheit. 

8. Die Ledigen werden leichter geisteskrank als die Ver- 
heiratheten. *) Verheirathete Frauen sollen eine ungünstigere 
Ziffer aufweisen als verheii-athete Männer; man erklärt die That- 
sache durch das frühe Heii*athen und die schlechte Behandlung 
von Seiten der Männer. Jedenfalls sind die häuslichen Sorgen 
eine der wirksamsten Ursachen der Psychose. 



1) Forbes Winslow, Obscure diseases of the Brain, 1859, p. 186. 

2) Zell er gibt für das männliche Geschlecht 20—30, für das weib- 
liche 30—40 an. Für die Frauen sollen auch die klimakterischen Jahre un- 
günstig wirken, und auch an Männern wiU man zwischen 50—60 eine un- 
günstige klimakterische Periode beobachtet haben. 

3) Den senilen Blödsinn rechnen wir hier nicht ein. 

*) Man beachte, dass die Zahl der Ledigen überhaupt grösser ist als 
die der Verheiratheten; Ledige, die geisteskrank gewesen, heirathen gewöhn- 
lich nicht, 



— 107 - 

Die Witwen liefern ein grösseres Contingent als die Witwer; 
die Geschiedenen dürften die ungünstigsten Verhältnisse auf- 
weisen. ^) 

lieber unehelich Geborene gilt auch hier, was früher 
gesagt wurde. 

9. In der Gefangenschaft kann sich die Psychose leicht 
entwickeln. Viele Gefangene sind an und für sich kaum zurech- 
nungsföhig ; dazu kommen dann Gewissensbisse, Sehnsucht nach 
der Freiheit und den Angehörigen , Kummer und Sorge, Concen- 
tration der Gedanken auf einige wenige Punkte, überdies eine 
schlechte Nahrung und Wohnung, Mangel an Bewegung u. s. f. 
Die Einzelnhaft scheint am gefahrlichsten zu sein; besonders 
Weiber und ungebildete Personen vertragen dieselbe schwer. 2) 

10. Die Berufsarten und Standesunterschiede dispo- 
nii'en in verschiedener Weise zur Psychose. Perms gibt an, 
dass diejenigen Gewerbe die grösste Zahl liefern, welche den ge- 
ringsten körperlichen Kraftaufwand fordern; Andere behaupten 
das Gegentheil. 

Die höheren Stände liefern weniger Geisteskranke als die 
niederen. 

11. Eine dichte Bevölkerung ist bei der grossen und 
stürmischen Concurrenz der Geisteskrankheit zugänglicher als eine 
weniger dichte; darum liefert auch die Stadt mehr Geisteskranke 
als das Land. 



1) In Bayern gab es auf je 10.000 bei den Ledigen 1110, bei den 
Verheiratheten nur 594, bei den Verwitweten 163, und bei den Geschie- 
denen 6362 Geisteskranke. Mayr, 1. c. p. 210. 

Nach den neuesten Daten aus England überwiegen von 20—40 Jahren 
die Männer sehr stark, von 40—60 die Frauen, über 60 wiederum die Männer. 
Auf 1 Verheiratheten kommen 2*83 Ledige, 1-5 Verwitwete. Chapman, Ein- 
fluss von Alter, Geschlecht, Ehe auf die Disposition zur Geistesstörung, nach 
dem Centralbl. f. Nervenkrankh., 1879, 26. (Die Daten beziehen sieh auf die 
Aufnahmen in die Asyle.) 

2) Aus den Mittheilungen von Delbrück geht hervor, dass die Psy- 
chosen mehr bei Verbrechern aus leidenschaftlichen Motiven als bei Eigen- 
thumsverbrechern vorkommen, ganz besonders nach Mord, Todtschlag, sodann 
nach Nothzucht und Brandstiftung. Cf, Zeitschr. für Psychiatrie, 1854, 
pp. 57 und 375. 



— 108 — 

12. Die kaukasische Eace zeigt die stärkste Disposition; 
bei den NatuiTölkern der übrigen Kacen soll die Psychose fast 
gar nicht vorkommen. 

13. Nach Hausner kommen die meisten Geisteskrankheiten 
bei den Germanen vor, weniger bei den Romanen, am wenigsten 
bei den Slaven. 

Auf je 10,000 Einwohner kommen Geisteskranke (nach 
Haushofer): 

Norwegen 34 Irland 15 

Dänemark 28 Frankreich 18 

Island 26 Bayern 11 

Sachsen 26 Belgien 10 

Elbherzogthtimer .... 25 Schweden 10 

Hannover 17 England • • • • 9 

Vereinigte Staaten ... 15 Schottland 9 

In Oesterreich kommt 1 Kranker auf 1200 Einwohner, 
in Ungarn auf 1170, also etwa 8 und 8-7 auf 10.000 Ein- 
wohner. 

Durchschnittlich rechnet man in den civilisirten Staaten 
1 Kranken auf 772 Einwohner, 1 auf 478 der productiven Be- 
völkerung (vom 20. bis 60. Jahre) ; doch sind die Angaben nicht 
ganz sicher. ^) 

Selbstmorde in Folge von Geisteskrankheiten gibt 
es natürlich bei den verschiedenen Völkern nicht gleich viele. 
Nach Block waren von 1000 Selbstmördern geisteskrank in 

Frankreich 340 

Preussen 333 

Sachsen 337 

Belgien 350 

Italien 330 

14. In freien Staaten kann sich unter Umständen die 
Geisteskrankheit eher entwickeln als in unfreien. 



1) Nach Brigham soll es z. B. in den Vereinigten Staaten dreimal 
so viel Geisteskranke geben als in England. Für England aber gibt Pierquin 
1:783 an; Hitsch für Wales allein 1:500; T^ke für England und Wales 
mit Einschluss der Idioten 1 : 300 ! . 



— 109 — 

15. Politische Krisen aller Art, Eevolutionen, Agi- 
tationen, Krieg vermehren die Geisteskrankheit ganz entschieden; 
zumal die Folgen sind höchst ungünstig. *) 

Arndts hat beobachtet, dass die Nervenaufregung, die sich 
im Kriege entwickelt, sich erst nach Jahren allmählich wieder 
verliert. 

16. Das Militär ist psychoser als die Civilisten; ganz be- 
sonders häufig erkranken die Officiere. ^) 

17. Das Elend disponirt sehr zur Psychose; Vermögens- 
zerrüttungen sind aber, wie es scheint, häufiger die Ursache 
von Selbstmorden als von Geisteskrankheiten. 

Dem Wahnsinn verfallen häufig die Handeltreibenden 
in Städten und Provinzen; darum sollen auch die Juden häufig 
wahnsinnig werden. 

üeber den Einfluss der vorherrschenden wirthschaftlichen 
Productionsmethode lässt sich gegenwärtig nichts Allgemeines 
bestimmen. In England fand man, dass die Ackerbaugegenden 
mehr Geisteskranke aufweisen als die Fabriksbezirke, in Belgien 
aber das Gegentheil. 3) 

18. Im Ganzen sind die psychischen Ursachen die häu- 
figsten und wirksamsten Ursachen der Geisteskrankheit. Seltener 
wii'd das Gehirn direct stark gereizt, wie z. B. beim Schrecken; 
am häufigsten entsteht die Psychose aus den psychischen Ur- 
sachen auf pathologischem Umwege, so nämlich, dass diese An- 
fangs gewisse Abweichungen von den normalen organischen Pro- 
cessen bewirken, aus denen sich dann die Gehirnkrankheit als 
secundäres Resultat ergibt. *) 



1) Labor de, Les hommes et les actes d'insurrection de Paris devant la 
Psychologie morbide, 1872; Schwab, Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie 1880, p.479. 

*) Fröhlich, üeber Psychosen beim Militär, Allg. Zeitschr. 
für Psychiatrie, 1879, p. 303. Nach Bertillon kommt die Krankheit bei 
den Officieren 4 mal so häufig vor als bei der Mannschaft. 

') Interessant ist eine Notiz über die Wirkung der Strikes. Man 
hat beobachtet, dass die Strikes in den Kohlen- und Eisenindustiien in 
Glamorganshire in England den Ausbruch von Geisteskrankheiten und das 
Verüben von Verbrechen verringerten. Das günstige Resultat wurde wohl 
durch die in andere Bahnen gelenkte Aufmerksamkeit und durch die grössere 
Massigkeit im Trinken erzeugt. V. British med. Journ., 1873, October. 

♦) Griesinger, p. 168. 



- 110 — 

Offenbar müssen die psychischen Ursachen der Psychose in 
dem ganzen socialen Leben und Treiben gelegen sein, wie es 
durch die gegenwärtige Lebensanschauung bedingt wird. ^) Die 
socialen Institutionen der Gegenwart sind aber gewiss schlecht, 
wenn die Geisteskrankheit so häufig ist und fortwährend 
noch zunimmt. 2) 

Hören wir darüber das ürtheil eines Ai-ztes. 

Ueberall — sagt Guislain — wo Erziehung, Künste, 
Wissenschaften und die religiösen Begriffe Europas sich 
verlieren, treten die Geisteskrankheiten immer seltener auf und 
verschwinden zuletzt gänzlich. ^) 

Vergleichen wir nun die ursprünglichen, sich gleich bleiben- 
den Sitten der Araber und Indianer mit unserem Leben voll 
Aufregung, Bewegung und Gährung — und wir haben die Lösung 
des Problems. 

Was erfüllt unsere Gedanken? Pläne, Neuerungen, Eeformen. 
Wonach streben wir europäischen Menschen? Nach Bewegung, 
Aufregung. Was empfinden wir? Keizungen, Illusionen und 
Täuschungen. ^) 



^) Die häufigsten psychischen Ursachen sind: Schreck, Angst, Furcht, 
Kummer, Freude, Unentschlossenheit im Fassen eines Entschlusses, Aerger, 
Zorn, Hass, Eifersucht, Liehesweh, Ehrgeiz, Hochmuth, religiöse Zweifel 
und Schwärmerei, Heimweh, Sentimentalität u. s. f. 

2) Einige Forscher wollen nicht zugeben, dass die Geisteskrankheit an 
Verbreitung zunimmt; aber die Thatsache ist durch die statistischen Daten 
ausser allen Zweifel gesetzt. Ganz gewiss nehmen die Irrenanstalten und die 
Zahl der Kranken in denselben zu. In England soll sich die Zahl der Irren inner- 
halb 20 Jahren verneunfacht haben, Bucknill et Tuke, Psychol. med., p. 32. 
Zugegeben, dass man in neuerer Zeit auf die Geisteskranken mehr achtet als 
früher, dass jetzt mehr Arme gepflegt werden als ehedem, und dass in den 
Hospitälern die Lebensdauer der unter Obhut stehenden Kranken verlängert 
wird, so muss trotzdem eine stetige Zunahme angenommen werden. In dem 
eben tagenden Vereine deutscher Irrenärzte constatirte Dr. Hasse eine er- 
schreckende Zunahme der Psychose. 

3) Guislain spricht von den Völkern Asiens, Afrikas und den Wilden 
Amerikas, bei denen sich die Psychose sehr selten vorfindet. 

*) Dazu muss ich anmerken, dass die rein intellectuelle Anstrengung, 
selbst üeberanstrengung, in den seltensten Fällen zur Psychose führt. Die 
Fälle, die angeführt werden, werden nicht so sehr durch Geistesarbeiten, als 
vielmehr durch andere sie begleitende Umstände — Gemüthsaffecte, Excesse, 



— 111 — 

In unseren volkreichen Städten ganz besonders suchen 
sich tausend verschiedenartige Bestrebungen geltend zu machen, 
während der Typus der TJnveränderlichkeit unter der asiatischen 
Bevölkerung herrscht. Diese Brutöfen der geistigen Zjerrüttung 
finden wir bei den Völkern, welche das Joch der Autorität ab- 
werfen, bei den Völkern, die Associationen bilden, die sich ihre 
Gesetze selbst machen wollen, die literarischen Euf haben, in 
den Ländern, wo ein unaufhörlicher Drang die Menschen treibt, 
der Sphäre zu entfliehen, für die sie die Geburt bestimmt hat. 
Der Kepräsentant unserer Civilisation lebt in der Anerkennung 
seiner Umgebung. Die Erhebung seines Geistes nimmt alle seine 
Gedanken in Anspruch, er will wachsen, will besonders in den 
Augen Derer wachsen, die ihn beobachten. Er fühlt das Be- 
dürfniss, seine gegenwärtige Lage zu verlassen, er strebt nach 
einem höheren Bange. Er betrachtet seine Mission nie als be- 
endet, er glaubt sich immer unterwegs und blickt überall auf 
Stellungen, die er begehrt. Wenn die Aufregung der Masse 
durch Emancipationsideen genährt wird, so entfesseln sich alle 
Leidenschaften; der hoffende Mensch erfährt Täuschungen, die 
Familie ist in Dem, was ihr am theuersten ist, in ihren schönsten 
Gefühlen verletzt. Empörungen entstehen, Könige werden von 
den Thronen gestürzt, tausende von Menschen werden mit fort- 
gerissen, tausende von Existenzen vernichtet. 

Es resultirt also daraus, dass, je grösser die Aufregung ist, 
welche die Menschen beherrscht, desto mehr ihr Geist angegriffen 
wird, dass, je mehr ihre Gefühle, ihre Leidenschaften gereizt 
werden, desto leichter die Gefühle, die Leidenschaften ihre Grenzen 
überschreiten. Die Völker der europäischen und nordamerikani- 
schen Civilisation sind fast in einem fortwährenden Zustande der 
Trunkenheit. Trunkenheit der Empfindungen, Trunkenheit des 
persönlichen Werthes, Trunkenheit immer erneuerter Eindrücke. 
Dies ist nicht der Fall bei den sich mehr dem Natur zustande 
nähernden Völkern, bei den Menschen, die dem Treiben fern 



Gebrauch von Schlaflosigkeit erzeugenden Mitteln u. s. f. — verursacht. 
Unsere Zeit arbeitet geistig viel, sehr viel ; aber diese Arbeit ist zum grössten 
Theile unmethodisch, und darin liegt, nach meiner Meinung, das Gefähr- 
liche und Aufregende derselben. 



— 112 — 

bleiben, welches man die Welt nennt. Wir besitzen nicht die 
statistischen Verzeichnisse der Geisteski*anken, die einer anderen 
Zeit grösserer socialer Ruhe angehören, aber ich bin überzeugt, 
dass damals die Zahl der Geisteskranken viel geringer war, als 
sie heute ist. — Die Zahl der Geisteskranken ist auch höher in 
den Ländern, wo eine grössere Freiheit herrscht, als da, wo sie 
beschränkter ist. Die türkischen, russischen und italienischen 
Begierungen ^) zeigen in Beziehung auf das eben Gesagte einen 
sonderbaren Contrast mit den englischen, französischen, belgischen 
und nordamerikanischen Begierungen. 

Nicht immer darf man in heftigen Leidenschaften den Keim 
zu Geisteszerrüttungen suchen. 

Die wilden Völker haben sogar stärkere Leidenschaften als 
die civilisirten Nationen, und dennoch sind sie weit weniger zu 
Krankheiten des Geistes disponirt. Ihre Bache ist abscheulich, 
ihre Grausamkeiten sind fürchterlich, aber ihre Zärtlichkeit ist 
weniger hingebend, sie weinen nicht und lachen selten. Der diesen 
Nationen eigenthümliche Charakter ist die geringere Summe ihrer 
Neigungen, die Einförmigkeit der Sitten und Gewohnheiten, die 
ünveränderlichkeit socialer Einrichtungen, viel beschränktere Be- 
dürfnisse, die Gewöhnung an Entbehrungen, ein instinctives Leben, 
ein rauhes Leben, das sie gelehrt. Muhen zu ertragen, gegen den 
Schmerz sich zu stählen, Gefahren Trotz zu bieten, Qualen zu 
erdulden, dem Tode mit Muth und mit Seelenruhe zu begegnen. 
Bei diesen Menschen finden wir viel mehr Besignation, weniger 
Unruhe, weniger Angst und Furcht. Auch verstehen sie sich 
mehr zu beherrschen, und ihre inneren Vorgänge weniger im 
Aeusseren zur Schau zu stellen. Sie haben die Kraft, ihren 
Schmerz zu verbergen, können ihre Bache länger in sich ver- 
schliessen, die sie Jahre lang zu nähren wissen. Diese Natur- 
völker betrachten die geistige Höhe, die rednerische Gesticulation, 
die charakteristische Heiterkeit bei den Völkern der europäischen 
Civilisation als Zeichen des Wahnsinns. 

Wir aber entwickeln in uns eine Zartheit der Gefühle, welche 
den Wilden unbekannt ist. Die europäische Civilisation will 
das Steigen des Thermometers der zarten Leidenschaften. Es ist 



1) Guislain's Leyons orales sur les Phrenopathies erschienen 1852. 



— 113 — 

augenscheinlich, dass sie über die Sphäre der moralischen, über 
die Neigungen, welche vom Herzen kommen, hinausgehen. Es 
ist ausser Zweifel, dass die Worte: Liebe, Zärtlichkeit, Freund- 
schaft bei uns eine andere Bedeutung haben als bei dem Asiaten, 
dem Afrikaner, dem Amerikaner. Unsere ganze Sorge geht dahin, 
unsere grosse Eindrucksföhigkeit zu schonen. Wie oft füllen sich 
unsere Augen wegen eines nichtigen Grundes mit Thränen, wie 
oft ist unser Herz von Leiden gequält! 

Man glaube nicht, dass die ungebildeten Völker weniger 
aufrichtig, weniger leidenschaftlich ihre Frauen lieben als die 
Nationen, welche unter dem Einflüsse der europäischen Civilisation 
stehen. Man glaube auch nicht, dass bei den Völkern, welche 
den Namen der Wilden, der Barbaren tragen, eine weniger innige 
Liebe für ihre Kinder und dieser zu ihren Eltern vorhanden ist. 
Die Frau, obwohl einem rauhen und thätigen Leben unterworfen, 
flösst eine tiefe Ehrfurcht ein und wird sogar oft der Gegenstand 
eines wahrhaften Cultus. Die Kinder lieben ihre Eltern mit der 
Liebe, welche wir mit dem Namen Verehrung bezeichnen. Ebenso 
nimmt das Alter bei den Indianern Amerikas seinen Platz neben 
ihren Schutzgöttern ein. Bei den ürvölkern besteht eine Familien- 
liebe, die der unseren nichts nachgibt. Und dennoch geht die 
gi'össte Zahl geistiger Zerrüttungen aus der europäischen Familie 
hervor. 

In was ist die Familie der alten und der neuen Welt ver- 
schieden? Bei den Naturvölkern ist die eheliche, die mütterliche, 
die kindliche Liebe durchaus natürlich einfach, sie ist frei von einer 
Menge Sorgen und Unruhen, die diesen Menschen unbekannt 
sind. In unserer Gesellschaft kann sich die Familie nur durch 
die grössten Opfer erhalten, nur, indem sie sich eine Menge von 
Bedürfnissen schafft. Das Dach, unter welchem die europäische 
Familie lebt, das Bett, in welchem ihre Glieder ruhen, die. Kleider, 
die sie trägt und die dazu dienen, den leicht empfilnglichen Körper 
zu schützen, die Speisen, womit sie sich nährt, können nur durch 
die schwersten und anhaltendsten Anstrengungen erworben werden. 
Für uns ist nicht mehr die Liebe zur Frau, zum Manne, zu den 
Kindern, die Familienliebe das Heiligste und Eeinste, es ist oft 
eine ideale, gekünstelte Liebe, die dem Geist, aber nicht dem 
Herzen entspringt, die durch Leetüre in's Herz dringt, durch 

Masaryk. Der Selbstmord. 8 



— 114 — 

Musik, durch die Genüsse der Tafel, durch alkoholhaltige Getränke, 
durch Künste der Koketterie, durch Ausschweifung, durch eine 
Hand voll Gold. Der Mensch unserer Civilisation ist Eeizungen 
ausgesetzt, die das Kind der Natur nicht kennt. Es ist gewiss, 
däss die Gefühle, durch die Nächstenliebe eingepflanzt, unter der 
weissen Eace eine Entwickelung genommen haben, die man ver- 
geblich unter den Barbarenvölkern sucht. 

Auch hierin liegt eine Quelle von Verirrungen. Die Krankheit 
des Geistes ist in dieser Beziehung die Krankheit der Menschheit, 
der Brüderlichkeit, sie ergreift besonders den Freien. 

Man kann hieraus schliessen, dass das, was man europäische 
Sitte, sociale Verhältnisse, Portschritt nennt, Bedingungen voraus- 
setzt, die viele Menschen nur unter Zerstörung der Gesundheit 
des Geistes erfüllen. Aber in der civilisirenden Eichtung ist nicht 
nur eine einzige Ursache begründet, es sind deren mehrere vor- 
handen. Eine Menge von Einwirkungen, die zu gleicher Zeit die 
Zahl der für die Geistesstörungen empfänglichen Individuen ver- 
mehren. 

Wir müssen ein System anklagen, das länger als ein halbes 
Jahrhundert von den Völkern Europas gepriesen worden ist. Seit 
achtzig Jahren hat man nicht aufgehört zu sagen: „Gebet dem 
Menschen mehr Freiheit!" Man hat die Erfüllung dieser Tendenz 
die Emancipation des Menschengeschlechtes genannt. Wir Alle 
haben an ein glückliches Eesultat geglaubt. Aber dieses lange 
Experiment hat sein Ende erreicht, und was beweist es uns? Die 
Armenanstalten sind voller Armen, die Gefängnisse mit Dieben 
und Mördern angefüllt, die Irrenanstalten überfüllt von Geistes- 
krankheiten, die eine Hälfte der Nationen gegen die andere be- 
waffnet, und eine besoldete Armee, um die eine sowohl als die 
andere Parthei im Zaume zu halten, gewagte Unternehmungen, 
ausserordentliche Entwickelung des Gefühles von der eigenen 
Persönlichkeit, eine grosse Schwächung und Lockerung der Fa- 
milienbande. 

In der gegenwärtigen socialen Erziehung liegen grosse Ge- 
fahren für das Gemüth. In ihr liegen viele Leiden, solche der 
ehrsüchtigen Menschen, solche jener Menschenclasse, welche die 
Verhältnisse verlassen, auf die sie die Natur angewiesen, solche 
besonders der gewerbtreibenden Classe in Folge von Stockungen 



— 115 — 

der Geschäfte als den unvermeidlichen Folgen der zu reichen 
Production, schliesslich solche der Handelstreibenden und der 
Industriellen. ^) 

Sociale Interessen haben immer Geistesstörungen erzeugt; 
aber sie haben sich in dem Maasse vermehrt, als die An- 
reizungen, die Aufregungen des Gemüthes zahlreicher und inten- 
siver geworden sind. Deshalb gibt es heute mehr Geistes- 
kranke als im Mittelalter, weniger in Bussland als in England 
und Frankreich, und deshalb ist ihre Zahl bei den Türken und 
Arabern sehr beschränkt. 

Soweit Guislain, dem wir — von einigen Kleinigkeiten 
abgesehen — ganz Kecht geben müssen. Das, was wir Civi- 
lisation, Aufklärung, Bildung, Fortschritt nennen, bringt 
die stark verbreitete Psychose hervor; es ist das moderne Streben 
und Eingen, welches die Gesellschaft in krankhafte Aufregung 
bringt. Die civilisirten Menschen befinden sich in dem patho- 
logischen Zustande einer allgemeinen Nervosität, welche durch 
die modernen socialen Institutionen hervorgerufen und genährt 
wird, und die auf der einen Seite zur Psychose, auf der anderen 
zum Selbstmord führt. 

III. 

§. 6. Sowohl die Selbstmordneigung als auch die 
Psychose entspringen ganz denselben Ursachen und 
wir müssen daher schliessen, dass beide Phänomene als sociale 
Massenerscheinungen der Gegenwart ihrer Natur nach eigentlich 
Theilphänomene, zwei verschiedene Seiten eines und desselben 
socialen Processes sind. 2) Dieses Verhältnies ist für uns sehr 
wichtig, wichtiger als die Thatsache, dass die Psychose eine 
wirksame Ursache der Selbstmordneigung ist, und wir müssen es 
daher genauer untersuchen. 

Wir haben gefunden, dass die moderne Selbstmordneigung 
in letzter Instanz auf die Irreligiosität zurückzuführen ist, und es 
entsteht nun die Frage, wie sich die allgemeine Aufregung, 



1) Der Grössenwahn nimmt in unseren Tagen überall zu; Haus- 
hof er beklagt sich über die ungezügelte Freiheit. 

2) Nur die Freude bringt direct (ohne Psychose) keine Selbstmorde 
hervor, während sie viele Geisteskrankheiten verursacht. 

8* 



— 116 — 

wie sie in der allgemein verbreiteten Psychose zu Tage 
tritt, zur Irreligiosität verhalte? Ist sie auch die Folge 
der Irreligiosität? 

Die moderne Irreligiosität der Massen hängt, wie wir ge- 
sehen haben, unmittelbar mit der steigenden Bildung, resp. Halb- 
bildung, zusammen und steht auch zur ünsittlichkeit in naher 
Beziehung. Wir müssen demnach bei der Beantwortung unserer 
Frage auf diese drei Seiten einer und derselben Sache sehen. 

Eine intellectuelle Aufklärung und Bildung, die me- 
thodisch und mit der ganzen übrigen Entwickelung in Harmonie 
ist^ kann keine Aufregung und keine Psychose verursachen; aber 
eine unmethodische Anstrengung des Gehirns, die eben deshalb, 
weil sie unmethodisch ist, leicht zur Ueberanstrengung wird, 
regt auf, und zwar in um so höherem Grade, als sie zugleich 
eine unharmonische und einseitige Ausbildung ist. Sobald das 
Gleichgewicht zwischen Verstand und Gemüth verloren gegangen, 
geht 'die geistige Frische und Widerstandskraft verloren, und Ab- 
spannung, Aufregung, Geisteskrankheit sind die Folgen. Unsere 
intellectuelle Bildung hat aber in der That diese Mängel, 
und darum ist sie die Ursache der allgemein verbreiteten Nervosi- 
tät und Psychose. *) 

Was die sittlichen Factoren der Gesellschaft anbelangt, 
so ist zu sagen, dass die Psychose, gerade so wie der Selbstmord, 
durch die unklugen und unsittlichen Verhältnisse mit bedingt 
wird; die unsittlichen Familienverhältnisse, die Trunksucht und 
die Geschlechtssünden sind die häufigsten directen Ursachen der 
Geisteskrankheit, während durch die Vererbung die Sünden und Ver- 
irrungen der Väter an den Kindern indirect wirken. 2) Sehr wenige 



*) Dr. Hasse hat auch in dieser Beziehung unser Schulwesen einer 
vernichtenden, aber gerechten Kritik unterzogen. 

*) Nach einer Zusammenstellung EsquiroPs waren von 1266 Fällen 
veranlasst durch: 

Erbliche Anlage 837 

Häusliche Sorgen 278 

Ansschweifnngen aller Art 146 

Misshranch Ton Spiritnosen 134 

Yermögenszerrüttnng 49 

Schrecken 35 

üebermässige Geistesanstrengnng 16 

Uebermässige Frende 2 



— 117 — 

Fälle nur werden durch edlere Ursachen, und man möchte fast 
sagen: Motive, verursacht, gerade so wie bei der Selbstmord- 
neigung. 

Die Irreligiosität endlich ist keine positive, nur eine 
negative Ursache der Psychose. Seitdem nämlich die eine Keligion 
und Kirche die Menschen nicht mehr leitet, sucht die .Gesell- 
schaft in fieberhafter Hast fortwährend nach etwas Neuem und 
aber Neuem, und so kommt es, dass gerade in den aufgeklärtesten 
Ländern die Psychose sehr stark verbreitet ist. Jedenfalls ist 
in den civilisirten Ländern die durch unmethodische 
Ueberanstrengung erzeugte Psychose am häufigsten. 
Denn so muss die Sache gefasst werden, weil, wie leicht einzu- 
sehen ist, in uncivilisirten, stationären Gegenden die Psychose 
durch Unwissenheit und physische Verkommenheit, in Folge von 
Elend und Anderem, verursacht werden kann. Es wäre daher 
ganz gut möglich, dass in früheren Zeiten — im Mittelalter — 
die Psychose nicht gerade selten gewesen, dass sie aber aus 
ganz anderen Ursachen entstanden wäre, während die moderne 
Nervosität und Geisteskrankheit eben durch ganz andere Ur- 
sachen bedingt wird. Es kommt nicht nur auf die Zahl der 
Kranken, sondern auch auf die Ursachen und Formen 
der Krankheit an. 

Die statistischen Erhebungen, sofern man ihnen trauen darf, 
stimmen in der That mit unseren Deductionen überein. 

Es soll nämlich die Psychose unter den Protestanten in- 
tensiver vorkommen als unter den Katholiken und Griechen.^) 

Der Form der Krankheit nach soll bei den Protestanten 
die Melancholie, also die Psychose des Selbstmordes, und die 
Tobsucht vorwalten, bei den Katholiken der Wahn- und Blöd- 
sinn, und bei den Juden besonders der Wahnsinn. 

Die Wirkung der Religion und Confession ist hier, 
gerade so wie bei der Selbstmordneigung, disponirend und 



1) Hausner zählt 1 Kranken 

bei den Protestanten auf 491 

„ „ Katholiken „ 1088 

„ „ Griechen „ 1795 

Cf. Burrow I.e. p. 185; cf. Kolb, Statistik, p. 213. 



— 118 — 

determinirend. ^) In letzterer Hinsicht wirkt, nach dem eben 
Gesagten, die Irreligiosität negativ ungünstig, die Religiosität 
günstig; ungünstig nur dann, wenn, wie z. B. in Amerika, das 
lebhafte religiöse Gefühl zum Theil irregeleitet ist. Auch in 
dieser Hinsicht muss angemerkt werden, dass die religiöse Psy- 
chose — nach Griesinger eine Hauptform der Melancholie! — 
bei Protestanten häufiger vorkommt als bei Katholiken. (Dass 
diese ungünstige Wirkung einer falschen Eeligiosität mit unserer 
Erklärung des Verhältnisses der Psychose und Irreligiosität 
nicht im Widerspruche steht, glaube ich nicht erst zeigen zu 
müssen.) 

§. 7. Fragt man, ob unter allen Umständen da, wo die 
Psychose intensiv ist, auch der Selbstmord häufig vorkommt, 
so muss geantwortet werden, dass der Parallelismus nicht 
überall durchgreifend sein muss, wie es sich aus dem 
eben dargelegten Verhältnisse von selbst versteht. So z. B. ist 
in Amerika die Geisteskrankheit sehr intensiv, der Selbstmord 
selten; in China ist das Verhältniss gerade umgekehrt. Im All- 
gemeinen wird aber da, wo die Aufregung und die Psychose in- 
tensiv ist, auch der Selbstmord häufig vorkommen, und darum 
stimmen die statistischen Angaben über die beiden Phänomene 
im Ganzen und Grossen überein. 

Das Verhältniss Beider ist aber psychologisch — im 
vorigen Paragraphen untersuchten wir es ätiologisch — folgendes. 

Aus den gleichen Ursachen entwickelt sich unter Umständen 
die Psychose und endigt mit dem Selbstmord, so dass dieser das 
Epiphänomen eines längeren Entwickelungsprocesses ist; Va ^'U^r 
Selbstmorde sind von dieser Art. Oder der Selbstmord (resp. 
Selbstmordversuch) wird im Beginne der Psychose begangen, so 
dass sich diese, wenn dem Leben nicht ein Ende gemacht worden 
wäre, naturgemäss weiter entwickeln würde; der Selbstmord 
erscheint als Anaphänomen desselben Processes und, wie 
Winslow sagt, oft als erstes offenes Anzeichen der Psychose. 



^) Hausner meint, dass der kritische, grübelnde, discutirende Pro- 
testantismus seinem Wesen nach zur Psychose leichter disponire als die zwei 
anderen starren Dogmenreligionen. 



— 119 — 

Die beiden Phänomene können aber auch derart zu Stande 
kommen, dass dieselben Ursachen in einem den Selbst- 
mord, in einem andern die Psychose hervorrufen. 

Was schliesslich dieSelbstmorde, welche ohne Psychose 
verübt werden, anbelangt, .so ist zu erinnern, dass wohl die 
meisten in einer Geistesverfassung verübt werden, die hart an 
der Grenze des anormalen Seelenlebens angelangt ist, und dass 
nur seltene Fälle bei ganz klarem, gesunden und ungetrübten 
Bewusstsein vorkommen werden. Darum erscheint die moderne 
Selbstmordneigung überhaupt krankhaft und ungesund; sie ist 
mit der Psychose die traurige Aeusserung der durch die moderne 
Civilisation bedingten allgemeinen Aufregung und Nervosität. 

IV. 

§. 8. Es erübrigt uns nur noch einige Worte über die Ver- 
breitung der krankhaften Selbstmordneigung zusagen. 

Die gi'osse Masse der Selbstmorde in allen civilisirten Ländern 
erklärt sich natürlich durch die Verhältnisse, in denen sich die 
Menschen befinden, dadurch, dass überall dieselben Ursachen 
wirksam sind. Daneben ist aber, wie bei allen socialen Massen- 
erscheinungen, noch ein secundäres Princip thätig, welches zur 
Verbreitung und Intensität des Uebels sehr beiträgt, nämlich die 
Nachahmung und Ansteckung. 

Die Nachahmung, als psychologisches Princip, ist ziem- 
lich bekannt.^) Wir wissen, dass der Mensch seine Handlungen 
mit Nachahmung beginnt, dass er durch Nachahmung seinen 
Willen stärkt und bildet, ja dass er, wenn man die Sache genau 
betrachtet, eigentlich nur nachahmt. Ein triviales Beispiel ist 
die Mode, eines, woran man noch wenig gedacht hat, das sitt- 
liche Streben nach Idealen. 

Vornehmlich wii*ksam ist die Nachahmung bei Kindern, 
Wilden und überhaupt bei ungebildeteren, unselbstständigeren 



1) Man erinnere sich an die krankhafte Martyriumssucht unter 
den ersten Christen, an die Zeit der Kreuz züge, in der die religiösen 
Wahnideen ganz Europa gebannt hielten und selbst Kinder ansteckten und 
zu einem tollen Unternehmen anreizten; die Flagellanten, Bianchi 
Italiens, die Pastaureaux Frankreichs und andere Erscheinungen erklären 
sich zum Theil insgesammt durch die psychische und psychose Ansteckung. 



— 120 — 

und krankhaften Charakteren. Unter Umständen kann die Nach- 
ahmung so rasch wirken, dass sie thatsächlich zu einer Art 
psychischer Ansteckung wird. Bekannt ist, dass Furcht, 
Schrecken, Trauer und ähnliche Zustände ansteckend wirken. 
Ansteckend ist aber — und das ist für uns wichtig — auch die 
Geisteskrankheit, zumal die Melancholie, und es ist darum 
ersichtlich, dass eine krankhafte Neigung, krankhafte Ideen, 
Gefühle und Strebungen unbewusst, möchte man sagen, in einer 
Gesellschaft sich verbreiten können. Die Geschichte kennt viele 
Beispiele derartiger endemischer und epidemischer, mehr oder 
weniger krankhafter Geistesströmungen. 

Ebenso ist die Selbstmordneigung ansteckend und viele 
Fälle, zumal solche, die sich durch irgend etwas ganz Besonderes 
auszeichnen, lassen sich direkt auf die Nachahmung zurück- 
führen. ') 

Gewisse Vorstellungen von Handlungen werden 
sehr rasch in die Handlungen selbst umgesetzt, und zwar 
geschieht das so rasch, dass der Wille weder im günstigen noch 
im ungünstigen Sinne interveniren kann. Wenn wir z. B. an 
einem Abgrund stehen und hineinblicken, so bringt die Vorstel- 
lung des Hineinstürzens eine Willensrichtung und oft die Bethä- 
tigung selbst mit sich. So wird denn auch in der That ein 
Fall berichtet, in welchem ein junger Ehemann dem unwider- 
stehlichen Drange nachgab und sich in den Abgrund stürzte. 2) 



*) Göthe erzählt uns, wie ihn der Selbstmord des Kaisers Otho zur 
Nachahmung anreizte. 

Im Zeitalter des Humanismus ahmten viele Selbstmörder die Todesart 
antiker Philosophen nach. 

In Versailles tödteten sich zur Eevolutionszeit an einem einzigen Tage 
1300 Menschen! 

Im Hotel des Invalides erhängte sich, nachdem dort lange Zeit kein 
Selbstmord vorgekommen war, ein Mann; in den folgenden 14 Tagen er- 
hängten sich dann fünf Andere. 

2) Ich machte an mir die Beobachtung, dass, so oft ich nahe bei einer 
heranbrausenden Locomotive stehe, die Vorstellung und der Drang sich ein- 
stellt, überfahren zu werden. 

Hieher gehört auch die eigenthümliche Anziehungskraft des glatten 
Wasserspiegels, die uns Homer in seinen Sirenen und Göthe im Fischer 



— 121 — 

Etwas anderer Art ist die unter dem Namen Veitstanz 
bekannte Volkskrankheit, die ganz den Charakter einer Psychose 
trägt und häufig mit dem .Selbstmorde endigte. ') 

Die Vorstellung wirkt umso stärker, je grässlicher 
sie ist. Nur so vermögen wir z. B. viele Morde und grässliche 
Thaten überhaupt, und was uns hier besonders nahe geht, viele 
Selbstmorde zu erklären. Die furchtbare Idee wird gefasst und 
die Ausführung folgt dann fast mechanisch von selbst, 2) oft 
gegen die bessere Einsicht. Byron sagt, dass Niemand ein 
Basiermesser in die Hand nehmen könne, ohne damit den Ge- 
danken an einen schnellen Tod zu verbinden. Thatsächlich wird 
uns der Fall verbürgt, dass ein Mann, der ausdrücklich als sehr 
religiös und moralisch bezeichnet wird, sich nie allein rasieren 
dm*fte, weil ihm sonst ganz unwiderstehliche Gedanken an den 
Selbstmord kamen. 3) 

Selbstmordfälle ganz eigenthümlicher Art, z. B. das Herab- 
stürzen von der Vendömesäule und ähnliche finden rasch Nach- 
ahmer. 



dargestellt hat. (Der Fischer ist nicht ganz naturgetreu. Göthe lässt das 
Wasser rauschen und anschwellen, während es ruhig sein muss, um seine 
Anziehungskraft zu üben ; offenbar haben wir hier nur ein Hjsteron proterou ; 
der Dichter hat das Emporsteigen der Wasser Jungfrau und das durch das- 
selbe verursachte Kauschen diBS anfänglich ruhigen Wassers im Sinne.) 

1) Im 14. Jahrhundert trat eine solche krampfhafte Tanzwuth epidemisch 
am Ehein und in den Niederlanden auf. Die von der Krankheit Ergi'iffenen 
zeigten eine auffallende Vorliebe für das Wasser und stürzten sich häufig in 
den Ehein. In Italien herrschte im 15. Jahrhundert der sogenannte Taran- 
t Ismus; die Kranken waren ganz apathisch, nur die Musik brachte sie zu 
einem wilden Tanze. Wenn sie die höchste Stufe der Aufregung erreicht 
hatten, stürzten sie sich schaarenweise in die Fluthen des Meeres; wir be- 
sitzen noch die Lieder aus jener Zeit, welche diese Todesai*t verherrlichen. 
Vgl. Hecker, Di« grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, histor.-pathol. 
Untersuch., herausgeg. v. Hirsch, 1865. (In jüngster Zeit hat man dieselbe 
krampfhafte Tanzwuth auf Madagaskar, in Abjssinien und bei den Negern 
der Westküste Afrikas gefunden. Vgl. Globus, X. Jahrg.) 

2) Ein Mann erzählte mir, dass er einmal wegen einer Kleinigkeit die 
Idee des Selbstmordes gefasst habe; von dem Augenblicke an habe er an- 
gekämpft gegen die fürchterliche Versuchung, und schliesslich wollte er 
die That ausführen, um die Idee loszuwerden. 

3) Es ist daher die Behauptung nicht gewagt, dass die neuere Sitte, 
Eevolver zu besitzen, die Selbstmordfrequenz steigert. 



_ 122 — 

Bedenkt man nun, dass die moderne Gesellschaft sehr auf- 
geregt ist, erinnert man sich daran, dass die Phantasie im 
Theater und durch zahlreiche Zeitungsberichte über Selbstmorde, 
Morde und Verunglückungen überhaupt fortwährend aufgereizt 
und mit Bildern der grässlichsten Thaten fortwährend genährt 
wird, so wird begreiflich, dass einerseits viele Selbstmorde ganz 
auf die Wirkung dieses psychologischen Gesetzes zurückzuführen 
sind, andererseits, dass es die That in jedem Falle erleichtert. 
Daraus folgt aber, dass die Selbstmordfrequenz schon in Folge 
dessen grösser sein muss und zwar wird sie um so mehr steigen, 
je grösser sie überhaupt ist; bei niederer Frequenz ist die Wirk- 
samkeit dieses Gesetzes natürlich eine geringere. 

So erscheint uns die grosse Selbstmordneigung der Gegen- 
wart, wenn wir sie psychologisch betrachten, als eine moderne 
Krankheit der Gemüther und ihre Verbreitung analog den Er- 
scheinungen früherer Jahrhunderte, in welchen Wahnideen ver- 
breitet waren: die Selbstmordneigung der Gegenwart be- 
ruht auf Wahnideen der Civilisation. 



Drittes Capitel. 
Die Arten und Formen des Selbstmordes. 

§. 1. Nur als Zugabe zu dem Früheren sollen in diesem 
Capitel die Arten und Formen des Selbstmordes in aller Kürze 
behandelt werden. Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes über- 
haupt ist auch diese Specialuntersuchung interessant ; sie ist aber 
auch lehrreich, weil sie zum Terständniss der Selbstmordneigung 
beiträgt. 

§. 2. Offenbar strebt jeder Selbstmörder darnach, auf eine 
möglichst rasche "Weise aus dem Leben zu scheiden; er ver- 
meidet unnöthigen Schmerz, sucht sich vielmehr den Tod mög- 
lichst angenehm zu machen, und spart sich grossen Kraftaufwand, 
weil seine Lebensenergie gebrochen ist. 

§. 3. Derzeit wird, wie uns die Statistik lehrt, am häufig- 
sten der Strick angewendet; Vs — Vs aller Selbstmorde bildet 
das Ertrinken. Die Schusswaffe wird nicht selten gebraucht, 
seltener schneidende und stechende Instrumente; neben dem 
Sturz von hohen Gegenständen und Erstickung im Kohlen- 
dampf wird das Gift oft genug gewählt. Vereinzelt kommen 
bizarre Sebstmordarten vor, wie z. B. das Selbstverbrennen, 
Selbstverhungern , Selbstbegraben , Selbsterfrieren, In-die-Luft- 
sprengen. Das Ueberfahren, zumal durch die Locomotive, 
kommt immer häufiger vor. 

§. 4. Die Wahl der Mittel wird durch die Verhältnisse 
determinirt, in denen sich der Wählende befindet. Gewöhnlich 
wählt er das, was zur Hand ist, weil er in seiner Aufregung 
nicht viel überlegen und suchen kann. In Gegenden z. B., in 
welchen mehr Wasser vorkommt, wird das Ertrinken häufiger 



— 124 — 

vorkommen als etwa in einer Wüste, das versteht sich von selbst. 
Darum kommt im Süden und Westen Europas das Ertrinken 
häufiger vor als im Norden, darum in den Städten häufiger als 
auf dem Lande, weil die meisten Städte an Flüssen und anderen 
Gewässern gelegen sind.') 

Die Jahreszeit bewirkt, dass das Ertrinken häufiger im 
Sommer als im Winter geübt wird, aber nicht in demselben 
Grade häufiger, in welchem der Tod überhaupt gesucht wird, da 
der Strick verhältnissmässig am häufigsten gebraucht wird. 

Die örtliche Bodengestaltung determinfrt z. B. die 
Wahl des Hinabstürzens in Abgründe u. s. f. 

Männer erhängen sich häufiger als Frauen, die das Er- 
trinken vorziehen. Das Erschiessen ist fast ausschliesslich die 
von Männern geübte Art. Frauen lieben auch Kohlendampf, 
Fenstersturz, Gift. 

Im jugendlichen Alter kommt das Erhängen am häufig- 
sten vor, ebenso bei den Greisen. 

Mit der Entwickelung der Körperkräfte und des Muthes 
wird auch die Wahl der Mittel eine andere: der Knabe erhängt 
sich, das Mädchen springt in 's Wasser, der Jüngling und kräftige 
Mann erschiesst sich, das Weib greift zum Stricke und wirft 
sich in's Wasser, die Alten erhängen sich. 

Oft dictirt die körperliche Beschaffenheit, etwa 
Schwächezustände die Wahl einer mehr passiven Selbstmord- 
art, z. B. des Ueberfahrenwerdens u. s. f. 

Die Nationalität wirkt merklich auf die Wahl der Mit- 
tel ein. 

Die Franzosen und Eomanen überhaupt erschiessen sich 
häufig, die Scandinaven, Deutschen und Slaven erhängen 
sich häufiger. Die Pariser — Männer — wählen das Ertränken 
häufiger als das Erschiessen. In Italien erschiessen sich die 
Männer am häufigsten, die Frauen ertränken sich, der Strick 
wird aber seltener als in allen übrigen Ländern gebraucht. 

In Oesterreich ist seit 1861 das Cyankali in häufigem 
Gebrauch; in Wien speciell hat das Vergiften zugenommen. 



*) Im Norden Europas ist das Wasser wegen seiner Kälte kein be- 
liebtes Mittel, da jeder Selbstmörder so angenelim als möglich sterben will. 



— 125 — 

(Glatter, die Volksbewegung Wiens 1865—1869.) Vor 1840 
kam der Strick nachweislich am häufigsten vor. (Springer, 
Statistik der österr. Kaiserstaaten, 1840, p. 80.) 

Die Südslaven erschiessen sich häufiger als die Nord- 
slaven, weil sie ein Volk unter Waffen sind, auch ist es 
das hitzigere Temperament, welches dieselben die Feuerwaffe, 
ähnlich wie die Franzosen und Italiener, wählen lässt. 

Der Beruf determinirt dadurch die Wahl, dass er häufig 
die Mittel liefert, mit denen sich der Mensch umbringen kann; 
der Chemiker vergiftet sich, der Soldat erschiesst sich, der Berg- 
mann stürzt sich in die Kohlengi'ube u. s. f.') 

Die Einwirkung der übrigen Verhältnisse (Civilstand, Con- 
fession u. s! f.) lässt sich derzeit nicht constatiren. 

§. 5. Das Motiv des Selbstmordes steht zur Wahl 
der Mittel in naher Beziehung durch mehr oder minder be- 
wusste Ideenassociation. Ebenso wie der zum Tode verurtheilte 
Soldat vom Strick zum Blei „begnadigt" wird, ebenso kann 
man mit gewissem Kechte gemeinere und noblere Selbst- 
mordarten unterscheiden. Der Strick gilt allgemein als ge- 
meines Mittel. 

Der unglücklich Liebende greift daher selten zum Strick; 
darum haben manche Selbstmorde einen gewissen Hauch des 
Romantischen, zumal die aus unglücklicher Liebe, unterdrücktem 
Freiheitsgefühl und Aehnlichem. Vornehmlich kommen solche 
Arten aus leicht begreiflichen Gründen im jugendlichen Alter 
vor, denn je älter der Mensch wird, um so mehr verliert der 
Selbstmord das romantische Gepräge. 2) 



1) Nähterinnen und Schneiderinnen ersticken gerne im Kohlendampf. 
Bei der österreichischen Armee werden fast drei Viertheile der Selbstmorde 
durch Erschiessen vollbracht. 

2) Casper glaubte, das Erhängen deute auf stillen Kummer, der 
Mensch verschliesse sich in seinem Kämmerlein und gebe sich durch das 
stille und geräuschlose Mittel des Strickes den Tod. Das Erschiessen und 
Ertrinken deute auf Ostentation und darum komme erstere Todesart häufiger 
bei Deutschen und Engländern, letztere bei den Franzosen vor, die sich noch 
im letzten Augenblicke en scäne setzen wollen, p. 80. 



— 126 — 

Die gebildeten fiömer erhängten und ersäuften sich selten, 
aber sie tranken Gift, durchbohrten sich oder verhungerten.') 

§. 6. In der Erregung des Affectes und der Leiden- 
schaft greift der Mensch nach dem ersten besten Mittel ohne 
Ueberlegung; ebenso der Geisteskranke, den man häufig an 
den bizarren Mitteln UDd Formen erkennt. 

In der Psychose werden auch die missglückten Versuche 
sehr häufig wiederholt. 

Eigenthümlich ist der krankhafte Gemüthszustand , in 
welchem der Mensch eine Wollust an Schmerzen empfindet 
und sich daher auf grässliche Weise verstümmelt und nicht 
eher ruht, bis er sich um das Leben gebracht hat; gewöhnlich 
verstümmeln sich solche Menschen an den Genitalien. Es han- 
delt sich hier vielmehr um das Sterben als das Todtsein; wäh- 
rend der gewöhnliche Selbstmörder, der eben todt sein will, zu 
sicheren und möglichst schmerzlosen Mitteln greift, greift dieser 
zu den grässlichsten Martern und gibt den Versuch lieber ganz 
auf, wenn er sich nicht auf diese eigenthümliche Weise töd- 
ten kann. 2) 

§. 7. Gewisse Selbstmordarten verrathen einen Heiltrieb. 

So verräth z. B. das Oeflfnen der Adern das Bestreben, das 
erhitzte und unruhige Blut zu beruhigen; der fieberhaft Aufge- 
regte hat den Drang nach Abkühlung, ein Anderer wiederum will 
etwas schlucken und greift daher nach Gift, der Dritte endlich 
enthält sich von Speise und Trank. 

Derart kann man nicht selten aus der Wahl des Mittels 
einen Schluss auf den Gesundheits- oder Gemüthszustand des 
Unglücklichen machen. 

§. 8. Ausser den directen, activen Selbstmordarten gibt es 
auch indirecte, passive Arten. Oft wünscht ein Lebensüber- 
drüssiger todt zu sein, hat aber nicht den Muth, Hand an sich 



') Tschirner (Leben und Ende merkwürdiger Selbstmörder, p. 7) 
meint, dass der jetzige Selbstmord gemein und leidenschaftlich sei, wenn man 
ihn mit dem römischen vergleiche. 

2) Die christlichen Märtyrer zeigten oft eine solche Lust am Sterben. 
Aehnliche Zustände kann man an Soldaten in der Schlacht beobachten, die 
häufig von einer grossen Lust am Sterben und Tödten ergriffen werden. 



— 127 — 

zu legen; daher klagt er sieh vor Gericht an, eine That verübt 
zu haben, auf welche die Todesstrafe gesetzt ist; Manche ver- 
üben sogar ein solches Verbrechen. 

§. 9. Die sogenannten Doppels elb st morde kommen häufig 
bei Liebenden vor; entweder tödtet sich jeder von beiden selbst, 
oder es tödtet der Mann zuerst seine Geliebte und dann sich 
selbst. 

§. 10. Die Statistik constatirt eine Zunahme des Er- 
hängens.^) 

Oettingen schliesst aus der Zunahme des Erhängens auf 
eine Zunahme des Lebensüberdrusses, der Trunksucht und des 
liederlichen Lebenswandels, da die mit diesen Lastern Behafteten 
fast immer nach dem Stricke greifen. 

Ueberhaupt kann durch den Wechsel mancher socialen und 
individuellen Verhältnisse ein Wechsel der Selbstmordmittel ein- 
treten.2) Jedenfalls werden im Laufe der Zeiten die Selbstmord- 
arten mannigfaltiger und in gewissem Grade künstlicher. Das 
Erhängen dürfte aber schwerlich verdrängt werden, so lange es 
überhaupt Selbstmorde geben wird.*) 

§.11. Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass der Selbst- 
mord bei den Chinesen, Japanesen und Türken eine (privilegirte) 
Todesstrafe geworden ist.'*) 



1) Diese Selbstmordart gestattet am sichersten die Constatirung des 
Selbstmordes, während die übrigen Arten oft mit Yerunglückungen ver- 
wechselt werden können. 

^) Gas per (p. 84) erwähnt, dass das Vergiften durch Schwefelsäure 
seiner Zeit oft vorkam, weil diese Säure durch den Gebrauch der Zünd- 
maschinen und englischen Stiefelwichse eingeführt wurde. 

3) Diese Todesart ist aus mehreren Gründen am häufigsten : das Mittel 
dazu kann überall und immer herbeigeschafft werden, es ist billig, ziemlich 
sicher und schmerzlos, und erschreckt nicht die Phantasie beim Gedanken 
an den Zustand des Körpers nach dem Tode. Schliesslich mag auch der 
Umstand mitwirken, dass das Aufhängen die fast allgemein übliche Art der 
Todesstrafe geworden ist. 

*) Diez, Der Selbstmord, 1838, p. 76. 



Viertes Capitel. 
Zur Geschichte der Selbstmordneigung. 

§. 1. Ueberblickt man die verschiedenen Ursachen der Selbst- 
morde, so gewahrt man, dass die meisten disponirend, die wenig- 
sten determinirend wirken; bedenkt man noch, dass die deter- 
minirenden Ursachen zumeist schwach und geringfügig sind, so 
gelangt man zu dem Schlüsse, dass die Entscheidung über das 
Aufgeben des Lebens nicht durch plötzliche Störungen der Ge- 
sellschaft, respective der Individuen herbeigeführt wird, sondern 
dass fast immer ein längerer psychischer oder physischer 
Process vorausgesetzt werden muss. Die Massenerscheinung 
des Selbstmordes kündigt sich derart als historischer Process, 
als Collectivschuld der Gesellschaft an, und es ist daher un- 
sere Aufgabe, die Gesetzmässigkeit in der Bewegung dieses Pro- 
cesses kennen zu lernen. 

§. 2. Unsere Geschichte der Selbstmordneigung beruht auf 
folgenden Quellen: 

Erstens. In den allgemeinen Geschichtswerken finden 
wir einige gelegentliche aber ungenügende Angaben ; vollständiger 
ist das Material in den Specialgeschichten der Selbstmordneigung 
und den Werken über Selbstmord überhaupt.') 

Für das 19. Jahrhundert und das Ende des 18. besitzen 
wir zuverlässige statistische Angaben, welche die Zunahme 



*) Buonafede, Istoria critica e filosofica del suicidio , 1761 (1. Aufl.); 
in der französischen Ausgabe : Armellino et Gu^rin, Hist. crit. et philos. 
du suicide, 1841; Szafkowski, De la mort violent chez les peuples de 
Tantiquite. Eeichliche Angaben finden sich bei Li sie und Brierre de 
Boismont. 



— 129 — 

der Selbstmordneigung in der Gegenwart auf unwiderlegliche 
Weise bestätigen. 

Zweitens. Sollten die Geschichtsquellen selbst als ungenü- 
gend erklärt werden, so wird dadurch eine Geschichte der Selbst- 
mordneigung trotzdem nicht unmöglich. Wir bedienen uns näm- 
lich bei unserer Untersuchung jener Methode, welche einzig 
und allein bei den Untersuchungen über den geschichtlichen 
Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen im Gesellschafts- 
leben angewandt werden soll und die, wenn sie richtig angewandt 
wird, ein richtiges Kesultat liefern mus&. Das nächste Capitel 
wird aber zeigen, ob wir bei unserer sociologischen Forschung 
den richtigen Weg eingeschlagen haben, i) 

§. 3. Mit den eben besprochenen Hilfsmitteln lässt sich 
zur Geschichte der Selbstmordneigung in Europa Folgendes mit 
Bestimmtheit sagen. 

Da sich der Selbstmord bei den Naturvölkern und den un- 
civilisirten Nationen überhaupt nicht voi*findet, so finden wir 
ihn auch bei den Griechen in der älteren Zeit nur ausnahms- 
weise und selten 5 erst etwa nach dem peloponnesischen Kriege 
entsteht eine krankhafte Selbstmordneigung und erreicht zur Zeit, 
wo Griechenland zu Kom gehörte, ihre gi'össte Intensität. 

Bei den Köm er n gab es in der alten Zeit der Eepublik 
auch keine Selbstmordneigung; erst in der Kaiserzeit entwickelt 
sie sich und verbreitet sich über das ganze Keich, so weit es 
civilisirt war. Man kann sagen, dass schon im 1. Jahrhundert 
vor und noch mehr im 1. und 2. nach Christus die ganze antike 
Welt einer pessimistischen Weltanschauung ergeben war; in 
Folge davon ist der Lebensüberdruss und der Selbstmord in jener 
grossartigen Uebergangszeit allgemein. Griechenland, Eom, 
Egypten und der Orient waren damals unglücklich, unzufrieden 
und lebensmüde. 

Mit der Ausbreitung des Christenthums schwindet die 
Selbstmordneigung, und das katholische Mittelalter kennt 
sie gar nicht. Die vereinzelten Fälle, welche berichtet werden, 



^) Da ich mich in eine breite methodologische Auseinandersetzung 
nicht einlassen kann, so deute ich nur noch so viel an, dass ich die Methode 
Comte% Tocqueville's und MilPs meine. 

Masaryk. Der Selbstmord. 9 



— 130 — 

sind nicht die Folge einer allgemein verbreiteten krankhaften 
Neigung, sondern erklären sich durch einige specielle, ungünstige 
Anschauungen, Institutionen und sociale Zustände der Zeit. 
Besonders selten kam der Selbstmord bei den Frauen vor und 
es wird uns geradezu berichtet, dass sich im Verlaufe mehrerer 
Jahrhunderte ein einziger Fall begeben habe, und zwar soll sich 
eine Spanierin getödtet haben, weil sie fürchtete, sie werde 
während der Abwesenheit ihres Gemahls der Leidenschaft nicht 
widerstehen können. Mag diese Behauptung übertrieben sein, 
so ist sie jedenfalls nur der Ausdruck der Thatsache, dass im 
Mittelalter der Selbstmord ganz selten und vereinzelt vorkam.^) 



1) In welchem Grade den Katholiken der Selbstmord widernatürlich 
und unsittlich erschien, ersieht man aus folgender höchst charakteristischen 
Lehre Mariana's, des bekannten spanischen Geschichtsschreibers. Obwohl 
er den Tyrannenmord erlaubt, verbietet ihm sein Gewissen, etwa zu dem 
Mittel der Selbstvergiftung des Tyrannen zu greifen ; das Mittel habe an und 
für sich Vieles für sich, doch sei es zu grausam, den Menschen zu zwingen, 
sich selbst den Tod zu geben, da die Natur jedem Wesen den Selbstmord aufs 
Entschiedenste verbiete! De rege et reg. inst. I, cap. 7. 

Der Cölibat der Priester führte in manchen Klöstern in Folge der 
unvernünftigen Schwächung des Körpers und Geistes — durch Askese, Fasten, 
Beten — einen eigenthümlichen melancholischen Krankheitszustand herbei, 
die schon erwähnte acedia oder accidia, in dem sich Viele das Leben nahmen. 
Es ist begreiflich, dass die abergläubischen Vorstellungen und die physischen 
und psychischen Entbehrungen zum Wahnsinn treiben mussten. Solche christ- 
liche Büsser benahmen sich wie ihre indischen Brüder und kamen daher von 
der Abtödtung des Fleisches leicht zum Selbstmorde; denn die Askese ist 
eigentlich nichts anderes als ein moralischer Selbstmord, die zeigt, was der 
Mensch thun kann, aber nicht soll. Es gab z. B. „Heilige", die 50 Jahre, wie 
ein wildes Thier, in einer Höhle hausten ; Einer verbrachte volle 30 Jahre auf 
einer 60 Fuss hohen Säule und verneigte sich täglich 1240mal bei unausge- 
setztem Beten! Trotzdem haben die Klöster, wie Lecky sagt, als Zufluchts- 
stätten für Hilflose und Betrübte im Ganzen mehr Selbstmorde verhindert 
als veranlasst. 

Die krankhafte Martyriumssucht trat epidemisch auf; die Kirche 
hat darum mit Eecht nur gewisse Fälle als Martyrium angesehen und die übri- 
gen mit Augustinus verpönt. 

Die unglücklichen Hexen verübten den Selbstmord häufig, um der Folter 
zu entgehen. Ueberhaupt wurde die That nur in Fällen der äussersten Noth — 
Hunger, Seuchen, Verfolgungen — verübt und dann, wenn irgendwo Sittenlosig- 
keit hereinbrach. Cf. Lecky, Sittengeschichte Europas (Deutsch v.Jolowicz 1870) 
II, p. 34 squ. 



131 — 



Mit der Renaissance und Keformation wird der Selbst- 
mord häufiger; im 18. Jahrhundert lässt sich schon eine krank- 
hafte Selbstmordneigung nachweisen, und in unserem Jahrhun- 
d e r t ist diese Neigung schon ganz allgemein und sehr stark verbreitet. 
Für die vergangenen hundert Jahre lässt sich mit zwin- 
gender Evidenz nachweisen, dass der Selbstmord in allen 
Staaten Europas regelmässig zunimmt, und dass die 
krankhafte Neigung fortwährend an Intensität gewinnt. 

§. 4. Die nachfolgenden statistischen Tabellen beweisen die 
stetige Zunahme der Selbstmorde in allen Ländern und Städten. 
Diese Zunahme, wie sie in diesen Tabellen sich zeigt, lässt sich 
auf keine andere Weise erklären, als dass die Selbstmorde in der 
That immer häufiger werden.*) Im Laufe dieses Jahrhun- 
derts hat sich die Selbstmordneigung in den meisten 
civilisirten Staaten wenigstens verdreifacht; die Zunahme 
der Bevölkerung geht bedeutend langsamer vor sich. 2) 



1) Die Einwände gegen diese Behauptung und ihre Widerlegung 
V. Wagner p. 116. 

2) Das Anwachsen der Bevölkerung veranschaulicht folgende Tabelle: 

Jahre 4er Jährliche Zu« Verdoppelungi- 

Staaten Beobachtung nähme in Procent periodc 

Vereinigte Staaten von Amerika 1850-60 2*98 23 

Norwegen 1855—60 1*71 41 

Eussland 1850-56 1-45 48 

Königi-eich Sachsen 1855-61 1-45 48 

Sehottland 1855-62 1-36 51 

Prenssen 1858—64 1*38 51 

England und Wales 1861—63 1-31 53 

Schweden 1855—60 1-23 56 

D&nemark 1845—60 1*01 68 

Wftrttemherg 1858-61 0-97 72 

Spanien 1857-60 0-95 73 

Belgien 1856—60 0*90 77 

Mecklenburg-Schwerin 1856-61 0-89 78 

Portugal 1858—61 0-87 80 

Griechenland 1862-64 0-81 86 

Italien 1863-68 0-72 96 

Hannover 1849—58 0*72 97 

Baden 1861—64 0-71 101 

Bayern 1855—61 0-64 109 

Schweiz 1850—60 0-61 114 

Niederlande 1850—59 056 124 

Frankreich 1861—64 0-42 165 

Oesterreich 1855—58 0-32 217 

, Cis 1857—69 1*004 - 

^ - Trans 1857—69 0921 — 

9* 



— 132 — 



a 



■♦» "Ö 






• 


• 


■ 


• 


• 


• 


o a 


















A CS 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


o « 


















CO 


















•ö «, 


















s s 




• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


** '^ 


















■-4 d 


















g»^ 


• 


m 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


» 


















1 <3 


















l-< ? 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


o to 


















»S 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 




d 

4> 


ä 
















•Ö 


:c8 


K 


R 


R 


R 


F 


R 


R 


% 


^ 
















■s 


y—t 


CQ 


00 


1— • 


^ 


CO 


a> 


l> 


QQ 


Oi 


CO 


'^ 


00 


00 


00 


05 


CO 


1— • 


<M 


(M 


<N 


<M 


CO 


CO 


'^ 



R « 

■♦» 

Od St 

£2 a 



§•3 



d 
u 

08 



d 

« 
aa 

P 
o 
u 






C8 
t« 

(3 

o 

d 

d 

03 
CO 



d 

3 



o 

O 

d 



d u 

«9 'S 



B 

d 
d 

« 

on . 

P 

d 
» 

■ß 
•es 

d 
o 

& 
« 



o 
»4 

Ol 



<:o o o iO 

t> 00 00 00 

i> t> t> t> 



CO o 1— • io 
OD Oi Oi a> 
t> ir« t> t> 



CD O r-l lO 
Oä O O O 
t> 00 00 00 



<:0 O rH XO 
O »-H 1— • 1— I 

00 00 00 00 



CO l> 00 Oi o 
00 00 00 00 00 



— 133 — 



TS 

a 

es 



O a 

CO 



'S) * 



I 

hl 



« 






CO 






d 

u 
o 



■^ ^ CO O Wt> 

o (M <r) '^*< CO 



f-H 

r—t 





1— • 


CO 

1— « 


• 










r-* 


Oi (M l> »-H 








^ 


5S S S SS 








• 03 


(N <M <M (M 





d 

9 
CO 
CO 



CO (M CO '^ O 
CO o >o t> 00 

^^ iO ^*J* ^*J* TT 



d 'S 



"^ "^ »— I CO CO 

1-H CO CO Tt* 



Cl GQ 03 (M 



CO 
CO 



c8 
bc 

s 

kl 

O 

d 
o 

d 

c« 

fit 

00 



d 
o 

• pH 



o 

• pH - 

® - 
M aa 

03 "H 
00 <w 

O 

d 
o 

« 



d o 



CO 



.s 



ö» 






05 S 
CO •-" 

Er * 

^ a 



Od •*» 

tI^ .-s 



O CO CO l> <M 

• T*« -^ 00 ^ >o 

. CO "^ lO t^ l> 

(M <N <N Oa <N 



bo 

d 
d 
d 
,d 
o 

CO 

d 

60 



d 
e 

H 

O 



o 

o 

«pH 
!•< 

»4 




— 134 — 



d 



'S ^ 

CO 






•^ Oi ijrt) OO lO 

r-t ^ ^ '^ <P 
CO 00 



<M C<1 00 



I 



d 



00^001-l(M<:0CiO0i"TJ^01'^^-OC00ÄqÄl5^2^- 
'^Tt<C<l<MiO'^CO'^"^t>l:^l>CO'^'^<NO>0"^CQ 



d 

rd 

o 
OQ 



•«8 S 



d 



d 

« 

d 



«10 w 

'S rd 

S ö 
s * 



O 


CO 


8 


lO 

^ 






(M 




X:0 


2P 


CO 


CO 
CO 


1—1 

CO 


00 


o 


CO 


I-H 




CO 

T-H 


00 
CO 




CO 


i-H 

o 

CO 


00 


O 
Oi 
(M 


CO 

CO 




O 
CO 


CO 
00 


O 
-^ 
CO 


1-H 

o 


CO 


05 

1— • 


CO 
CO 
CO 


05 
CO 


CO 






1— ( 


00 
CO 


• 
• 


• 
• 


• 


Ol 


O 
(M 


o 






Oi 

00 


o 

<M 


o 
CO 


CO 
(M 


CO 


00 
CO 


o 

00 


00 

CO 


CO 

00 
(N 


05 
(M 

CO 


oo 

CO 


Oi 
CO 
CO 


o 

CO 
CO 


00 

1— ( 


o 

(M 


t> 

1— ( 


O 

o 

1-H 


CO 


00 




(M 

T-H 


CO 
CO 

1-H 


o 

00 


00 

o 


1— ( 


00 

1— < 
<M 


CO 


CO 


00 
CO 


CO 
(M 


CO 

-^ 

1-H 


o 

T-H 


o 


00 

1— • 
CO 


O 
(M 


CO' 
CO 




• 
• 


CO 


00 
CO 


00 

CO 


o 

CO 


C<1 

o 


o 

00 


rH 




00 
CO 


o 

iO 


00 


i-H 


o 


00 

3 



e3 
bo 

d 

o 
fit 



O 
CO 



Oi 00 l> 
CM ^ (M 



d 



d 

d« 
cc 

d 



,d 



d 



^1 



9 



CO 5S 

-1 



CO -S 
00 .-ts 



,^\« 



'S 



d o 



»OO»— «OiCOCOO"^ 
CO»OCO00CO»-HOiOi 
rHT-HT-HT-HrHC<l»-HT— ( 



THCOOCO<MC<II>-T-^COCOOOCOiOOOOiI>CO 
1— tC0<MI>«00O'rt<Oa00iaiI:^T-HOrH00C0O 
OOOOOOiOrHCOCOiOlOiOCO-^t^OOrHOiOi 

CQ O^ CO 03 CO 00 CO CO CO CO CO CO CO CO CO ^ CO CO 



00 (M 
^ (M 



Oi O 

Oi »o 

00 o 

CO "^ 



d 
d 
d 

M 

d 
d 

Ih 
teS 

d 

a> 
bc 

« 



9 

o 
Ol 



T-H (M 
QO 00 



CO "^ 
00 00 



iOCOr»OOOiOT-H<MCO'<*"lOCOC^OOCiO 
'^•rt<'^'rt<'«:*<lO)uOxO»OiOlOiOiOiOiOCO 
00000000000000000000000000000000 



— 135 — 



a 

«8 



t^C0Q000O00*-»OCX>Ot^»-i0i0i05 



o a 

M «I 
QQ 



OiOOCOCOOCiCO"T*<OiO 
rH00T-lOC<IOC<l"^I>00 



a«l>"l>lit>OCQ0iC00000"^X:0^00<Nr-iO05 

i o 
»-•£.i0l>000i"^i-ii-HOTH0000<M<:0 

»^i-l,Hl-l,-ll-Hi-li-H,-l,-Hi-<f-Hi-H,-l 



d 


00 


'^ 


-^ 


CQ 


o 


Oi 


r-H 


CO 


CO 


Oi 


r^ 


<Ä 


l> 


Tt4 


CO 


Oi 


o 


■ 


• 






00 


Ci 


00 


•-H 


00 


o 


l> 


CO 


lO 


CO 


(M 


o 


CO 


Oi 


l> 


o 


CO 








03 


(M 


03 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


00 


CO 


CO 


CO 


00 


CO 


-^ 


Tt4 


• 


• 






• 


• 


• 


r-f 


1— • 


CO 


Oi 


00 


o<i 


CO 


X« 


^ 


Oi 


Ci 


-<!*< 


CO 


• 


• 


• 




d 3 








1— • 


X:0 


:$ 


CO 


Oi 


CO 


00 


O 


CO 


CO 


CO 


Ci 


o 










• 


« 


• 


-^ 


'^ 


'^ 


^ 


M^ 


-«** 


iÄ 


'^ 


^ 


-«** 


00 


iO 


• 


• 


• 




d 
kl 
o 


• 


• 


• 


• 


■ 


O 


r-i 


CO 


lit> 


(M 


00 


iO 


!>• 


o 


Oi 


(M 


o 


■ 






>> 












1—1 


t^ 


XO 


(N 


lit> 


»-I 


o 




1« 


lO 


(M 


iO 








S 


• 


• 


• 


• 


• 


-«^ 


^ 


M^ 


-^ 


-* 


^ 


-* 


M^ 


-rf* 


lo 


CO 


• 






d 














c« 




























(0 
«0 


lit> 


03 


^ 


CO 


tH 


lO 




00 


'^ 


o 


lO 


r» 


iO 


o 


00 


• 


• 


• 


• 




d 


00 


»— 1 


l^- 


o 


CO 


00 




lo 


M^ 


r^ 


00 


CO 


^ 


Oi 


I> 


• 


• 


• 


. 


• 

CO 


a> 


t— 1 


1—1 


co 


ca 


CO 


'^ 


CO 


CO 


iÄ 


oa 


T^ 


CO 


CO 


-^ 


<M 










o 




<M 


(M 


<N 


<N 


03 


(M 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


00 










00 
»1 


*; ä 








































« 


•S^l 


00 


I> 


CO 


iC 


o- 


'^ 


(M 


o 


o 


l> 


CO 


r» 


CO 


CO 


lo 


r-t 


'^t^ 






^ 


d ^ 


'^ 


iit> 


-«i^ 


'^ 


(M 


O 


lO 


o 


r-i 


lO 


lO 


00 


C5 


C<1 


^ 


00 


r-i 


• 


" 


CS 


S d 


CO 


iO 


CO 


iO 


CO 


l> 


t^ 


00 


l> 


CO 


CO 


CO 


l> 


l> 


t^ 


Oi 


T-H 


• 


• 


•-8 


W tc 


































»-< 






g 


C8 








































? 


d 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


» 


■ 


■ 


• 


• 


CR 


kl 

O 


• 


• 


« 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


m 


• 


• 


■ 


s 


flu. 








































d 


d 
« 

d 


^ 




• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


■ 


• 


• 


• 


« 


■ 


m 


• 


• 


• 


d 
ca 


d« 


(N 


(M 


« 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 


• 




■ 


• 


• 


• 


• 


• 


OQ 








































I-? 


d 








Ci 


a> 


00 


CO 


'^ 


CO 


00 


CO 


o 


iÄ 


lO 


CM 


'«*< 


Oi 






#4 




• 


• 


• 


o 


<M 


00 


lO 


00 


CO 


00 


CO 


Oi 


!>. 


1-H 


<M 


<M 


CO 


• 


• 




":* 


■ 


• 


• 


I>- 


!>• 


iO 


l> 


!> 


CO 


!>• 


00 


00 


Oi 


o 


Oi 


o 


1-H 


• 


• 




-2 




























1-H 




1-H 


1-H 






• • 

d 










































d 
d 






00 .-ts 








>o 


r- 


CO 


iO 


o 


o 


!>• 


00 


1-H 


!>• 


00 


00 


00 


lO 


d3 






2 ^ 

-• e 




• 


• 


CO 


o 


lO 


!>• 


T-i 


CO 


I> 


CO 


iO 


r-^ 


5S 


Tt4 


t^ 


1-H 


*4/ 


« n 








• 


Oü 


"^ 


iO 


CO 


lO 


iO 


CO 


00 


1-H 


2^ 


-* 


CO 


lO 


lO 


M 












1— 1 


tH 


T-i 


T— 1 


1-H 


1-H 


»-H 


1— ( 


Cvl 


ea 


(N 


<M 


Od 


<M 


d 
< 


O 


'— 


■"•^■^ 


-~- 


































d 


d 








































S) 


0) 


?r> 


-»^ 


t^ 


00 


I> 


• 


• 


• 


■ 


00 


l>- 


CO 


I> 


-«^ 


CO 


Oi 


o 


• 


• 


.3^ 


bo 


rM 


»-H 


o 


00 


CO 










CO 


CO 


lO 


t> 


I> 


00 


CO 


l>- 






U 


1— < 


(M 


<M 


<N 


r^ 


(N 


• 


• 


• 


• 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


'* 


-* 


• 


' 


t 

d 


m 
















































































S* 


■ 


'^ 






CO 




Ca 


1-H 


I>- 


^ 


t^ 


o 


lO 


»o 


r» 


<M 


'^ 








S) 


d o 


ut) 


• 


• 


Tt< 


• 


»— • 


1— ( 


'^ 


1-H 


»o 


Ci 


r» 


(M 


1-H 


r» 


o 


• 


• 


• 


kt 


S 'S 


:$ 


• 




Oi 


• 


1-H 


o 


lO 


1—1 


1— • 


"^ 


<M 


lo 


CO 


^ 


00 


• 


« 


• 


o 


£ 2 






-^ 




lO 


lO 


lo 


kO 


-<!*< 


-«*< 


lO 


lO 


lO 


lO 


lO 








d 


•4 










































o 


r-H 


(M 


CO 


'* 


lO 


CO 


l> 


00 


Ci 


o 


T-H 


<M 


CO 


-^ 


lo 


CO 


t> 


00 


Ci 




>P>4 


^0 


CO 


x> 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


CO 


l>- 


!>• 


!>• 


t> 


I>- 


t- 


!>• 


l>- 


!>• 


!>• 






00 


00 


00 

* 


00 


00 


00 


00 


00 


00 


00 


00 

«w4 


00 

w4 


00 


00 


00 

w4 


00 


CO 


00 


00 




pLi 


T^ 


^H 


F*< 


^^ 


^^ 


^^ 


^■i 


r 1 


^^ 


f T 


r ■ 1 


f ' 1 


f 1 




T T 




» » 









— 136 — 



Periode Paris Wien Berlin 

1690 1 

1699 / 

1700 ^ 

1709 i 

1710 \ 

1719 J 

1720 \ 

1729 j 

1730 
1739 
1740 
1749 
1750 
1751 
1759 
1760 
1761 
1769 
1770 
1771 
1779 
1780 
1781 
1788 
1789 
1790 
1791 
1797 
1799 
1800 
1801 
1804 
1806 
1808 
1809 
1810 
1811 
1813 
1815 
1817 
1818 
1819 
1820 
1821 
1822 



Ham- 
burg 



T««^^» Stock- Edin- Peters- New- 

London , , , Glasgow Dublin ^ „ , 

nolm bürg " bürg York 






35 



60 



360 



236 
278 
300 
478 
501 
422 

363 

• • 

351 
339 



23 . . 



• (22) . . 



16 



224 ] 

■1 

274 1 

•i 



46 



46 



61 



\ 363 



U09 



59 



l 
j 



171 



In Paris gab es 1783 150, 1793—1804 jährlich im Durchschnitte 207 Falle 



— 137 



^ . , „ . «T. « ,. Ham- , ^ Stock- Edin- _, ., ,,. Peters- 
Periode Paris Wien Berlin ^ _ London ^_,_ ^ Glasgow Dublin 



barg 



bolm barg 



bnrg 



New- 
lork 



1823 


• • 




1824 


• • 




1825 


• ■ 




1826 


• • 




1827, 261 . 




1828 279 . 




1829 307 4 


5 


1830 269 . 




1831 359 . 




1832 369 . 




1833 325 . 




1834 360 . 




1835 393 . 




1836 415 . 




1837 433 . 




1838 483 . 




1839 486 . 




1840 511 . 




1841 501 




1842 516 . 




1843 551 . 




1844 541 . 




1845 534 . 




1846 526 . 




1847 698 . 




1848 481 . 




1849 609 . 




1850 612 . 




1851 603 . 




1852 593 . 




1853 606 . 




1854 642 6 


7 


1855 648 8 


2 


1856 710 6 


6 


1857 675 6 


2 


1858 


. 8 


3 


1859 


. 7 





1860 


6 


5 


1861 


6 


8 


1862 


7 


1 


1863 


. 9 


3 


1864 


. 10 


4 


1865 


. 11 





1866 


. 9 


8 



42 



41 
35 
25 
48 
52 



171 



> 158 



> 152 



211 



22 



• • • • 



• • • 

• • • 

> 469 . 

• • • 

• • • 

• • • 







57 
59 
61 



100 

im 
Mittel 



138 — 



Periode Paris Wien Berlin 



Harn- - , Stock 
, London 

Dorg 



holm "buTg 



Edin- -.- TN VI. Peters- New 

Glasgow Dublin 



1867 

1868 
1869 
1870 
1871 
1872 
1873 
1874 
'1875 
1876 
1877 
1878 
1879 
1880 



700 109 
144 
107 
99 
132 
141 
152 
214 
205 
210 
198 
193 
297 
307 1) 



188 
200 

• • 

255 



469 



104 

89 . . 
100 . . 
125 
150 240 



12 
14 

7 
14 

6 
11 

9 
11 
12 
22 



15 
11 
15 
18 
13 
14 
15 
11 
22 
14 



11 
10 
13 
11 

7 

13 
13 

8 
11 

6 

4 



bürg York 

78 

89 
102 
125 
152 
167 
141 



150 
148 
142 



Genaue Ausweise über Selbstmordversuche fehlen aus 
leicht begreiflichen Gründen ; nach den wenigen uns vorliegenden 
Daten (Palret, p. 95) ist der Schluss gestattet, ihre Anzahl wenig- 
stens dem Drittel der constatirten Selbstmorde gleichzusetzen. 2) 

§. 5. Die Zunahme der Selbstmorde ist nicht bei allen Völkern 
und unter allen Umständen gleichmässig und gleich stark. 

Wagner macht darauf aufmerksam, dass in Ländern, 
welche Aehnlichkeiten der allgemeinen Lage bieten, die Zunahme 
gleichartig sei, so in Mitteleuropa (Deutschland, Frankreich, 
Belgien); ebenso zeigen die stammverwandten deutschen Länder. 
Oesterreichs, Preussens, Bayerns, Sachsens, in der Höhe der Zu- 
nahme eine grosse Analogie. Auch die scandinavischen Länder 
zeigen eine ähnliche Zunahme. 

Betrachtet man ferner die beiden Geschlechter jedes für 
sich getrennt, so zeigen sich auch in dieser Hinsicht manche 
Unterschiede. 

In Oesterreich und Italien ist die Zunahme gleich- 
mässig; bei den Männern ist sie in der letzten Zeit verhältniss- 
mässig grösser gewesen in Norwegen, England, Bayern, 
Schweden, Württemberg, Belgien, Schweiz; bei den Prauen 
in Dänemark, Baden, Sachsen, Preussen. In Prankreich 



^) Die zwei letzten Angaben beziehen sich auf den Wiener Polizeirayon. 
2) Nach Brierre repräsentiren die statistischen Ausweise überhaupt 
nur die Hälfte der thatsächlich yerübten und versuchten Selbstmorde. 



— 139 — 

constatirte Blanc 1839 — 1858 eine grössere Zunahme der 
Frauen. 

Die verhältnissmässig grössere Zunahme der Selbstmord- 
neigung bei den Frauen ist auf die moderne Bewegung der so- 
genannten Emancipation zm*ückzuführen und dürfte dort am 
stärksten sein, wo die Neigung überhaupt, bei Männern und 
Frauen, am stärksten ist. 

Die Sache ist begreiflich: Wenn sich das weibliche Ge- 
schlecht aus seiner bisherigen socialen Stellung emancipiren will 
und mit dem männlichen Geschlechte in Concurrenz tritt, so 
müssen die allgemein wirksamen socialen Factoren die Frauen 
mehr angreifen als die Männer, die in Folge ihrer bisherigen 
Stellung im Leben den Gefährdungen desselben durch die längere 
Gewohnheit verhältnissmässig mehr gewachsen sind als die 
Frauen, üeberdies bringt die Emancipation wie jede neue Be- 
wegung Verirrungen und Auswüchse mit sich, durch welche die 
an ihr Betheiligten noch mehr zu ihren Ungunsten geschädigt 
werden. ') 

Ein trauriges Zeichen der Zeit ist die Zunahme der 
Kinder Selbstmorde. 

Schliesslich ist zu bemerken, dass sich in Oesterreich der 
Selbstmord in der Hauptstadt weniger rasch vermehrt als auf 
dem flachen Lande. Die selbstmordgünstigen Verhältnisse treten 
auf dem Lande vielfach erst in neuerer Zeit auf und wirken 
daher stärker als in der an dieselben länger und mehr gewohn- 
ten Stadt. Was von Wien gilt, kann natürlich auch von ande- 
ren, zumal grossen Städten gelten. 



^) Stark betheüigten sich die Frauen in Wien 1868—1878: 26% mehr 
als in den Kronländern; in Paris 1874-1878 23-3%; in Berlin 1869—1876 
25 % • Jedenfalls nimmt die Nervosität der Frauen bedenklich zu, und 
zwar besonders bei den besseren Ständen in Folge der erhöhten intellectuellen 
Anforderungen; bei den ärmeren Ständen nimmt die Nervosität ebenfalls zu, 
hier mehr aus somatischen Ursachen. Aus der wissenschaftlich verbürgten 
Zunahme der Nervosität kann man auf die relativ höhere Selbstmordfrequenz 
der Frauen mit grosser Wahrscheinlichkeit schliessen. Cf. Eheinstädter, 
Ueber weibliche Nervosität, ihre Beziehungen zu den Krankheiten der Ge- 
nerationsorgane und ihre allgemeine Behandlung. (Yolkmann's Samml. klin. 
Vorträge, 188.) 



— 140 — 

§. 6. Wahrscheinlich war in den Zeiten grosser 
Selbstmordneigung auch die Psychose häufig. So wissen 
wir, dass gegenwäi'tig Naturvölker und unciviüsii-te Nationen 
selten geisteskrank sind, während die civilisirten Völker aufge- 
regt und stark psychos sind. Was heute gilt, kann auch für 
die Vergangenheit gelten; und da auch gegenwärtig die Selbst- 
mordneigung mit einer allgemeinen Nervosität zusammenhängt, 
so wird wohl auch früher die Selbstmordneigung mit einer 
grösseren Nervosität der Völker zugleich aufgetreten sein. That- 
sächlich war das sinkende Heidenthum sehr aufgeregt, wie uns 
die Geschichte und Literatur jener Zeit bekundet. Im Mittel- 
alter gab es wohl Geisteskranke, aber wenige und keine allgemein 
verbreitete Nervosität ; erst in der Gegenwart nimmt sie und die 
ihi- entsprechende Psychose allgemein zu. Die Zunahme in der 
Gegenwart besagt eben Abnahme gegen das Mittelalter zu.^) 

§. 7. Unsere Untersuchung ergibt: In allen Zeiten und 
bei allen Völkern kommt der Selbstmord vereinzelt vor; aber 
als sociale Massenerscheinung tritt er periodisch auf, 
und zwar war die krankhafte Selbstmordneigung besonders stark 
zu Zeiten des Verfalles der alten Culturvölker, Griechen, Kömer, 
Egyptier. Das christliche Mittelalter kennt die krankhafte Neigung 
gar nicht ; dagegen kam sie in der neueren Zeit auf, wächst seit 
der Eenaissance fortwährend und erreicht gegenwäi'tig bei allen 
civilisirten Nationen eine solche Intensität, dass sie geradezu als 
das Uebel der Gegenwart angesehen werden muss: sie ist die 
sociale Frage im eigentlichen Sinne des Wortes. 

Die krankhafte Selbstmordneigung ist (wahrscheinlich) immer 
mit einer bald grösseren bald geringeren allgemeinen Nervosität 
verbunden. Jedenfalls ist gegenwärtig die Zunahme der Selbst- 
mordneigung mit der Zunahme der Geistesbankheit das trau- 
rigste und darum auch bedeutsamste Zeichen der Zeit. 



^) C almeil: Sur la folie depuis la renaissance jusqu'ä nos jours — 
ist mir unbekannt. 



Fünftes Capitel. 

Die Selbstmordneigung und die Civilisation. 

I. Theil. 
Die Entwickelung der modernen Selbstmordneigung. 

§. 1. Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass die krankhafte 
Selbstmordneigung der Gegenwart in letzter Instanz durch die 
Irreligiosität der Massen verursacht wird; da wir ferner wissen, 
dass die Selbstmordneigung zunimmt, respective in neuerer Zeit 
zugenommen hat, so muss mit ihr auch die Irreligiosität 
zunehmen und zugenommen haben. Tritt aber die krankhafte 
Neigung periodisch auf, so tritt sie eben als äusseres Zeichen 
der periodischen Irreligiosität der Völker auf. Darnach ist klar, 
welche .Aufgabe wir in diesem Theile unserer Arbeit zu lösen 
haben: Es muss culturgeschichtlich gezeigt werden, ob und wie 
sich in gewissen Zeiten die Eeligiosität der Völker ändert und 
jene unheimliche und unheilvolle pessimistische Massenstimmung 
erzeugt, in welcher der Selbstmord als probates Mittel gegen 
jegliche Art von Unglück und Unzufriedenheit allgemein ge- 
übt wird. 

Dass diese geschieh tsphilosophische Untersuchung möglichst 
kurz und gedrängt sein muss, ergibt sich aus der ganzen Anlage 
dieses Buches, und der Leser wird es daher nicht übel nehmen, 
dass Vieles vorausgesetzt, Vieles nur angedeutet und skizzirt 
wii'd: die Principien können trotzdem richtig sein, und auf sie 
kommt es eigentlich an. 

§. 2. Wir gehen von der Voraussetzung aus, die Natur des Selbst- 
mordes als sociale Massenerscheinung der Gegenwart erkannt und vom 



— 142 — 

psychologischen Standpunkte aus begriffen zu haben; aus dieser 
Erkenntniss ergibt sich uns aber der Schluss, dass die Selbst- 
mordneigung zu allen Zeiten ihrer Natur nach identisch 
war, dass also in allen Zeiten dieselben Hauptursachen die krank- 
hafte Neigung erzeugt haben. Im Einzelnen können Abweichungen 
vorkommen, aber an und für sich ist das Phänomen immer das- 
selbe gewesen; „die Menschen sind, was Menschen immer 
waren." 

Um nun das (empirische) Gesetz zu finden, nach welchem 
sich die krankhafte Selbstmordneigung periodisch entwickelt, 
wollen wir vorerst folgende Ueberlegung anstellen. Betrachtet man 
nämlich die verschiedengradige Intensität der Selbstmordneigung 
bei den jetzt lebenden Völkermassen, so findet man zwei Extreme : 
die Naturvölker weisen gar keine, die civilisirten da- 
gegen eine sehr intensive Selbstmordneigung auf. Wenn 
man auf der einen Seite etwa einen innerafrikanischen Neger- 
stamm, der mit den Europäern noch nicht in Berührung kam, 
auf d«r anderen die Norddeutschen und Dänen nähme, so hätten 
wir die zwei Extreme factisch abgegrenzt: dort keine, hier eine 
gi'osse Selbstmordneigung. Zwischen diese zwei Extreme lassen 
sich die übrigen Völker nach Massgabe der statistischen Aus- 
weise stufenweise einreihen, so dass wir uns auf diese Weise 
die Entwickelung der Selbstmordneigung im eigentlichen Sinne 
des Wortes: vergegenwärtigen können. Dieses Nebeneinander 
stellt im Ganzen und Grossen das geschichtliche Nacheinander 
dar; denn die psychische Massenstimmung der Gegenwart ent- 
spricht vollkommen den entsprechenden Massenstimmungen der 
Vergangenheit, und es ist nur die Aufgabe des Sociologen, diesen 
Querschnitt für die Erkenntniss des Längenschnittes der Ge- 
schichte methodologisch richtig zu verwerthen. 

Im Gegensatze zu der Irreligiosität der Civilisirten könnte 
man ohneweiters die Eeligiosität der Wilden als Grund der 
Thatsache anführen, dass bei den letzteren die Selbstmordneigung 
nicht vorkommt. Dieser Schluss wäre jedenfalls gestattet, aber 
ich weiss nicht, ob wir auf diese Weise die Thatsache, um die 
sich's handelt, begreifen würden. Denn ebenso könnte man sagen, 
dass die Kinder in Dänemark, Deutschland und überhaupt da, 
wo der Selbstmord häufig geübt wird, den Selbstmord deshalb 



— 143 — 

nicht üben, weil sie, im Gegensatz zu den Erwachsenen — reli- 
giös seien. Der Wilde ist aber wie ein Kind; unfertig und 
jeglichen höheren Strebens bar, träge und indolent, ist er nur 
auf den augenblicklichen materiellen Genuss bedacht; seine 
Weltanschauung ist die erdenklich einfachste: in das sinn- 
liche Anschauen ganz verloren, hat er über das Leben und 
seinen Werth noch nicht nachgedacht, ist mit Allem zufrieden, 
und es kann sich daher die krankhafte Selbstmordneigung bei 
ihm gar nicht entwickeln. Den Wilden interessirt nur die 
Aussenwelt ; sein Inneres ist und bleibt ihm verschlossen, er lebt 
ganz im Anschauen, Hören u. s. w. Diese Objectivität der Wil- 
den (und Kinder) erklärt uns eben, warum er den Selbstmord 
nicht begeht. Um den Tod zu wünschen, muss der Mensch sein 
Inneres erkannt haben, muss der Mensch nicht nur die Aussen- 
welt, sondern auch seine Innenwelt beobachtet haben. Wer den 
Tod liebt, ist psychisch krank und verirrt und bezieht Alles auf 
sich. 'Der Naturmensch ist objectiv, der Civilisirte ist subjectiv. 
Darum finden wir beim Wilden den Mord, Todtschlag, Krieg auf 
der Tagesordnung; Alles, was ihn erregt, bezieht er auf die 
Aussenwelt und kommt daher nie dazu, etwas Unangenehmes auf 
das eigene Ich zu beziehen. Umgekehrt bezieht der Gebildete 
Vieles oder Alles auf sich selbst, ist in sich, wo der Wilde ausser 
sich ist, und gelangt daher auf diesem Wege dazu, den Selbst- 
mord eher als den Mord zu begehen. So erklärt sich auch die 
Thatsache, dass überall da, wo der Mord häufig geübt 
wird, der Selbstmord seltener vorkommt und umgekehrt; 
so z. B. Italien auf der einen, Deutschland auf der anderen 
Seite. 

Die Eeligion hat für den Wilden jene praktische Bedeutung 
nicht, die sie für uns hat; diese erlangt sie erst dann, wenn 
der Mensch das Wilde und Kindische abgelegt, wenn er sein 
Inneres erkannt und über den Werth des Lebens nachgedacht 
hat. Dann lebt er nicht mehr naiver Weise blind in den Tag 
hinein, sondern sein Thun und Lassen wird durch eine gebil- 
dete Weltanschauung normirt;. dann aber übt auf ihn die 
Religion eine hohe und mächtige Wirkung aus, dann erst ent- 



') Hausner, Vergl. Statistik v. Europa, I, p. 178; cf. Morselli, p. 246. 



— 144 — 

scheidet er sich für oder gegen das Leben nach ethischen Prin- 
cipien* Darum also verhindert beim Natm'menschen den Selbst- 
mord nicht eigentlich die Eeligion, sondern die Natur selbst, 
der natürliche Selbsterhaltungstrieb; beim Civilisirten dagegen 
verleiht die ethisch -religiöse Weltanschauung dem Leben allen 
Werth oder allen Unwerth, die Eeligion verhindert bei ihm den 
Selbstmord. 

Das Gesagte wird durch das ausnahmsweise Vorkom- 
men des Selbstmordes bei Naturvölkern nicht widerlegt, 
sondern bestätigt. So wird uns z. B. gemeldet, dass die Wilden, 
welche dem europäischen Branntwein stark ergeben sind, den 
Selbstmord häufiger üben; in Folge der schlechten Behandlung 
von den Spaniern übten die Indianer neben dem Abortus unter 
Anderem auch den Selbstmord häufig, um den ungewohnten 
Qualen zu entgehen. Boudin versichert, dass sich aus demsel- 
ben Grunde die Neger in Amerika sehr häufig den Tod gaben. 
Die alten Bewohner Spaniens tödteten sich schaarenweise, als 
die Kömer ihr Land besetzten und das Volk entwaffneten. Alle 
diese und ähnliche Fälle erklären sich dadurch, dass die 
betreffenden Naturmenschen mit einer höheren Civili- 
salion bekannt werden und es ist ein bekanntes Gesetz, dass das 
unvermittelte, plötzliche Bekanntwerden mit einer höheren Cultur 
die niedriger stehende Eace verdirbt und vernichtet. Der Selbst- 
mord ist dann nur eine besondere Erscheinung in dem allgemeinen 
Aussterben und wird nicht von reinen, sondern von verdorbenen 
Naturmenschen geübt. (§. 10.) 

Bei manchen Naturvölkern kommt der Selbstmord in Folge 
gewisser socialer, politischer und nationalökonomischer An- 
sichten vor. So z. B. tödteten sich die alten Kelten und 
Scandinaven, weil sie den natürlichen Tod für schmachvoll und 
nur den auf der Wahlstatt für ehrenvoll hielten; alternde 
Männer stürzten sich von den Felsen, und Valerius Maximus 
erzählt uns, dass der Geburtstag mit Weinen, der Todestag 
mit Jubel und Gesang gefeiert wurde. Heutigen Tages herrscht 
dieselbe Sitte bei den Battas auf Sumatra, bei denen sich die 
Greise umbringen müssen. Oft müssen sich die Alten, Kranken 
und Hinfälligen aus Eücksicht auf die Subsistenzmittel des 
Stammes tödten; thun sie es nicht selbst, so werden sie getödtet. 



— 145 — 

Wenn wir vom Naturzustand sprechen, so denken wir 
uns den eigentlichen Naturzustand, wie er heute' selten vorkommt, 
wie er aber auf Grund der ausgezeichneten Arbeiten von Waitz, 
Tylor und Anderen sociologisch construirt werden muss, wenn 
in das Chaos der Darstellungen über den „Naturzustand" Ord- 
nung und Methode gebracht werden soll. Die heutigen Wilden 
haben sich von diesem Urzustand vielfach entfernt und sich in 
ihrer Art entwickelt; das Gesagte gilt daher nur in dem Masse, 
in welchem das Stadium der Objectivität — und dieses schliesst 
einen gewissen Grad der Entwickelung nicht aus — nicht über- 
schritten ist. Im Sinne dieses rectificirten Naturzustandes sagen 
wir, es gebe bei den Naturvölkern keine Nervosität, keine Psychose, 
keinen Pessimismus und darum auch keine krankhafte Selbst- 
mordneigung. Die Fälle, die bei ihnen vorkommen, sind eigentlich 
Selbsttödtungen und nicht Selbstmorde, und die ausgesprochenen 
Fälle von Selbstmord bekunden keine krankhafte Liebe des Todes. 
So wie bei den Naturvölkern der Krieg die Eegel und eine aus- 
gesprochene Friedensliebe bei einem oder zwei Stämmen eine 
Ausnahme sind, so sind bei ihnen auch die Selbstmorde eine 
Ausnahme von der Kegel.') 

Die Thatsache, dass der Naturmensch im Gegensatze zu 
dem Civilisirten die krankhafte Selbstmordneigung nicht kennt, 
erklärt das periodische Auftreten der krankhaften Selbstmord- 
neigung. Da wir mit Recht annehmen, dass sich alle civilisirten 



^) Die Ursachen und Motive der bei den Wilden vorkommenden Selbst- 
morde sind folgende: Unlust an Krankheit, Schwächezuständen, harter Ar- 
beit ; Aflfecte des Zonies und der Rache ; der Wilde tödtet sich wegen einer 
Beleidigung, damit sein Beleidiger der Blutrache verfällt ; unglückliche Liebe 
und Eifersucht ; Furcht vor Krankheit (Verunstaltung durch Pocken) ; Furcht 
vor Lächerlichkeit und Schande; frauer über den Verlust einer geliebten 
Person. Der Wilde gibt häufig excentrischen Ideen nach und wird so das 
Opfer einer ungezügelten Einbildung; in diesem Falle handelt es sich aber 
um eine Selbsttödtung und nicht um einen Selbstmord. Wilde, welche dem 
Laster der Trunksucht ergeben sind, begehen den Selbstmord relativ häufig, 
und am häufigsten diejenigen, die mit den Europäern in Berührung ge- 
kommen sind. Cf. Darwin, The descent of man, 117; Novara-Reise, 
IL, 309; Wuttke, Geschichte des Heidenthums, L, 189, IL, 133; Waitz, 
Anthropologie U., 210, VI., 117; cf. Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer, 
p. 486; Peschel, Zeitalter der Entdeckungen, p. 548; Völkerkunde, p. 154. 

Masaryk. Der Selbstmord. 10 



— 146 — 

Völker der Gegenwart aus dem Naturzustände allmählich ent- 
wickelt haben, und die krankhafte Selbstmordneigung bei den 
Naturvölkern gar nicht, bei den Civilisirten aber in hohem Grade 
vorhanden ist, so folgt, dass sich bei allen Völkern mit 
fortschreitender Entwickelung die krankhafte Selbst- 
mordneigung allmählich entwickelt; die sociale Massen- 
erscheinung des Selbstmordes ist die Frucht des Fort- 
schrittes, der Bildung, der CivilisationJ) 

Weiss man also, wo und wann die Civilisation bei einem 
Volke oder bei verschiedenen Classen eines Volkes grösser ist, so 
kann man mit annähernder Gewissheit die Intensität der Selbst- 
mordneigung bestimmen. Z. B. : die gebildeten Deutschen müssten 
gegenwärtig eine höhere Selbstmordfrequenz aufweisen als die 
wenig gebildeten Spanier; überhaupt ist demgemäss die krankhafte 
Neigung gegenwärtig grösser als im Mittelalter und schliesslich 
gilt auch für die Entwickelung der Eömer, Griechen und an- 
derer Völker dasselbe Gesetz; die Eömer der Eepublik haben 
ganz gewiss keine so grosse Selbstmordneigung gehabt als das- 
selbe Volk der Kaiserzeit u. s. f. Ebenso gilt dasselbe Gesetz 
für die verschiedenartig gebildeten Classen einer und derselben 
Bevölkerung: die Landbewohner z. B. weisen eine geringere 
Selbstmordfrequenz auf als die Städter, u. s. f. 

Die Statistik und Geschichte der Selbstmordneigung verifi- 
ciren dieses unsere Gesetz vollkommen. Aber man hüte 
sich, dabei an ein Naturgesetz zu denken: die Sache ist 
so, muss aber nicht immer und unter allen Umständen so sein. 2) 
Die Engländer z. B., welche mindestens ebenso civilisirt sind wie 
die Deutschen und Franzosen, weisen trotz ihrer Bildung eine 



1) Vorsichtshalber merke ich an, dass ich die Wörter Civilisation, 
Bildung, Fortschritt im gewöhnlichen Sinne gebrauche, d. h. sie be- 
ziehen sich auf den Gesammtzustand der „ersten" europäischen Nationen im 
Gegensatz zu den Völkern und Stämmen der übrigen Gontinente. Damit 
soll nicht gesagt sein, dass diese Civilisation (Bildung, Fortschritt) in Allem 
und in jeglicher Beziehung gut ist; der Begriff soll nicht im prägnanten 
Sinne verstanden werden und weder Lob noch Tadel ausdrücken. 

2) Ueber den für die Sociologie so wichtigen Unterschied des eigent- 
lichen Naturgesetzes vom empirischen Gesetze cf. die logischen 
Schriften von Mill oder Bain. 



— 147 — 

niedrige Selbstmordfrequenz auf. Es ist eben niclit die Bildung 
schlechtweg die eigentliche Ursache der Selbstmordneigung, son- 
dern die Halbbildung, wie sie sich in der Irreligiosität und über- 
haupt in dem Mangel einer harmonischen Weltanschauung kund 
gibt. Deshalb darf man auch nicht sagen, dass die Unbildung 
die Selbstmordneigung verhindert; die Spanier, Italiener und 
andere Völker weisen nicht deshalb, weil sie ungebildet sind, eine 
geringere Selbstmordfrequenz auf, sondern weil sie zugleich 
religiös und kirchlich sind. Spanien und Schottland weisen, 
trotz ihrer Verschiedenheit in der Bildung, beide eine geringe 
Selbstmordfrequenz auf, weil beide Länder sehr religiös und 
kirchlich sind, von der Qualität ihrer Confessionen vorläufig ganz 
abgesehen. 

Schliesslich muss noch darauf aufmerksam gemacht werden, 
dass man den oben geschilderten Naturzustand nicht mit dem 
Begriffe: ungebildet, (von christlichen Völkern angewandt) ver- 
wechseln darf. Wenn von den Spaniern und Portugiesen gesagt 
wü'd, dass sie ungebildet oder uncivilisirt seien, so besagt das 
nicht, dass sie im Naturzustande leben; es mögen sich hie und 
da einige Districte diesem Zustande nähern, aber im Ganzen . 
haben alle christlichen Nationen das Stadium der Objectivität 
des Naturzustandes überschritten. Darum hat die Eeligion für 
sie die grosse Bedeutung, die wu* ihr zugeschrieben haben; denn 
das ganze sociale und private Leben wird nicht mehr von In- 
stinkten, sondern von ethischen Normen geleitet, die um so noth- 
wendiger werden, je künstlicher und complicirter der Gesammt- 
zustand der gebildeten Welt wird. 

§. 3. Um die moderne Civilisation zu begreifen, muss man 
die griechische, römische und mosaisch - orientalische Cultur 
kennen, auf denen unsere Bildung vornehmlich beruht; die ent- 
, fernteren Einflüsse des alten Orients können wegen ihrer gerin- 
geren Wii'ksamkeit hier unerwähnt bleiben. 

Beginnen wir mit den Griechen. 

Im Naturzustande und dem ihm nahen sogenannten 
heroischen Zeitalter, wie es sich in den Dichtungen Homers 
spiegelt, hatte das griechische Volk gesunde Lebenslust und jene 
naive Lebensheiterkeit, welche jeder energischen und strebsamen 
Nation zu Theil wird. Glücklich und zufrieden mit seiner Lage, 

10* 



— 148 — 

war ihm jegliche Sentimentalität nnd pessimistische Lebens- 
schätzung fremd, der Selbstmord kommt nur als seltene Aus- 
nahme vor. 

Dieser Zustand der Objectivität dauerte etwa bis zum 
6. Jahrhunderte und darüber herab. Deutlich sehen wir ihn an 
der Entwickelung der Poesie und Philosophie. Im 6. Jahrhun- 
dert erwacht die Subjectivität des Volkes und bricht sich freie 
Bahn in den politischen Neugestaltungen und den gleichzeitigen 
lyrischen Dichtungen. Die Philosophie ist aber zu derselben Zeit 
noch ganz objectiv, einfache Naturphilosophie: die Denker inter- 
essirt noch immer die Aussenwelt, obwohl der Dichter schon 
in Gefühlen schwelgt. Während dann in dem folgenden Jahr- 
hundert das Drama als Vollendung der Dichtung und zugleich 
als Blüthe der Volkskraft seine höchste Vollendung en-eicht, 
bringt bald darauf Socrates die Philosophie vom Himmel auf 
die Erde herab, d. h., das griechische Volk arbeitet an der be- 
wussten Ausgestaltung des Lebens. 

Um diese Zeit herum beginnt aber auch der Kampf der 
Philosophie mit der Volksreligion, und Socrates ist nicht das einzige 
Opfer desselben. ^) Die Missionsthätigkeit dieses Mannes und seiner 
Schüler erschüttert das ohnehin lose Gebäude des Polytheismus 
in hohem Grade; selbst die Ungebildetsten werden philosophisch, 
sobald eben im Cynismus selbst die Volkshefe zu der socrati- 
schen Lehre herangezogen wird. 

In Plato spiegelt sich der schon beginnende Verfall des 
griechischen Volksthums. Der unheilvolle peloponnesische Krieg 
und die ihm folgende macedonische Invasion und alle ihre trau- 
rigen Polgen auf politischem Gebiete sind nur das äussere Zeichen 
der inneren, geistigen Zerrüttung des Volkes. In Plato's Schriften 
können wir diese Zerrüttung deutlich sehen: die Volksreli- 
gion vermag das Volk nicht mehr zu beglücken und zu führen 
und darum will der grosse Denker seine Philosophie zur Eeligion 



') Üeber den grossen Einfluss der Religion auf das gesammte Leben 
der Griechen vgl. Schömann, Griech. Alterth., IL, p. 121 squ. lieber den 
Verfall der Volksreligion zur Zeit Alexanders cf. Becker-Marquardt, 
Handbuch d. röm. Alterth., IV., p. 64; über den tiefen Verfall im 2. Jahrh. 
V. Chr., ibid. III., p. 435. 



— 149 — 

machen. Das ganze Leben dieses grossen und edlen Mannes 
wird, nur in diesem Lichte besehen, begriffen und gewürdigt. 

In Aristoteles hat sich die griechische Denkkraft aus- 
gelebt. Das sociale Leben ist schon so zerfallen und corrupt, 
dass sich von nun ab kein Grieche von Bedeutung der Theorie 
ergeben kann, denn das Volk bedarf vornehmlich, ja einzig 
einer tüchtigen ethischen Führung. Darum befassen sich die 
epicureischen und stoischen Schulen ausschliesslich mit den 
praktischen Fragen des Lebens, und obwohl im Principe grund- 
verschieden, suchen doch beide dasselbe Ziel zu lösen: in den 
trostlosen Zeiten Ruhe und Zufriedenheit zu finden und zu spen- 
den. Aber welche Ruhe geben diese Religionen der Gebildeten 
dem menschlichen Gemüth? Die eine kommt indirect, die an- 
dere direct zum Selbstmorde — der Selbstmord wird in der Stoa 
Glaubensdogma ! 

Kein Wunder, dass sich nach einer solchen Verflachung 
der Philosophie eine zersetzende Skepsis breit macht. Dadurch 
wird aber die Zerfahrenheit und Unsicherheit nur noch grösser; 
eines selbstständigen Denkens unfähig, greift man zum Eklekti- 
cismus, um schliesslich in der orientalischen und orientalisiren- 
den Religionsmystik zugleich mit den Römern und Egyptiern 
gänzlich unterzugehen. 

Das ist in Kürze der Entwickelungsgang der griechischen 
Cultur und ihr entspricht auch die ethische Lebensanschauung 
der heidnischen Griechen. Sie haben das Sittliche immer natur- 
haft aufgefasst ; selbst bei dem idealsten aller griechischen Denker, 
Plato, fehlt eine wahre sittliche Sanction der ethischen Gesetze, 
die darum so häufig mit den Naturgesetzen verwechselt werden. 
Die Ethik wird höchstens ein Bestandtheil der Politik. Es werden 
zwar einzelne Tugenden geübt und gewisse markante Charaktere 
ausgebildet; aber es zeigt sich uns kein einziger vollkommen 
durchgebildeter sittlicher Charakter und den Menschen fehlt das 
einigende und erhebende Band der Liebe. Darum die politische 
Uneinigkeit im Grossen und Kleinen, darum vermag sich ein 
so kleines Volk aus eigener Kraft nicht zu einigen, darum 
die verhältnissmässig rasche Auflösung der griechischen Staaten 
und Stämme. Die intellectuelle Bildung vermochte das Volk 
nicht zu retten; die Sittlichkeit schwindet bald und macht einer 



— 150 — 

grossen Zügellosigkeit Platz; schliesslich verzweifeln die Besten 
an dem Leben und lehren ihr Volk mit Würde und Anstand zu 
sterben, mit Würde und Anstand zu leben vermögen sie nicht. 

Dieser Entwickelung des griechischen Volkslebens entspricht 
die Entwickelung der Selbstmordneigung. Etwa bis zur 
Zeit der persischen Kriege kommt bei den wegen ihrer heiteren 
Lebensauffassung berühmten Griechen der Selbstmord selten 
vor; von da ab finden wir in der Literatur immer häufigere 
Fälle verzeichnet, bis schliesslich eine solche pessimistische Ver- 
stimmung der Gemüther entsteht, dass der Selbstmord als ein- 
ziges und probates Mittel empfohlen und gepriesen wird. Wie 
haltlos im Leben die aufgeklärten Griechen waren, lehrt bestens 
die grosse Zahl der Selbstmörder, welche unter den bedeutendsten 
Philosophen und grossen Männern gefunden werden.^) 

§. 4. Was von der Entwickelung der griechischen, gilt auch 
von der Entwickelung der römischen Cultur; speciell können 
wir aber an den Eömern den Verfall der antiken Volksreligion 
und die Wirkung dieses Processes auf das Volksleben sehr gut 
studiren. 

Von Haus aus fromm und gottesfürchtig und in Folge 
dessen sittlich streng und kräftig im Innern und nach Aussen, 
war das römische Volk befähigt, seine Herrschaft über die ganze 
Welt auszudehnen. Polybius, der Historiker und Theoretiker des 
orbis terrarum, sah ganz gut ein, dass die Götterfurcht die Eömer 
so kräftig, kräftiger als die übrigen Nationen mache; allein 
gegen das Ende der Republik war diese Eeligiosität bei der leiten- 
den Classe der Gebildeten geschwunden. (Mommsen IL, p. 179.) 

Die Bekanntschaft mit der griechischen Philosophie 
hat die Gemüther der Volksreligion entfremdet, ohne ihnen 



^) Es ist auffallend, dass so viele bedeutende Männer des Alterthums 
den Selbstmord verübten: Empedocles — auch von Pythagoras und 
Aristoteles wurde es geglaubt — Speusipp, Diogenes, Peregrinus, 
Hegesias, Stilpo, Zeno, Cleanth, Arcesilaus, Carneades. — 
Aristarch, Eratosthenes, Erasistratus, Demosthenes, Isocrates. 
Themistocles, Cleomenes; schon Charondas, LyCurg, Codrus und 
viele Andere. Bei den Römern: Lucrez, Atticus, (Seneca), Silius 
Italiens, Petronius, Lucanus. Scipio, Cato, Brutus, Cassius, 
Marc Anton, Otho, vielleicht auch Marc Aurel u. A. m. 



— 151 — 

jedoch jene Sicherheit zu bieten, welche eine religöse Welt- 
anschauung zu bieten vermag, wenn sich der Mensch ganz und 
gar in sie hineingelebt hat. ^) Die philosophischen Systeme, welche 
bei den Kömern Anklang fanden, waren nicht derart, dass sie 
eine volle Befriedigung und Beruhigung gewähren konnten: der 
Pantheismus der Stoa, die in sich selbst widersprechende und 
haltlose Eeligion des Selbstmordes, zog gerade die edleren Charak- 
tere an, wähi'end die gi*osse Mehrzahl der Gebildeten an dem 
Systeme Epicurs ihr Wohlgefallen fand; zugleich sah man in 
den skeptischen Schulen etwas der eigenen Geistesrichtung Con- 
geniales, und später weidete sich das krankhafte Gemüth an den 
schwindelhaften Lehren der orientalischen Mystik. Selbst- 
ständiges vermochten die Eömer auf diesem Gebiete nicht zu 
schaffen ; nicht als ob ihnen das Talent dazu gefehlt hätte, son- 
dern aus dem ganz natürlichen und einfachen Grunde, weil sie das 
Fertige anderswo müheloser finden konnten. Darum ist die römische 
Civilisation eine Portsetzung der griechischen geworden, darum 
haben die Römer ausser der Jurisprudenz nichts Neues geschaffen, 
sondern das Pertige nur zu verarbeiten und auszubreiten gesucht ; 
die römische Bildung hat darum den Charakter einer gewissen 
Halbheit, die sich in der eklektischen Methode nicht nur der 
Philosophen, sondern der Gebildeten überhaupt deutlich zu er- 
kennen gibt. 

Die römische Religion selbst wurde durch die griechische 
Aufklärung allmählich modificirt. 

Schon während der Republik vermischte sich die römische 
Staatsreligioft mit der griechischen und nahm derart viele und 
neue Elemente in sich auf; mit der Ausbreitung der Römer- 
herrschaft wurden immer neue Culte aufgenommen, bis sich 



1) Horaz, C. L, 34. Cf. Becker -Marquardt, Handbuch d. röm* 
Alterth., 1856, IV., p. 63. Becker macht mit Recht darauf aufmerksam, dass 
die griechische Philosophie, mit welcher die Römer bekannt wurden, durch 
und durch irreligiös war. Lucrez predigte schon offenen Hass gegen die 
Volksreligion; de rer. nat. I., 62—101, V., 1194 squ. Das erste Jahrhundert der 
Kaiserzeit vergleicht Becker mit dem 18. Jahrhundert, in beiden sei die 
religionsfeindliche Stimmung und Richtung vorherrschend; 1. c. III., p. 430. 
Cf. Denis, Histoire des theories et des idees morales dans Fantiquite, II., 
p. 28 squ., p. 41 squ. Gibbon, The history of the Decline and Fall of the 
Roman Empire, chap. XV. 



— 152 — 

schliesslich im 2. Jahrhundert eine Vermischung fast sämmt- 
licher Eeligionen der Welt vollzogen hatte.*) 

Dieser eigenthümliche Process wird gewöhnlich als Zeichen 
des religiösen Verfalles der Kömer angesehen. Gewiss musste 
die ursprünglich römische Religion von ihrer Reinheit und Ge- 
diegenheit Vieles einbüssen ; auch haben ohne Zweifel die Gebil- 
deten und zumal die Philosophen Schuld daran, weil sie die 
verschiedenen Culte nur für verschiedene Formen einer und der- 
selben Gottesverehrung erklärten und sich darnach verhielten. 
Durch die Mischung der verschiedensten Culte und Ceremonien 
wurde die Religion bei Vielen zum blossen Formalismus, und es 
lässt sich denken, dass sich in Folge dessen ein krasser Aber- 
glaube und religiöse Wahnideen einstellen mussten, weil das 
gläubige und glaubensbedürftige Gemüth von einem Altar zum 
and^'n gezerrt wurde. Aber man muss diesen Vermischungs- 
process auch von einer anderen Seite betrachten. 

Es lag im Princip des Polytheismus, fremde Culte willig 
aufzunehmen und immer wieder neue Ceremonien und religiöse 
Gebräuche einzuführen oder zu schaffen, bis schliesslich zur Apo- 
theose der Kaiser gegriffen wurde. Denn es schadet dem Begriffe 
der Gottheit nicht, wenn immer neue und neue Gottheiten mit 
ihren Culten aufgenommen werden; während nur die besten und 
tüchtigsten Geister sich dem Monotheismus logisch näherten, 
verfiel das Volk auf diese in ihrer Art consequente Ausbildung des 
polytheistischen Systems: während nur wenige die Einheit der 
Gottheit erfassten und festhielten, mehrten die anderen die Gott- 
heiten und näherten sich derart der Einheit, weil bei einem 
solchen Vorgange das Verlangen nach Einheit und Harmonie 
immer lebhafter werden musste. Die Toleranz, die man allen 
Religionen angedeihen liess, zeigt dieses Streben deutlich, denn 
sie ist nichts anderes als das Streben nach Einigung und Ein- 
heit. Die Religion der Römer, die Staatsreligion, hat dadurch 
unzweifelhaft gelitten, und es konnte nichts mehr fruchten, dass 
der Imperator zum Pontifex maximus ernannt wurde; aber es 
beweist dieser Vorgg-ng das Vorhandensein einer, wenn auch 



\) Arnobius, Adv. gent., VI., 7: civitas omninm nurainum cultrix. 



— 153 — 

misleiteten Religiosität, das tiefgefühlte Bedürfniss nach einer 
Religion. *) 

Alle grossen Geister des augusteischen Zeitalters fühlen 
die Wirkungen der religiösen Desorganisation und wissen, dass 
trotz der politischen Grösse die Gesellschaft im Innersten krank 
ist. Man lese die Werke der damaligen Dichter, man blicke in 
die Werke der damaligen Historiker, man vertiefe sich in die 
Schriften der Philosophen: man findet nur Unsicherheit, Trauer, 
Klagen, Unruhe, Langweile, Skepsis, Indifferentismus, Lebens- 
überdruss.2) 

Horaz ist voll von Klagen; in Properz, Lucan, kurz in allen 
Dichtern spiegelt sich die Unruhe und Lebensmüdigkeit der Zeit. 
Livius' Vorrede zu seiner Geschichte erzählt es uns und Ta- 
citus ist durch und durch traurig und ernst gestimmt. Seneca 
(de tranqu. an. 11., 13) fasst sein Urtheil über die Zeit kurz zu- 
sammen in den denkwürdigen Worten: taedium, displicentia 
sui, et nusquam residentis animi volutatio. 

Dieser allgemeinen Unzufriedenheit und Unruhe entsprechen 
die privaten und öffentlichen Sitten der Zeit.^) 

Kein Wunder, dass in einer solchen Zeit der intellectuellen 
und moralischen Anarchie die Gemüther aufgeregt und durch 
und durch traurig und pessimistisch gestimmt sind, und es bleibt 
dem grössten römischen Naturforscher vorbehalten, einen Hymnus 
auf den — Selbstmord zu schreiben! Plinius lehrt, der Selbst- 
mord sei ein Beweis der menschlichen Vollkommenheit: der 
grösste Trost für die unvollkommene Natur des Menschen bleibe 
die Thatsache, dass nicht einmal Gott Alles könne; denn er könne 
sich nicht den Tod geben, wenn er auch wollte, dagegen habe 
er diese grosse Wohlthat dem Menschen in diesem mühevollen 
Erdenleben verliehen.^) 



1) y. Hausrath, Neutestamentl. Zeitgesch., IL, p. 42. 

2) V. Hausratli, 1. c, in., p. 481 squ. 

') V. Friedländer, DarsteUungen aus der Sittengeschichte Roms; 
Becker, GaUus; Leckj, Sittengeschichte Europas. 

*) Hist. nat. II., 5; cf. IL, 63: VIL, 54. Wenn Becker (IH., p. 490) 
und nach ihm Friedländer (IIL, p. 490) betonen, dass die Zahl der 
Atheisten und Ungläubigen überhaupt der Masse der Gläubigen gegenüber in 



— 154 — 

Diesem trostlosen Zustande suchen nutürlich die besseren 
Geister ein Ende zu machen. Seneca, der als Stoiker den Selbst- 
mord für erlaubt hält und der ihn schliesslich selbst begangen 
hat, predigt gegen die allgemeine „Leidenschaft für den Selbst- 
mord".') Ganz besonders ist man aber auf eine Neubelebung 
des religiösen Lebens bedacht. 

Darum trachtet Augustus selbst und mit ihm viele Männer, 
eine religiöse und sittliche Keorganisation durchzuführen. Der 
Kaiser baute und stellte die Tempel wieder her, führte neue 
Culte ein und betheiligte sich selbst sehr eifrig an allen Cere- 
monien, zumal er Pontifex maximus geworden war.^) 

Virgil, der Freund des Augustus, dichtet ein Epos, in 
welchem er die Erinnerung an die alte Keligiosität und Sitten- 
strenge wachzurufen strebt.**) 

Horaz tadelt die Gebrechen seiner Zeit mit herben Worten. 
Li vi US beklagt und verurtheilt den allgemeinen Unglauben seiner 
Zeit (X., 40); Tacitus schreibt seine Germania in ganz der- 
selben Absicht, und Juvenal geisselt noch mehr als Horaz die 
Haltlosigkeit seiner Zeitgenossen. 

Durch diese und ähnliche Bemühungen gelang es, das An- 
sehen der Religion herzustellen und eine reinere Religiosität und 
Moralität zu erzielen, so dass im Zeitalter der Antonine das 
römische Heidenthum zu einer kurzen Nachblüthe gebracht wurde* -*) 



kleiner Minorität waren, so wird durch eine solche Einschränkung das Uebel 
nicht geringer, sondern nur noch grösser. Cf. p. 168, Anm. 2. 

Cf. Epist. 24. 

') Li vi US nennt ihn: Augustus Caesar templorum omnium conditor 
et restitutor. 

3) Ueher die Aeneide als religiöses Epos cf. Boi ssier, La Religion 
romaine d' Auguste aux Antonius L, 259 squ. 

*) Becker-Marquardt, L c. p. IH., p. 430, 434 ; Friedländer, L c. 
lU., p.430. Man vergleiche Cicero und Marc Aurel in dieser Hinsicht. Ob- 
wohl Cicero derPhilosophie eifrig oblag und die Fehler derepicureischenDoctrin 
und manch anderer Systeme eingesehen und bekämpft hat, blieh er im Lehen 
doch nur ein haltloser Mensch ; die Philosophie hatte seinen Kopf, aher nicht 
sein Herz gebildet. Er, der in der Theorie verlangt, dass der wahrhaft ver- 
nünftige Mensch den erhabenen Lehren der Philosophie gemäss lebe, hat 
selbst keine edle und erhabene Begung, als er seine geliehte Tochter sterben 
und das Vaterland zu Grunde gehen sieht. Seine Briefe zeigen uns einen 



— 155 — 

Marc Aurel ist tief religiös, ja abergläubisch. >) 

Diese Eeaction aus dem Heidenthum heraus begegnete sich 
mit der mächtigen und stetigen Wirkung der verachteten und 
verfolgten Christenreligion, welche von der Vorsehung dazu be- 
stimmt war, das sinkende und versunkene Heidenthum des 
römischen Weltreiches zu erretten und zu erlösen. 

§. 5. Die heidnische Eömerwelt war, wie wir gezeigt haben, 
zur Zeit der Geburt Christi trotz ihrer hohen Cultur in gänz- 
licher Auflösung begriflfen und bis in die Tiefen der Seele lebens- 
müde. Philosophie und Cultur konnte die Menschen nicht 
befriedigen, nicht retten; die wenigen Brocken des erneuerten 
Formalismus und Kitualismus konnten den Seelenhunger nicht 
stillen. Auch der mosaische Theismus mit seinem Gesetz und 
Ceremoniell konnte nicht in die Geschicke der Menschheit er- 
lösend eingreifen, waren ja die Juden selbst, ohnmächtig und der 
Erlösung bedürftig. 

In dieser Zeit der allgemeinen Sehnsucht nach einem Eetter 
und Erlöser erschien Jesus,^) der Messias, und sein Leben und 
seine Lehi*e erlösten die Menschheit. Die Sehnsucht wurde ge- 
stillt, das Leben erhielt seinen wahren Werth, die Verzweiflung 
schwand, die Menschen waren des Selbstmordes als einziger 
Wohlthat in diesem Erdenleben nicht mehr bedürftig. 

Wie diese Erneuerung und Verjüngung der Menschheit zu 
Stande kam, begreift sich aus der Natur der Lehre Christi und 
ihrem Einfluss auf die Welt. 3) 

Der Grundpfeiler der christlichen Lehre ist der erhabene 
und reine Monotheismus, der Glaube nicht nur an einen 



indififerenten, haltlosen Gelegenheitspolitiker, keinen wahren Philosophen. Er 
ist es auch, der, trotzdem er den Selbstmord theoretisch verpönt, den frei- 
willigen Tod Cato's bewundert, welche unverdiente Bewunderung bis auf 
den heutigen Tag in unseren Schulen obligat ist. Schon Hume macht auf 
die Haltlosigkeit Cicero's aufmerksam; Essays II., p. 352. (Ed. Green Grose.) 

^) Cf. Boissier, 1. c. Vorrede. 

2) lieber diese allgemeine Sehnsucht der damaligen Welt v. Haus- 
rath, Neutestamentl. Zeitgeschichte. 

5) Hier liesse sich eine Unzahl vortrefflicher Werke citiren; ich 
verweise nur auf die wenigen, aber lebendigen Worte des Bischofs von 
Ely: Christi Lehre und Einfluss auf die Welt. Nach dem Englischen von 
J. de le Boi. 



— 156 — 

gerechten und heiligen, sondern auch liebenden Gott, den Schöpfer 
und Erhalter des Weltalls und insonderheit der Menschen, seiner 
Kinder. Ein solcher Glaube gibt dem Menschen in allen Lagen 
und Wechselfällen des Lebens einen Halt, erfüllt ihn mit Hoff- 
nung, spendet ihm Trost und verleiht ihm Kraft. Darum sind 
alle monotheistischen Eeligionen der Entstehung und Ausbreitung 
der Selbstmordneigung ungünstig: Christenthum, Mosaismus, 
Mphammedanismus. (Der pantheistische Buddhismus 
fördert dieselbe, und es ist gewiss nicht ohne Bedeutung, dass 
der Stoicismus, die Philosophie des Selbstmordes, pantheis tisch war.) 

Aus dem Glauben an Gott den Vater folgt, wie schon 
angedeutet wurde, dass der Christ sein ganzes Leben der Führung 
der allweisen und allgütigen Vorsehung anvertraut ; Alles, was 
Gott über ihn verhängt, nimmt er in demüthiger Ergebenheit an, 
indem er dieses sein Erdenleben als nothwendige Vorbereitung 
für das ewige Leben im Jenseits auffasst. Der Glaube an einen 
allweisen, allmächtigen, allgütigen Gott, und die Ueberzeugung, 
dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat, sind es, die den 
guten Christen nie verzweifeln lassen, die ihm das Leben unter 
allen Umständen lieb und werth machen. 

Der Glaube an einen liebenden Vater bestimmt consequenter 
Weise das Verhältniss des Menschen zum Menschen; Alle 
sind Brüder eines und desselben Vaters. 

Christus gab das neue Gebot der Liebe, und zwar einer 
grenzenlosen Liebe, die sich selbst auf die Feinde erstrecken soll. 
Im Besitze dieser Liebe weiss der Christ sein Leben unter allen 
Umständen gottgefällig einzurichten; sie ist das Band, welches 
ihn nicht nur mit dem Himmel, sondern auch mit der Erde 
verbindet. Wer könnte, wenn er nur einen Funken jener Liebe 
hätte, die uns Paulus in dem unerreichten Hymnus an die Liebe 
eines Christen schildert, an seinem Leben verzweifeln? Für die 
Qualen eines Job ist lindernder Balsam in dieser heiligen Liebe. 

Dieses erhabene System des Theismus, verbunden mit dem 
Unsterblichkeitsglauben und der Moral der Liebe, hat einen 
lebendigen Grund- und Eckstein in der Mittlerschaft des 
Sohnes Gottes, in Jesus Christus. Mit dem Glauben an ihn 
schwindet für den Christen alles Abstracte, Unnahbare und 
Unfassbare seiner Eeligion; denn Christus, des Menschen Sohn, 



— 157 — 

wird ihm der Gegenstand des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe, 
der Hingebung, der Aufopferung, der Verehrung, der Anbetung. 
Das Leben Christi in seiner consequenten Durchführung der 
eigenen Lehren gibt für das Leben keine trockene, sondern eine 
lebendige Lehre, die der Gläubige in und mit Christus mit- 
zuleben vermag. Kann es ein besseres, erhabeneres, göttlicheres 
Leben geben als das Christi? Kousseau antwortet: „Wenn 
Socrates wie ein Philosoph litt und starb, so litt und starb 
Christus wie ein Gott". 

Das ganze Leben Christi ist Wahrheit; der Gottessohn 
lehrt die höchste Einfachheit, er zeigt die vollkommene Reinheit 
und Heiligkeit im eigentlichen Sinne des Wortes. Nichts Aeusser- 
liches klebt an ihm und seinem Leben, kein Formalismus, 
kein Ritualismus; Alles kommt von Innen heraus, Alles ist 
durch und durch wahr, durch und durch schön, durch und durch 
gut. In seinen Lehren beschränkt er sich nur auf das alte 
Testament, vermeidet jegliche Künstelei, Rhetorik und un- 
nöthige Gelehrsamkeit, haucht aber dennoch dem ganzen Lehr- 
gebäude ein neues Leben ein. Seine Lehren und Gebote gibt 
er ohne alle Schwärmerei, klar, präcis, autoritativ; er, der 
Sanfteste, Mildeste und Demüthigste, ist eindringlich, energisch, 
kräftig. Er, der Sohn Gottes, wird in dem verachtetsten Städt- 
chen im Elend geboren, und doch dienen ihm anderseits Engel 
und die ganze Welt : sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er, 
der Gottmensch, leidet schliesslich für seine Ueberzeugung den 
schmählichsten Tod. Kann es ein besseres Beispiel geben, wie 
wir leben sollen? 

Das Christenthum schuf eine neue sittliche Welt durch die 
Heiligung des Verhältnisses des Menschen zu Gott; die voll- 
kommene Selbstlosigkeit zum ethischen Grundprincip erhoben, 
schuf ein neues Lebensprincip, welches von jedem Gläubigen 
mitgelebt werden konnte. Das Christenthum war eine neue 
Realität, die den Christen in ethischer Hinsicht unendlich hoch 
über den Heiden stellte, einen unphilosophischen Christen besser 
als einen philosophischen Heiden machte.^) 



•) Wenn in unseren Tagen Renan auf Marc Aurel hinweist und 
die ethische Grösse dieses Philosophen, der an keine Unsterblichkeit glaubte, 



— 158 — 

So wurde das Chris tenth um die eigentliche Lehre für's Leben; 
das Evangelium lehrte das Leben und nicht den Tod lieben. 
Darum hat diese neue Botschaft die sterbende Heidenwelt errettet 
und erlöst; das Christenthum hat die krankhafte Selbstmord- 
neigung des antiken Polytheismus im Keime erstickt und die 
Menschen dem Leben wiedergegeben.^) 



hervorhebt, und ihn als die Ehre der menschlichen Natur preist, so erinnern 
die Christen an Folgendes. Als sein Weib starb, wollte er seiner Kinder 
willen keine zweite Ehe eingehen, sondern lehte mit einer Maitresse. Als er 
die Christen verfolgte, soll er die Unglücklichen verspottet haben. Könnte 
das ein halbwegs guter Christ thun? Die Inquisitoren, befangen in dem 
Wahne, dass nur ihre Form des Christenthums die einzig richtige sei, ver- 
hängten die Leiden über ihre Opfer mit zitternden Händen, gebrochener 
Stimme und Thränen in den Augen — sagt ein protestantischer Schrift- 
steller. V. Lecky's richtiges Urtheil 1. c. L, p. 231. 

*) Die Frage nach der Bekehrung der Römerwelt wird sowohl von den 
Theologen als auch von den Historikern mangelhaft behandelt. Erstere er- 
klären sie höchst bequem durch ein Wunder, letztere suchen sich dagegen, in 
Opposition gegen das Wunder, durch Aeusserlichkeiten (Vorbereitung durch 
die Antike und Aehnliches) zu helfen. Beides ist gleich verfehlt. Gewiss 
muss man den Zeitumständen Eechnung tragen, aber trotz aller natürlichen 
Entwickelung muss die persönliche Wirkung eines etliischen Genies, wie 
Christus eines war, gewürdigt werden. Männer, wie Paulus, Augustinus und 
Andere, waren mindestens ebenso gescheidt, wie die modernen Verächter der 
Beligion, und haben die neue Lehre gewiss nicht ohne reifliche Ueberlegung 
angenommen. — Manche Schriftsteller suchen die günstige Wirkung des 
Christenthums nicht so sehr in dem Ganzen der Lehre, als vielmehr in 
einzelnen Satzungen derselben. 

Lecky glaubt, die christlichen Theologen hätten dadurch, dass sie 
den Tod als Strafe der Sünde dargestellt hätten, die Selbstmordneigung 
hintangehalten. Gewiss hat diese Lehre mitgewirkt, aber sie wäre unwirksam 
geblieben, wenn die christliche Werthschätzung des Lebens und die harmo- 
nische Weltanschauung das Leben nicht erträglich gemacht hätte. 

Lecky meint ferner, dass die Priester durch die Einführung der Be- 
erdigung an Stelle der Verbrennung ein wirksames Mittel in ihrer Macht 
hatten, die Grässlichkeit des Todes durch die Concentrirung der Phantasie 
auf die Grässlichkeit der Verwesung den Gemüthern einzuprägen. Dagegen 
ist derselbe Einwand zu erheben und überdies war die Beerdigung auch im 
Alterthum nicht selten. 

Die Furcht vor der Strafe nach dem Tode ist es auch nicht, 
welche die Selbstmordneigung verdrängte. Die Unsterblichkeitslehre bietet 
für das Leben einen positiven Halt, eine Freude am Leben ; die mehr negative 
Wirkung als Furcht vor zukünftigen Strafen, die mit der ünsterblichkeits- 



— 159 — 

§. 6. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu zeigen, wie sich die 
Bekehrung allmählich vollzog ; wir haben nur ihre Folge für die 
Gesellschaft zu beachten. 

Wir wissen, dass anfönglich die einfache Verkündigung des 
Evangeliums der neuen Lehre Eingang verschaffte; nach und 
nach entstanden gut organisirte Kirchen, welche gerade durch 
diese ihre Organisation die Lehre erhielten und verbreiteten. 
Diese Organisation der Christengemeinde ist eine natürliche 
Folge des inneren Lebens, obwohl nicht jede Organisation gut 
ist und nach dem Sinne ihres Stifters ausfällt. 

Unter den vielen Kirchen der ersten Jahrhunderte bean- 
spruchten einige gewisse Vorrechte der Autorität, vor Allen waren 
es aber die Bischöfe von Eom, welche allmählich das grösste 
Ansehen gewannen, und neben ihnen einige Bischöfe im Orient, 
vornehmlich die zu Constantinopel. Sobald einmal das Christen- 
thum zur Staatsreligion gemacht wurde, verschmolz das geistige 
Princip mit dem weltlich politischen, und in dem Masse, als die 
römische Herrschaft an Macht verlor, gewann die Kirche an 
Macht und Ansehen. Die Kirche übernahm die römische und 
byzantinische Weltherrschaft, und es entstand im Westen der 
römische Papismus, im Osten der byzantinische Gäsaro- 
papismus; der alte Antagonismus des Westens und Ostens wurde 
auch in die Kirche eingeführt und Alt-Bom, welches in den 
Augen der Welt höher stand als Neu-Kom, gieng schliesslich aus 
dem Kampfe in jeder Beziehung als Sieger hervor. 

Die römische Hierarchie mit dem Papste an der Spitze 
bildete im Laufe weniger Jahrhunderte ein festgegliedertes Ganze, 



lehre nicht nothwendig verknüpft sein muss, war natürlich bei Vielen sehr 
wirksam und vermag auch den beabsichtigten Selbstmord abzuwenden , wie 
man es z. B. an den Indianern Amerika's sieht. Diese Armen übten den 
Selbstmord, um ihren weissen Peinigern zu entfliehen; als ihnen aber die 
Spanier einredeten, dass sie sich auch tödten werden, um im Himmel ihr 
Werk fortsetzen zu können, Hessen sie vor Furcht von derThat ab. Allein 
es handelt sich nicht so sehr um das Zähmen der schon vor- 
handenen Selbstmordneigung, als darum, eine solche Gemüths- 
verfassung im Menschen hervorzurufen, dass der Gedanke an 
den Selbstmord gar nicht aufkommt. Darum wirkte auch die Furcht 
vor dem Nichtbegrabenwerden und anderen Strafen, welche für die 
Selbstmörder festgesetzt wurden, wenig. 



— 160 — 

einen Organismus mit strammer Zucht und Ordnung, dessen 
furchtbarste Vollendung wu* an dem Jesuitenorden studieren 
können. Durch diese Organisation gelang es der Kirche, die Ge- 
müther zu fesseln und ganz nach ihrem Willen zu leiten. 

So bildete sich der mittelalterliche Autoritätsglaube 
aus, dieser in seiner Art einzige und bewunderungswürdige Ge- 
horsam, der mit der Zeit das ganze menschliche Denken und 
Wollen mit Beschlag nahm. Nicht nur auf kirchlichen, sondern 
auch auf politischen und allen anderen Gebieten wurde die 
Autorität massgebend; es entstand jener Geist der Bevor- 
mundung, den uns Buckle so treffend beschrieben hat und 
den wir noch immer bei den katholischen Völkern finden 
können. 

Der Einfluss der mittelalterlichen Kirche war für die 
Menschheit von grossem Nutzen. Die Gemüther wurden für 
lange Zeit vollkommen befriedigt, die Menschen fühlten sich 
glücklich ; denn die Eeligion durchgeistigte alle Verhältnisse des 
Lebens, gewöhnte die Massen an eine geistige Führung und bot 
in ihrer einheitlichen Weltanschauung einen festen Halt in den 
traurigen Wechselfällen des mittelalterlichen Lebens. Denn es 
muss besonders betont werden, dass das Leben damals im Ver- 
gleiche zu den Fortschritten unseres Jahrhunderts in jeder 
Beziehung sehr schwer war; trotzdem gelang es dem Katholi- 
cismus, die Sitten und die ganze Lebensanschauung der Men- 
schen derart zu bilden, dass die krankhafte Selbstmordneigung 
gar nicht entstehen konnte. Der Katholicismus macht seine 
Anhänger geduldig und gehorsam, er verleiht den Menschen 
etwas eigenthümlich Sanftes und Mildes und bietet in seinen 
Lehren und zahlreichen Formeln und Ceremonien so viel Trost 
und Hoffnung, dass er den Pessimismus nicht aufkommen lässt. 

Vielleicht könnte Jemand einwenden wollen, dass der 
Katholicismus im Mittelalter meistens bei jungen und 
kräftigen Völkern Eingang fand, dass also, dem Vorigen 
gemäss, nicht der Glaube, sondern der kindliche Naturzustand 
diese günstige Wirkung hervorbrachte. Dagegen muss erinnert 
werden, dass bis auf den heutigen Tag die katholischen Völker 
im Allgemeinen eine geringere Selbstmordneigung aufweisen als 
die protestantischen, dass also diese günstige Wirkung des 



— 161 — 

Katholicismus noch immer zu finden ist. Aber davon ganz ab- 
gesehen, hat die katholische Kirche, als sie das abendländische 
Eömerreich eroberte, zuerst, die gebildeten Eömer selbst befrie- 
digt. Die bekehrten Naturvölker wurden von der Kirche in 
kurzer Zeit auf eine hohe Stufe der Bildung gebracht, und 
die günstige Wii'kung blieb trotzdem nicht aus, so dass wir 
mit allem Eecht mit Comte behaupten dürfen, der Katholicis- 
mus sei der Entstehung und Verbreitung der krankhaften Selbst- 
mordneigung sehr ungünstig.^) 

Selbstverständlich hört die günstige Wirkung des Katholi- 
cismus überall da auf, wo er seine Macht über die Gemüther 
verloren hat und verliert, wie z.B. in Frankreich und est er- 
reich, in 'welchen Ländern die Selbstmordneigung sehr hoch ist. 

Die griechische Kirche ist im Princip mit der römischen 
identisch, nur ist in ihr das Autoritätsprincip zu einer Art 
geistiger Sklaverei gediehen. Die orientalische Kirche ist stumm, 
furchtbar stumm; keine Predigt, keine Erklärung der heiligen 
Schrift gibt es in ihr, nur ein stummes Hinbrüten, ein Verloren- 
sein in religiöse Gefühle. In Allem kommt es auf Stabilität an. 



^) Comte, Philosophie positive, V., p. 308. — Einige Schriftsteller 
haben es versucht, die günstige Wirkung des Katholicismus auf einige specielle 
Lehren und Institutionen der katholischen Kirche zurückzufuhren. Osiander 
glaubt, der Selbstmörder könne der letzten Oelung nicht theilhaftig werden, 
darum übe der gläubige Katholik den Selbstmord selten ; der Protestant finde 
aber im Glauben die Vergebung aller Sünden, also auch der letzten Sünde, 
und daher begünstige er den Selbstmord. Arnold (Beobachtungen über die 
Natur, Art, Ursachen und Verhütungen des Wahnsinns und der Tollheit, 
1784, p. 23) sucht in dem Ablass die richtige Erklärung zu finden; die 
Vergebung der Sünden sei durch den Ablass leicht zu finden, daher neige 
der Katholik weniger zum Wahnsinn und zur Melancholie. Tissot hält die 
Klöster, Brierre de Boismont die Klöster und die Beichte, Wag- 
ner die Beichte für besonders günstig, u. s. f. Alle diese Ansichten sind 
richtig, weil die angeführten Lehren und Institutionen zum grossen Theile 
den Katholicismus ausmachen ; aber sie sind es nicht allein, welche die 
günstige Wirkung hervorbringen, sondern das Ganze des Katholicismus, das, 
was wir mit Buckle den Geist der Bevormundung genannt haben. Denn 
um zu erklären, warum der Katholicismus die krankhafte Selbstmordneigung 
nicht fördert, muss man das Ganze und nicht einzelne Theile im Auge 
behalten. Ueber die geistige Macht des Katholicismus cf. Channing, 
Letter on Catholicism. 

Masaryk. Der Selbstmord. 11 



— 162 — 

es darf keinen Fortschritt geben; darum muss selbst die Kunst 
die althergebrachten Begeln und Normen befolgen. 

Es ist natürlich, dass eine solche Religion die Gemüther, 
die sie beherrscht, ganz befriedigen muss. Die gläubigen Massen 
befinden sich in totaler Seelenruhe, der Ruhe des geistigen Todes ; 
es gibt daher keine Unzufriedenheit, keinen Pessimismus, keinen 
Selbstmord. Aber das Erwachen aus diesem Schlafe ist furcht- 
bar, zumal wenn der Schläfer gewaltsam geweckt wird ; der Ge- 
weckte hat dann Nichts, woran er sich klammern sollte — der 
Nihilismus in Russland, i) 

§. 7. Die einheitliche Weltanschauung des Mittelalters 
spendete, so lange sie die Menschen erfüllte, Ruhe und Zu- 
friedenheit, es gab keine Selbstmordneigung. Die n&enschliche 
Gesellschaft war, der einheitlichen Weltanschauung gemäss, ein- 
heitlich geordnet, jeder Einzelne hatte in dem gi'ossartigen 
Systeme seinen bestimmten Platz. Allein diese Ordnung und 
Systematisation der mittelalterlichen Gesellschaft war zum grossen 
Theile nur äusserlich, autoritativ. Eine einheitliche, im Leben 
des Einzelnen und der Gesellschaft consequent durchgeführte 
Weltanschauung kann nämlich auf doppelte Weise entstanden 
sein. Einmal durch irgend eine Autorität, mehr oder weniger 
äusserlich: Papst, Unfehlbarkeit eines Einzigen; es kann aber 
die einheitliche Weltanschauung auch von Innen heraus entstehen, 
als organischer Process der freien Ueberzeugung und Sicherheit 
Aller: Protestantismus, freie Forschung (in der Bibel), Unfehl- 
barkeit Aller. Eine einheitliche Weltanschauung kann mehr oder 
weniger falsch sein; aber wie es nur eine Wahrheit gibt, so kann 
es nur eine mit Recht consequent durchgeführte Weltanschauung 
geben. Der Katholicismus, mit dem unfehlbaren Papste an der 
Spitze, ordnete die Gesellschaft in diesem Sinne und gewiss in der 
besten Absicht. Aber eine dauernde und wahrhafte Einheit und 
Einigung kann schliesslich doch nur auf dem anderen bezeichneten 
Wege zu Stande kommen. Die Menschheit strebt offenbar dar- 
nach, ohne äussere Autorität zu einer spontanen, freiwilligen und 
bewussten Einigung zu gelangen; dabei mag im Einzelnen auch 



1) Die näheren Ausführungen v. Cap. V, 2, §. 18. 



— 163 — 

die äussere Autorität noch immer mithelfen, im Grunde wollen 
wir nur durch Freiheit zur Einigung gelangen. 

Von diesen Methoden der gesellschaftlichen Leitung gehört 
die erstere dem Katholicismus, die letztere dem Protestantismus 
an; jene ist leichter, diese ist schwerer: daher die Kraft des 
geeinigten Katholicismus und seine TJeberlegenheit gegenüber dem 
zersplitterten Protestantismus. 

Der Protestantismus entwickelte sich naturgemäss aus dem 
Katholicismus. Eigentlich gab es neben dem Katholicismus 
immer den Protestantismus; aber erst durch die Keformation 
wurde der Protestantismus neben dem Katholicismus ein allgemein 
anerkanntes und von Vielen angenommenes Princip. 

Der menschliche Geist musste im Laufe der Zeiten nothwendig 
zu der protestantischen, weil einzig richtigen Methode gelangen. 
So durchbrachen denn die Wissenschaften den von der Kirche 
angewiesenen Kreis und bauten auf dem von den Griechen und 
Römern überkommenen Gebäude weiter fort. Gerade die katho- 
lische Kirche musste zum Humanismus führen, denn sie hatte 
die lateinische Sprache und ihre Schätze aufbewahrt und zu 
ihrem Vei'ständniss den Sinn vorbereitet. Aber der Humanismus 
war seiner Natur nach heidnisch und zum grossen Theile ein 
natürlicher Gegner der Kirche und des Christenthums ; zum 
Glück war er damals in dem ersten plötzlichen Erwachen auf 
nur Wenige beschränkt. Der Fall Constantinopels (1453) gab 
ihm zwar neue Nahrung, aber da die griechische Sprache im 
Abendland erst erlernt werden musste, war die Wirkung der 
griechischen Literatur auf die grosse Masse damals nur gering; 
erst wir fühlen sie recht eigentlich. 

Die Fortschritte der Wissenschaften, die Entdeckungen in 
fremden Welttheilen und die neue humanistische Richtung wurden 
durch die Entdeckung der Buchdruckerkunst mächtig gefordert, 
so dass die neue Denkweise trotz der vielen und hartnäckigen 
dahin zielenden Versuche nicht mehr unterdrückt werden konnte. 

Mit dieser intellectuellen Bewegung gieng parallel die Be- 
wegung auf religiös-ethischem Gebiete; sie war die eigentliche 
treibende Kraft der Zeit. Die Organisation der mittelalterlichen 
Kirche hatte mit der Zeit zu einer äusserlichen Werkthätigkeit 
geführt, und so entstand denn naturgemäss ein allgemeines 

11* 



— 164 — 

Streben nach einer kirchlichen Reformation. Hie und da 
wurden grossai'tige Versuche gemacht, wie z. B. in Böhmen; 
aber im Ganzen war die Fülle der Zeit noch nicht gekommen, 
erst das 16. Jahrhundert war dem Geiste eines Reformators wie 
Luther congenial. . 

Das Papstthum hat seit dem 14. Jahrhundert seine Macht 
Schritt für Schritt aufgeben müssen. Bonifacius VIII. (1294 
bis 1303) büsste der Erste seine Autorität fast ganz ein; bald 
nachher zeigte die Gefangenschaft in Avignon die Ohnmacht des 
Papstthums, und schliesslich vollendete die Reformation das grosse 
Werk der geistigen Befreiung. Die Ohnmacht des Papstthums 
bedeutet aber Ohnmacht des Katholicismus. 

§. 8. Die Methode des Protestantismus haben wir schon 
gekennzeichnet; wir müssen nun sein Wesen und seine Be- 
deutung für das religiöse Leben der Menschheit zu 
erkennen suchen. 

Man sagt uns oft, der Protestantismus sei gleichbedeutend 
mit Gewissensfreiheit, Toleranz und Aehnlichem ; das ist nur in 
beschränktem Masse richtig, wenn nämlich der wahre Protestan- 
tismus gemeint ist. Aber von den thatsächlich bestehenden 
protestantischen Kirchen waren und sind viele ohne Gewissens- 
freiheit und intolerant, gerade so, wie es der Katholicismus an 
verschiedenen Orten und in gewissen Zeiten ist und war. Der 
wahre und eigentliche Protestantismus, als historisches Princip 
gegenüber dem historischen Princip des Katholicismus, geht auf 
religiös-ethischen Individualismus aus. Die Bibel — Christus — 
und nicht ein Papst ist der unfehlbare Leiter der Christen ; von 
diesem Standpunkte aus kann der wahre Christ nur evangelisch 
sein. Damit ist aber das Princip der freien Forschung von selbst 
gegeben. Mit diesem Princip ist ferner auch der Fortschritt, 
die Möglichkeit der Vervollkommnung anerkannt; denn wir 
Menschen können die Wahrheit nicht auf einmal, sondern nur 
im Laufe der Zeiten erkennen. Das evangelische Christenthum 
kennt keine Priester, hat daher keine Hierarchie; sein einiges 
Haupt, sein einziger Führer ist Christus ; die evangelische Kirche 
ist an keine äusserliche Abgrenzung gebunden. Nicht Formeln 
und Ceremonien machen den Menschen zum Christen, sondern 
das christliche Leben, der christliche Geist. Der Protestantismus, 



— 165 — 

so gefasst und realisirt, entwickelt den Charakter jedes Einzelnen, 
indem er den Mensehen in jeder Hinsicht selbstständig macht; 
er gibt Jedem die wahre Freiheit, macht Jeden unabhängig und 
verbindet doch Alle zu einem schönen Ganzen. Dieses Ideal ist 
gegenwärtig in den zahlreichen mannigfachen protestantischen 
Secten nur annähernd erreicht worden. Die Freiheit der Forschung 
führt leicht zu religiösen Zweifeln; der unfertige Charakter ent- 
behrt die kräftige geistige Führung der Kirche, der Unglückliche 
findet schwerer Trost, weil er der menschlich-priesterlichen Mittler- 
schaft entrathen muss. Auch gibt es für ihn keine Formeln 
und Ceremonien, an welche er in Ermangelung eines wahrhaften 
religiösen Gefühles sich klammern könnte. Die Selbstständigkeit 
des Charakters wird nicht selten auf Kosten der Nächstenliebe 
errungen ; darum weisen Protestanten bei ihrer grösseren Energie 
nicht selten eine gewisse Härte auf, die auch dann herztödtend 
ist, wenn sie als ethischer Eigorismus auftritt. 

Der gläubige Protestant ist als evangelischer Christ voll- 
kommen glücklich und mit seinem Leben zufrieden ; der falsche, 
unfertige Protestant dagegen ist nicht glücklich: sich selbst und 
seinen Zweifeln überlassen, ohne ethischen Führer, ohne allen 
kirchlichen Zwang, vermag er für seine Seele die gewünschte 
Kühe nicht zu finden. Daher kommt es, dass der bestehende 
Protestantismus, mit dem bestehenden Katholicismus verglichen, 
für die Entstehung und Verbreitung der krankhaften Selbstmord- 
neigung günstiger ist als dieser. Darum weisen manche prote- 
stantische Länder, Dänemark, Sachsen und Norddeutsch- 
land eine so grosse Selbstmordfrequenz auf. Freilich verhalten 
sich nicht alle protestantischen Länder auf gleiche Weise ; Eng- 
land und Amerika weisen eine geringere Frequenz auf, eine ge- 
ringere als das katholische Frankreich und Oesterreich. Weder 
ein guter Katholik, noch ein guter Protestant wird an seinem 
Leben verzweifeln ; nur der schlechte Katholik, nur der schlechte 
Protestant ; aber eher verzweifelt der schlechte Protestant als der 
schlechte Katholik, weil er seiner Haltlosigkeit eher inne wird.^) 

§. 9. Seit dem 16. Jahrhundert kämpft nicht nur der 
Katholicismus mit dem Protestantismus, sondern überhaupt der 



') Weitere Ausführungen v. Cap. V, 2, §. 8. 



— 166 — 

Glaube mit dem Unglauben, und es ist dieser Kampf, welcher 
der modernen Entwickelung des menschlichen Geistes 
sein Gepräge aufdrückt. Denn „das eigentliche, einzige und 
tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen 
untergeordnet sind, bleibt der Conflict des Unglaubens und 
Glaubens."!) 

Die Eeformation hat das religiöse Leben allgemein gebes- 
sert: nicht nur die Protestanten, sondern auch die Katholiken 
haben durch die Eeformation gewonnen, denn beide Parteien 
suchten sich nicht nur zu bekämpfen, sondern auch zu über- 
bieten. Trotzdem mehrte sich aber in allen Ländern der Un- 
glaube immer mehr und mit ihm wurde der Selbstmord immer 
häufiger. Die erste Zeit nach der Eeformation war die allgemeine 
Aufmerksamkeit auf die religiösen Kämpfe gerichtet, und zumal 
in den religiösen Kriegen konnte sich die Selbstmordneigung 
nicht entwickeln. Es kamen wohl einige Fälle vor, besonders 
unter den Humanisten, welche wie in jeder, so auch in dieser 
Hinsicht ihren heidnischen Vorbildern nacheiferten. 2) Erst seit 
der Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Selbstmord- 
neigung zu einer socialen Krankheit, um in unseren Tagen die 
bisherige grösste Intensität zu erreichen. 3) 

Seit der Eenaissance mehrt sich in allen christlichen Län- 
dern der Unglaube, der Skepticismus und religiöse Indiflferentis- 
mus ; die positive Volksreligion — das Christenthum — verliert 
von Tag zu Tag den wohlthätigen Einfluss, den es ehedem aus- 
übte. Tausende und Tausende können mit Strauss fragen: 
Sind wir noch Christen? und antworten: Nein! Haben wir noch 
Eeligion? Ja — und Nein! 



1) Goethe. 

2) Lecky, Sittengesch. Europas, 11., p. 43. 

3) Es ist natürlich nicht zufällig, dass die Frage nach der Zulässig- 
keit des Selbstmordes seit der Renaissance sehr häufig behandelt wird. Es 
waren nicht nur die Ansichten der Alten, aus welchen die Philosophen un- 
christliche Ideen schöpften und speciell auch zu dieser Erörterung gedrängt 
wurden, sondern das öftere Vorkommen des Selbstmordes drängte die Frage 
von selbst auf. Eine kurze geschichtliche Darstellung der neueren Ansichten 
über den Selbstmord und eine Angabe der Quellen gibt Lecky an der eben 
angeführten Stelle. 



— 167 — 

Diese „wir" sind aber in erster Linie die Gebildeten, und die- 
jenigen, die sich, mit Kecht oder Unrecht, zu ihnen zählen; das 
(Land-) Volk ist noch immer positiv gläubig, obwohl auch ihm die 
Gebildeten, deren Führung es anvertraut ist, mehr als gut ist, als 
Muster dienen. Unsere Zeit wünscht zu glauben, und unter- 
scheidet daher mit Strauss die positive Religion von der Keligion 
überhaupt ; an der positiven missfällt ihr aber Alles das, was sie 
mit ihren Ansichten nicht in Einklang bringen kann. Guizot 
charakterisirt dieses Streben unserer Tage als Negation des 
Uebernatürlichen in den Geschicken der Menschheit und des 
Weltalls, als Abschaffung des übernatürlichen Elements in der 
christlichen wie in jeder Religion überhaupt.^) Und fügen wir 
noch hinzu: die Gebildeten thun es gerne und mit einer Be- 
geisterung, die dem religiösen Fanatismus des Mittelalters nicht 
nachsteht. 2) 

Die verschiedenen kirchlichen Secten, angeregt und 
herausgefordert durch die Negation, die ihnen von Seiten der 
Wissenschaft zu Theil wird, entfalten jetzt eine grosse Rührig- 
keit. Aber ihr Streben geht selten auf Versöhnung, sondern auf 
Unterdrückung des Gedankens aus, gerade wie die Wissenschaft 
auf keine wahrhafte Versöhnung hinarbeitet. Der entschiedenste, 
aber auch unvernünftigste Protest gegen menschliches Wissen 
gieng von Rom aus, indem sich der Papst allen Ernstes für un- 
fehlbar erklärte — so führte einst Augustus den Imperatoren- 
cultus ein, als das religiöse Bewusstsein der Römer geschwun- 
den war. 

Die Wissenschaft beherrscht jetzt thatsächlich den Kopf 
der Massen, wie man es an dem Einfluss der Presse am besten 
sehen kann. Das im grossen Stil betriebene Popularisiren der 
Wissenschaften und die entsprechende Lesegier des Publicums 



') L'eglise et la societe chretienne en 1861, p. 13. 

2) Ein solcher „atheistischer" Fanatismus findet sich z. B. bei Du 
Bois-Reymond: „Der unverrückbaren Grenzen kundig, die dem mensch- 
lichen Verstände nun einmal gesteckt sind, verlangt er nicht darüber hinaus. 
Schwindelfrei auf dieser Höhe des Pyrrhonismus, verschmäht er, die 
Leere, die um ihn gähnt, mit Gebilden seiner Phantasie auszufüllen, und 
blickt furchtlos in das unbarmherzige Getriebe der entgötterten 
Natur u. s. w." (Dai-win versus Galiani, p. 29.) 



— 168 — 

beweisen, dass ein Bedürfniss vorhanden ist, das die Eeligion 
und Kirche nicht mehr zu stillen vermögen. Aber die Wissen- 
schaft vermag nur den Kopf zu befriedigen, sie genügt für's 
Leben und Sterben nicht ; darum befriedigt sie nur zur Hälfte, 
sie bietet keinen moralischen Halt, vermag die Massen nicht zu 
leiten. 

Den Verstand überlassen wir der Wissenschaft, das Gemüth 
der Religion und Kirche, an die wir nicht mehr glauben und 
der wir nicht mehr vertrauen — das ist der einzige, aber unge- 
heuere Fehler unserer Civilisation. In allen unseren Schulen, 
kleinen und grossen, wird nur der Verstand ausgebil- 
det; um die ethische Führung kümmert sich die Schule nicht, 
die überlässt sie der positiven Religion. So wird denn die mo- 
derne Gesellschaft von zwei geistigen Gewalten, der Wissenschaft 
und der Religion, geleitet; aber da diese Gewalten mit einander 
im Kampfe sind, ist die Leitung beider ungenügend und ver- 
derblich. Es können sich in Ermangelung einer einheitlichen 
Weltanschauung keine vollendeten Charaktere bilden, nur ein 
intellectuelles und moralisches Chaos. Jeder Krieg schadet dem 
Sieger sowohl als dem Besiegten, und der Culturkampf macht 
von dieser Regel keine Ausnahme.*) 

In einer solchen Zeit der geistigen Anarchie kann es keine 
allgemein verbreitete gi'ündliche Bildung geben, nur eine Halb- 
bildung, eine Halbcultur; und so ist denn das charakteristi- 
sche Kennzeichen unserer Civilisation jene eigenthümliche Halb- 
heit mit allen ihren schrecklichen Folgen für Kopf und Herz 
derer, welche sich nicht zur Einheit und Harmonie emporarbeiten 
können. Thoren und gescheidte Leute, sagt Goethe, sind gleich 
unschädlich, nur die Halb thoren und Halb weisen, das sind die 
Gefährlichen. 2) 

Bei dem grossen Umfange und dem Fortschritte der Wissen- 
schaften ist aber die intellectuelle und moralische Halbheit um 



1) Lehrreich ist in dieser Hinsicht das Buch von J. B. v. Schweizer, 
Zeitgeist und Christenthum, 1861. 

2) Trefflich charakterisirt die Nationalzeitung die Schäden der Gegen- 
wart mit den Worten: „Die Bildung der oberen Zehntausend ist 
wieder einmal in die Tiefe hinabgesickert. Das ist Alles." 
9. Juni 1878. 



— 169 — 

so grösser; denn man bilde sich ja nicht ein, man könne sich 
ein gründliches Wissen mit Leichtigkeit oder gar spielend — so 
nebenbei — erwerben : Wissen wird schwer errungen und verdaut. 
„Die Gefahren der Halbbildung, des oberflächlichen Nippens an 
Allem und Jedem und der gänzlichen Vernachlässigung eines 
gi'ündlicheren und tieferen Studiums der allgemeinen Wissen- 
schaften sind um so grösser, einen je weiteren Umfang heutzu- 
tage das Feld der Wissenschaften gewonnen, je grössere und 
umfassendere Anforderungen an jeden wahrhaft Gebildeten er- 
gehen, und je leichter über dem Haschen .nach Allem zuletzt 

Nichts errungen wird Am meisten tritt der moralische 

Einfluss dieser intellectuellen Verflachung und Verdumpfung da 
hervor, wo dieselbe im schlimmsten Falle bis zu einer gänzlichen 
Verachtung alles Wissens und jeder höheren Lebensrichtung sich 
steigert, mit welcher sodann aber auch fast immer nur das 
wildeste, zügelloseste Leben, die vollständige Entsittlichung Hand 
in Hand geht." 1) 

Darum macht sich neben dem ertödtenden Indififerentis- 
mus der nagende Skepticismus und ekliche Cynismus breit; die 



1) H. Beckers, lieber das Bedürfniss einer zeitgemässen Regelung 
der allgemeinen Studien an Deutschlands Hochschulen, 1862. 

Es wird jetzt Jeder leicht einsehen, warum gerade da, wo, wie z. B. 
in Deutschland — cf. p. 68 — die Schulbildung sehr gut ist, die Ge- 
fahren der Halbbildung sehr gross sind. In England und Amerika lernen 
die Menschen nicht nur in der Schule, sondern auf der Eisenbahn, den Rei- 
sen, kurz durch's praktische Leben, während in Deutschland und ebenso bei 
uns in Oesterreich das Leben wenig bietet. Man sehe sich nur unsere ab- 
solvirten Hochschüler an. Am Gymnasium lernt er Mathematik, Griechisch 
und Latein, die Literatui* seines Volkes und etwas Naturwissenschaft; an der 
Universität liegt er seinem Fachstudium ob, macht seine Prüfung aus Philo- 
logie, Jurisprudenz oder sonst einem Fache und tritt nun in's Leben — 
bringt aber für's Leben nichts, gar nichts mit! Im „Leben" soll er vor 
AUem ein Charakter sein — dazu wurde er nicht gemacht; er soU Staats- 
bürger sein — er weiss von Politik nichts, nur das, was ihm die Zeitungen 
vorkauen; er wird Ehemann und Vater — er weiss aber nichts von Er- 
ziehung, was Gattenpfiichten sind, was das Familienleben erheischt es 

ist zu traurig, als dass ich das düstere Bild noch weiter ausmalen würde, 
und überlasse es denjenigen, die über die Erziehung unserer Völker wachen, 
über den Gegenstand nachzudenken. Noch so gut geregelte Schulen, in denen 
man überdies mehr auf die Disciplin der Lehrer als Schüler achtet, taugen 



~ 170 — 

Menschen sind unzufrieden und unglücklich und immer lauter 
und drohender erheben sich die Stimmen, welche selbst vor einer 
gewaltsamen Reorganisirung der Gesellschaft nicht zurück- 
schrecken. 

Schon Baco hat gesagt, dass halbes Wissen von (jott ab- 
wende, während wahre und gründliche Wissenschaft den Menschen 
zur Eeligion zurückbringe.*) In dem Masse nun, als die Halb- 
heit um sich greift, macht sie sich als Atheismus, oder besser 
gesagt, als Irreligiosität bemerkbar. Wahre Atheisten findet man 
selten; aber man findet nicht selten Zweifler und überhaupt 
Menschen, welche das Alte weggeworfen haben, ohne es durch 
etwas Neues zu ersetzen. Die Irreligiosität führt aber bei den 
meisten Menschen, wenn nicht .bei allen, zur Unzufriedenheit. 
Wie die Dinge einmal sind, und sie sind nicht anders, braucht 
der Mensch im Leben und Sterben ausser dem Wissen noch 
einen moralischen Halt, und den kann ihm eigentlich doch nur 
die Eeligion bieten. Verliert er diese, wird sie ihm gewissenlos 
geraubt, so schwindet mit ihr die Seelenruhe.*^) „Wenn der 
Glaube aus der Seele verschwindet, welcher sie zu Gott erhob 
und mit ihm verband, dann geht etwas Entsetzliches in ihr vor. 



nichts, wenn sie den praktischen Anforderungen des Lebens nicht genügen, 
und unsere Schulen entsprechen diesen Anforderungen' absolut nicht. 

Geradezu schreiend ist aber das Missverhältniss zwischen un- 
serer intellectuellen und moralischen Ausbildung. Menschen, 
die zwanzig Jahre in die Schule gehen, lernen und lernen immer wieder, 
aber um ihr Gemüth und um ihren Willen kümmert sich Niemand. (Man 
wird mir doch nicht einwenden wollen, dass der Gymnasiast wöchentlich 
zweimal Religion hat? Gesetzt, dieser Religionsunterricht wäre so gut, wie 
er es nicht ist, so ist er eben Unterricht, während der Wille eine Er- 
ziehung braucht. Und wer sagt unseren Universitätshörern etwas 
Ethisches?) Das ist eben die Halbheit, von der gesprochen wird. 

1) Certissimum itaque atque experientia comprobatur: Leves gustus in 
philosophia movere fortassis ad atheismum, sed pleniores haustus ad reli- 
gionem reducere. De augm. scient. I., col. 5. 

2) Von der unvollkommenen Gemüthsruhe der Stoiker sprechend, sagt 
Beneke: „ ... die Schicksale und die UnvoUkommenheiten anderer Menschen 
mit wohlwollender Empfänglichkeit vorstellen und mitempfinden, das un- 
endliche Elend, unter dessen Last in jedem Augenblicke Millionen seufzen 
und umkommen, und die unendlich viele Thorheit, Genusssucht, Hass und 
Bosheit, durch welche das göttliche Ebenbild im Menschen verunstaltet 



— 171 — 

Die Seele, von ihrer eigenen Schwere gewissermassen in die 
Tiefe gezogen, sinkt und sinkt, und sinkt immerfort ohne Auf- 
hören, ohne Unterlass ; und zieht mit sich hinab in den Fall ihre 
Intelligenz, die nun losgerissen ist von ihrem Ursprung, und sie 
hängt sich nun an Alles, was ihr auf ihrem Weg in die Tiefe 
begegnet, jetzt in schmerzlicher Unruhe, jetzt wieder mit einer 
Lust, ähnlich dem Gelächter des Wahnsinnigen. Gequält immer- 
fort von einem unstillbaren Drange und Durst nach Leben, 
hascht sie bald nach der Materie, die sie vergebens zu beleben, 
vergebens zu vergeistigen und zu vergöttern sucht, bald verfolgt 
sie leere Abstractionen, die flüchtigen, gestaltlosen Schatten ihrer 

Phantasie Alle höheren Anlagen und Kräfte erlahmen und 

liegen wie in einem tiefen Schlafe; alle jene geheimnissvollen 
Mächte in der Seele, die in uns und um uns her ein Eeich der 
Sitte, eine geistige Weltordnung schaffen, die das Wesen des 
inneren wahren Menschen bilden, sterben nach und nach, und 
er fühlt mit einem Schmerze, der sein Innerstes zerreisst, dieses 
allmähliche Sterben seines besseren Selbst. Seine Seele hungert, 
er hat keine Nahrung für sie; was soll er beginnen? Er 
tödtet seine Seele, um nicht mehr zu hungern, nicht mehr diese 
innere Qual zu empfinden losgerissen von seinem Mittel- 
punkt wird er wie ein leckes Schiff ohne Steuer und Euder hin 
und her geschleudert auf dem trostlosen Ocean dieses Alls."*) 



wird: . . . auf diesem Standpunkte der Betrachtung also zeigt sich die Reli- 
gion als das einzige Mittel, sich vor trüher Verzweiflung oder vor gespann- 
ter Erbitterung zu bewahren, hildet sie die nothwendige Ergänzung, oder 
vielmehr die nothwendige Spitze und Vollendung der moralischen Welt- 
ansicht." Grundlinien der Sittenlehre, II, p. 391. Lichtenherg sagt: „Eine 
der schwersten Künste für den Menschen ist wohl die, sich Muth zu geben. 
Diejenigen, denen er fehlt, finden ihn am ersten unter dem mächtigen Schutz 
Eines, der ihn besitzt, und der uns dann helfen kann, wenn Alles fehlt. Da 
es nun so viele Leiden in der Welt gibt, denen mit Muth entgegenzugehen, 
kein menschliches Wesen einem Schwachen Kraft genug geben kann, so ist 
die Religion vortrefflich. Sie ist eigentlich die Kunst, sich durch den Ge- 
danken an Gott, ohne andere weitere Mittel, Trost und Muth im Leiden zu 
verschaffen, und Kraft, demselben entgegenzuarbeiten." 

^) Lamennais, Discussions critiques et pensees diverses sur lareligion 
et la Philosophie. Cf. das aufrichtige Geständniss Zöllner's in dessen Ab- 
handlungen, III., p. 36 squ. 



^ 172 — 

Derart erklärt sich uns also die sociale Massenerscheinung 
des Selbstmordes als traurige Folge der einreissenden Irreligiosität 
der Massen. 

Es gibt heutzutage zwei grosse Classen von Menschen: 
Gläubige und Ungläubige, Christen und Nichtmehr- 
christen. Die Gläubigen haben einen moralischen Halt, sind 
glücklich, zufrieden und mit dem Leben ausgesöhnt; von den 
Ungläubigen aber sind nur wenige, sehi* wenige, wahrhaft glück- 
lich und zufrieden, weil nur wenige einen Halt im Leben finden, 
der sich annähernd mit dem der positiven Religionen vergleichen 
liesse. Diesen Wenigen genügt die „sittliche Anarchie"; die 
Mehrzahl geht in der intellectuellen und moralischen Anarchie 
zu Grunde. 

Dieser intellectuellen und moralischen Anarchie ist einer- 
seits unsere grosse nervöse Aufregung und die fortwährend 
wachsende Zahl der Geisteskranken zuzuschreiben, anderer- 
seits bildet sich durch sie jene pessimistische Weltan- 
schauung aus, welche nicht nur in der modernen Poesie 
und Philosophie ihren beredten Ausdruck findet, sondern die 
Tausenden und Tausenden das Leben thatsächlich unerträg- 
lich macht. Wenn man die grosse Zahl der pessimistisch ge- 
stimmten Dichter der Neuzeit überblickt — Young, Byron, 
Shelley, Poe, Grabbe, Hölderlin, Heine, Kleist (selbst 
ein Goethe spielte mit dem Selbstmord), Lenau, Sönancour, 
Musset, Foscolo, Leopardi, Carducci, Giusti, Slowacki, 
Lermontow, Puschkin, Gogol — und mit Schopenhauer's 
pessimistischer Philosophie zusammenhält, so erhält man eine directe 
Bestätigung dessen, was uns die Daten der Statistik so furcht- 
bar trocken sagen: wir sind lebensmüde, wir haben keine rechte 
Lebensfreudigkeit: zu den massenhaften Selbstmorden singen 
unsere Dichter die Todtenklagen, die Grabrede hält der Frank- 
furter Weise. 

§. 10. Es erübrigt noch, das Resultat der bisherigen Unter- 
suchung zusammenzufassen und die sociale Massenerscheinung 
des Selbstmordes mit möglichster Präcision auf ein allgemeines 
Princip zurückzuführen. 

Darwin betrachtet den Selbstmord als Züchtungsmittel; 
die Geisteskranken und Melancholischen werden im Kampfe um's 



— 173 — 

Dasein dahingerafft. Diese Erklärung genügt aber für eine 
historische Erscheinung nicht, denn es handelt sich darum, zu 
zeigen, wie und warum gegenwärtig so Viele geisteskrank werden 
und den Selbstmord begehen ; der Kampf um's Dasein — ange- 
nommeUy er sei ein sociales Princip — erklärt das nicht, da er 
überhaupt nichts erklärt. Aus demselben Grunde ist auch Mor- 
selli's Verallgemeinerung') keine Erklärung. Dieser Forscher 
meint nämlich im Anschluss an Darwin, dass der Selbstmord 
die Wirkung des Kampfes um's Dasein und der menschlichen 
Zuchtwahl sei, welche vor sich gehe nach dem Gesetze der Ent- 
wickelung der civilisirten Völker. 

Anders, aber auch unrichtig, verallgemeinert Wagner 2): 
Nicht die Irreligiosität sei der letzte Grund der traurigen Er- 
scheinung, sondern dieser und alle übrigen Gründe seien Func- 
tionen einer gewissen angeborenen natürlich-geistigen Beschaffen- 
heit. Diese letztere werde vielleicht auf Verschiedenheiten des 
materiellen Substrats der menschlichen Geistesthätigkeit , auf, 
wenn auch äusserlich noch so geringfügige, doch für die geisti- 
gen Processe wesentliche Verschiedenheiten der Hirnbildung und 
Hirnsubstanz zurückzuführen sein. Wagner hat Recht, dass die 
letzten äusserlich nachweisbaren Processe physische Processe des 
Hirns sind; aber wie entstehen diese Veränderungen? Warum 
entstehen sie bei gewissen Individuen und zu gewissen Zeiten 
eher als zu anderen? Es sind geistige Processe, die im Gesell- 
schaftsleben fortwährend vor sich gehen und die häufig auf einem 
pathologischen und physiologischen Umwege wirken, wie denn 
auch die Geisteskrankheit in den meisten Fällen auf die Weise 
zu Stande kommt, dass gewisse psychische Processe im Laufe 
der Zeit Veränderungen im Organismus hervorbringen, die vom 
Arzte, aber nicht vom Sociologen als die letzten Ursachen des 
Uebels angesehen werden dürfen. Die Selbstmordneigung tritt als 
ein historisches Phänomen auf und muss daher als solches auf 
einen geistigen Process zurückgeführt werden. Wagner selbst 
thut es, indem er im Anschlüsse an Lisle der Ansicht ist, dass 
der Selbstmord dort nicht vorkomme, wo die religiösen Ideen 



p. 478. 

2) p. 188, 189. 



- 174 — 

noch innere Glanbenssache für die Masse ihrer Bekenner sei, 
und wo die moderne Neigung zur Gleichgiltigkeit und die voll- 
ständige Emancipation des Gedankens noch wenig Fortschritte 
gemacht haben J) Darnach ist also nicht die Veränderung in der 
Hirnsubstanz, sondern der eben angeführte historische Process 
die eigentliche Ursache der Selbstmorde. 

Die gegenwärtige sociale Massenerscheinung des 
Selbstmordes ist die Folge des Zusammenbruches der 
einheitlichen Weltanschauung, wie sie das Christen- 
thum in allen civilisirten Ländern bei den Massen 
consequent zur Geltung gebracht hat. Der Kampf des 
freien Gedankens mit den positiven Eeligionen führt zur 
Irreligiosität der Massen; diese Irreligiosität aber bedeutet: intel- 
lectuelle und moralische Anarchie und — Tod. Die gi'ossen 
wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit drängen sich den 
Menschen gewaltsam auf; die Meisten werden unvorbereitet mit 
der höheren Cultur bekannt, und es ist ein schon bekanntes 
sociologisches Gesetz, dass das zu rasche und unvermittelte 
Bekanntwerden mit einer höheren Cultur den Unter- 
gang der Uncivilisirteren im Gefolge hat. 2) Wie die 
niederen Kacen aussterben, wenn sie mit den höheren, d. h. 
civilisirteren in Berührung kommen, so stirbt auch in der 
civilisirten Gesellschaft diejenige Schichte der Bevöl- 
kerung aus, welche die höhere Cultur unvermittelt er- 
hält. Ganz besonders sind es aber die Grossstädte, in denen 
dieser Process vor sich geht; denn diese verhalten sich mit ihrer 
überlegeneren Cultur zu der Landbevölkerung, wie z. B. die weisse 
Eace in Amerika zu den dortigen Indianern. Die Selbstmörder 



') Diese Verwechslung erklärt, warum wir Wagner trotzdem zu den- 
jenigen Forschern zählten (p. 87), die in der Irreligiosität den eigentlichen 
(socialen) Grund des Uebels sehen. 

2) Gerland, lieber das Aussterben der Naturvölker, 1868, p. 84 squ. 
Diesen Process kann Jeder, der Augen zum Sehen hat, bei uns in Wien 
beobachten, welches so viele ungebildete Elemente, zumal aus dem Süden 
Europa's aufnimmt und „civilisirt". Darum wiesen hier 1869 — 1878 die 
relativ höchste Selbstmordfrequenz die Anhänger der griechisch -orienta- 
lischen Kirche auf, im Gegensatz zu dem allgemeinen Gesetze. 



- 175 — 

sind die blutigen Opfer der Civilisirung, die Opfer des 
Culturkampfes. 

Einen solchen Kampf macht mit der Zeit jedes Volk durch, 
und darum tritt auch der Selbstmord zu verschiedenen Zeiten 
mit besonderer Stärke auf. Bei allen Völkern kam bisher der 
Augenblick, wo die Religion ihre Macht über die Gemüther ver- 
loren hat, und immer tritt dann der Selbstmord als sociale 
Massenerscheinung auf. Die modernen Völker alle sind jetzt in 
diesem Stadium ihi*er Entwiekelung und auch bei ihnen zeigt 
sich dieselbe Erscheinung. 

Es scheint, dass die Entwiekelung der Menschheit durch 
aufeinanderfolgende Stadien des Glaubens und Unglaubens fort- 
schreitet, wenigstens zeigt sich in ihrer bisherigen Entwiekelung 
dieses Gesetz. Gewiss schwindet seit einigen Jahrhunderten auch 
die Macht der christlichen Volksreligion, und dieser Schwund 
erzeugt die allgemeine Unzufriedenheit und den Lebensüberdruss. 
Ob das Christenthum ganz verschwinden und einer neuen Volks- 
religion Platz machen wird, oder ob es in neuer Gestalt die 
Gemüther wiederum und vielleicht dauernd befriedigen wird, 
darauf und auf ähnliche Fragen haben wir hier nicht zu antworten. 



n. Theil. 

Verification des gewonnenen ollgemeinen Satzes, lieber den religiösen 
Zustand der civilisirten Nationen der Gegemcart. 

§. 1. Die Untersuchung hat gezeigt, dass die krankhafte 
Selbstmordneigung der Gegenwart durch die allgemein einreissende 
Irreligiosität bedingt wird; und obwohl die bisherigen Argumen- 
tationen die Sache hinlänglich klar machen, will ich trotzdem 
das allgemeine Ergebniss an der statistischen Induction und der 
psychologischen und historischen Analyse im Einzelnen verifi- 
ciren oder wenigstens andeuten, wie sich alle Angaben verificiren 
lassen. 

Selbstverständlich werden dabei nur die näheren indivi- 
duellen und socialen Ursachen des Selbstmordes in Betracht 
kommen, ganz besonders aber muss der religiöse Zustand der 



— 176 — 

civilisirten Völker untersucht werden. Stimmt das Eesultat dieser 
Untersuchung mit den im zweiten Capitel erbrachten Daten der 
Selbstmordstatistik, so ist die Richtigkeit unserer Verallgemeine- 
rung gegen jeden Zweifel geschützt. 

§. 2. Die Stadtbevölkerung ist anerkanntermassen nicht 
so religiös wie die Landbevölkerung und weist auch mehr 
Selbstmorde auf als diese. Das, was wir im Allgemeinen Civi- 
lisation nennen, findet sich vornehmlich in der Stadt; Denken 
und Wollen ist hier intensiver und erzeugt in der dichteren 
Masse der Bevölkerung jene Aufregung, welche der Entwickelung 
und Verbreitung der Psychose und Selbstmordneigung günstig 
ist. Ganz besonders föllt aber der Zufluss der Landbevölkerung 
und ihr unvermitteltes Eintreten in das Stadtleben in die Wag- 
schale. Der Culturkampf mit allen seinen traurigen Folgen wird 
vornehmlich in den Städten ausgefochten. 

Die Frauen üben den Selbstmord bedeutend seltener als 
die Männer. Es kommt dies davon, dass die Männer die Sorgen 
um's Leben mehr zu tragen haben als die Frauen. Die Geistes- 
arbeit kommt den Männern zu und darum gerathen sie verhält- 
nissmässig häufiger in jenen Zwiespalt, der die Lebensfreudigkeit 
unterdrückt und den Tod lieben lehrt. Aber immerhin schützt 
die Frauen die grössere Eeligiosität vor der krankhaften Selbst- 
mordneigung. 

Am häufigsten wird der, Selbstmord in dem Alter der 
Reife begangen, also dann, wenn der Mensch des religiösen 
Haltes am meisten bedarf, wenn der Ernst des Lebens an ihn 
herantritt. Dass aber unsere Jugend die Lebensfreudigkeit ein- 
gebüsst hat, ist das traurigste Zeichen unserer Haltlosigkeit und 
eine schwerwiegende Anklage der bestehenden Lehr- und Erziehungs- 
methoden. In dem zartesten Alter werden die empfänglichen 
Herzen vergiftet von dem Pesthauche der modernen Negation, 
und nur wenige arbeiten sich dann zu einer harmonischen Bil- 
dung empor. 

Die unsittlichen Eheverhältnisse und überhaupt alle un- 
sittlichen Verhältnisse entbehren als solche der religiösen Sanction 
und disponiren und determiniren sehr leicht zum Selbstmord: 
Concubinat, Geschiedene u. s. w. 



— 177 — 

Die grosse Selbstmordneigung des Militärs ist ein deut- 
licher Beweis für unsere Erklärung. Die Weltanschauung, welche 
gegenwärtig beim Militär grossgezogen wird, entbehrt durchaus jedes 
wahrhaft sittlichen und religiösen Gehaltes, und darum kommt 
der Selbstmord bei den Soldaten viel häufiger vor als bei der 
Civilbevölkerung. Es muss besonders betont werden, dass die 
Chargirten — ganz besonders die OfiRciere — an der krank- 
haften Neigung leiden, dass also die intellectuelle Bildung — nur 
diese wird gefordert — allein, ohne entsprechende moralische 
Bildung, zur Erhaltung des Lebens nicht ausreicht. Die beim 
Militär verlangte Bildung ist im Allgemeinen das Prototyp der 
von uns beschriebenen Halbbildung und wir haben daher in der 
hohen Selbstmordfrequenz des Militärs eine directe Bestätigung 
unserer Ansicht, dass gerade diese Halbbildung so gefährlich ist. 

Die Halbbildung der Selbstmörder heben die Statistiker 
ganz besonders hervor; ebenso die Thatsache, dass die Motive 
der That äusserst selten sittlich sind. Das ist eben das 
Wesen der modernen Halbheit, von deren Existenz sich Jeder 
leicht überzeugen kann. 

§. 2. Die übrigen Verhältnisse brauchen hier nicht nochmals 
erwähnt zu werden, es genügt die Erinnerung an das, was bei der 
Untersuchung über die einzelnen Ursachen und Motive des 
Selbstmordes gesagt wurde, und wir wenden uns daher der Haupt- 
sache, der Darstellung der religiösen Verhältnisse zu, und zwar 
betrachten wir zuerst 

Die katholischen Völker. 

Die Keformation rief auf katholischer Seite die Gegen- 
reformation hervor. Der schroffe Antagonismus war für beide 
Parteien vortheilhaft, sofern der eine oder der andere Theil nicht 
geradezu erdrückt wurde, was freilich nicht selten geschah. Die 
römische Kirche gewann innerlich neuen Boden und neues Leben, 
das religiöse Gefühl erstarkte und reinigte sich, und es entfaltete 
sich nach Aussen und nach Innen eine glänzende Thätigkeit. Die 
Theologie erblühte im 17. Jahrhundert von Neuem, und an ihr 
haben wir den besten Massstab für die damalige Lebendigkeit 
des katholischen Glaubens. Das innerlich religiöse Leben brachte 

Masaryk. Der Selbstmord. 12 



— 178 — 

die zarte Mystik einer heiligen Theresa, Franz von Sales, An- 
gelus Silesius u. A. hervor. Die Macht der Kirche aber reprä- 
sentirt uns der neue Orden der Jesuiten, in dessen kunstvoller 
Einrichtung, Ordnung und Gliederung das hierarchische Princip 
des Katholicismus in jeder Beziehung das non plus ultra geleistet 
hat. Die Geschichte dieses Ordens ist die Geschichte seiner Kirche. 

Im 18. Jahrhundert beginnen die katholischen Völker un- 
gläubig zu werden, und zwar in dem Masse, in welchem sich die 
kirchlicheu Verhältnisse stabilisirt hatten. Die Jesuiten werden 
aus allen Ländern vertrieben, und das ist nur der Anfang des 
Kampfes, den in allen katholischen Ländern der Staat und die 
Kirche nothwendig führen müssen, wenn einmal die Gesellschaft 
nicht mehr streng gläubig geworden ist. Der Protestantismus 
löste die Frage nach dem Verhältniss von Staat und Kirche 
einfacher, weil die Kirche keine äussere Organisation hat, die 
mit weltlichen Dingen zu thun hätte ; es gibt eben kein 
Priesterthum und keine Hierarchie. xA^ber die römische Hierarchie 
kann als Hierarchie ihre Macht nicht aufgeben, und so sehen 
wir, dass in allen katholischen Ländern der Kampf des Staates 
und der Kirche mit kleinen Unterbrechungen ausgefochten wird: 
Italien, Frankreich, Belgien, (Oesterreich). Die Blüthe des katho- 
lischen Unglaubens aberist die Auf klär ungsliteratur des vorigen 
Jahrhunderts, besonders die französische; die grosse Revolution, 
das gewaltsame Niederreissen des alten morschen Gebäudes. 

Unser Jahrhundert setzt die Destruction scheinbar sanfter, 
weil systematischer fort; charakteristisch für unsere Zeit ist der 
Untergang des Kirchenstaates, den alle katholischen Völker 
und Fürsten ohne nachhaltige Aufregung zuliessen. Das innere 
katholische Leben aber kennzeichnet das letzte allgemeine 
Concil und der Ultramontanismus. Die Unfehlbarkeits- 
erklärung des Papstes, wenn sie sich auch logisch aus dem 
Katholicismus ergibt, zeigt uns dadurch, dass sie eben erst gegen- 
wärtig ausdrücklich proclamirt wurde — in praxi l)estand sie schon 
längst, ja immer — wie die römische Kirche die grosse Gefahr, 
in der sie sich befindet, anerkennt. Im Sy Ilabus hat der Papst 
am Besten den modernen Unglauben gekennzeichnet. 

Das rege kirchliche Leben äussert sich als sogenannter 
Ultramontanismus. Nicht an dem Glauben ist ihm so viel gelegen, 



— 179 — 

sondern an der Kirche, an dem Mittel, nicht an dem Zweck. 
Es ist ein Wiederaufleben der echt papistischen Anschauungs- 
weise des Mittelalters, der Versuch, den katholischen Qeist der 
Bevormundung wieder zu erwecken, die Gesellschaft zum passiven 
Gehorsam und Autoritätsglauben zurückzubringen. Die Gefahren 
der Revolution und der freiheitlichen Tendenzen überhaupt er- 
weckten den Wunsch, die Eeaction mit Hilfe des Papismus ein- 
zuleiten : Politiker und Dichter begegnen sich derart im Schoosse 
der allein seligmachenden Kirche. Diese Beaction ist im Allge- 
meinen gegen die Freiheit und im Besonderen gegen den Pro- 
testantismus gerichtet. *) Was speciell letzteren anbetrifft, so ist 



1) De Maistre's Ansichten sind grundlegend für die ultramontane 
Beaction. In seinem Buche über den Papst charakterisirt er ausgezeichnet 
das katholische Stabilitätsprincip gegenüber dem freien Protestantismus; er 
weiss sehr gut, dass zwischen der päpstlichen und königlichen Gewalt eine 
so grosse Analogie, Bruderähnlichkeit und gegenseitige Abhängigkeit besteht, 
dass jede Bevolte gegen erstere zugleich eine Bevolte gegen letztere ist. Wie 
sehr er gegen den Protestantismus eingenommen ist, zeigt unter Anderem 
der wahrhaft kindische Nachweis, dass die Fürsten protestantischer Länder 
kürzer leben als die katholischer. Dass de Maistre am Schlüsse seines Lebens 
die spanische Inquisition veHheidigte („Briefe an einen russischen Edelmann 
über die spanische Inquisition**), kann nicht befremden, wenn man sich an 
die berühmte Abhandlung über den Henker in den „Soirees de St.-Peters- 
bourg" erinnert. Du Pape 1819. Speciell über den Protestantismus v. Oeuvres 
inedites 1870: Beflexions sur le Protestantisme dans ses rapports avec la 
souverainete. Es heisst da: „Le grand ennemi de PEurope qü'il Importe 
d'etouflFer par tous les moyens qui ne sont pas des crimes, Pulcere funeste 
qui s'attache ä toutes les souverainetes et qui les ronge sans reläche, le fils 
de l'orgueil, le pere de Panarchie, le dissolvant universel, c'est le protestan- 
tisme.'' „Qu'est-ce que le protestantisme? C'est Pinsurrection de la raison 
individuelle contre la raison generale. — ... les rois sont des oints, les 
pretres sont des magistrats, le sacerdoce est un ordre; Pempii*e est sacre, 
la religion est civile: les deux puissances se confondent; chacune emprunte 
de Pautre une partie de sa force, et, malgre les querelles qui ont divise 
ces deux sceurs, elles ne peuvent vivre separees." Die Basis der christlichen 
Beligion: „le principe fondamental de cette religion, Paxiome primitif sur 
lequel eile reposait dans tout Punivers avant les novateurs du XVI« siecle, 
c'etait Pinfaillibilite de Penseignement d'oii resulte le respect aveugle pour 
Pautorite." Der Protestantismus setze an Stelle des katholischen Urtheils 
das individuelle, sei eine religiöse und politische Häresie, welche auf keinem 
Gebiete blindlings glauben und unterworfen bleiben wird. Daher sollte der 
Staat den Protestantismus nie und nimmer toleriren, sondern unterdrücken, 

12* 



— 180 — 

die Beaction auch gegen den inneren Protestantismus der Katho- 
liken gekehrt; denn es gibt — man braucht es nur aufrichtig 
auszusprechen — unter den Katholiken sehr viele Pro- 
testanten, Protestanten, die fi-eilich nur das Negative, nicht 
das Positive (Evangelische) des Protestantismus kennen. Zumal 
die gebildeten Katholiken sind fast durchgehends Pro- 
testanten, das heisst der Papismus und katholische Formalis- 
mus ist ihnen eigentlich verhasst, aber sie bleiben trotzdem Katho- 
liken, weil ihnen der üebertritt unbequem ist und weil sie das 
Positive am Protestantismus nicht kennen oder nicht kennen wollen. 

Damit haben wir aber den eigentlichen Charakter der katho- 
lischen Völker der Gegenwart gekennzeichnet. Die Kluft zwischen 
Gebildeten und ungebildeten ist sehr gross ; beide Parteien haben 
nichts Gemeinsames. Das Volk ist noch katholisch und kirchlich, 
die Gebildeten sind eigentlich Protestanten, aber Protestanten, denen 
es am bequemsten ist, aus der Matrikel des katholischen Pfarrers 
nicht gestrichen zu werden. Daher findet sich in allen katholischen 
Ländern ohne Ausnahme ein ganz eigenthümlicher Indifferentis- 
mus und Skepticismus, der selbst durch die grossartigsten 
Bemühungen der kirchlichen Hierarchie nicht unterdrückt werden 
kann. Gerade dadurch, dass die religiösen Lehren autoritativ gelehrt 
werden, dass man nur blinden Glauben und die ihn begleitende 
Ueberzeugung und gar keine Erkenntniss und Einsicht verlangt, 
fordert der Katholicismus jeden Denkenden zur Skepsis heraus. Der 
Ungläubige spottet daher und witzelt oder gefällt sich in einem 
bald grösseren bald geringeren Cynismus. Der an das Denken 
gewöhnte Protestant wird einfach nicht überzeugt und hat für Witz 
und Spott weniger Baum, weil ihm die Lehren nicht so aufge- 
drängt werden wie dem Katholiken; davon ganz abgesehen, dass 
viele Lehren und Institutionen der Kirche zur Kritik herausfordern. 



mit aller erlaubten Härte — „tonte severite inutile est criminelle, et . . tonte 
severite est innocente si eile est ndcessaire." (Sic!) Knrz: „le protestantisme 
est positivement, et au pied de la lettre, le sans-cnlottisme de la reli- 
gion. L'un invoque la parole de Dien; Tantre, les droits de Thomme; 
mais dans le fait c'est la meme theorie, la meme'marche et le meme resul- 
tat. Les deux freres ont brise la souverainete pour la distribuer ä la multi- 
tude." — Man kann nichts Schlechteres — und Besseres über den Protestan- 
tismus sagen. 



— 181 — 

Die Folgen eines solchen Zustandes können nicht ausbleiben. 
Da, wo die Kirche und Religion nicht vereint ihre Macht über 
das Gemüth ausüben, bleibt gewöhnlich die Kirche äusserlich 
im Eecht) aber das innere Leben ist faul. Auf diese Weise 
kommt die Halbheit zu Stande, welche eine gesunde Entwicke- 
lung der Charaktere nicht aufkommen lässt und die dann in 
ihrer Hohlheit und Trostlosigkeit da, wo es moralische Kraft 
gilt, zum Lebens überdruss und Selbstmord führt. 

Diese Halbheit ist natürlich da am grössten, wo die mo- 
derne Bildung die grössten Portschritte gemacht hat : in Prank- 
reich, Oesterreich ; wo die Wissenschaft noch wenig Eingang fand : 
Italien, Spanien, Portugal, gibt es weniger Halbheit, dämm auch 
weniger Selbstmorde. ^) 

§. 3. Wir wollen nun auch im Einzelnen die katholischen 
Länder der Reihe nach durchmustern, und zwar beginnen wir 
mit P rank reich, dem Typus eines aufgeklärten katholischen 
Landes.^) 

Descartes, der Begründer der modernen Denkrichtung, 
hat der erste den Pranzosen gezeigt, wie sie sich der Kirche und 
dem positiven Glauben gegenüber zu verhalten haben: skeptisch. 
Und die Pranzosen befolgen im Ganzen und Grossen bis heute 
seine Vorschrift. Wer Descarte's Discurs gelesen hat, weiss, wie 



1) Zu den nun folgenden Ausfühi'ungen vergleiche man das, was (p.67squ.) 
über die Bildung der einzelnen Länder gesagt wurde. 

2) Um den religiösen Zustand eines Volkes zu beurtheilen, muss man 
vor Allem den Geist der gesammten Literatur studieren ; ausser dem Studium 
an Ort und Stelle geben dann die Angaben über: Bibelverbreitung, 
Sonntagsschulen, Bekehrung von Ungläubigen (äussere und 
innere Mission), Kirchenbesuch, freiwillige Stiftungen für 
kirchliche Zwecke, Zahl der Communicanten, relative Zahl des 
Clerus, Zunahme der Confessions-Angehörigen, Zahl der ge- 
mischten Ehen u. s. f. annähernd Belehrung. 

An Werken, die über den Gegenstand handeln, führe ich besonders 
an: Funck-Brentano, La Civilisation et les lois, 1876; Guizot, L'eglise 
et la societe chretienne en 1861; Le Play, La Eeforme sociale en France 
1874; Döllinger, Kirche und Kirchen, Papstthum und Kirchenstaat, 1861; 
Mariano, Christianesimo, cattolicismo e civiltä, 1879; die Apologetiker 
Hettinger und Luthardt; die Kirehengeschichten von Hagenbach, 
Kurz, MÖhler, Alzog; Siebente Hauptversammlung der Evangelischen 
Allianz: Berichte und Reden, herausgegeben von Riggenbach, 1879. 



— 182 — 

fein der grosse Denker seine Lehrsätze der methodischen Skepsis 
gegen die herrschende Beligion kehrt; und sein Aufenthalt in 
der protestantischen Fremde zeigt deutlich, wie er die Wirkungen 
seiner Anschauungen auf die katholische Gesellschaft wohl er- 
kannt hat. Nach ihm wurde die Skepsis durch Bayle ganz 
direct auf das religiöse Gebiet übertragen. Die Aufklärer des 
18. Jahrhunderts begnügten sich nicht mehr mit der Skepsis, 
sondern gingen einfach zur Negation und vollständigen Destruc- 
tion über; die besseren und einsichtigen unter ihnen — auch 
Voltaire — wünschten zwar irgend eine natürliche Eeligion 
mit Beibehaltung des Theismus, aber die entfesselten Massen 
konnten nicht mehr gezähmt werden und die Bevolution, der 
blutige Protest gegen das mittelalterliche System der Bevor- 
mundung, brach aus.^) Die Gräuel der Bevolution brachten die 
Franzosen zur Besinnung und die Beactipn beginnt auf allen 
Gebieten der theoretischen und praktischen Bethätigung. Die 
Schulphilosophie geht auf Versöhnung des Gedankens mit dem 
Glauben aus ; die Dichtung erwärmt sich an christlichkatholischen 
Idealen, die Politiker suchen das mittelalterliche System des 
Katholicismus wieder zur Geltung zu bringen; de Maistre's 
eben erwähntes Buch über den Papst gibt die Sichtschnur an, 
welche die französischen Eegierungen bis unlängst so weit be- 
folgten, als es eben möglich war. Die Gebildeten wurden freilich 
nicht gläubig, sondern schlössen sich nur äusserlich dem Katho- 
licismus an; selbst de Maistre erbringt — und es ist dies, wie 
Comte mit Eecht betont, besonders charakteristisch — für die 
Eestitution des Papismus nur historische und politische, nicht rein 
theologische Argumente. 2) 



1) Üeber den damaligen Unglauben bei den Gebildeten, dem Clerus 
und dem Volke, v. Taine, Die Entstehung des modernen Frankreichs (deutsch 
von Katscher), 1877, I., p. 298 squ., 408. 

2) Comte, 1. c. IV., p. 28. Es dürfte nicht nutzlos sein, daran zu er- 
innern, dass Comte selbst durch de Maistre's Werk über den Papst sehr 
stark und nachhaltig beeinflusst wurde: in den revolutionären Ideen befangen, 
wurde er durch die reactionäre katholische Bewegung zu seinen Ansichten 
über die positive Ordnung der Gesellschaft gebracht. Cf. 1. c. IV., p. 138. 

Wie äusserlich die officielle Einführung des Katholicismus vor sich 
gieng, ersieht man an folgenden, die Situation kennzeichnenden Thatsachen. 
Als der General Bonaparte 1801 mit dem Papste wegen des Concordats 



- 183 — 

Chateaubriand's „Genius des Chris tenthums" erhitzte für 
den Papismus Gefühl und Phantasie ; aber der Erfolg war nicht 
nachhaltig genug. Die Gebildeten blieben trotz der wahrhaft 
übermenschlichen Anstrengung der Kirche ungläubig. Und die 
Gläubigen und Gläubigeren verfielen, wie z. B. Lamennais, dem 
Protestantismus. So erklärt sich denn, dass Auguste Comte's 
Keligion der Humanität gerade unter den Gebildeten bedeutende 
Anhänger zählt, und dass Renan's ßoman über Jesu thatsäch- 
lich ein Volksbuch geworden ist.^) Dass das französische Volk 
nicht mehr an der Kirche hängt, wie ehedem unter den aller- 
christlichsten Königen, zeigt uns sein Verhalten in dem gegen- 
wärtigen Kampfe der Hierarchie mit der freien republikanischen 
Regierung. 

Ein besonders charakteristisches Zeichen der Zeit ist aber 
das Verhalten der modernen französischen Gesellschaft 
gegenüber dem Protestantismus. 

Der Protestantismus wurde in Frankreich fast ganz aus- 
gerottet; nicht so sehr von dem Katholicismus, sondern deshalb, 
weil er als politische Partei galt und als solche der durch Jahr- 
hunderte geübten monarchischen Centralisation weichen musste. 
Die wenigen Beste wurden neben der Staatsreligion tolerirt. In 
der Gegenwart aber erwacht bei den Franzosen eine starke Sym- 



verhandelte, musste der päpstliche Legat bei Nacht kommen, damit er von 
den Parisern nicht gesehen würde, denn man wagte es nicht, die lachlustige 
Bevölkerung von Paris auf eine solche Probe zu stellen. Als Bonaparte den 
Cardinal öflFentlich empfangen sollte, hätte dem päpstlichen Legaten ein 
goldenes Kreuz vorangetragen werden sollen; aber man wagte es nicht und 
das Kreuz wurde in einem geschlossenen Wagen vorangefahren. V. Thiers, 
Hist. du consulat et de Pempire, 1845, IIL, p. 274, 444. Ueberhaupt ist die 
Geschichte des Concordats, welches Napoleon mit dem Papste geschlossen 
hatte, die Geschichte der ganzen Reaction : grossartiger in ihrer Art war die 
Reaction nirgends. 

^) Comte's Entwickelungsgang, sowohl der seines Lebens als auch seiner 
Geistesarbeit, ist (nach dem p. 187 geltend gemachten Gesetze) ein Typus 
des modernen Zustandes der civilisirten Nationen. Er, der die Halbheit un- 
serer Zeit so gut eingesehen, er, der nach einer einheitlichen Weltanschauung 
mit aller Glut seiner Seele ringt, eine grossartige positive Philosophie 
ausarbeitet und eine Religion stiftet — wird geisteskrank und versucht, sich 
den Tod zu geben — — es ist etwas furchtbar Ernstes um das Ringen der 
Menschheit! 



— 184 — 

pathie für den Protestantismus und es kommen daher viele Ueber- 
tritte vor, und zwar von angesehenen Männern: Eenouvier, 
Pillon, Sarcey, E^veillaud, Jules Favre u. A. Viele schliessen 
sich dem Protestantismus aus politischen Gründen, aus „religiöser 
Opportunität" an, weil sie die Freiheit der Nation dem Cleri- 
calismus-Katholicismus nicht anvertrauen wollen ; sie sehen eben 
ein, dass eine Kepublik ohne Keligion nicht bestehen kannJ) 
Wahrhaft grossartig ist das Bekehrungswerk des englischen Pastors 
M'All. Derselbe kam 1871 nach Belleville, den Sitz der Com- 
munards, um Tractatbüchlein auszutheilen, und erfährt von einem 
Arbeiter,-dass sich das Volk nach einer wahren Keligion sehne, 
nur wolle es keine Keligion der Autorität. M'AU machte sich 
an die Arbeit und schon wird in Paris auf 23 Stationen das- 
Evangelium gepredigt und auch in anderen- Städten (Lyon u. s. w.) 
beginnt das Bekehrungswerk. 2) Welche Dimensionen die Sache 
annehmen wird, kann man nicht wissen; aber ich glaube nicht, 
dass die Franzosen gläubig protestantisch werden. Ich sehe nur, 
wie sie rathlos sind, wie ihnen der Katholicismus nicht mehr 
behagt, wie sie aber unfähig sind, etwas Besseres an seine Stelle 
zu setzen. Ich fürchte, die Franzosen sind noch zu hierarchisch 
gesinnt; die Kirche hat den Geistern ihre Denkungsart so ein- 
geimpft, dass sich selbst ein Comte von ihr nicht frei machen 
konnte. Niemand hat den Katholicismus consequenter und wissen- 
schaftlicher be- und verurtheilt, als der Gründer der positiven 
Philosophie, und doch hat auf der anderen Seite Niemand — mit 
Ausnahme de Maistre's — katholischere Ansichten als eben 
Comte selbst. Das französische Volk muss vor Allem wahrhaft 
religiöse Bedürfnisse haben, dann wird es schon den richtigen 
Weg finden; aus blos politischen, ökonomischen und sonstigen 
Gründen ist noch nirgends eine gute Keligion entstanden. Auch 
die Franzosen werden keine Kühe für ihre Seelen finden, so lange 
sie nicht wahrhaft religiös werden. Der blosse Wunsch , zu 
glauben, mag er noch so lebhaft sein, rettet kein Volk, nur der 
lebendige Glaube selbst. 



1) Cf. das §. 18 über Amerika Gesagte. 

2) Die ausführliche Geschichte der ganzen Bewegung v. hei H. Bonard, 
White fields of France, 1880. 



/ 



— 185 — 

Die grosse Selbstmordneigiing, welche Prankreich und 
besonders seine Hauptstädte aufweisen, entwickelte sich natur- 
gemäss mit der religiösen Haltlosigkeit des französischen Volkes; 
das stürzende Gebäude des Katholicismus begräbt in seinen 
Trümmern die unglücklichen und unzufriedenen Tausende. 

§. 4. In Belgien sind die religiösen Zustände ähnlich den 
französischen. Es ist natürlich, dass die aus Frankreich stam- 
mende Literatur und ihr Geist auch in Belgien festen Fuss fasst, 
wo das französische Element in jeder Beziehung die übrigen 
Mischnationalitäten beherrscht. 

Die Vereinigung mit dem protestantischen Holland (1815) 
reizte den belgischen Clerus zu heftigem Widerstand, das Volk 
liess sich von den Ultramontanen willig leiten. Aber seit etwa 
1830 besteht ein unausgesetzter Kampf des Liberalismus mit 
dem Katholicismus und ersterer ist gegenwärtig entschieden im 
Vortheile. Die Gebildeten sind liberal und neigen sich vielfach 
aus politischen und philosophischen Gründen dem Protestantis- 
mus zu: Laveleye, Goblet d'Alviella, Frere-Orban traten 
zum Protestantismus über; das Volk lässt sich noch zum Theil 
vom Clerus leiten.^) Charakteristisch ist für das Land der Be- 
stand der streng „katholischen" Universität zu Löwen und der 
ihr entgegengesetzten wissenschaftlichen „liberalen" in Brüssel. 

§.5. Des ter reich gleicht als katholisches Land trotz der 
nationalen Verschiedenheiten Frankreich. Die Keformation 
wurde in dem grössten Theile des Landes unterdrückt und da- 
durch das Ansehen und die Macht der Kirche erneuert; die 
beständigen Kriege gegen den türkischen Erbfeind trugen auch 
dazu bei, das christliche Bewusstsein im Volke zu stärken. Aber, 
wie überall, bemächtigte sich der Gemüther auch in Oesterreich der 
neueGeist der Aufklärung, doch erstreckte sich dieser vielmehr auf das 
Aeusserliche, Kirchliche, während das innere Leben versumpfte. 

Die Keformen Kaiser Joseph IL entbehrten jeglicher syste- 
matischen Ueberlegung und tieferen Ueberzeugung. Es war ihm 
in erster Linie darum zu thun, die Macht der Hierarchie zu 



1) 1829 gab es 280 Klöster, 1846 schon 779; 1846 betrug die Zahl 
der Klosterbewohner 11.968, 1866 18.098. 1838 wurden sogar mehrere reli- 
giöse Cavalcaden nach mittelalterlicher Sitte aufgeführt. 



- 186 — 

brechen, er wollte die geistlichen Beamten mit den weltlichen zu 
einer bureaukratischen Gesammtmaschine verschmelzen. Erst in 
zweiter Linie war er auf Abschaffung der schreiendsten Miss- 
stände bedacht; und wenn er auch den bisher unterdrückten Pro- 
testanten das Toleranzpatent gab, so war er doch von wahrhafter 
Toleranz weit entfernt, da ihm die Erhaltung und Belebung der 
religiösen Gefühle nicht am Herzen lag. ') Der ganze Josephi- 
nismus athmet religiösen Indifferentismus, und so sind auch die 
Früchte desselben nicht besonders segensreich geworden. 

Die Nachfolger Josephs, aufgeweckt durch die französische 
Revolution, schlössen mit der Kirche von Neuem Freundschaft, 
die früher vertriebenen Jesuiten wurden in's Land gerufen (1820) 
und auf alle mögliche Weise suchte man die Aufklärung und 
den protestantischen Geist zu erdrücken. Das Eegime Metter- 
nichs drückte dem Ganzen den Stempel der Indifferenz auf; von 
Woche zu Woche wurden die Völker in Ruhe erhalten und jegliche 
Regung im Keime erstickt. 2) Die Revolution von 1848, ein etwas 



^) Wenn z. B. die Universitätsprofessoreu erst 1782 von der Ver- 
pflichtung enthoben wurden, auf die unbefleckte Empfängniss Maria einen 
Eid abzulegen, so ist das eine wahrhafte Wohlthat für das damalige Ge- 
schlecht; daneben haben wir aber wiederum von Seite des Kaisers Edicte, 
wie z. B. jenes über die Begräbnissceremonielle und ähnliche. 

2) „Leichtlebig, Eationalist, der die katholische Kirche nur aus Rück- 
sichten des Staatsurtheiles p«,tronisirte,, reich an politischen Gedanken, arm 
an grossen schöpferischen Staatsideen, biegsam, schmiegsam, aber auch 
stählern, wenn es eine Staatsaction galt; jedenfalls nach seinem Sturze weit 
unterschätzt und ungebührlich verlästert, besass Metternich Alles, was ihn 
dem Kaiser beliebt, ja unentbehrlich machen konnte," . . Krön es, Handb. 
d. Gesch. Oesterr., 1879, IV., p. 619. — Vielleicht noch besser als Metter- 
nich, kann dessen Helfershelfer Gentz als Typus jener Zeiten in Oesterreich 
dienen. Anfänglich für die französische Revolution begeistert, wendet er 
• sich, durch die Grauel der Bewegung aufgeschreckt, von der Sache der Frei- 
heit ab, um, wie die meisten Geister jener Zeit, das Kind mit dem Bade 
auszuschütten. Protestant von Geburt, dient er aus rein äusserlichen öko- 
nomischen Gründen der Kirche; ohne wahre, religiöse Ueberzeugung, ein 
leeres und frivoles Hof leben mitmachend, erblickt er in de Maistre's Buche 
über den Papst die Quintessenz der Staatskunst. Charakteristisch ist seine 
Denkschrift an den Kaiser von Oesterreich, in welcher er unter Anderem 
seinen Austritt aus dem preussischen Staatsdienste durch seinen Widerwillen 
gegen den Protestantismus motivirt; er findet nach „mannigfaltiger an- 
gestrengter Piüfung" in ihm „die Wurzel alles heutigen Verderbens" und 



- 187 — 

stäi'kerer Ausbruch der allgemeinen grossen Bevolution, welche 
seit einigen Jahrhunderten in der europäischen GeseUschaft vor 
sich geht, brachte manche Freiheiten, aber sie festigte für längere 
Zeit auch das Ansehen Boms (Concordat). Doch lässt sich der 
antikirchliche und irreligiöse Geist nicht mehr bannen, und so 
bietet eben unser Vaterland ebenso wie Frankreich ein trauriges 
Bild von Halbheit und religiöser Zerfahrenheit, welche selbst die 
edelsten Geister zu einer harmonischen Ausgestaltung des Cha- 
rakters nicht kommen lässt. ') Alles, was auf Bildung Anspruch 



eine der Hauptursachen des Verfalls von ganz Europa". (Wien war damals 
der Sammelplatz der protestantischen Convertiten: Fr. v. Schlegel, 
A. H. Müller u. A.) 

^) Ein Typus ist in dieser Beziehung unser österreichische Dichter 
L e n au, dessen Lebensgang und Entwlckelung im Kleinen die Entwickelung 
der Menschheit und speciell der Entwickelung ihres gegenwärtigen patho- 
logischen Zustandes (Psychose mit Selbstmordneigung) darstellt. An den 
gewöhnlichen Individuen vermag der Sociologe freilich nicht so gut seine 
Beobachtungen anzustellen, aber um so besser gelingt es ihm an den her- 
vorragenden Geistern, die in ihren geistigen Kämpfen die Geistesarbeit der 
ganzen Menschheit durchmachen. Methodisch ist diese Art des Studiums sehr 
fruchtbar, und der geübtere Leser wird wohl schon gemerkt haben, dass ich 
die Analogie der individuellen mit der socialen Entwickelung in vollem Masse 
benützt habe. Ich bemerke daher bei dieser Gelegenheit, dass diese Methode 
wissenschaftlich berechtigt ist. Comte hat sie der erste mit grossem Vor- 
theil angewendet, wenngleich er ihre Berechtigung nicht genügend dargethan 
hat; erst Häckel hat sie als hiogenetisches Grundgesetz mit Hilfe 
der Vererbung und Anpassung zu begründen gesucht. Dieses, auch für die 
Sociologie grundlegende Gesetz hesagt aber, dass die Entwickelung jedes 
Individuums eine kurze und schnelle Wiederholung der Entwickelung des 
zugehörigen Stammes ist. Comte, L c. III., p. 242 squ., L, 8 squ., IV., 
442 squ.; Häckel, Generelle Morphologie der Organismen, 1866, II.,p. 110 squ.; 
Natürl. Schöpf ungsgesch. 1874, p. 275 squ. 

(Die ausgezeichnete Biographie Lenau's von dessen Freunde Ana- 
stasius Grün dürfte wohl in Aller Händen sein und ich brauche daher 
nur auf das Hauptsächlichste hinzuweisen. Als Jüngling katholisch, reift 
Lenau zum Protestanten heran; dieser befriedigt ihn nicht und er verfällt 
daher auf den Spinozismus, der ihn ebenfalls nicht dauernd zu befriedi- 
gen vermag. Mit Gott unc^ der Welt zerfallen, sucht er im Materialis- 
mus Vergessenheit — Krankheit, Melancholie, Psychose, Selbstmordversuch 
sind das traurige Ende eines der edelsten Geister und Kämpfer unseres 
Vaterlandes. Seine grösseren Dichtungen entsprechen natürlich diesem Ent- 
wickelungsprocesse : Faust, Savanarola, Albigenser, Don Juan; in seinen 



~ 188 — 

macht, ist irreligiös und indifferent; äusserlich hält man sich zwar 
an die kirchlichen Gebräuche, aber innerliches Leben ist nicht 
zu finden. Von der Frankreich eigenthümlichen Skepsis findet 
sich bei uns weniger; dafür aber gibt es bei uns einen typischen 
Indiflferentismus, der vielfach an Cynismus streift. Jetzt nimmt 
der Nationalitätenhader die ganze intellectuelle und moralische 
Energie in Anspruch; aber für eine wahrhaft sittliche und einheit- 
liche Gestaltung des Gesellschaftslebens hat man gar kein Ver- 
ständniss, ist aber trotz dieser Stumpfheit gegen Andersgläubige, 
zumal gegen die Protestanten, intolerant. Diese Intoleranz wird 
ganz gewohnheitsmässig geübt und deutet nicht auf bewusstes 
religiöses Leben, im Gegentheile auf den flachsten Indififerentismus 
hin; dass aber IndifFerentismus und Intoleranz Hand in Hand 
gehen, ist eine bekannte Thatsache. ^) Wenn ich unsere geistige 
Atmosphäre, in der wir leben, mit einem Worte bezeichnen soll, 
so würde ich sie bureaukratischen Katholicismus oder Indiflferen- 
tismus nennen. 2) 



lyrischen Gedichten findet sich mehr als eine Verherrlichung des Selbst- 
mordes.) 

1) Vgl. Le Play, 1. c. I., p. 171. Die österreichische Intoleranz er- 
sieht man z. B. an den Schwierigkeiten, welche der freien Kirche in Böhmen, 
der Evangelisation und überhaupt jeder religiösen Regung (behördlich) in 
den Weg gelegt werden. 

2) Ein Blick auf die österreichische Presse rechtfertigt das harte 
Urtheil. 1879 erschienen in Oesterreich etwa 1020 Zeitungen und Zeit- 
schriften; von den 300 politischen Blättern sind nur wenige über 70 katho- 
lisch-conservativ, alle übrigen sind rationalistisch und die meisten geradezu 
antireligiös. Von den katholischen Blättern erscheinen in: 

Wien 11 Böhmen 4 

Uebrige Niederösterreich 2 Mähren 3 

Oberösterreich 3 SchleBien 2 

Salzburg 1 Galizien 14 

Steiermark 5 Dalmatien 2 

Kärnten '2 Triest 3 

Krain 3 Ungarn 10 

Tirol, Vorarlberg .... 7 Croatien 4 

GÖrz 2 Slavonien 1 

Bedenkt man, dass Oesterreich ein vorwiegend katholisches Land ist, 
und überlegt man sich, welche geistige Macht die Presse in unserer Zeit 
ausübt, so muss man sich wahrlich schämen: mit der unchristlichen Presse 
verglichen, zeigt sich in der katholischen Presse die geistige Ohnmacht und 
Indolenz des österreichischen Katholicismus. (Während das „Vaterland", das 



— 189 — 

Das ist das allgemeine Bild; im Besonderen verhalten sich 
die verschiedenen Kronländer und Nationalitäten etwas verschieden. 

Am fortgeschrittensten und aufgeklärtesten sind die Deut- 
schen. Von diesen sind die Alpenbewohner, und unter diesen 
wieder ganz besonders die Tiroler kirchlich und religiös; dagegen 
sind die übrigen Deutschen unkirchlich und irreligiös. 

Die C zechen sind nach den Deutschen die Aufgeklärtesten. 
Nachdem sie durch die brutale Durchführung der Gegenreformation 
in den- Schooss der katholischen Kirche zurückgeführt worden, 
verfiel das ganze Volksthum, um erst in unserem Jahrhunderte 
zu nationaler Selbstständigkeit aufzuwachen. In kurzer Zeit leistete 
das czechische Volk sehr viel; aber alle Portschritte wiegen den 
Verlust der Eeligiosität nicht auf. Die Böhmen sind ein ganz 
besonderes Beispiel religiöser Halbheit. Das Andenken an Huss 
steigerte sich in letzter Zeit bei dem gebildeteren Theile der 
Nation in dem Grade, dass Cardinal Schwarzenberg vor dem 
letzten Concil die Befürchtung aussprechen konnte, das Land 
werde binnen Kurzem hussitisch werden. Aber dieser Hussitismus 
erwies sich als eine künstliche Pflanze; das Landvolk, zumal in 
Mähren, hängt an den Priestern, die seit einiger Zeit über alle 
Maassen ultramontan geworden sfnd. Der Hussitismus bleibt daher 
als liberale Spielerei einigen Organen und der Mehi'zahl der Auf- 
geklärten überhaupt, ist aber keine religiöse Strebung wie ehedem, 
sondern aufklärerische Halbheit und Haltlosigkeit, gepaart mit 
entschiedenerem nationalen Bewusstsein. 

Die Polen, einem nationalen Pessimismus mit Vorliebe 
huldigend, sind in religiöser Beziehung nicht viel besser daran 
als die anderen zwei Nationalitäten. Sie lieben es zwar, sich 

bedeutendste katholisch-politische Blatt, nur 4000 Abonnenten hat, hat die 
„Neue freie Presse", ein durchaus antichristliches Blatt, schon 30.000 gehabt. 
Zum Vergleiche mit den anderen katholischen Ländern mögen fol- 
gende annähernd richtige Daten über katholische Zeitungen und Zeitschriften 
dienen, wie ich sie 1877 gesammelt habe: 

Oesterreich 88 

Deutschland 2G0 (day. ausscbl. pol. 140) 

Belgien 143 

Frankreich 160 

Italien 140 

Nordamerika mit Mill. Katholiken . . 100 

Das amerikanische Wochenblatt „Pilot" hat circa 90.000 Abonnenten! 



— 190 — 

gelegentlich als Eatholiken zu bezeichnen, doch hat das bei uns 
in Oesterreich nichts auf sich, ist vielmehr eine Art Sympathie- 
kundgebung mit den von der orthodoxen Kirche unterdrückten 
russischen Stammesgenossen. 

Aeusserlich und innerlich den Franzosen nachahmend, ist 
unser gebildeter Pole haltlos und halb. Besonders der Adel — und 
er ist sehr zahlreich — hat nicht selten das Fremde angenommen, 
ohne das Gute vom Schlechten gebührend zu scheiden. 

Die übrigen Nationen sind in geringem Maasse auf- 
geklärt; sie haben noch ihre einheitliche christliche Weltan- 
schauung, mit und durch sie aber sind sie lebensfreudiger als 
ihre aufgeklärteren Eeichsgenossen. i) 

Vom Protestantismus sind in Oesterreich eigentlich nur 
einige Trümmer übrig geblieben. Nun gilt im Allgemeinen, dass 
kirchliche Minoritäten besser sind als die sie beherrschenden 
Majoritäten, und es mag auch in diesem Falle gelten. Doch muss 
andererseits darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Mino- 
rität zu klein ist, und in Folge dessen von der erdrückenden 
Majorität Geist und Gesinnung annimmt; ferner ist für unsere 
Protestanten die Seelsorge ungenügend, zumal da, wo sie, wie es 
eben häufig der Fall ist, sehr zerstreut sind. 2) 

Ueber die Anhänger der griechischen Kirche werden 
wir später im Ganzen handeln. 

§. 6. Will man sich über Italiens Geistesleben klar 
werden, so muss man sich dessen erinnern, dass es nicht nur 
katholisch, sondern zugleich der Sitz des Papstes ist. Wer die 
welthistorische Bedeutung des Papismus begriffen hat, versteht 
auch den gegenwärtigen Zustand des jungen Königreiches. 

Papismus heisst jetzt: StaiTheit und Erstarrung, heisst: 
non possumus. Nicht auf die Lehre, nicht auf das Christenthum 
kommt es ihm in erster Linie an, sondern auf Macht und Herr- 



i) Ueber Transleithanien, speciell die Magyaren, lässt sich nicht viel 
sagen. Die Keligion wird von Vielen als Mittel für politische Zwecke aus- 
genützt; die wenigen Gebildeten sind irreligiös, die Halbbildung ist gross, 
die Masse des Volkes ist aber sowohl bei den Magyaren als bei den anderen 
Nationen gläubig und kirchlich. 

2) Während bei unseren Katholiken auf 1143 Einwohner 1 Weltgeist- 
licher kommt, entfällt bei unseren Protestanten 1 Prediger auf 1647 Einwohner. 



— 191 — 

Schaft über die Gemüther ; die Beligion ist Mittel für die Kirche, 
und nicht, wie es sein sollte, umgekehrt. Das hindert nicht, 
dass die Absichten der Curie gute sind, sofern sie die moderne 
Halbheit beseitigen will. 

Der Humanismus hat frühzeitig den Unglauben geweckt, 
aber da diese neue Denkrichtung noth wendig nur Wenigen zugäng- 
lich war, wurde der Unglaube nicht allgemein verbreitet. Uebrigens 
kam es manchmal auch der römischen Hierarchie auf ein Bischen 
Glauben oder Unglauben nicht an; soll ja selbst ein Papst — 
Leo X. — über das nützliche Märchen von Christo gespottet 
haben. Die Kirche verlangt Gehorsam; darum musste Galilei wider- 
rufen, Giordano Bruno u. A. den Scheiterhaufen besteigen, und 
die Anhänger der Keformation schaffte das Inquisitionstribunal 
aus dem Wege. Es ist auffallend: in dem Maasse, als die Völker 
von Eom entfernter sind, hat sich der Protestantisnius ausgebreitet; 
die Nähe des Stuhles Petri war der Beformation entschieden 
ungünstig. 

In dem heutigen Italien kämpft Staat und Kirche um die 
Herrschaft; aber der Unglaube ist noch spärlich verbreitet und 
das Ansehen und die Macht des Clerus ungebrochen. Die mittel- 
alterliche Macht des Papstthums ist freilich geschwunden; denn 
ipan widersetzte sich der Einigung Italiens nicht und das Volk 
jubelte der Annectirung des Kirchenstaates zu; aber der Italiener 
hängt noch immer an seiner Kirche. Das Volk ist bigott und 
abergläubisch und furchtet sich gewissermassen vor der Kirche; 
es ist wie Feigheit, was der Italiener seiner Kirche gegenüber 
verspürt; Skeptismus ist fast gar keiner vorhanden. Der Italiener 
lacht, witzelt, höhnt über seine Pfaffen und Einrichtungen, geht 
aber trotzdem bei jeder Gelegenheit in die Barche. Erst in der 
jüngsten Vergangenheit beginnt die Aufklärung sehr um sich zu 
greifen und droht das politisch rathlose und verwirrte Volk mit 
dem modernen Lebensüberdrusse zu beglücken. Die Selbstmord- 
neigung nimmt rasch zu, und zwar vornehmlich in den nördlicheren 
Provinzen, wo die moderne Bildung und Aufklärung schon früher 
festen Puss gefasst hat. 

§.7. Spanien hatte, wie alle romanischen Völker über- 
haupt, den Vortheil, das römische Christenthum leichter und 
rascher verarbeiten zu können als die übrigen, denen die Sprache 



— 192 — 

der Liturgie und Hierarchie unverständlich war. Die Kiiege mit 
den Mauren erhielten in hohem Grade das christliche Bewusstsein 
lebendig, und so ist es kein Wunder, dass der Papismus gerade 
in diesem Lande bis auf den heutigen Tag sehr mächtig ist. 
Spanien brachte die Inquisition hervor und ist das eigentliche 
Vaterland der Jesuiten, die neue Gedankenrichtung wurde syste- 
matisch erdrückt (Philipp IL); so begreift sich, dass bei dem 
schlechten Zustand des Volksunterrichtes, den mangelnden Ver- 
kehrswegen, der natürlichen Abgeschlossenheit gegen das übrige 
Europa, wodurch der Verkehr mit Fremden auf das Minimum 
reducirt ist, das Land eigentlich noch im Mittelalter steckt. 
Freilich kann auch Spanien der modernen Aufklärung sich nicht 
verschliessen, zumal es die Franzosen zu Nachbarn hat. Dass die 
Ideen des 18. Jahrhunderts auch in Spanien Anhänger fanden, 
zeigen die vielen politischen Stürme des Landes zur Genüge. 
Der Liberalismus — das Wort liberal kommt sogar aus dem 
Spanischen — kämpft gegen den Katholicismus (Jesuitismus, 
Papismus) seit Decennien mächtig an; aber er beschränkt sich 
auf Wenige, das Volk ist noch kirchlich und christlich, und so 
kommt es, dass der moderne Zwiespalt mit seinem krankhaften 
Pessimismus noch wenig Fortschritte gemacht hat. ') 

Aus demselben Grunde wie Spanien ist auch Portuga^l 
noch immer ein christliches Land; die freiheitlichen Institutionen 
eines Pombal haben beim Volke keinen tiefen Eindruck gemacht 
und das katholische Mittelalter nicht zu erschüttern vermocht, ^) 

Die protestantischen Völker. 

§. 8. Die ersten kräftigen Ansätze einer Kirchenreform 
gingen unter Huss von einem sla vischen Volke aus; erst ein 
Jahrhundert später entwuchsen die Germanen und zum Theile 



1) Der Aberglaube ist in voller Blüthe. Die Marienvergötte- 
rung ist so weit gediehen, dass sie Christus ganz verdrängt hat. In jeder 
religiösen Familie beten die Kinder: „Mit Gott gehe ich zu Bett, mit Gott 
stehe ich auf, mit der Jungfrau Maria und mit dem heiligen Geist.") 

2) In Portugal wird die Verbreitung anderer Keligionen noch immer 
mit Strafe belegt; In Spanien ist die Sache besser, aber seit der Kückkehr 
der Bourbonen schwindet die religiöse Toleranz immer mehr. 



— 193 — 

auch die Komanen ihrem mittelalterlichen Erzieher und die Ee- 
formation wurde der Hauptsache nach germanisches Geistesproduct. 

Um nun den religiösen Zustand der heutigen protestantischen 
Völker zu begreifen, müssen wir der Detailuntersuchung einige 
allgemeine Bemerkungen über die Entwickelung des Protestan- 
tismus vorausschicken. 

Das Wesen des Protestantismus hatten wir früher auf 
ein negatives und ein positives Princip zurückgeführt.^) Als 
Negation des Papismus hat er keinen bestimmten Inhalt; 
diesen erhält er dadurch, dass er die Bibel als einzige Autorität 
in Glaubenssachen anerkennend reines evangelisches Christenthum 
sein will. Mit diesem positiven Princip ist von selbst die Frei- 
heit der Forschung innerhalb der Bibel gegeben; mit dieser Frei- 
heit fällt jegliche hierarchische Priesterschaft und das Priester- 
thum überhaupt; die Kirche ist die sich spontan ergebende Ge- 
meinschaft der Gläubigen: der Protestantismus ist, consequent 
durchgeführt, religiöser Individualismus. 

Aus diesem seinen Wesen ergibt sich uns die Werth- 
schätzung dessen, was der Protestantismus für die Menschheit 
geleistet hat und noch immer leistet. 

Er hat vorerst das religiöse Leben erneuert und die 
christliche Lehre gereinigt, nicht nur bei seinen eigenen An- 
hängern, sondern auch bei seinen Gegnern. Er reinigte die Lehre 
und reinigte das Leben; in letzterer Hinsicht ist es besonders 
der Calvinismus, der auf eine consequente praktische Durch- 
führung der Lehren hinarbeitet. 

Die Freiheit der Forschung innerhalb der Bibel führt von 
selbst zum Eationalismus; denn wer vermag in strittigen 
Sachen zu entscheiden? Entweder der Verstand oder die Autorität. 
So ist denn der Protestantismus im Principe Kationalismus, und 
es kommt nur darauf an, in welchem Grade er der Offenbarung 
getreu bleibt; aber der mit Kecht so verrufene „Eationalismus" 
kann natürlich nicht ausbleiben. Weil die Ansichten in vielen 
Dingen auseinander gehen, gewöhnen sich die Menschen allmählich 
daran, nur das als das Wesentliche anzusehen, worin alle Christen 
übereinstimmen ; von hier ist aber nur ein Schritt zu der Natm*- 



1) P. 162 squ. 
Masarylc. Der Selbstmord. 13 



— 194 — 

religion, zu der Ansicht, dass nur das wesentlich ist, worin alle 
Menschen übereinstimmen. Die Entwicklung des englischen Deis- 
mus und der Rationalismus überhaupt beweist das Gesagte zu 
Genüge. 

Die Freiheit der Forschung führt zum Sectenwesen. Man 
hat in dem Sectenwesen häufig eine Schwäche des Protestantismus 
gesehen; aber das ist seine Stärke, ist die Stärke des Christen- 
thums und jeglicher Religion. Nur dadurch, dass das Christen- 
thum die verschiedensten Individuen und Völker zu befriedigen 
vermag, wurde es zur Weltreligion; das vermochte es aber nur 
durch seine Sectenbildung. Dass sich zwei Hauptsecten, die 
römische und byzantinische, im Hinblick auf ihre Grösse und 
Organisation als eigentliches Ghristenthum betrachten, ändert an 
der Thatsache nichts, dass auch sie nur Secten sind. 

Die naturgemässe Entwickelung von vielen Secten führt die 
Menschen zur Toleranz, die Toleranz zur eigentlichen Religions- 
freiheit; es ist dies eine neue Tugend, welche der Protestan- 
tismus die civilisirten Völker im Laufe der Zeit gelphrt hat. ^) 

Die Freiheit der biblischen Forschung, ihrem Wesen nach 
Rationalismus, bringt in den Protestantismus die Wissenschaft, 
zumal die Philosophie. Die Offenbarung wird 'freilich mit der 
Philosophie in Widerspruch gerathen und der Protestantismus 
wii'd Rationalismus par excellence; aber selbst da, wo der Offen- 
barungsglaube lebendig ist, verhält sich der Protestantismus 
gegen die Wissenschaft nicht so feindlich und absolut negierend 
wie der Katholicismus. Daher kommt es, dass in der Wissenschaft 
die protestantischen Völker anerkanntermassen mehr leisten als 
die katholischen. Daher kommt es aber auch, dass in manchen 
protestantischen Ländern das Ghristenthum fast gar nicht mehr 
zu finden ist, wenn man den Namen nicht für die Sache nehmen 
will; in der katholischen Kirche erhält sich das Christliche besser, 
wenn auch vielleicht in unschönerer Form. 2) 



1) Ich sage: im Laufe der Zeit gelehrt hat; denn bei seinem ersten 
Auftreten war er, zumal gegen die Katholiken, intolerant; aUmählich aber 
wurde er toleranter und muss es immer mehr werden. (Man verwechsle 
Toleranz nicht mit Indifferentismus!) 

2) Eil er, Meine Wanderungen durch's Leben. 1857. IL, p. 266. 



— 195 — 

Der Zusammenhang des Protestantismus und der Wissen- 
schaft wird noch dadurch inniger, dass die Reformation nichts 
Abgeschlossenes darstellt, dass vielmehr mit dem Portschritt der 
Erkenntniss immer neue und neue Reformen stattfinden müssen. 
Der Protestantismus nimmt das moderne Entwicklungs- 
princip in sich aufJ) 

Wenn wir schliesslich nach dem Verhältnisse des Pro- 
testantismus zum Staate fragen, so ergibt sich kurz Folgendes: 
Dadurch, dass der Protestantismus im Principe priesterlos ist, 
überlässt er jegliche weltliche Organisation dem Staate und benützt 
sie höchstens, um seine kirchlichen Angelegenheiten, die sich bei 
jedem Glauben nothwendig ergeben, zu ordnen. Da es keine 
Hierarchie gibt, findet kein Kampf zwischen Staat und Kirche 
statt. Dagegen kann der protestantische Staat die Religion zu 
seinen Zwecken benützen, und das kann dann zu einem Cäsaro- 
papismus der traurigsten Art, wie z. B. in einigen deutschen 
Staaten fähren. Dadurch, dass der Protestantismus das Individuum 
mehr als der Katholicismus entwickelt, macht er es auch politisch 
reifer; darum werden in protestantischen Ländern die grossen 
politischen Neuerungen leichter durchgeführt als in den katho- 
lischen. Die reformirte Kirche mit ihrer democratischen Organi- 
sation ist eine ganz besonders mächtige Schule für das politische 
Leben. Das katholische Autoritätsprincip unterdrückt im Principe 
jede Neuerung ; auf wissenschaftlichem Gebiete führt diese Unter- 
drückung zur Skepsis, im Leben zum Indiflferentismus oder zu 
gewaltsamen Ausbrüchen. Darum entwickeln sich die katholischen 
Völker in jeder Weise mehr sprungweise, durch grosse Revolu- 
tionen, während sich die protestantischen Völker im Ganzen stetiger 
und ruhiger entwickeln. Consequent durchgeführt, leitet der Pro- 
testantismus auf allen Gebieten zur Freiheit und Gleichheit. 

§. 9. Dem eben Dargelegten gemäss war im ersten Jahr- 
hundert der Reformation das religiöse und kirchliche Leben 
durchwegs gesund und toäftig. In stetem Kampfe mit Rom 
und mit sich selbst, wurden die Fundamente des neuen Gebäudes 



1) Wenn das im Texte Gesagte ausdrücklich bewiesen werden soll, 
so sei auf die Thatsache hingewiesen, dass fast alle namhaften Theologen 
die Eechtfertigungslehre, wie sie die Reformatoren als Grundprincip des 
Protestantismus aufgestellt haben, nicht mehr anerkennen. 

13* 



— 196 — 

gelegt. Unter den Anspielen der freien Forschung wurden von 
Baco und Descartes die Principien der neuen wissenschaftlichen 
Methode dargelegt und bald öffnet der Protestantismus der modernen 
Aufklärung Thür und Thore. In England entwickelt sich der 
Deismus, in Deutschland der Bationalismus; in letzterem Lande 
in dem Maasse, dass zu Ende des vorigen Jahrhunderts fast alle 
theologischen Lehrkanzeln mit Eationalisten besetzt waren. 

Im Gegensatze zum flachen Bationalismus und zur starren 
Orthodoxie entstanden in allen protestantischen Ländern Be- 
wegungen, welche auf Verinnerlichung des religiösen Lebens aus- 
gingen; so in Deutschland der Pietismus, in England der Metho- 
dismus. Dahin gehört auch der Mysticismus und Erscheinungen 
wie z. B. der Herrnhutimus, die Eeaction von Coccejus u. A. 
Die französische Eevolution, noch mehr aber die allgemeine De- 
struction, welche die Aufklärung mit sich bringt, machten es 
auch dem Protestantismus zur Aufgabe, das wahrhaft religiöse 
Leben zu pflegen, und so finden wir denn in diesem Jahrhundert 
eine erneuerte Eegsamkeit, die mit den Strebungen der katho- 
lischen Kirche parallel geht. 

Gegenwärtig sehen es die Protestanten immer mehr ein, 
dass ihre Hauptaufgabe nicht in dem Kampfe gegen Eom besteht, 
dass es sich auch nicht um Eecht oder Unrecht dieser oder jener 
Secte handelt, sondern dass die moderne Gesellschaft der Eeligio- 
sität bedarf. Demgemäss entwickelt sich in allen protestantischen 
Ländern eine lebendige innere Missionsthätigkeit; i) die Pro- 
testanten sehen ein, dass ihr System wesentlich religiöser Indi- 
vidualismus ist und darum ai-beiten die einzelnen Secten ganz 
einträchtig neben- und miteinander; überall wird das Praktische 
betont, während in der Theorie vornehmlich die Apologetik die 
ganze Kraft in Anspruch nimmt. 

Letztere Thatsache charakterisirt aber die Kehrseite des 
Bildes. Wie in der katholischen, so ist auch in der protestan- 
tischen Welt die grosse Mehrzahl der Gebildeten ungläubig; 
Strauss hat es mit löblichem Preimuth besonders im Hinblick 



1) Seit der Begründung der britischen und auswärtigen Bibelgesell- 
schaft zu London 1804 wurden mindestens 700 Mill. Bibeln und Neue 
Testamente in mebr als 200 Sprachen verbreitet. 



— 197 — 

auf den deutschen Protestantismus deutlich ausgesprochen. Aber 
es besteht ein Unterschied zwischen den katholischen und pro- 
testantischen Ungläubigen, ein Unterschied, wie er sich aus dem 
Wesen der beiden Systeme mit Nothwendigkeit ergibt. Auf den 
Protestanten wirkt keine Priesterschaft, keine grossartige kirch- 
liche Organisation, deren Einwirkung sich selbst der ungläubigste 
Katholik sehr schwer entziehen kann. Der Protestant ist über- 
haupt «ich selbst mehr überlassen und deshalb emancipirt er 
sich leichter als der Katholik.^) Da. die Volksbildung in den 
meisten protestantischen Ländern besser ist als in den katholischen, 
so ist bei dem gegenwärtigen Stande eben dieser Bildung, bei 
der gänzlichen Vernachlässigung der moralischen und religiösen 
Schulung die Irreligiosität in einigen protestantischen Ländern mehr 
verbreitet als in den ungläubigen katholischen Ländern. Die Folge 
davon aber ist die hohe Selbstmordfrequenz, welche diese Länder 
bieten; da, wo die Keligiosität noch gewahrt ist, ist, wie in 
den entsprechenden katholischen Ländern, die Selbstmordneigung 
geringer. 

§. 10. Deutschland, das Vaterland Luthers, bietet ein 
trauriges Bild religiösen Lebens. Kaum hatte sich die Eefor- 
mation halbwegs stabilisirt, begann die Aufklärung allgemein um 



1) Nach Brachen i, Staaten Europa's 1876, entfällt ein Weltpriester 
auf Katholiken: 

in Italien 267 in Frankreich 823 

„ Spanien 419 „ Belgien 1050 



V 



n 



» 



n 



Portugal 786 ^ Oesterreich-Ungarn .... 1144 

Schweiz 540 » Oesterreich 1143 

Luxemburg 571 „ Ungarn 1145 

Holland 680 „ Knssland 1200 



y, Deutschland 812 „ Grossbritannien u. Irland. 1320 

Bei den griechisch-orientalischen Christen kommt ein Weltgeistlicher 
auf: 

in Griechenland 350 

„ Rumänien 420 

j, Oesterreich-Ungarn 884 

„ Kussland 1060 

„ Serbien 1900 

Bei den Protestanten kommt ein Prediger auf: 

in Frankreich 794 in Schweiz 1440 

„ Grossbritannien u. Irland 908 „ Deutschland 1600 

„ Ungarn 932 „ Schweden, Norwegen . . 1714 

„ Holland 1100 „ Oesterreich 1734 

y, Dänemark 1300 „ Finnland 2268 



— 198 — 

I 

sich zu greifen. Und zwar ist es die Theologie selbst, welche 
den Unglauben säet und das Christen thum untergräbt. Der Ratio - 
nalismus der schalsten Art herrschte unter den Theologen des 
vorigen Jahi'hunderts und begegnete sich so mit der aufklärerischen 
Tendenz der WolflF'schen Schule, Lessing's u. A. Dadurch aber, 
dass gerade die Theologen die. positive Volksreligion wegi*atio- 
nalisii'ten, wurde der Unglaube auch im Volke weit verbreitet, 
so däss wir Straussens Bekenntniss in der That für das Bekennt- 
niss des protestantischen Deutschlands ansehen dürfen. 

Verderblich wii'kte auch der Bureaucratismus, der noch 
heute das Bischen Kirche für seine Zwecke zu nutzen sucht. 
Trotzdem der Protestantismus eigentlich zur Freiheit führen soll, 
ist Deutschland bis jetzt nicht politisch frei geworden, denn die 
unzähligen Fürsten und Fürstchen, welche sich vor Zeiten in 
das Volk getheilt hatten, benützten die Gelegenheit, sich vom 
Kaiser unabhängig zu machen, patronisirten die neue Lehre und 
machten die Pastoren zu ihren Beamten. Das gilt übrigens fast 
von allen lutherischen Ländern. 

Die Philosophie ist seit Kant entschieden antichristlich; 
der Materialismus zählte gerade in jüngster Zeit sehr viele An- 
hänger, und jeder Tag bringt neue Ausgeburten dessen, was man 
in Deutschland Philosophie nennt, wenn es auch nur eine Philo- 
sophie der Jahreszeiten oder Aehnliches ist. In keinem Lande 
macht sich der Widerwille gegen das Christenthum so merkbar, 
nirgends wii-d die Destruction so systematisch betrieben wie dort. 
Jede, auch die unschuldigste Gelegenheit, wird in Schrift und 
Wort benützt, um den positiven Glauben zu verunglimpfen und 
räuberisch anzufallen. „So starken Ausdruck wie in Deutschland 
hat die Verachtung Gottes und seines Wortes, die Abwendung 
von Christo und seinem Heile, der Hass gegen die Erche und 
ihre Institutionen kaum irgendwo sich gegeben. Wenn es auch 
nur eine neue Auflage von Brehm's Thierleben ist, — es muss 
ein boshafter und hämischer Ausfall auf den christlichen Glauben 
hinein, und es ist nicht die socialdemocratische Presse allein, 
die sich in den Angriffen auf das Christenthum höchstens durch 
die Eücksicht auf den Staatsanwalt einigermassen beschränken 
lässt. Kaum gibt es irgend eine grosse, das öffentliche Leben 
bewegende Frage, welche nicht in Verbindung gebracht wird 



— 199 ~ 

mit der verschiedenen religiösen Parteistellung. Wenigstens stossen 
überall, auf den anscheinend abliegendsten Gebieten die religiösen 
Gegensätze aufeinander "J) 

Das Christenthum ist geschwunden, aber die Wenigsten 
haben etwas Anderes an seine Stelle gesetzt. Die Folge dieses 
Zustandes war frühzeitig eine krankhafte Lebensflucht, die sich 
naturgemäss vorerst in der Dichtung Luft machte. Göthe's 
Werther ist der erste grossartige Ausdruck dieser Stimmung. 
Göthe selbst hilft sich aus der Melancholie heraus und macht 
in seinem Faust die Halbheit der Zeit zu einer Art von Eeligion; 
allein, was Göthe glaubt, das genügt nur Wenigen; die grosse 
Masse verträgt es auf die Länge der Zeit nicht. Die nächsten 
Ableger Göthe's (und Schiller's) — die Eomantiker — gehen schon 
physisch und moralisch zu Grunde ; die Einen werden geisteskrank und 
geben sich den Tod, die Anderen suchen, da sie der protestan- 
tische Kationalismus und die starre Orthodoxie abschrecken, im 
Katholicismus die ersehnte Seelenruhe und widmen der ßeaction 
gerne Kopf und Hand.'^) 

Die neueste Gemüthsverfassung kennzeichnet die pessimi- 
stische Philosophie und die zahlreichen Anhänger dieses 
modernen Buddhismus. 



') Prof. Crem er in seinem Bericht über das evangelisch-religiöse 
Leben in Deutschland auf der siebenten Hauptversammlung der evangelischen 
Allianz. Cremer klagt auch über den Theologenmangel. 

2) Die Geistesrichtung der Eomantiker ist sehr gut gezeichnet in 
Brandes, die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts (deutsch 
V. Strodtmann) 1873, I. u. IL Bd. üeberhaupt stimmen die Kesultate dieser 
feinen psychologischen Skizzirung mit unserer Auffassung der modernen 
Entwickelung, und erst in diesem Lichte besehen, erhalten die Charaktere 
ihren eigentlichen positiven Hintergrund. Die Romantiker sind mir der 
poetische Niederschlag der allgemeinen Zerfahrenheit und Rathlosigkeit, das 
psychose Zerrbild des prometheischen Ringens eines Goethe- Faust und die 
traurige Fortsetzung der sentimentalen Unzufriedenheit des mit Rousseau 
„aus Christen Menschen** werbenden Schillers. Die psychologische Analyse 
der Ursachen und Motive der Selbstmörder bietet die Principien für das 
Verständniss der Romantiker und der krankhaften Poesie der Gegenwart 
überhaupt. (Ueber den Zusammenhang der deutschen Romantiker mit Goethe 
und SchiUer — dieser Zusammenhang ist culturhistorisch wichtig — Hettner, 
Die romantische Schule in ihrem inneren Zusammenhang mit Goethe und 
Schiller, 1850; cf. Brandes, L c. IL, p. 26 squ.) 



— 200 — 

„Sollte es so sehr unrichtig sein**, Mgt Pfleiderer, „in 
dem keineswegs leichtsinnig zu unterschätzenden modernen Pessi- 
mismus etwas derart zu sehen, wie den Katzenjammer der 
deutschen Aufklärung, den bei besseren, ob auch noch 
halb darinsteckenden Naturen beginnenden tiefen Ueber- 
druss an der Ueberbildung der letzten anderthalb Jahr- 
hunderte besonders in religiös-ethischer Richtung?"*) 

Gewiss ist der moderne Pessimismus nichts anderes als 
der philosophische Ausdruck des modernen Lebensüberdrusses, 
der Selbstmord in der Theorie, und es mögen sich diejenigen 
Deutschen, denen das Wohl ihres Volkes am Herzen liegt, die 
Frage ja zu beantworten suchen, warum gerade das gebildete 
Deutschland, das protestantische Deutschland, dem Lebensüber- 
druss in philosophischen Systemen Ausdruck verliehen hat. 

Besser als mit der protestantischen Majorität des deutschen 
Volkes stehen die Dinge mit der katholischen Minorität 
Deutschlands. 2) 

In dem beständigen Kampfe gegen den Protestantismus 
haben die Katholiken Deutschlands ihren Glauben derart gereinigt, 
dass man jetzt den Katholicismus in Deutschland unstreitig als 
den schönsten ansehen muss. Der protestantischen Bildung haben 
sich die deutschen Katholiken nicht verschlossen; der Clerus ist 
sittlich, und mit dem österreichischen verglichen, bedeutend 
tüchtiger. Die Theologie blühte und blüht noch immer in Deutsch- 
land, während bei uns, einem fast ganz katholischen Lande, die 
theologische Wissenschaft eigentlich gar nicht existirt. Mit seinem 
protestantischen Bruder verglichen, geniesst der deutsche Katholik 
in bedeutend höherem Grade die Segnungen wahi*er und inniger 
Eeligiosität. 



1) E. Pfleiderer, Der moderne Pessimismus, p. 106. (Deutsche Zeit- 
und Streitfragen von Fr. v. Holtzendorff und W. Oncken, Heft 54 und 55.) 
Cf. Sully, Pessimism, a history and a criticism 1877, p. 449. 

2) In Deutschland gibt es circa 25 Mill. Protestanten, 14 Mill. Katho- 
liken und zwar: 

Protestanten Katholiken 

Im Norden 70-937o 27'267o 

Im Süden 37-350/o 6101% 



— 201 — 

Im Zeitalter der allgemeinen Eeaction erstarkte die katho- 
lische Kirche in Deutschland in hohem Grade, und viele Pro- 
testanten suchten ihre religiösen Bedürfnisse in ihr zu befriedigen. ^) 
Baiern blieb lange Zeit hindurch der privilegirte Herd des ültra- 
montanismus. 

Das letzte Concil zeigte aber, dass auch in Deutschland 
ein grosser Theil der Katholiken nicht mehr mit dem Papismus 
zufrieden ist, und es erfolgte die altkatholische Secession unter 
der Leitung von DöUinger, Friedrich, Michelis u. A. Doch ist 
diese Bewegung viel zu schwach, als dass die Macht Koms in 
Deutschland gebrochen wäre; im Gegentheile erstarkt dieselbe in 
dem gegenwärtigen Kampfe des ültramontanismus und der Ke- 
gierung, und das um so mehr, als die Kegierung im Grunde 
reactionär ist. 

§. 11. In Dänemark hat die aus politischen Gründen ein- 
geführte Keformation wenig Früchte getragen. Krone und Adel 
benützten die Kirche für ihre Zwecke, für das Volk wurde weder 
in intellectueller noch in religiös-sittlicher Beziehung etwas gethan. 
Seit der Keformation war Dänemark von der deutschen Theologie 
und Literatur auf religiösem Gebiete abhängig; besonders aber 
war es der Kationalismus, der bei den Predigern und der Masse 
des Volkes Anklang fand. Dänemark ist gegenwärtig sehr irreligiös, 
der der US ohne Zucht und Sitte, die Verflachung und Versumpfung 
allgemein. Es regte sich zwar gegen den Kationalismus eine 
Opposition (geführt von Grundtvig), aber da sie mehr das nationale als 
religiöse Element betonte, hat sie keinen grossen Nutzen gebracht. ^) 



1) Unter den bedeutendsten. Convertiten waren: Stolberg, Schlegel, 
A. H. Müller, C. L. Haller u. A. 

2) Aus der intoleranten Behandlung, die dem geistreichen Brandes an 
der Kopenhagener Universität wegen seiner Betheiligung an dem Streite der 
Freidenker und Orthodoxen (er widerlegte in einer Abhandlung „üeber dßn 
Dualismus in unserer neuesten Philosophie" die Behauptung Rasmus 
Nielsen's, der Glaube habe mit dem Wissen absolut nichts zu thun und 
verfocht in seiner Zeitschrift und besonders in der oben angeführten Haupt- 
schrift über die Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts die Freiheit des 
Gedankens gegenüber jeglicher Bevormundung) zu Theil wurde, daif man 
nicht auf inniges, religiöses Leben, sondern nur auf Intoleranz der starren 
Orthodoxie schliessen. 



— 202 — 

Bedauernswerth war das Los der deutschen Provinzen Schles- 
wig-Holstein. Zumal nach der Revolution im Jahre 1848 wurdedas 
Land systematisch gedrückt und unter anderem auch der Seelsorge 
berauht, dadurch, dass die deutschen Pastoren beseitigt und durch 
dänische ersetzt wurden. Der religiöse Zustand war in Folge 
solcher Brutalität womöglich noch schlimmer als in Dänemark 
selbst. ') 

§. 12. Besser als in Dänemark sind die religiösen Zustände 
in den zwei anderen skandinavischen Ländern, Schweden und 
Norwegen. 

In Schweden ist das Lutherthum in seiner Keinheit erhalten. 
Das Volk ist religiös und der Clerus hat eine grosse Macht; vom 
Rationalismus weiss Schweden erst in allerneuester Zeit. Die 
bisher starre Orthodoxie beginnt sich an den theologischen Fort- 
schritten der Neuzeit zu betheiligen und auch das innerkirchliche 
Leben wird rühriger und lebendiger; besondere Sorgfalt wendet 
man auf die Ausrottung des schwedischen Nationalübels, der 
Trunksucht. 

Norwegen hat einerseits mit Schweden, andererseits mit 
Dänemark Aehnlichkeit. Der dänische Rationalismus hat hier 
grosse Fortschritte gemacht, aber die Aufklärung ist gleichmässiger 
als selbst in den civilisirtesten Ländern des Continents und darum 
weniger gefahrlich. Das Volk ist religiös und der Clerus ist 
mächtig. 2) 



^) Wenn nur die Hälfte davon wahr ist, was der Schleswiger Prediger 
Petersen über dänische Verflachung, ünsittlichkeit und Unglauben sagt, 
so ist Dänemark das irreligiöseste Land Europa's. V. Petersen, Erlebnisse 
eines Schleswig'schen Predigers, 1856. — In Kopenhagen gab es 1859 unter 
den 150.000 Einwohnern nur 6000 beständige Kirchengänger. In Altona 
genügte eine einzige Kirche für 45.000 Einwohner. Empfindlich ist der 
Mangel an Predigern : In Schleswig gibt es Pfarreien mit 13.000 auf Meilen 
zerstreuten Menschen und nur zwei Prediger; Holstein hatte 1861 für seine 
544.419 Einwohner nur 192 Prediger, die überdies nicht selten zu zweien 
oder dreien an ein und derselben Kirche standen. Dieser Mangel an Predi- 
gern war und ist noch in allen skandinavischen Ländern fühlbar. Cf. For e ster, 
Norway, 1848 and 1849, p. 309. 

2) Ueber die Stellung der Gebildeten in Norwegen v. Kloeden, 1. c. 
III., p. 378. 



— 203 — 

§. 13. Bisher haben wii* die lutherischen Völker betrachtet, 
und wenden uns nun zu den Anhängern der reform irten Kirche. 

Der Galvinismus sucht, seiner dogmatischen Anschauung 
entsprechend, das Leben in allen seinen Verhältnissen ernst, 
streng und gesetzlich zu gestalten. Die Lehre von der Prä- 
destination, welche mit dem consequenten und einzig richtigen 
Determinismus logisch nicht zusammenhängt, bringt nothwendig 
einen grossen sittlichen Ernst hervor; denn nur das unbedingte 
Befolgen der göttlichen Gebote, nur der unbedingte Gehorsam 
dem absoluten Gesetzgeber gegenüber, verbürgt die Gewissheit, dass 
der Einzelne nicht zur ewigen Verdammniss prädestinirt ist. *) Die 
Organisation der Kirche ist democratisch, der Unterschied des 
Laien und Priesters ist ganz aufgehoben; Eeligion und Kirche 
werden streng geschieden, jeglicher Formalismus ist verpönt und 
es wii*d in Allem auf die Sache selbst gesehen. 

Die reformirten Völker sind gegenwärtig — die Schweiz 
ausgenommen — unter allen protestantischen Nationen die reli- 
giösesten; was Spanien und Portugal für die katholische, das 
sind die reformirten Länder für die protestantische Welt. 

Beginnen wir nun unsere Uebersicht mit dem Heimatlande 
des Calvinismus. 

Die Schweiz, nach England das gewerbfieissigste und 
industriellste Land Europas, ist in hohem Grade irreligiös; in Genf, 
der Wiege des Calvinismus, ist die Eeligion nahezu unbekannt. ^) 
In dem Maasse, als die moderne Aufklärung fortschritt, wurden 
die Theologen und die Massen ungläubig. Auch wii*kte der 
Democratismus schädlich. Die democratische Kirchenverfassung 
ergibt sich zwar mit Consequenz aus dem protestantischen und 



^) Die Schilderungen Buckle's über die Verfinsterung des schottischen 
Charakters sind gewiss übertrieben, sofern nicht alle Anhänger Calvins in 
so hohem Grade das Leben ernst auffassen, wie diejenigen, nach denen 
Buckle sein Bild entwarf. So viel ist aber richtig, dass der Calvinismus 
mit seiner energischen Betonung des sittUchen Lebens das Gemüth ernst 
stimmt. (Es wäre interessant, die Wirkungen der verschiedenen Lehren genau 
zu studiren; man käme zu merkwürdigen Resultaten : wo z. B. der Methodis- 
mus sehr verbreitet ist, soll sogar eine Veränderung der Physiognomien vor 
sich gehen, man begegne da einer Menge harter, roher und verdüsterter 
Gesichter. Quarterlj Review IV., p. 503.) 

2) So äusserte sich die Saturday Review, 1859, Oct. p. 421. 



— 204 — 

zumal calvinistisch gefassten Principe und kann als Ideal der 
kirchlichen Organisation angesehen werden; nur muss die Ent- 
wickelnng naturgemäss vor sich gehen, und wie jede Freiheit, 
nicht missbraucht werden. In der Schweiz nun wurde häufig an 
vielen Orten aus der democratischen eine ochlocratische Organi- 
sation, und die ist, zumal die Massen irreligiös geworden sind, ein 
grosses Uebel für Kirche und Gesellschaft. 

Die Berichte über den religiös-geistigen Zustand der pro- 
testantischen Schweiz, die Pfarrer Güder 1856 auf der Pariser 
Versammlung der evangelischen Allianz gegeben hat, waren sehr 
betrübend; seine Berichte über die Gegenwart lauten noch 
schlimmer. *) Die Massen sind unchristlich und irreligiös geworden 
und scheuen sich weniger denn je, ihren Unglauben offen zu 
bekennen; die verfassungsmässig gewährleistete Keligionsfreiheit 
dient als Deckmantel jeglicher religiösen Kohheit. Der Kirchen- 
besuch nimmt überall ab, ebenso der Abendmahlgenuss, die Taufe 
und die kirchlichen Einsegnungen sind in Abnahme begriffen, der 
Eeligionsunterricht wird aus allen öffentlichen Schulen verdrängt'^), 
kurz. Gebildete und Ungebildete sind irreligiös. 3) 

Wie überall, so ruft auch in der Schweiz der Unglaube 
eine Eeaction hervor. Das Sectenwesen. erblüht, der englische 
Methodismus gewinnt, zumal in der französischen Schweiz, viele 
Anhänger, die christlich Gesinnten organisiren freie Kirchen und 
Gemeinschaften u. s. f.; aber das Alles genügt nicht, um dem 
Unglauben und seinen üblen Folgen zu steuern. 

Die katholische Bevölkerung der Schweiz ist religiöser 
und entschieden kirchlicher als die protestantische. *) Als Mino- 
rität unterdrückt, bewahrte sie ihre Keligiosität in höherem Grade 



^) Berichte und Eeden, p. 23 squ. 

2) In Zürich wird bereits in fünfzig Schulen und überdies im Schul- 
lehrer-Seminar kein Religions-Ünterricht ertheilt. (Irre ich, wenn ich die 
rabulistische Schriftstellerei Scherr's als Massstab der schweizerischen 
höheren „Bildung^ ansehe?) 

3) Man beachte als Symptom, dass das Volk entgegen dem Wunsche 
der Gesetzgeber, die Todesstrafe wiedereinführte. 

*) Von den 22 Cantonen sind nur 3 nahezu ganz reformirt, 12 sind 
gemischt und 7 katholisch. Im Ganzen gibt es IV2 Mill. Eeformirte und 
980.000 Katholiken. 



— 205 — 

und verdankte, wie überall, ihrer hierarchischen Organisation 
manchen moralischen Sieg über den Protestantismus J) Die 
Jesuiten bearbeiteten das Volk so, dass 1847 im Sonderbunds- 
krieg es sogar zu einer Art Keligionskrieg kam. 2) Erst 1874 wurde 
durch die schon längst beschlossene und erfolglos versuchte Re- 
vision der Bundesverfassung die Macht der Kirche gebrochen, und 
die mächtige altkatholische Bewegung, die in der Schweiz, 
und besonders in Genf, viele Anhänger fand, zeigt, dass das 
katholische Volk aus eigenen Stücken nicht mehr an der Kirche 
so innig hält wie ehedem. ^) 

§. 14. Wie in jeder, so bietet auch in religiöser Beziehung 
das kleine und stille Holland gi'osse Eigenthümlichkeiten dar. 

Die lutherischen Ansichten wurden in dem gewerbfleissigen 
Lande frühzeitig bekannt, und nachdem etwas später von der 
gi'ossen Mehrzahl der Bewohner das reformirte Bekenntniss an- 
genommen worden, hatten die Holländer gegen die Inquisition 
und den grausamen Philipp die Feuerprobe ihres Glaubens zu 
bestehen. Mit der politischen Unabhängigkeit wurde auch die 
kirchliche eiTungen, imd seither sind die reformirten Holländer 
die erbittertsten Feinde des Papismus. Die Religionsfreiheit, die 
allen Bewohnern gestattet wurde, -— Descartes, Spinoza u. A. 
fanden in Holland ihre Freistätte — brachte die Landeskirche 
zum Rationalismus und die Aufklärung griff stark um sich. Trotz- 
dem ist die Masse des Volkes religiös geblieben und sucht nöthigen- 
falls ausser der Kirche Befriedigung für ihre religiösen Bedürf- 



^) Genf, das Rom des Calvinismus, welches bis zur französischen 
Revolution keine katholische Bevölkerung hatte, und wo bis 1793 jedem 
katholischen Geistlichen das Messelesen hei Todesstrafe verboten war, ist 
jetzt der Sitz eines Bischof es und hat mehr katholische als reformirte Ein- 
wohner. 

2) Man hat den Sonderbundskrieg häufig als Religionskrieg hinstellen 
wollen. Aber es handelte sich bei der Sache nicht um den Widerstreit 
wahrhaft religiöser Ueberzeugungen, wie etwa im dreissigjährigen Kriege, 
sondern um rein kirchliche Angelegenheiten; es war ein Kampf der Bundes- 
regierung gegen clerikalen Ultramontanismus. Eine so rasche Beilegung der 
Streitigkeiten wäre bei einem Religionskriege nicht möglich gewesen. 

3) In Genf wurde 1873 der bekannte Ex-Carmeliter P. Hyacinthe als 
Pfarrer gewählt ; ausser ihm noch zwei andere Altkatholiken. 



— 206 — 

nisse. ^) Für die relativ hohe Religiosität spricht das rührige Leben 
einiger von der Landeskirche abgetrennter Kirchen (vornehmlich der 
christlich-reformirten). 

Die katholische Minorität Hollands ist in hohem Grade 
kirchlich und religiös; der Ultramontanismus hat gerade hier 
sein Eldorado gefunden. 2) Nach 1848 strömten die Jesuiten, 
nachdem das Staatsgrundgesetz absolute Glaubensfreiheit anerkannt 
hatte, haufenweise in das Land und festigten die papistische 
Hierarchie. 

§.15. In Grossbritannien ist der conservative Geist des 
Mittelalters nur allmählich und stetig vor dem Drängen nach 
Freiheit gewichen; demgemäss ist die Episcopalkirche eine merk- 
würdige Verbindung des Katholicismus und Protestantismus, des 
Mittelalters und der Neuzeit. 

Baco, Hobbes und Locke regten, jeder nach seiner Art, 
die empüische Denkweise an, welcher die Engländer bis auf den 
heutigen Tag treu geblieben sind. Die Philosophie trennte sich, 
wie überall, auch hier von der Theologie; aber erst in allerneuester 
Zeit gedieh sie bei einigen wenigen Denkern zu einer vollen 
Negation der positiven Religion. Die englischen D eisten waren, 
mit ihren Gegnern verglichen, intellectuell schwach, und bei der 
Intoleranz jener Tage war die Wirkung ihrer Schriften verhältniss- 
mässig gering.^) Ihrer so gegliederten und wissenschaftlichen 
Gegnerschaft gegenüber, konnte der in sich haltlose Deismus 
nicht imponiren, und daher verflacht und versumpft er mit der 
Zeit gänzlich. *) Aber er hat trotzdem gewirkt und die moderne 
Aufklärung angebahnt. 



t) Man klagt selbst protestantischerseits über den Mangel an Theo- 
logen und sucht darin ein Zeichen des Verfalls. Mit Recht; aber es gibt in 
Holland auch solche Gemeinden, welche absichtlich ohne Prediger bleiben, 
weil ihnen die Candidaten zu rationalistisch sind. Das ist gewiss ein Zeichen 
von Religiosität und Kirchlichkeit. 

2) Zwei Fünftel der Bewohner sind katholisch. 

3) Leslie Stephen, History of EngUsh Thought in the 18. Century, 
1877, L, p. 85 squ. 

*) Es verdient angemerkt zu werden, dass Blount, einer der Deisten, 
durch Selbstmord umkam (1693); er vertheidigte in einer Schrift den Selbst- 
mord als moralisch zulässig. 



— 207 — 

Etwas anderer Art war die Wirkung der englischen Mora- 
listen, jener grossen Gruppe von Philosophen, welche der Ethik 
eine von der Theologie unabhängige Basis zu geben suchten. 
Während die Deisten, die Grundlagen der Naturreligion suchend, 
mehr den theoretischen Theil des Christenthums angriffen, zeigten 
die Moralisten, dass selbst eine Ethik ohne positive Beligion 
möglich ist, und griffen derart, vielfach ohne zu wollen, die für 
die Masse entscheidendste Begi-ündung der Volksreligion an. 

Ganz entschieden und in hohem Grade verderblich wurde 
dem Christenthum die Philosophie David Hume's. Seine erkennt- 
niss-theoretische Skepsis musste sich natürlich auch auf die Beligion 
beziehen, denn, wenn die Erkenntniss von Ursachen nicht möglich 
ist, so ist damit direct dem Theismus und indirect dem Christen- 
thum die Basis entzogen, üebrigens versäumte es der grosse 
Denker nicht, seine Ansichten über das Wesen der Beligion 
direct auszusprechen. In den gediegenen Abhandlungen über 
die Beligion kommt er zu dem Schlüsse, dass die schlechte Ein- 
richtung der Welt ganz entschieden die Gotteshypothese aus- 
schliesse, man könne vernünftigerweise nur die Annahme machen, 
dass die Natur ganz blind walte. Meisterhaft und bitter sind 
seine Schilderungen der Uebel dieser Welt; Schopenhauer hat 
für seinen Pessimismus nichts Aergeres erbracht; aber Hume 
wird nicht Pessimist, sondern seine definitive Consequenz ist 
wohl die, man solle die Welt nehmen wie sie eben ist, und nach 
dem Warum, Woher, Wozu gar nicht fragen. Seine heitere 
Lebensstimmung berechtigt zu der Annahme, dass er die Skepsis 
nur als Mittel für eine rein positive Weltanschauung benützte. ^) 
Es ist ihm auch ganz gleichgiltig, ob der Mensch den Selbstmord 
begehe oder nicht — Leben oder Tod eines Menschen habe für 
das Universum nicht mehr Bedeutung als Leben oder Tod einer 
Auster. 2) 



^) Gewiss wurde Comte durch Hume's Untersuchungen über den 
Causalitätsbegriff zu dem Grundgedanken seiner positiven Philosophie an- 
geregt. Cf. Philosophie positive, VI., p. 259. 

2) Hume's Essay über den Selbstmord ist interessant für die Geschichte 
der Selbstmordneigung. Hume selbst hat ihn unterdrückt und er wurde 
erst nach seinem Tode veröffentlicht : man scheute sich noch vor etwas mehr 
als 100 Jahren, über den Gegenstand ganz frei und öffentlich zu verhandeln. 



— 208 — 

Nach Hume wird die Aufklärung, ünkirchlichkeit und Irre- 
ligiosität immer grösser , trotzdem auf der anderen Seite die 
Christen nicht minder sich anstrengen, das öffentliche und private 
Leben dem Einfluss der Eeligion zu erhalten. Gegen Ende des 
18. Jahrhunderts werden die französischen Aufklärer im Lande 
bekannt und es dauert nicht lange, so ersteht in Paine ein 
Nachzügler der Deisten. Bedeutsam ist, dass Paine, ein Mann 
des Volkes und selbst ungeschult und ungelehrt, die Unzufrieden- 
heit der Massen mit der bestehenden Eeligion zum Ausdrucke 
bringt. Gewiss ist sein Age of Eeason (1793 — 1807) für unsere 
Begriffe schal und unwissenschaftlich; aber es steht schlimm, wenn 
selbst der Ungebildete die positive Eeligion und die bestehende 
Kirche für unzulänglich erklären kann und muss. •) 



In dem Masse, als der Selbstmord häufiger geübt wurde, lenkte der Gegen- 
stand die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und die Schriften darüber 
werden immer häufiger. lieber die Geschichte des Hume'schen Essays „On 
Suicide** v. (Green-Grose's Ausgabe) Essays I., p. 70. 

*) Winslow berichtet, dass Leute, denen es früher nie eingefallen 
wäre, den Selbstmord verübten, nachdem sie das Buch gelesen hatten. — Das 
Painesche Buch ist typisch für viele ungebildete, halbgebildete Nichtmehr- 
Christen; es ist mit grosser Begeisterung in revolutionärer Weise geschrie- 
ben, wie es von einem Manne nicht anders zu erwarten ist, der die amerika- 
nische und französische Eevolution mitmachte. Paine legt — wie er uns 
sagt — sein Buch am Altar des Cosmopolitismus nieder; er schreibt gegen 
das Christenthum, weil nichts für den Allmächtigen entehrender ist als 
dieses; aber er fürchtet sich, dass mit dem Untergang des Aberglaubens 
und Umsturz der falschen Eegierungssysteme die Moralität, Humanität und 
wahre Theologie zugleich zu Grunde gehen könnte. Darum ist sein Buch 
nicht minder gegen den Atheismus als gegen das Christenthum gerichtet. 
Paine glaubt an Gott und die Unsterblichkeit der Seele, aber er glaubt nicht 
an die jüdische, römische, griechische, türkische, protestantische Kirche. 
Seine Kirche sind ihm seine eigenen Gedanken und Gesinnungen. Mit einem 
Worte: er ist nur Deist, die Naturwissenschaft ist die wahre Theologie. Die 
Bibel enthält wenig wahrhaft Deistisches, eher ist sie atheistisch; die Lehre 
von der Offenbarung ist eitler Humbug; es gibt nur ein altes Buch, das 
allgemeinen Glauben verdient: Euklides Anfangsgründe der Geometiie. 
(Paine ist in der Secte der Quäker erzogen, die er für die relativ beste hält. 
Als er sieben oder acht Jahre alt war, hörte er einen seiner Verwandten 
über die Erlö&ung der Menschen durch den Tod des Sohnes Gottes predigen; 
das Widersprechende an dieser Doctrin missfiel ihm derart, dass er von da 
ab ein erbitterter Gegner des Christenthums wurde, daher suchte er es zu 
widerlegen, indem er die Widersprüche der Bibel und das nach seiner Ansicht 



— 209 — 

In unserem Jahrhundert griff der Unglaube mehr und mehr 
um sich, wenn auch seltener in der rohen Weise wie in den 
anderen Ländern, sondern ruhiger, bedächtiger und in den 
meisten Fällen darauf bedacht, an die Stelle des Zerstörten 
etwas Neues zu setzen. Typisch ist in dieser Hinsicht J. St. Mill. 
Wie Comte gibt er die positive Volksreligion auf; ohne Gehässig- 
keit, nur aus reinem Wahrheitsdrang kritisirt er die Grundlagen 
des Christenthums, anerkennt das Gute desselben, will aber, weil 
er es nicht für das Wahre hält, an seine Stelle den Utilitaria- 
nismus als Eeligion setzen; er, der selbst in Folge seiner ganz 
eigenthümlichen Erziehung nie ein religiöses Bedürfniss hatte, 
— er sagt uns das in seiner Autobiographie — wünscht, dass 
sein ethisches System Volksreligion werde. Es ist interessant, 
Mill's Strebungen mit denen von Comte zu vergleichen: der 
ungläubige Engländer wünscht Freiheit, der ungläubige Franzose 
eine intellectuelle Autokratie — jener ist eben Protestant, dieser 
Katholik, und es gibt nur diese zwei Wege, auf denen die 
Menschen zur definitiven Beruhigung gelangen können. 

Aber es gab und gibt auch leidenschaftliche und blinde 
Feinde des Christenthums; Byron 's Weltschmerzpoesie ist ein 
solcher Ausdruck des modernen Geistes der Negation, der, unzufrieden 
mit den althergebrachten Institutionfen, ihre Schranken gewaltsam 
durchbricht, um in dem titanischen Kampfe gegen die Autorität 
die Qualen und Martern eines selbstgefesselten Prometheus zu 
erdulden. ^) Aber das Käsen Byron's hat, eben weil es ein Easen 
war, nicht so nachhaltig gewirkt, wie etwa Goethe's Geistesarbeit. 

Durch den einreissenden Unglauben aufgeschreckt, entwickeln 
die verschiedenen kirchlichen Secten gerade in diesem Jahrhunderte 



Unsinnige in derselben schonungslos und ohne jegliche Pietät aufzudecken 
unternahm. The Age of Reason, being an Investigation of tinie and fabulous 
Theology (deutsch : Untersuchungen über wahre und fabelhafte Theologie, 1794) 
I., pp. 25—28, 94, 101, 103, 104, 195; II., p. 9; cf. I., p. 139 squ. 

*) Die Leidenschaftlichkeit Byron's und Shelley's begreift man, 
wenn man sich daran erinnert, dass die englische Staatskirche die römische 
Hierarchie und ihren Hochdruck auf die Gemüther beibehalten und mit dem 
reformirten Princip in eigenthümlicher Weise verquickt hat. 

Das Streben dieser englischen Revolutionäre kennzeichnet der Vers, 
den Shelley in das Fremdenbuch im Chamounithale eingeschrieben hat: 

Masaryk. Der Selbstmord. 14 



— 210 — 

eine grossartige Regsamkeit; schon im vorigen Jahrhundert aber 
hatte sich dem Unglauben und der erdrückenden Orthodoxie gegen- 
über durch Wesley's hinreissendes Beispiel der gemüthstiefe 
Methodismus entwickelt. 

Theoretisch von einander abweichend, arbeiten die verschiedenen 
Sekten praktisch friedlich nebeneinander. Herzerhebend ist die innere 
Missionsthätigkeit ; auf den Strassen , in den Wirthshäusern und ver- 
rufenen Localen wird den Verkommenen das Evangelium gepredigt ; 
Droschkenkutschern, Seeleuten u. A. bringen freiwillige Prediger 
die frohe Botschaft; in den Sonntagsschulen unterrichtet neben 
dem Lordkanzler der Arzt und üniversitätsprofessor; — wie viele 
Aerzte sind bei uns religiös oder gar kirchlich? Bei uns findet 
man die englische Keligiosität fade, „und wenn sie auch für das 
Ganze gute Früchte trägt, so ist sie doch eigentlich nur Heuchelei 
u. s. w.;" freilich bedenkt man nicht, wie unwahrscheinlich es 
ist, dass ein ganzes Volk durch Jahrhunderte sich selbst etwas 
vorheucheln sollte. ^) Wie die innere, so ist auch die äussere 
Missionsthätigkeit Englands gi*ossartig. 

Man hat der Staatskirche oft vorgeworfen, dass sie eigent- 
lich nur für die gebildeteren, aristokratischen und reichen Stände 
da sei; für den Armen, den Arbeiter, habe sie kein Herz und 
kein Verständniss. Der Vorwurf ist vielfach gerechtfertigt; aber 
abgesehen davon, dass es schon ganz merkwürdig ist, dass gerade 
die Gebildeten kirchlich und religiös sind, so muss man eben 
daran denken, dass die Geschicke eines Landes vornehmlich in den 
Händen der gebildeten und wohlhabenden Stände überhaupt ruhen, 
und dass sich das Gros des Volkes nach diesen richtet. Dann 
aber darf man der zahlreichen Dissenter nicht vergessen, die den 
Fehler, den die Staatskirche begeht, zum grossen Theile gut machen. 2) 

Fassen wir das Gesagte zusammen, so ergibt sich folgendes 
Gesammtbild des geistigen Lebens Englands. Das Volk ist in 



1) Was würde ein Oesterreicher sagen, wenn er sähe, dass die Welt- 
ausstellung mit religiösen Ceremonien eröffnet und geschlossen würde, wie 
in London? 

2) Die Thatsache, dass seit den Vierzigerjahren so viele Aristokraten 
und Prediger der Staatskirche zum Katholicismus übergetreten sind, mag 
ein Armuthszeugniss für die Episcopalkirche sein; für die Entwickelung der 
Selbstmordneigung hat es nicht ungünstig, sondern günstig gewirkt. 



— 211 - 

England religiös, die Gebildeten und Ungebildeten auf gleiche 
Weise. ^) Jeder Engländer sieht in der Keligion die sichere, weil 
einzige Basis des socialen und politischen Gedeihens der Nation. 
Das protestantische Preiheitsprincip hat im Laufe der Entwickelung 
zur Toleranz geführt und in Folge dessen die Keligion zu einer 
wahren Herzenssache gemacht. In keinem Lande Europas ist 
die weltliche Literatur von so hohem und religiösem Geiste getragen 
wie in England; ob Christ oder Nichtchrist, jeder respectirt die 
Institutionen und üeberzeugungen, welche Millionen seiner Mit- 
bürger heilig sind. Aus diesem Grunde findet sich in England 
die moderne Halbheit seltener als in den anderen civilisirten 
Ländern des Continents, und darum ist .auch die Selbstmord- 
neigung eine geringere, ja, mit den übrigen Ländern verglichen, 
eine sehr geringe. Tausende von privaten Associationen kümmern 
sich um geistiges und leibliches Wohl und Wehe der Bürger, 
und so geschieht es, dass die Unzufriedenheit mit dem Leben 
im Keime erstickt wird. 

§. 16. Um die religiösen Verhältnisse des „classischen Landes 
der Bibel" noch genauer kennen zu lernen, müssen wir, wenn 
auch in aller Kürze, auf Schottland und Irland einen Blick 
werfen. 

Schottlands kirchlich-religiöse Zustände sind bei uns aus 
Buckle's berühmter Darstellung der schottischen Civilisation 
bekannt. Man glaubt bei uns, der Charakter des Volkes sei 
durch seine Religion verfinstert, man spottet über die Macht des 



^) In London gab es 1865: 



-, . ... , Kirchen _., 

Geistliche .., „ . Sitze 

(Capellen) 



Staatskirche 600 559 512.0C7 

Congregationalisten . . 291 174 130.611 

Baptisten 101 173 87.559 

Methodisten 180 202 81.773 

Presbyterianer 25 29 22.923 

Andere 160 385 82.957 

1357 1316 917.895 

In England und Schottland gab es (auf 24,363.483 Einwohner) 
36.200 Geistliche und 34.700 Kirchen und Capellen; 1 Geistlicher auf 
073 Personen. 

In England dürfen auf der Bühne keine biblischen Charaktere vor- 
geführt werden; bei uns gibt es Possen, wie „Der besoffene Herrgott* u. a. 

14* 



— 212 — 

Clerus und die mehr als inquisitorische Intoleranz und Bigotterie 
der Nation. 

Allein so arg stehen die Dinge nicht, und wenn man schon 
die Schattenseiten hervorkehrt, so muss man auch die Lichtseiten 
kennen lernen. 

Es ist richtig, dass der strenge Calvinismus bei den Schotten 
eine gewisse Herbheit und Strenge erzeugt hat; dafür hat er das 
Volk vor Frivolität und oberflächlicher Feinheit bewahrt. *) Auch 
intolerant waren und sind die Schottländer, und es ist dies ent- 
schieden ein grosser Fehler; aber während ihre Intoleranz die 
Folge fester und lebendiger Ueberzeugung ist, sind andere Nationen 
ebenso intolerant, ohjie feste und lebendige üeberzeugungen zu 
haben. Die Macht des Clerus ist gross; aber ist das schlimmer 
als die Macht, welche z. B. bei uns gewisse Tagesblätter ausüben? 

Thatsache ist, dass Schottlands Volk durch und durch 
religiös ist, und dass es daher seinen Sinn auf viel idealere Dinge 
richtet als andere, irreligiöse Völker; die Antipathie aber, die man 
gegen eine solche Eeligiosität hegt, entspringt gewöhnlich der in- 
differenten Bequemlichkeit und ist daher ganz unberechtigt. Man 
sehe sich nur die grossartige Begründung der Freien Kirche 
an! Unzufrieden mit den Patronatsrechten, welche dem pres- 
byterianischen Geiste des Calvinismus zuwider sind, die aber in 
Schottland unter der Königin Anna (1712) wiederhergestellt wurden, 
verlässt ein Theil der Einwohner die schottische Staatskirche (1843), 
behält aber ganz dieselbe Lehre bei und organisirt eine eigene 
Kirche mit der gewünschten Verfassung. In weniger als 20 Jahren 
werden gegen 900 Kirchen, und was dazu gehört, erbaut, man 
errichtet Schulen, eine Universität, und überbietet sich in jeder 



^) Wenn Döllinger tadelnd hervorhebt, dass es in den schottischen 
Kirchen keine Orgeln, keinen Altar, kein Kreuz, kein Bild, kein Licht gebe, 
dass der Gottesdienst ohne jegliches Symbol, dass das Begräbniss kein kirch- 
licher Act sei, und Aehnliches, so tadelt er von seinem katholischen Stand- 
punkte und es v^äre erst zu beweisen, dass das katholische Ceremoniel besser 
sei. Das ist eben der Gegensatz des Katholicismus und Protestantismus, 
zumal des reformirten, dass die Religion nicht im Aeusserlichen, sondern in 
der Verinnerüchung zu suchen ist; jenes ist für die Masse unstreitig wirk- 
samer, dieses aber ist edler und erhabener und setzt eben darum eine Grösse 
der Gesinnung und Innerlichkeit des Gefühles voraus, welche der Katholi- 
cismus jedenfalls nicht so sehi* cultivirt. 



— 213 — 

Beziehung in christlichen Werken; ist das verächtlich? Nein! 
Ein Volk, welches für solche Dinge Sinn hat, welches eine solche 
Energie zu entwickeln vermag, ist zu beneiden. Und wenn dabei 
manche und viele Fehler begangen werden, so ist das nicht zu 
entschuldigen, ist aber menschlich und kommt (gegenwärtig) 
überall und bei Allem vor. 

Dem streng religiösen Sinne gemäss, ist auch die Literatur 
in höchstem Grade sittlich, ernst und gediegen. Und die Schott- 
länder haben für die moderne Aufklärung nicht wenig gethan! 
Das ist für uns sehr wichtig : trotz der Eeligiosität und Kirchlich- 
keit kann sich ein Volk in hohem Grade an der Geistesarbeit 
der Civilisation betheiligen. Es wird dann eben eine solide und 
ganze Arbeit sein, nichts Halbes und Oberflächliches. Deshalb 
kann man uns nicht sagen, die geringe Selbstmordneigung z. B. 
der Spanier komme von der Unbildung, nicht von der Eeligiosität 
her, denn wir sehen eben, dass Schottland, unbedingt eines der wahr- 
haft civilisirtesten Länder der Erde, trotz aller Bildung und Geistes- 
anstrengung eine sehr geringe Selbstmordfrequenz aufweist. Es 
ist eben die Eeligiosität, welche diesem Volke in den Gefährdungen 
des Lebens den nöthigen Halt gibt. 

Noch eine Eigenthümlichkeit Schottlands müssen wir für 
unsere Erklärung der socialen Massenerscheinung des Selbstmordes 
besonders geltend machen. Die Schottländer huldigen nämlich 
in hohem Grade dem Trünke. *) Nun wissen wir, dass die Trunk- 
sucht zum Selbstmorde sehr disponirt; da aber in Schottland, 



1) Wie die Schottländer dieses Nationallaster zu beseitigen trachten, 
mag folgende interessante und für sie höchst charakteristische Thatsache 
illustriren. Man hat nämlich von kirchlicher Seite die Frage aufgeworfen, 
ob beim heiligen Abendmahle statt Wein nicht auch Traubensaft g;espendet 
werden dürfte, damit das Sacrament zur Verbreitung des Lasters nicht beitrage. 

1874 wurden in Grossbritannien an Whisky verzehrt: 29,821.574 Gal- 
lonen. Davon entfielen per Kopf in 





England . . . 


0-699 Gallonen 




Irland . . . . 


1-264 




Schottland . . 


1-961 


An Bier 


entfielen per Kopf: 






England . . . 


43-056 Gallonen 




Irland . . . , 


. 14-238 




Schottland. . 


12-312 



— 214 — 

trotz dem Laster der Trunksucht, die Selbstmordneigung gering 
ist, so muss es wohl einen Factor geben, der diese ungünstige 
Wirkung paralysirt, und dieser Factor ist nichts Anderes als die 
Religiosität und Eirchlichkeit, die auch hier direct und indirect 
günstig wirkt. 

Die Anhänger der katholischen Kirche in Grossbritannieu 
sind ebenfalls sehr kirchlich und religiös. Die ungerechte Unter- 
drückung, die besonders in Irland unglaublich gross war, und 
die immer ein Schandfleck des englischen Protestantismus bleiben 
wird, hat das katholische Bewusstsein wach erhalten.^) Aber 
nicht nur das ; die katholische Kirche hat in neuester Zeit gerade 
der anglicanischen harte Schläge versetzt, indem sehr viele Ge- 
bildete, Aristokraten und Geistliche, zum Katholicismus übertraten, 
woraus Viele eine gänzliche Somanisirung Englands vorausgesagt 
haben. ^) 

§. 17. Die Ansichten über das Geistesleben der Ver- 
einigten Staaten Nordamerikas, selbst die unserer Gebildeten, 
sind ziemlich primitiver Art. Man stellt sich das Land gewöhnlich 
als eine Maschinenhalle en gros vor: das Ideale, Schöne und Er- 
habene fehlt in ihr gänzlich uüd die Bande von Betrügern und 
Schwindlern macht nur „Onkel Tom's Hütte", der Scalp und 
Tomahawk der Eothhaut interessant. 

Gewiss ist das Volk Amerikas sehr „praktisch", aber es ist 
nicht wahr, dass es nichts Ideales und Erhabenes cultivire. Für 
philosophische Systeme ä la Hegel hat der Amerikaner kein Ver- 
ständniss; nicht als ob in Amerika die Philosophie gar keinen 



An Spirituosen überhaupt, einheimischen und fremden, (1876) 

per Kopf: 

England ... 11 14 Gallonen 

Irland .... 1384 „ 

Schottland . . 2346 „ 

Wein wird in Schottland wenig verzehrt und nur von den bemittelteren 

Classeu. 

1) Für die grosse Kirchlichkeit der englischen Katholiken spricht unter 
Anderem die Thatsache, dass die altkatholische Bewegung, die in allen 
katholischen Ländern Anklang fand, nur an England ganz spurlos vorüberging. 

2) Von 1840—1852 traten in Oxford 92, in Cambrigde 42 Universitäts- 
mitglieder zur katholischen Kirche über; bis 1867 traten 867 Mitglieder der 
angesehensten Familien, darunter 243 Geistliche über. 



— 215 — 

Boden hätte, sondern deshalb, weil dort für die grosse Mehrzahl 
der Bewohner die Keligion die idealen Bedürfnisse befriedigt. ^) 
Der Puritanismus der ersten Colonisten lebt in dem amerika- 
nischen Volke noch heute; der Schweizer Calvinismus, wie er in 
Holland, England und Schottland modificirt worden, ist die eigent- 
liche Quelle des nationalen Charakters und der socialen Institutionen 
des Landes. 2) In Amerika besteht vollkommene Eeligions- 
freiheit; keine Toleranz, wie in den fortgeschrittenen Ländern 
Europas, sondern eine vollständige, absolute Freiheit. Es gibt 
keine Staats- und keine Nationalkirche; deshalb gibt es 
in Amerika keine „Secten", sondern nur „Denominationen"; 
die Eeügion ist eigentliche Herzenssache geworden. Obwohl getrennt 
in vielen theoretischen Ansichten, herrscht unter den zahlreichen 
Denominationen eine viel grössere Einheit in praxi, als in mancher 
Nationalkirche. Der Protestantismus hat sich in Amerika am 
natürlichsten und schönsten entwickelt; das Princip der freien 
Forschung innerhalb der Bibel ist praktisch vollkommen durch- 
gefühi-t und führte zum religiösen Individualismus. ^) Die Ueber- 
einstimmung aber ergibt sich naturgemäss von innen heraus, 
nicht in Folge einer äusserlichen Autorität. 

Die grosse Eeligiosität der Amerikaner erscheint erst dann 
im rechten Lichte, wenn man Folgendes überlegt. Bei der abso- 
luten Gedankenfreiheit, die auf allen Gebieten herrscht, 
müsste gerade in einem Lande, wo so viele fremdartige Elemente 
vorhanden sind, die intellectuelle Anarchie ganz besonders gi'oss 



1) Die Religiosität und Kirchlichkeit Amerikas lässt sich gut messen 
a) an dem beständigen Entstehen neuer Denominationen; b) den berühmten 
und berüchtigten „Revivals" der letzten Decennien; c) der grossartigen inneren 
und äusseren Missionsthätigkeit und schliesslich d) an der Zahl und Ver- 
breitung der Sonntagsschulen. Es gab nämlich 1879 mindestens 82.261 Sonn- 
tagsschulen mit 886.328 Lehrern und 6,623.124 Schülern; wer über das 
Wesen und die Bedeutung der protestantischen Sonntagsschule einen nur 
annähernd richtigen Begriff hat, weiss, was ein so grossartig angelegtes 
Institut für Amerikas religiöse Zustände zu bedeuten hat. Cf. Sunday School 
Chronicle, Juli 1880. 

2) Cf. Bancroft, Geschichte der Vereinigten Staaten von Nord- 
amerika (deutsch von Kretzschmar) 11., p. 400 squ. 

3) Um dem Leser annähernd ein Bild des amerikanischen De- 
nominationalismus zu geben, erbringe ich folgende Angaben über die 



— 216 — 

sein, wenn nicht eine sieh von selbst einstellende Autorität die 
Gemüther zügelte. Diese Autorität ist die Religion, und so bringt 
die Freiheit des Gedankens, wie Schaff in seinem letzten Berichte 
über das Chris tenthum Amerikas trefflich bemerkt, nicht wie in 
Deutschland viele Meinungen, sondern mehr Denker hervor. 

Kirche und Staat sind absolut getrennt; die Eirchlichkeit 
und Eeligiosität kann zu Regierungszwecken nicht ausgebeutet 
werden. Die Regierenden sind aber nicht weniger religiös als 
die Anderen, und so ergibt sich von selbst das richtige Verhält- 
niss von Staat und Kii'che. Dieses Verhältniss gibt uns Europäern 
viel zu schaffen und wir haben in dieser Beziehung schon unzählige 
Vor- und Rathschläge gehört ; trotzdem löst sich das Problem nicht, 
weil in fast allen Ländern Europas die Kirche (selbst bei den 
Protestanten) hierarchisch, und die Regierenden — und darauf 
kommt es vornehmlich an — unkirchlich und irreligiös sind. Die 
Frage nach dem Verhältnisse von Staat und Kirche löst sich 
auf dieselbe einfache Weise wie die so oft aufgeworfene Frage 
nach dem Verhältnisse der Kunst und Moral: die Kunst hat 
keine moralischen Zwecke, aber die Künstler sollen moralisch sein, 
die Regierenden haben keine kirchlichen Zwecke, aber sie sollen 



Zahl der Kirchen und Capellen (Synagogen) in der Stadt New- York im 
Jahre 1878: 

Baptisten 46 

Congregationalisten 9 

Quäker 5 

Griechen 1 

Juden 23 

Lutheraner 23 

Methodisten (episcopale) 58 

« (afrikanisch-episcopale) .... 8 

(freie) 2 

Mährische Brüder 2 

Preshyterianer 65 

, (unirte) lo 

« (reformirte) '. . . . 6 

Episcopalkirche 85 

» (reformirte) 2 

Reformirte 28 

Bömisch-katholische 56 

Unirte 18 

TJnitarier 4 

Universalisten 6 

Verschiedene 39 

iÄ6~ 



— 217 — 

religiös sein. In Amerika ist die Sache auf diese Weise natur- 
gemäss und einfach gelöst worden. ') 

Die absolute Trennung des Staates von den Kirchen hat 
der Kepublik nie geschadet; die freie Regierung braucht die 
Stütze des Clerus nicht, weil sie auf den soliden Grundfesten 
der Seligion ruht. Wäre das nicht der Fall, so könnte sich ein 
Land mit allgemeinem Stimmrecht, mit absoluter politischer Frei- 
heit nicht erhalten, denn „der Despotismus", sagt Tocqueville 
mit Recht, ^mag immerhin ohne Religion regieren, die Freiheit 
vermag es nicht".' 

Bedenkt man schliesslich, dass Amerika gar kein Militär 
hat, dessen Bajonette in Friedenszeiten zur Erhaltung der inneren 
Ordnung benützt werden könnten wie in Europa, und bedenkt 
man überdies, dass Amerika in den Einwanderern so viele 
fremde und nur zu häufig ungezügelte Elemente erhält, so muss 
man das solide Gebäude bewundern, auf welchem das Sternen- 
banner der Union so sicher aufgepflanzt ist. Störungen, wie etwa 
die im Jahre 1877 u. a., verschwinden, wenn man sie mit den 
Uebeln vergleicht, welche uns bedrohen, und die wir nur deshalb 
zu ertragen vermögen, weil wir an sie gewöhnt sind. 

Die einheitliche Weltanschauung und die grosse Religiosität 
bringen es mit sich, dass bei der grossen politischen, commerciellen 
und religiösen Aufregung die Geisteskrankheit zwar sehr stark 
verbreitet ist, dass aber der Selbstmord wegen der grossen Religiosität 
selten vorkommt, wie schon Tocqueville das Verhältniss dieser 
beiden Theilerscheinungen der modernen Civilisation richtig erkannt 
hat. 2) Die Thatsache, dass das freie, gebildete, strebsame und 
thätige amerikanische Volk trotz seiner notorischen Nervosität 
eine geringe Selbstmordneigung hat, verificirt nicht minder als 
die geringe Selbstmordfrequenz von England und speciell Schott- 
land unsere Erklärung der socialen Massenerscheinung des Selbst- 
mordes. 



') Ich erinnere daran, dass die absolute Trennung von Staat und 
Kirche erst seit 1783, also erst nach erlangter Unabhängigkeit, durchgeführt ist. 

2) De la Democratie enAmerique (14* ed.) III, p. 224: Les Americains 
ne se tuent point, quelque agites qu'ils soient, parce que la religion leur defend 
de le faire, — leur volonte resiste, mais souvent leur raison flechit. 



218 



Nicht uninteressant ist es aber, zu wissen, dass auch in 
Amerika die Deutschen das grösste Contingent der Selbstmörder 
stellen, sowie es gerade die Deutschen sind, welche dort den 
Atheismus und die Irreligiosität am offensten predigen. ') 

§. 18. Die griechische Kirche ruht auf ganz denselben 
Principien wie die römische, dass sich aber zwischen beiden, 
zumal seit dem definitiven Schisma, grosse Unterschiede heraus- 
stellten, kommt vornehmlich von der Verschiedenheit des Byzanti- 
nismus und Eomanismus, des Ostens und Westens, denen sich 
die beiden Kirchen organisch einfügten. 2) 



') Die statistischen Ausweise über das Geburtsland der Selbstmörder 
in New- York 1877 besagen: 

Norwegen 1 Translatus. . . 59 

Oosterreich 2 Belgien 1 

Polen 1 China 1 

Schottland 2 Cuba 2 

Südamerika 1 Deutschland 59 

Schweden 3 England 6 

Vereinigte Staaten 44 Frankreich 2 

Wales 1 Holland 1 

XJnhekannt 4 Irland 17 



Latus ... 59 148 

Vergleicht man die in New- York am zahlreichsten vertretenen Natio- 
nalitäten, Amerikaner, Irländer und Deutsche, so ergibt sich für Letztere 
eine entschieden hohe Selbstmordfrequenz. 

Balbi machte 1827 folgende Angaben: 

New- York 128 Selbstmorde auf 1 Million Einwohner 

Boston 80 „ „1 „ n 

Philadelphia ... 84 „ n 1 n n 

Baltimore 73 » „ 1 „ n 

Vom Staate Massachusetts haben wir folgende Daten: 



1859 . . 83 Selbstmorde 


1869 . . 92 Selbstmorde 


1860 , . 113 


« 


1870 . . 91 


» 


1861 . . 92 


n 


1871 . . 122 


»» 


1862 . . 92 


n 


1872 . . 117 


n 


1863 . . 67 


n 


1873 . . 117 


n 


1866 . . 73 


n 


1874 . . 115 


n 


1867 . . 76 


n 


1875 . .159 


n 


1868 . . 88 


n 







Nach den Censusangaben von 1870 gab es in demselben Jahre in den 
Vereinigten Staaten 1060 (nach anderer Zählung 1360) Selbstmorde. 

2) Cf. Cap. V., 1, §. 6 und 7. Ueber das orientalische Christenthum 
hat Fallmerayer (Fragmente aus dem Oriente, 2. Auf läge, 1877) treffliche 



— 219 — 

In beiden Kirchen herrscht ein unbedingter Autoritätsglaube; 
aber während im Westen trotz aller Autorität eine gewisse Port- 
bildung nicht aufgehalten werden konnte, blieb die östliche Kirche 
in Allem stationär, wie die meisten socialen Institutionen des 
Ostens. Die römische Kirche wurde eine Weltkirche und damit 
war der Antagonismus zwischen der weltlichen ^ und geistlichen 
Gewalt in den einzelnen Staaten und Ländern von selbst gegeben. 
Die griechische Kirche blieb auf den Osten beschränkt, wurde 
in den einzelnen Ländern Staats- und Nationalkirche und wurde 
in Folge dessen nur zu häufig als eine Art Polizei-Institut von 
den verschiedensten Dynastien gebraucht^ selbst die türkische 
Eegierung wird bei kirchlichen Streitigkeiten als Schiedsrichter 
anerkannt. ^) Gewiss existirt auch in vielen protestantischen Ländern 
der Cäsaropapismus; aber er ist himmelweit verschieden von dem 
griechischen: einmal ist das Princip der beiden Kirchen grund- 
verschieden, dann aber sind die Kegierungssysteme in den pro- 
testantischen Ländern besser als in den griechischen Despotien. 

In den meisten griechischen Nationalkirchen gibt es aus 
neuerer Zeit fast gar keine theologische Literatur; der Clerus 
ist ebenso ungebildet wie das Volk. Aber das Volk ist gläubig, 
ist sehr kirchlich und in seiner Art sehr religiös; die türkische 
und tartarische Fremdherrschaft und die langwierigen Kämpfe 
gegen dieselbe steigerten das christliche Bewusstsein. Es herrscht 
im Allgemeinen noch die einheitliche christliche Weltanschauung; 
deshalb sind die Völker lebensfreudig, es gibt keinen Pessimismus 
und keine krankhafte Selbstmordneigung. 

Das Gesagte gilt im Allgemeinen von allen giiechischen 
Landeskirchen; nur Eussland macht eine ganz besondere Aus- 
nahme, und daher wollen wir mit wenigen Worten den geistigen 
Zustand dieses Landes charakterisiren. 

Die grosse Masse des russischen Volkes ist bei seiner Un- 
wissenheit und Unbildung streng kirchlich und religiös; für den 
russischen Bauer war der letzte Krieg gegen die Türkei ein 



und wahre ürtheile ausgesprochen; wir verweisen den Leser auch auf die 
Parallelen, welche der Autor zwischen dem Byzantinismus und Islam 
zieht. V. pp. 206, 209, 211, 

Döllinger, 1. c. p. 162. 



— 220 — 

wahrhafter Religionskrieg. Wie das Volk ist auch der Clerus 
ungebildet, ohne theologisches und anderes Wissen. Die Staats- 
kirche ist im strengsten Sinne des Wortes Nationalkirche; die 
Regierung bestrebt sich, das specifisch Russische mit dem Pravo- 
slawie ganz zu verschmelzen. Es werden daher keine Secten 
innerhalb der rechtgläubigen Kirche anerkannt; der Russe mag 
glauben, was er will, er gehört zur Staatskirche und kann sie, 
so lange er in Russland ist, nicht verlassen. ^) Die übrigen Be- 
kenntnisse werden tolerirt, aber man ist bemüht, die russische 
Rechtgläubigkeit unter den Andersgläubigen zu verbreiten; am 
schlimmsten werden die Katholiken in Polen behandelt. 2) 

So steht es in Russland mit dem geistigen Zustande des 
Volkes; ganz anders steht es aber mit den „Gebildeten!" Seit 
Peter des Grossen gewaltsamen Reformen strömt der freie Hauch 
der europäischen Civilisation in das windstille Russland und erzeugt 
jene Zustände, welche mit dem charakteristischen Namen Nihi- 
lismus bezeichnet werden. Russland bietet ein ganz besonderes 
Beispiel des Culturkampfes, des Aneinanderprallens der freien 
Forschung und des Autoritätsglaubens. Nicht organisch hat sich 
die Aufklärung aus dem Volksgeiste entwickelt, sondern sie wird 
den Gemüthern gewaltsam aufgedrängt; wie wir aber schon gesehen 
haben, führt das unvermittelte Bekanntwerden mit einer zu hohen 
Cultur zum Untergange. ^) Der russische Nihilismus unterscheidet 
sich von der Halbbildung, die sich in ganz Europa vorfindet, 
weniger der Art, als dem Grade nach ; die Mischung der grösseren 
Gegensätze erzeugt eine grellere Farbe. Die russische Krankheit 
ist die Krankheit der ganzen Welt, aber die Russen leiden in 
viel höherem Grade an ihr als wir Anderen. Die griechische Orthodoxie 
Russlands wird durch den freien deutschen Protestantismus zer- 
setzt, das ist Alles. Je mehr die Gemüther an die Fühnmg der 
Kirche gewöhnt sind, um so haltloser werden sie, wenn ihnen der 
moralische Halt genommen wird, und so ist denn der russische 



*) De facto mag es wenigstens 10 Millionen Razkolniken (Dissi- 
denten) geben. 

2) Kinder aus gemischten Ehen müssen rechtgläubig werden. 

') Gute Gedanken über die russischen Zustände finden sich in dem 
Buche: Zemlja i wolja, 1868; speciell p. 139 squ/ üebrigens kann man den 
russischen Nihilismus am besten bei Turgeniew studiren. 



— 221 — 

Nihilismus die moderne Haltlosigkeit par excellence, es ist die 
roheste Haltlosigkeit der Welt. Das üebel, das Puschkin der 
Philosophie zu ergründen überlässt, und welches er, dem englischen 
Spleen vergleichend, als ^russische Melancholie" schildert, eine 
Melancholie, die sich immer mehr und mehr vom Leben abwende, 
ist nichts als der Lebensüberdruss, der sich als Folge der Ir- 
religiosität einstellt. Wer das Heilige und Ideale wegwirft, findet 
das Leben nur schal, dumpf, langweilig, trostlos; die gebildeten 
Russen treten aber die Ideale ihrer Kindheit, die Ideale ihres 
Volkes mit Füssen, und so bieten sie uns die trostlosen Charaktere 
eines Onegin, Pestschorin, Neidanow und im besten Falle eines 
Lenskij. 

Lermon to w charakterisirt in seinem „Held unserer Zeit" den 
Unterschied der älteren, gläubigen Generation von der jüngeren, 
ungläubigen so: „. . . welche Willenskraft verlieh ihnen die Ueber- 
zeugung, dass der ganze Himmel mit seinen zahllosen Bewohnern 
auf sie, wenn auch mit stummer, aber unveränderlicher Theilnahme 
herabblicke!... Wiraber, ihre traurigenNachkommen, die wir auf der 
Erde umherschweifen ohne üeberzeugungen und ohne Stolz, ohne 
Genuss und ohne eine andere Furcht als jene unwillkürliche Angst, 
welche das Herz bei dem Gedanken an das unvermeidliche Ende 
zusammenschnürt, — wu* sind nicht mehr fähig zu grossen Opfern, 
weder für das Wohl der Menschheit, noch auch für unser eigenes 
Glück, weil wir das Bewusstsein haben, dass dieses Glück unmöglich 
ist, — und so schwanken wir gleichgiltig von Zweifel zu Zweifel, 
wie unsere Vorfahren sich aus einem Irrthum in den anderen 
stürzten, ohne wie sie weder Hoffnungen noch auch jenen mäch- 
tigen, wenn auch unbestimmten Genuss zu haben, welcher die 
Starken in ihren Kämpfen gegen ihre Mitmenschen oder wider 
das Geschick begleitet..." Voltaire, Byron und Schopen- 
hauer sind den Russen das neue Evangelium; unzufrieden mit 
sich selbst und allen socialen Institutionen, kehrt die moderne 
Jugend Russlands ihre Bitterkeit gegen sich und die sie hemmende 
Autorität der Kirche und des Staates — „namenloses Russland!" *) 



*) Ich habe keine officiellen Daten über die Selbstmordfrequenz in 
Eussland auftreiben können; doch können wir mit Bestimmtheit deduciren, 
dass unter den -Nihilisten" viele Selbstmorde vorkommen müssen. Die 



- 222 — 



Die nichtchristlichen Völker. 

§. 20. Was von den christlichen, gilt auch von den nicht- 
christlichen Völkern, zumal denen, welche an der modernen Civili- 
sationsarbeit theilnehmen. Auch die nichtchristlichen Völker sind 
glücklich und lebensfreudig, wenn sie eine einheitliche Welt- 
anschauung haben, wenn ihre intellectuelle Bildung mit dem 
Gemüthsleben in Harmonie ist, wenn sie — mit einem Worte 
— religiös sind. Es kommt dabei nicht so sehr auf die Güte 
und Erhabenheit der Keligion, als vielmehr darauf an, ob 
und in welchem Grade die Religion thatsächlich Herzenssache 
ist und die Gemüther wahrhaft befriedigt und ausfüllt. Ein 
gläubiger Jude oder Mohammedaner findet in seinem Glauben einen 
ebenso starken Halt als der gläubige Christ; alle drei finden in 
trüben Tagen Ruhe für ihre Seelen; die Wirkung kann für alle 
drei, trotz der qualitativen Verschiedenheit der bewirkenden Ur- 
sachen, dieselbe sein. 

Betrachten wir zuerst die Juden. 

lieber die „kosmopolitische Race" der Juden zerbrechen sich die 
Philosophen nicht minder als die rohen Massen schon lange den 
Kopf, und doch ist die Geschichte dieses höchst merkwürdigen 
Volkes noch gar nicht geschrieben. Uns interessirt hier nur 
der lebendige Gottesglaube dieses Volkes. Aus dem alten Testa- 
mente ersieht man, wie den Juden von denen, die ihre intellectuelle 
und moralische Leitung in Händen hatten, der Theismus ein- 
dringlich in das Herz gepflanzt wurde; es ist ganz wunderbar, wie 
das kleine Volk in seinen grossen Nöthen — es gibt kaum ein 
unglücklicheres Volk als die Juden — immer neue Hoffnungen 
und neuen Trost in seinem Gotte fand. 



Zeitungen bringen daiüber häufig Notizen. Das wenige Inductionsmaterial 
ist folgendes: 

1826—1830 .... 1163 Selbstmorde 

1833—1841 .... 1484 

1875 1771 

Kolb gibt für 6 Gouvernements (St. Petersburg, Moskau, Odessa, 
Kasan, Charkow, Saratow) 1113 Fälle an. (Das würde 110 auf 1 Million Ein- 
wohner ausmachen, während nach der obigen Angabe für 1875 nur 30 auf 
1 Million entfallen.) 



— 223 — 

Die grossen Drangsale, denen die Juden stets ausgesetzt 
waren, hielten sie aus in Folge ihrer Beligion, die, wie Gibbon 
richtig bemerkt hat, wunderbar geeignet ist zur Abwehr, aber 
niemals zur Eroberung bestimmt ist. Verfolgt und verachtet hält 
das jüdische Volk an der Religion seiner Väter fest und zeichnet 
sich durch eine Lebensfreudigkeit und einen praktischen Opti- 
mismus aus, welche die Entwickelung der krankhaften Selbstmord- 
neigung nicht zulassen. Ihre grosse Massigkeit wirkt in dem- 
selben Sinne günstig. ^) 

Aber auch unter den Juden reisst religiöse Indifferenz, 
Skepticismus und Unglaube ein, zumal unter den Gebildeteren. 
Es kann auch nicht anders sein; unter und mit den irreligiösen 
Christen lebend, nehmen sie an der modernen Geistesarbeit regen 
Antheil, und bieten daher, zumal in den Städten, in religiöser 
Beziehung denselben Anblick wie die Christen. Heine, der 
Dichter der rohen Skepsis, war ein Jude. 

Der Mohammedanismus ist der Entwickelung der Selbst- 
mordneigung nicht günstig. Der starre Theismus wirkt wie 
bei den Juden günstig; überdies wirkt noch der Fatalismus 
äusserst günstig mit. Man kann an den gegenwärtigen politischen 
Vorgängen in der Türkei deutlich sehen, wie sich im ganzen 
Leben des Volkes eine Methode des „vom Fall zu Fall" entwickelt 
hat. Einen streng consequenten Fatalisten gibt es wohl über- 
haupt nicht; aber das erreichbare Maximum fatalistischer Indolenz 
hat der Koran jedenfalls bei seinen Anhängern entwickelt. Es 
ist darum begreiflich, dass der Selbstmord von gläubigen Moham- 
medanern selten verübt wird; er kommt aj?er in neuester Zeit 
nicht mehr so selten bei den europäischen Türken und den 
Egyptiern vor, und zwar aus dem Grunde, weil der Einfluss 
der europäischen Cultur in diesen Ländern eine Halbheit erzeugt, 
die sich mit dem russischen Nihilismus vergleichen lässt. 2) 



^) Ausnahmsweise kamen bei den Juden zu Zeiten harter. Verfolgung 
Selbstmorde vor. In ihren heiligen Büchern, welche eine Geschichte von 
mehreren Tausend Jahren umfassen, finden sich höchstens zehn Beispiele. 

2) Wie wenig die praktischen Politiker von Sociologie verstehen, sieht 
man wohl deutlich an den Forderungen, die man an die Pforte stellt; man 
will ohne alle Vorbereitung und Vermittelung ein Parlament und Aehnliches 



— 224 — 

Im Gegensatz zu den eben behandelten zwei monotheistischen 
Beligionen ist der pantheistische Buddhismus die eigentliche Beli- 
gion des Selbstmordes, eigentUch der Selbsttödtung, und es ist gewiss 
merkwürdig, dass eine solche Beligion die meisten Anhänger zählt. ^) 

Die Lehre vom Nirwana führt direct zur Askese, dem 
moralischen Selbstmord und schliesslich zum Aufgeben des Lebens 
selbst. 2) Auch der Brahmanismus ist für die Entwickelung der 
Selbstmordneigung sehr günstig, und zwar aus ähnlichen Gi*ünden 
wie der Buddhismus. Es ist der pantheistische Mysticismus, 
welcher den religiösen Selbstmord immer begünstigt hat. Schon das 
Alterthum kannte die sogenannten Gymnosophisten, welche in 
ihi'em Glauben andieMetempsychose den Tod als erwünschte 
Veränderung ansahen und in Folge dessen den Selbstmord sehr 
häufig und massenhaft ausübten.^) 

Ueber die Wirkungen der übrigen Beligionen lässt 
sich im Einzelnen wenig sagen; im Allgemeinen gilt auch von 
ihnen, was von den hier behandelten gesagt wurde. Sofern sich 's 
um Beligionen von Naturvölkern handelt, so wissen wir, dass 
Naturvölker den Selbstmord selten begehen und die krankhafte 
Neigung zum Selbstmorde nur unter ganz bestimmten anomalen 
Verhältnissen aufweisen. 

§. 21. Diese gedrängte Analyse der religiösen Zustände der 
civilisirten Völker verificirt das Ergebniss unserer Untersuchung 



in der Türkei haben. Freilich denken die Herren nicht, dass das Volk gerade 
durch solche Institutionen erst recht zu Grunde gehen wird. 

1) Ueber die Büssungen der Brahmanen v. Duncker, Geschichte 
des Alterthums III., p. 135 squ., p. 143; über die Wirkung des Buddhismus, 
ibid. p. 265 squ.; das zusammenfassende Ui*theil über den Pantheismus, p. 425. 

^) Buddha selbst verwarf zwar die verunstalteten Ideen über die Gott- 
heit, aber der Buddhismus war nicht atheistisch. Bekanntlich hat 
Schopenhauer den Buddhismus seines Atheismus halber sehr gelobt; allein 
ich glaube nicht, dass die buddhistische Volksreligion je atheistisch war. 
Buddha mag die Vorstellungen von der Gottheit, wie er sie vorfand, ver- 
worfen haben; aber das ist nur das Negative des Buddhismus, das Negative dieses 
Protestantismus gegenüber dem Brahmanismus. Das Positive bestand in der 
neuen Sittenlehre und einem erhabeneren Pantheismus, der mit der Zeit zu 
dem Aberglauben führte, welchen wir bei den heutigen Buddhisten finden. 

') Ein solcher Gymnosophist verbrannte sich öffentlich vor Alexander; 
ein anderer vor Augustus. Plutarch, Vita Alexandri; Diodorus Sic, 
BibL, lib. XVU. 



- 225 — 

im vollsten Sinne des Wortes. Bei denjenigen Völkern, die irreligiös 
sind, ist die Selbstmordfrequenz sehr hoch, bei den religiösen 
Völkern findet sich die Selbstmordneigung nicht, jedenfalls in 
bedeutend geringerem Grade. Diese vollkommene üebereinstimmung 
der Induction der Selbstmordstatistik, welche wir im II. Capitel 
erbracht haben, mit den Ergebnissen der sociologischen Unter-' 
suchung über die Keligiosität und Kirchlichkeit der verschiedenen 
Nationen ist aber nicht zufällig, sondern uothwendig und erklärt 
sich aus der Bedeutung der Religion (und Kirche) für das 
gesammte Völkerleben. 

Bei einer solchen Üebereinstimmung hat die Vermuthung 
keinen Kaum, die Selbstmordneigung werde durch die Civilisation 
nothwendig herbeigeführt und müsse demnach überall da vor- 
kommen, wo sich eine grosse geistige Regsamkeit findet, während 
sie bei geistigem Stillstande nicht entstehen könne. Dem gegen- 
über sagt uns die einfache Ueberlegung, dass nicht einzusehen 
ist, warum die geistige Arbeit nothwendig zum Selbstmorde 
führen müsste; und untersucht man die Ursachen und Motive 
der Selbstmorde, so findet man in der That, dass es nicht die 
geistige Arbeit ist, die den Selbstmord positiv verursacht, sondern 
die moralische Haltlosigkeit; nicht die Gebildeten und Gebildetsten 
verüben ihn, sondern die Halbgebildeten, deren Sittlichkeit und 
Religiosität mangelhaft ist. Dass ihn auch einige wahrhaft Gebildete 
und gute Menschen verüben, beweist nichts, zumal wir ja wissen, 
wie der Selbstmord als Theilphänomen mit der grossen Nervosität 
der modernen Gesellschaft zusammenhängt. Es kann aber bei dem 
gegenwärtigen Zustande der allgemeinen Aufregung leicht geschehen, 
dass selbst ein tüchtiger Mensch an dem Leben verzweifelt und sich 
den Tod gibt; aber immerhin sind solche Fälle äusserst selten. 
Untersucht man noch genauer, so wird die obige Vermuthung 
durch die einfache statistische Induction widerlegt; es ist nicht wahr, 
dass die Selbstmordneigung gerade bei den gebildetsten Nationen am 
häufigsten vorkomme; in England und Amerika, also in zwei der 
gebildetsten und fortgeschrittensten Ländern, kommt er ebenso 
selten vor, wie in dem ungebildeten Spanien und anderen Ländern. ') 



^) Kommt doch der Selbstmord selbst bei den Wilden häufig vor, wenn 
sie in, ihrer Existenz durch die Weissen gestört werden. 

Masaryk. Der Selbstmord. 15 



— 226 — 

Aber noch mehr; trotzdem in Amerika in Folge der übergrossen 
physischen nnd geistigen Anstrengung die Geisteskrankheit äusserst 
häufig, trotzdem in Schottland die Trunksucht sehr gross ist, 
ist die SelbstmordneiguDg in diesen Ländern gering; das beweist 
aber noch schlagender, dass überall da, wo die Selbstmordneigung 
gering ist, eine und dieselbe Ursache vorhanden sein muss, 
welche die Entstehung und Entwickelung der krankhaften Lebens- 
flucht verhütet. Diese Ursache aber ist die Religiosität. 

Den Parallelismus der eben geschilderten L-religiosität und 
Unkirchlichkeit mit der Intensität der Selbstmordneigung mögen 
folgende Daten versinnlichen. ') 

Auf 1 Million Einwohner kommen Selbstmorde (1871 — 1875): 

Sachsen 299 Massachusets .... 82 (?) 

Dänemark 258 Schweden 81 

Prankreich 150 Norwegen 73 

Preussen 134 Belgien 68 

Oesterreich 120 England, Wales ... 65 

Niederösterreich .... 271 HoUand 40 (?) 

Böhmen 161 Italien 34 

Mähren, Schlesien ... 155 Schottland 31 

Tirol, Vorarlberg ... 77 Russland 30 

Baiem 90 

In den Hauptstädten kamen auf 10.(X)0 Einwohner Selbst- 
morde (1876—1878): 

Leipzig 4-87 Prag (1878) 301 

Breslau 3*69 Wien 285 

Dresden 365 Berlin 2*78 

Paris 3-59 München 1*76 

Brüssel 353 New- York 1*48 

Frankfurt a. M 3*40 London 084 



1) Das protestantische Deutschland (Sachsen, Preussen), Dänemark, 
Frankreich und Oesterreich (einige deutsche und die deutsch -czechischen 
Lande), die gebildetsten, aber 'irreligiösesten Länder, weisen die höchste 
Selbstmordfrequenz und einige, wie z. B. Oesterreich, zugleich eine sehr rasche 
Steigerung des Uebels auf. (Das rasche Steigen deutet wohl auf „latente" 
Irreligiosität.) Auf der anderen Seite haben die religiösen Länder, ob gebildet 
oder ungebildet, eine geringe Selbstmordneigung: England, Vereinigte Staaten, 
Italien (Spanien, Portugal). Der Parallelismus kann bei einem solchen Uebel, 
das durch so unzählige kleinere und grössere Mit- und Nebenursachen bedingt 
wird, nicht grösser sein; würde ja selbst* dann, wenn thatsächlich nur die 



— 227 — 

Dass es auch selbstmordfreundliclie Keligionen gibt, beweist 
nichts gegen die selbstmordfeindlichen Religionen, ebensowenig 
wie die stoische Philosophie, welche den Selbstmord zum Dogma 
gestempelt hat, nichts gegen die übrigen philosophischen Systeme 
beweist. Es gibt gute und schlechte Keligionen, weil es über- 
haupt gute und schlechte Lebens- und Weltanschauungen gibt, 
und es ist Aufgabe der wahren Bildung, das Wahre vom Falschen 
zu unterscheiden. Entschieden lebensfreundlich waren und sind 
die monotheistischen Religionen; sie sind, zumal einige 
derselben, die Blüthe auf dem grossen Baume der Menschheits- 
religion und, soweit wir der Geschichte als Lehrerin folgen können, 
dazu bestimmt, die civilisirten Völker zu immer höherer und 
höherer Vollkommenheit zu leiten. ^) 

gebildetsten Länder die gi'össte Selbstmordfrequenz aufweisen würden, die 
Untersuchung über jeden einzelnen Fall unsere Erklärung des Uebels bestätigen, 
dass nicht die Bildung, sondern nur eine gewisse Bildung zum Selbstmorde 
führt. (Man vergleiche noch specieU — Daten p. 43 squ., 132 squ. — das reiche 
Frankreich mit dem armen Irland, die gebildeten und gewerbfleissigen 
Länder: Sachsen, die Bheinlande und Schottland; das riesige London 
mit Wien oder Berlin, New-York, das unter allen grossen Städten die 
meiste flottirende Bevölkerung hat, mit Hamburg; Leipzig oder Prag 
mit dem nicht viel grösseren Edinburgh oder dem wenigstens doppelt 
so grossen Glasgow u. s. w. 

Bei diesen und ähnlichen Vergleichen, die jeder Leser für 
sich selbst anstellen kann, müssen natürlich die zahlreichen 
Ursachen der Selbstmordneigung, wie wir sie (Cap. IL) kennen 
gelernt haben, mit ihrer Wirksamkeit und Stärke berücksichtigt 
werden; thut man das genau, so wird man die wenigen scheinbaren Aus- 
nahmen leicht begreifen. 

1) Vom sociologischen Standpunkte ist diese psychologische Wirkung 
des Monotheismus höchst interessant. Rein logisch betrachtet, bringt der 
Monotheismus Einheit und Ordnung nicht nur in die Welt, sondern auch in 
den Kopf, und es ist daher nicht zufällig, dass er sich aus dem Polytheismus 
im Laufe der Zeit mit Nothwendigkeit entwickelt hat. Er bewahrt das 
Denken vor Phantastereien, zu denen der Pantheismus und Polytheismus 
führen, und erhält daher das Gehirn gesund und kräftig. Er befriedigt aber 
auch das religiöse, moralische, ästhetisch-poetische Bedürfniss vollkommen. 
Wenn C o m t e gelegentlich geäussert hat, nur der Polytheismus genüge dem wahi*- 
haft religiösen Bedürfnisse, so ist das einfach nicht wahr ; Comte denkt dabei 
mehr an das poetische Gefühl, vergisst aber, dass der Monotheismus der 
erhabensten Poesie fähig ist: man lese die Psalmen Davids, einen Plato, 
Dante und die religiösen Dichtungen, und man wird den Monotheismus nicht 

15* 



— 228 — 

Das periodische Auftreten der toankhaften Selbstmord- 
neigung ging bisher immer parallel mit einreissender Irreligio- 
sität der Völker, und wenn wir gesagt haben, die Selbstmord- 
neigung nehme mit wachsender Civilisation zu, so haben wir das 
Wort Civilisation in seinem vollen Umfange genommen; gerade 
mit steigender Civilisation stellt sich die irreligiöse Halbbildung 
ein; Civilisation ist nicht gleichbedeutend mit: in jeder Beziehung 
wahrer, guter, sittlicher Bildung und Glück aller Individuen. 

Die Irreligiosität der christlichen Völker speciell 
deutet auf ein ähnliches VS^'achsen der Civilisation, wie es seinerzeit 
in analoger VS^'eise bei den antiken Culturvölkern stattfand. Der 
Katholicismus (des Mittelalters) verwirklichte in seiner Weise 
das Endziel, welchem die Menschheit zustrebt; er begründete eine 
einheitliche Weltanschauung und gab dadurch seinen Anhängern 
das, was das eigentliche Glück des Menschen ausmacht, — 
Seelenruhe. Aber die katholische Weltanschauung ist nur ein 
Bild dessen, was die Menschheit zu erringen hofft und strebt; 
darum muss die alte Ordnung einer neuen weichen. Diesen 
TJebergang vom Alten zum Neuen leitet der Protestantismus, 
dem es vorbehalten bleibt, den Kampf des Wissens und Glau- 
bens zu Ende zu führen und die neue Ordnung der Gesellschaft 
vorzubereiten. Wegen seines negativen, zersetzenden Elementes 
brachte der Protestantismus da, wo ihm das positive Element 
abgieng — ich denke auch an den Kryptoprotestantismus — 
eine grosse Selbstmordneigung hervor, welche wir derart als das 
sicherste Indicium einer grossen und gewaltigen Uebergangszeit 
auffassen müssen:') die Selbstmordneigung und Nervosität, der 



unpoetisch finden. Schliesslich ist die günstige Wirkung desselben seiner 
innigen, wenn auch logisch nicht absolut nothwendigen Verknüpfung mit 
dem Unsterblichkeits glauben zuzuschreiben. Unsere Untersuchung 
zeigt uns am deutlichsten, was den Menschen Gott ist: „ein unaussprechlicher 
Seufzer, im Grunde der Seele gelegen" (Sebastian Frank v. Wörth). 

1) Man darf gegen unsere Auffassung der grossen Geschichtsepochen 
nicht geltend machen, dass der Selbstmord auch im Mittelalter vorkam. Die 
Neigung war nicht überall verbreitet wie heute, und ganz gewiss gab es 
keine krankhafte Selbstmordneigung. Wenn daher z. B. Lecky (II., p. 40) 
darauf aufmerksam macht, dass der Selbstmord in der letzten und verderb- 
testen Zeit des westgothischen Königthums in Spanien häufig vorkam, so waj- 



— 229 — 

philosophische Pessimismus, die sentimentalen Klagen unserer 
Dichter — sie alle sind der Ausdruck einer und derselben That- 
sache: der Sehnsucht nach Ruhe. Was unlängst ein englischer 
Geistlicher von seinem protestantischen Standpunkte gegenüber 
Eom gesagt hat, muss auch ich am Ende meiner Untersuchung 
über die Ursachen der modernen Selbstmordneigung sagen: „Wir 
sind des Kampfes müde." 



das eben ein Stadium des Verfalles, das, beschränkt auf eine kleinere Menge 
von Menschen, ganz gut neben und mit der anderen EntwickelUng vor- 
kommen konnte. 



Sechstes Capitel. 
Zur Therapeutik der modernen Selbstmordneigung. 

§. 1. Wir haben in den bisherigen Untersuchungen die 
Diagnose der socialen Krankheit unserer Tage gestellt, die Thera- 
peutik muss sich offenbar nach der Diagnose richten und wird 
in dem Beseitigen der Ursachen besteheii , welche das Uebel Iffedingen. 

Die sociale Therapeutik muss so wie die medicinische vor- 
gehen: einmal das schon bestehende Uebel zu heben trachten, dann 
aber — und das ist das Wichtigere — die Entstehung des Uebels 
zu verhüten suchen. Ist einmal irgend ein Uebel festgewurzelt, 
dann nützt gewöhnlich alle Therapie nicht viel; die Sociologen, 
Ethiker und Aerzte kommen allmählich zu der Ueberzeugung, dass 
die eigentliche Aufgabe aller praktischen Disciplinen in der hygie- 
nischen Prophylaxe besteht. Die Zeiten sind vorüber, in denen 
man von einem Machtspruch die Heilung aller Uebel erwartete 
und erwarten konnte; ganz besonders unwirksam wären aber 
Gesetze da, wo es sich um ein sociales Uebel von der Art der 
modernen Selbstmordneigung handelt. ^) 

§. 2. Die Menschen müssen vor Allem gesund werden, 
physisch und moralisch; wir müssen uns angewöhnen, den von 



^) In den meisten modernen Gesetzgebungen gibt es mit Recht 
keine Gesetze gegen die Selbstmörder. Damit ist aber nicht gesagt, dass in 
einem speciellen Falle ein directes oder indirectes Verbot nicht gut wirken 
könnte; so z. B. wirkte ein Tagesbefehl Napoleon's sehr gut, in welchem der 
Selbstmord des Soldaten als Feigheit dargestellt wurde, und in Marseille 
schreckte man junge Mädchen vom Selbstmorde dadurch ab, dass man ihnen 
drohte, man werde den Körper der Selbstmörderin öffentlich ausstellen. 
Cf. Beccaria, Traite des delits et des peines, §. 32; v. Wächter, Revision 
der Lehre vom Selbstmord, Neues Archiv, 1829; cf. Meyer, Lehrbuch des 
deutschen Strafrechtes 1875, §. 82. (lieber die antike Auffassung, cf. Becker, 
Charikles [herausgegeben von GöU] III., 164.) 



— 231 — 

der modernen Wissenschaft aufgestellten prophylaktischen Regeln 
unbedingt zu gehorchen. Die Wissenschaft gibt uns die Mittel 
an die Hand, uns gegen die schädlichen Einwirkungen der Natur 
zu schützen, und sie lehrt uns, wie wii* alle die Verhältnisse, 
welche wir in den Capiteln über leibliche Organisation, allge- 
meine gesellschaftliche Verhältnisse und Psychose kennen gelernt 
haben, zu unserem Vortheil gestalten sollen: warum gestalten 
wir sie nicht so? Weil wir nicht wollen. 

§. 3. Fast alle Theoretiker und Praktiker suchen die Uebel 
der modernen Gesellschaft durch wirthschaftliche und politische 
Reformen zu heben. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist ent- 
schieden auf diese Versuche gerichtet und man hofft auch all- 
gemein sehr viel von ihnen ; aber ich vermag diese Hoffnung nicht 
zu theilen. Die politischen und wirthschaftlichen Verhältnisse 
eines Volkes sind nur die Aussenseite des inneren Geisteslebens, 
sie sind durch dieses Geistesleben bedingt und daher muss der 
Arzt dieses in's Auge fassen. Oft kommen mir die Versuche und 
Kämpfe unserer Parlamentarier, Politiker und Nationalökonomen 
recht kleinlich und nichtig vor; jedenfalls werden politische und 
ökonomische Concessionen, Reformen und Reförmchen die Ge- 
sellschaft nicht retten. Das Bischen Rechte und Geld mehr 
oder weniger wird den pessimistischen Lebensüberdruss nicht 
heben. 

Ich kann für diese meine Ansicht, die zumal den prak- 
tischen Politikern höchst ketzerisch erscheinen dürfte, ein gross- 
artiges Beispiel aus der Geschichte anführen: Christus. Die 
Römerwelt war zu Christi Zeit so ziemlich in derselben trost- 
losen Verfassung wie die heutige Gesellschaft; wie jetzt herrschte 
auch damals eine krankhafte Selbstmordneigung, die Menschen 
waren unzufrieden und unglücklich, die Sehnsucht nach einem 
Erlöser war allgemein. Wer erlöste die Menschheit? Kein Poli- 
tiker, kein Nationalökonom, kein Socialist oder Demagog. Es 
ist wahrhaft grossartig, zu sehen, wie Christus in jener politisch 
und social so aufgeregten Zeit jeglicher Politik sich enthielt; 
wie leicht hätte es für ihn sein müssen, die Gemüther durch 
politische und socialistische Aufreizungen zu gewinnen! Aber 
er dringt auf Besserung der Charaktere, er dringt auf Verinner- 
lichung des religiösen Gefühles; er will, dass die Menschen gut 



— 232 — 

werden, denn er weiss, dass sie nur dann Euhe für ihre Seelen 
finden würden. 

Auch wir werden die erwünschte Euhe für unsere Seelen 
finden, wenn wir gut geworden sind. ^) 

§. 4. Da die moderne Selbstmordneigung in letzter Instanz 
durch die zunehmende Irreligiosität verursacht wird, so kann das 
TJebel nur dann radical geheilt werden, wenn die Irreligiosität 
und die mit dieser zusammenhängende Halbheit beseitigt wird. 
Wir müssen aus uns heraustreten, müssen aufhören, in unserem 
Inneren zu wühlen und unseren Verstand als Scharfrichter des 
Herzens zu gebrauchen; wir müssen Interesse bekommen an 
der Aussenwelt und an der Gesellschaft, wir müssen uns hin- 
geben lernen: uns fehlt die wahre und echte Liebe. Wir glauben 
zwar lieben zu können, wir glauben, dass wir der zartesten Ge- 
fühle fähig sind; aber das ist nicht wahr: krankhafte Sentimen- 
talität und wahres, echtes, warmes, lebendiges und ursprüng- 
liches Gefühl sind nicht identisch. Will man die krank- 
hafte Selbstmordneigung beseitigen, so entwickele man 
in den Menschen die Fähigkeit, Ideen und Gefühle har- 
monisch durchzubilden, man flösse ihnen Kraft und 
Energie ein, gebe ihnen einen moralischen Halt. 

Einige Forscher glaubten — Kenan, Treitschke u. A. — 
man solle das Volk religiös erziehen, die Gebildeten sollen frei 
bleiben dürfen. Allein das heisst die bestehende Halbheit sanctio- 
niren und geschieht übrigens ohnedies; oder soll man eine 
streng abgesonderte Aristokratie der Bildung schaffen? Wo fangt 
die Bildung an und wo hört sie auf? 



1) Es versteht sich von selbst, dass die bestehende diückende Noth 
und das entwürdigende Elend, das existirt, beseitigt werden muss; ich bilde 
mir nicht ein, Jemanden, der hungert, mit einer moralischen Predigt speisen 
zu können: ich spreche von der definitiven Lösung der socialen Frage. 

Wie z. B. durch eine liebevolle Behandlung der Armen die Selbstmord- 
neigung unterdiückt wird, gibt Casper (p. 92) an: In einer französischen, 
protestantischen Colonie von 6000 Seelen kamen 1812—1823 nur 3 Selbst- 
morde vor wegen der ausgezeichneten Armenpflege der Gemeinde, — Ein 
anderer Fall: Magen die befand sich einmal in so grosser Noth, dass er 
nicht mehr leben wollte; da kommt im kritischen Moment ein Gerichts- 
diener mit der Meldung, Magendie habe 20.000 Francs geerbt — und der 
berühmte Physiologe war gerettet. 



— 233 — 

Consequenter sind diejenigen, die mit der Vernichtung der 
positiven Keligion nur eine wissenschaftliche einheitliche Welt- 
anschauung postuliren. Es ist aber die Frage, ob man die Keli- 
gion ohneweiters weglassen soll und kann. Ich glaube, der 
Mensch braucht zum Leben die Religion ebenso, wie er zum 
Athmen die Luft braucht; auch deutet die geschichtliche Ent- 
wickelung darauf hin, dass sich neben der Entwickelung des 
Denkens auch das religiös-sittliche Leben und Fühlen entspre- 
chend entwickelt. Comte begeht einen groben Fehler, wenn er 
den Fortschritt auf religiösem Gebiete nur bis zu einer gewissen 
Grenze zulässt und von da ab alles religiöse Leben einfach über 
Bord wirft (in seiner positiven Philosophie). 

Viele finden in der Kunst, zumal in einigen Arten der- 
selben, ein Surrogat für die Eeligion und glauben daher, die 
Kunst werde die moderne Gesellschaft retten. Aber das ist eben- 
falls unrichtig; so wenig wie die Aristokratie der Wissenschaft, 
vermag auch ein feiner, ästhetischer Kunstgenuss den Ernst 
des. Lebens erträglich zu machen. Der schaffende Künstler, 
zumal der grosse Künstler, bringt gewiss nichts Anderes zum 
Ausdruck als der Eeligionsstifter; aber das Anschauen oder 
Anhören eines Kunstproductes ersetzt nicht das Mit- oder Nach- 
empfinden des allgemeinen religiösen Inhaltes. Der kennt das 
Leben sehr schlecht, der da glaubt, das Welträthsel lasse sich 
aus Kopf und Herz wegconcertiren; die Kunst mag immerhin in 
den Dienst der Eeligion treten, sie zu ersetzen vermag sie nicht. 

Wir brauchen eine Eeligion, wir brauchen Eeligiosität. 

Der Gedanke liegt nahe, das Chris tenthum als die er- 
lösende Eeligion anzusehen. Allein welche Form des Christen- 
thums ? Das wäre die schwer zu beantwortende Frage. Könnten 
die Menschen streng katholisch werden, so würde die Selbst- 
mordneigung gewiss schwinden; denn der Katholicismus könnte 
vermöge seiner kirchlichen Organisation eine einheitliche Welt- 
anschauung am leichtesten, schnellsten und besten zu allgemeiner 
Geltung bringen. Allein die geschichtliche Entwickelung lässt sich 
nicht ignoriren; die Eeformation würde wiederum hereinbrechen, 
so wie sie schon einmal hereingebrochen ist. Uebrigens kommt 
es nicht allein auf die Beseitigung der Selbstmordneigung an, 
sondern auf eine Beseitigung, durch die richtigen Mittel; 



— 234 — 

der Katholicismus ist aber für uns unmöglich geworden. Sollen 
wir also protestantisch werden? Sofern wir den Katholicismus 
negiren, sind wir's schon ; es entsteht aber die Frage, ob und in 
welcher Form wir Christen bleiben können? 

„Ich glaube von Grund meiner Seele und nach der reifsten 
üeberlegung, dass die Lehre Christi, gesäubert vom Pfaffen- 
geschmiere und gehörig nach unserer Art sich auszudrucken ver- 
standen, das vollkommenste System ist, das ich mir wenigstens 
denken kann, Ruhe und Glückseligkeit in der Welt am schnellsten, 
kräftigsten, sichersten und allgemeinsten zu befördern." *) Auch 
glaube ich, dass irgend eine der vielen protestantischen Secten 
die erwünschte Religion sein könnte; sofern sie aber den An- 
forderungen der fortgeschrittenen Zeit Rechnung tragen müsste, 
würde diese christliche Secte eigentlich eine neue Religion 
bringen. 

Unsere Zeit ist für eine neue Religion wie geschaffen. 
Gerade so wie zur römischen Kaiserzeit ist die Gesellschaft in 
ihren Grundfesten erschüttert: die Menschen fühlen sich un- 
glücklich, die Unzufriedenheit und der Wunsch nach einem Erlöser 
ist allgemein. Ganz besonders günstig wäre aber für die Aus- 
breitung der neuen Lehre die allgemeine Nervosität, die patholo- 
gische Aufregung, in der sich die moderne Gesellschaft befindet; 
wie alle Religionen, würde auch die neue Lehre mehr auf psycholo- 
gischem als logischem Wege ihre siegreiche Bahn zurücklegen. 
Da die Religion, obwohl sie in wahrhaft protestantischer Weise 
Sache des Individuums sein muss, trotzdem zugleich eine Volks- 
religion sein soll, durch welche die Herzen aller Menschen ohne 
Ausnahme geeinigt würden, so dürfte sie in ihrem theoretischen 
Theile kaum auf der Höhe der intellectuellen Bildung stehen^ 
Vielmehr denke ich mir die Sache so, dass sie, gerade so wie der 
mittelalterliche Katholicismus, ein neues, besseres Mittelalter inaugu- 
riren könnte, nach welchem eine neue Periode des freien Gedankens 
beginnen würde u. s. f., bis schliesslich durch abwechselnde 
Perioden von Glauben und Unglauben „wird Eine Heerde und 
Ein Hirte werden". Doch kann es auch anders kommen. Die 
historische Entwickelung des Menschen ist im Verhältniss zu der 



*) Lichtenberg. 



— 235 — 

Zeit, welche das Menschengeschlecht noch zu leben hat, so kurz, 
dass unsere Schlüsse auf die Zukunft nur mit grosser Vorsicht 
und Reserve gemacht werden können. Es wäre möglich, dass ein 
neuer Aufschwung der religiösen Gefühle ohne kirchliche Einigung 
stattfinden würde; es könnte etwa die congregationalistische oder 
eine dieser ähnliche Methode und Organisation den religiösen 
Individualismus, bis zu welchem der Protestantismus vorläufig 
gediehen ist, vielleicht sogar definitiv zum Abschluss bringen 
und stabilisiren. 

§. 5. Ich fürchte, das Resultat, zu dem wir gelangt sind, 
wird manchen meiner Leser unbefriedigt lassen. Man wird in mir 
vielleicht einen Fatalisten sehen: wie soll die sociale Therapeutik 
möglich sein, wenn die Gesellschaft auf eine neue Religion warten 
soll? Was kann der Einzelne thun, wenn, wie gezeigt wurde, die 
krankhafte Selbstmordneigung zu gewissen Zeiten sich periodisch 
naturgemäss entwickelt? 

Ich gebe zu, dass ich entschiedener Determinist bin, aber 
ich weise mit eben so grosser Entschiedenheit den Vorwurf des 
Fatalismus zurück ; zu fatalistischen Ansichten würde der Indeter- 
minismus führen, von dieser Weltanschauung aber ist in diesem 
Buche gewiss keine Spur zu finden. 

Dass wir sterben müssen, ist uns wohl bekannt, das Sterben 
ist eine physische Nothwendigkeit, ein Naturgesetz; aber es ist 
kein Naturgesetz, dass wir etwa durch eine Vergiftung sterben 
müssten. Wenn Jemand den Selbstmord begeht, so unterliegt er 
keinem Naturgesetze, sondern erwählt den Tod in Folge secun- 
därer Gesetze, die unter anderen Umständen den Selbstmord 
verhüten ; das Gute und Schlechte, das Nützliche und Schädliche 
thut der Mensch nach denselben Gesetzen, die also offenbar kein 
letztes Gesetz, sondern das Ineinandergreifen mehrerer Gesetze 
sind. Wer Gift genommen hat, kann sich durch ein Gegengift 
retten, nur gegen den natürlichen Tod ist k^in Kraut gewachsen. 

Vieles, was mit uns geschieht, geschieht ganz gewiss noth- 
wendig, ohne unser Zuthun. Der Mensch hängt mit tausend und 
aber tausend Fäden mit seiner nächsten und entfernteren Um- 
gebung zusammen und hängt bis zu einem gewissen Grade von 
ihr ab. Aber der Mensch ist kein blindes Werkzeug der Natur- 



— 236 — 

kräfte, wir hängen nicht ganz und ausschliesslich von der Aussen- 
weit ab. Der Aussenwelt gegenüber befindet sich unser Bewusst- 
sein, ein psychisches Ganzes, das die Aussenwelt nach seinen 
eigenen Gesetzen appercipirt. Es ist eine psychische Totalität, 
die mit Gedächtniss und Erinnerung begabt ist; jeder einfachen 
und complicirten Wirkung der Aussenwelt steht ein psychischer 
Complex gegenüber, der kein Product der Aussenwelt ist; wir 
und die Aussenwelt sind gleich selbstständig, unser Verhältniss ist 
das der Wechselwirkung, nicht einfacher Abhängigkeit. Das Wissen 
gibt uns die Macht, in den Causalzusammenhang einzugreifen; 
wir können uns bestimmte Zwecke als Ideale hinstellen und 
vermögen die entsprechenden Mittel zu wählen. Deshalb aber, 
weil wir immer dem stärksten Motiv folgen, sind wir nicht blind, 
denn es wirken auf uns auch andere Motive; wir überlegen vor 
der Entscheidung und wählen, suchen dasjenige Mittel, welches 
dem Zweck am besten entspricht. Die Wahl selbst föllt nach 
unserem Charakter aus; diesen bilden wir aber zum grossen 
Theile selbst. Wir sind für einen schlechten Willen nicht minder 
verantwortlich, wie für ungenügende logische Denkoperationen, 
der Wille muss ebenso wie der Intellect geschult, gebildet werden. 
Und nur deshalb, weil er determinirt wird, ist er einer Schulung 
und Bildung fähig: wir erziehen unseren Willen durch die Be- 
gierden, Neigungen, Abneigungen, Maximen, Gewöhnungen. Den 
Willen selbst kann man sich freilich durch einen Willen nicht 
geben, ich kann auch einen schlechten Willen nicht einfach aus 
mir wegnehmen. Aber wir können den vorhandenen Willen modifi- 
ciren duf ch die Erziehung, durch die Selbsterziehung sowohl, als 
auch diejenige Bildung, die uns von Anderen zu Theil wird. Wir 
können jene Dispositionen, Maximen, Gewohnheiten annehmen, 
von denen wir erfahrungsgemäss wissen, dass sie unter gewissen 
Umständen ein bestimmtes Kesultat nach sich ziehen müssen. 
Der Indeter minist vermag das nicht. Für ihn sind Eegeln 
und Anleitungen zum Handeln ganz unnöthig und überflüssig, 
denn er kann ja gar nicht wissen, ob er sie später wird befolgen 
können: sein Wille kann nicht determinirt werden, daher braucht 
er keine leitend-determinirenden Grundsätze. Nach dem Indeter- 
minismus ist der Mensch ein müssiger Zuschauer dessen, was 
in ihm geschieht, er ist der indolente Schauplatz der Thaten, 



— 237 — 

die in und mit ihm vorgehen; der Zusammenhang des Subjects 
und der Handlung ist durchbrochen, die Kette durchrissen, die 
den Handelnden an die Handlung knüpft. Wenn daher der Wille 
indeterminirt ist, so sind wir auch ganz unverantwortlich für den 
Willen und die ihm entspringenden Handlungen: jede Erziehung 
und Bildung des Willens ist unmöglich. Niemand kann zur Tugend 
angeleitet werden. Der Indeterminist braucht dem Unsittlichen 
nicht aus dem Wege zu gehen, er braucht seinen Willen nicht 
zu kräftigen, denn er hat keine Bürgschaft dafür, dass er näch- 
stens besser handeln werde, da ja sein Wille ohne jegliche Ursache 
in ihm auftritt. Heute handelt er so, morgen so, er kann nichts 
dafür, denn sein Wille ist eben indeterminirt. Der Indeterminist 
straft daher nicht, denn er weiss, dass er kein Eecht dazu hat: 
denn wenn die Strafe etwa den Zweck hat, den Handelnden zu 
bessern oder abzuschrecken, wie käme der Indeterminist dazu, 
zu strafen? Für ihn gibt es überhaupt keine Zwecke; wie kann 
die Furcht vor Strafe, die Erinnerung an die Unlust der Züch- 
tigung, nachträglich als Motiv, dieselbe oder eine ähnliche That 
nicht zu begehen, wirken? Wenn der Wille indeterminirt wäre, 
so ist die Strafe ganz unnöthig, überflüssig, unberechtigt; jegliche 
Erziehung ist aber ebenso unnöthig und überflüssig, es herrscht 
dann ein moralisches Chaos, ein blindes Fatum. Die Menschheit 
hat nichts zu erstreben, denn nach der Lehre des Indeterminismus 
ist ein Vorherwissen dessen, was erstrebt werden soll, unmöglich; 
da das Causalitätsgesetz aufgehoben ist, ist ein Vorhersagen des 
Kommenden unmöglich. Sociale Eeformen sind nicht möglich, 
weil überflüssig; es gibt keine Wissenschaft der Sociologie, weil 
für das indeterminirte Auftreten des Willens der Menschen keine 
Regeln festgestellt werden können. 

Es ist ersichtlich, dass eine Ethik und Sociologie, über- 
haupt eine Wissenschaft, nur vom deterministischen Standpunkt 
möglich ist; und wenn das Wort: Freiheit überhaupt ange- 
wendet werden soll, so kann es nur der Determinist, nicht aber 
der Indeterminist gebrauchen; denn er allein vermag sich kraft 
seiner Lehre bis zu der Freiheit der ethischen Vollkommenheit zu er- 
heben, er vermag einen solchen Zustand zu erreichen, in welchem 
er immer das Bessere vorzieht, wenn er es erkannt hat: die 
Heiligkeit ist nur für den Deterministen ein anzustrebendes Ziel, 



— 238 — 

nur für ihn gibt es ein Streben nach der Freiheit der Voll- 
kommenheit. *) 

Gegenüber dieser wahren Bedeutung des Determinismus hat 
man bisher vielfach falsche und unklare Ansichten sowohl über 
diese Lehre selbst, als auch ihr Gegentheil gehegt und, was be- 
sonders eigenthümlich ist, die Deterministen selbst haben ihre 
Lehre in Misscredit gebracht, indem sie nicht immer im Stande 
waren, die Vorwürfe des Fatalismus und der an ihn sich knüpfen- 
den Folgerungen abzuwehren; oft waren die Deterministen selbst 
geradezu Fatalisten. 

Zumal die Statistiker haben nicht eingesehen, dass das 
Vorauswissen mancher socialen Erscheinungen nicht nur nicht 
zum Fatalismus führe, sondern vielmehr das einzige Mittel gegen 
den Fatalismus ist; denn nur dadurch, dass wir etwas voraus- 
wissen, können wir unsere Thätigkeit mit dem, was geschehen 
soll, in Uebereinstimmung bringen. Wenn wir etwa hören, dass 
sich bisher in einem Lande jährlich 3000 Menschen den Tod 
gegeben haben, so folgern wir mit Recht, dass sich im nächsten 
Jahre beiläufig ebensoviele tödten werden. Aber wir setzen bei 
dieser Folgerung voraus, dass dieselben Umstände bestehen bleiben. 
Nichts zwingt aber die Gesellschaft, in derselbißn Lage zu ver- 
bleiben, sondern sie kann, wenn sie will, ihre Verhältnisse derart 
ändern, dass die Selbstmorde nicht mehr verübt werden. Die 
Statistik gelangt, durch die einfache Zählung der verübten Selbst- 
morde, Morde u. s. w. nicht zu Naturgesetzen, sondern nur zu 
secundären, zu empirischen und abgeleiteten Gesetzen: es müssen 
diese und ähnliche Verbrechen nicht geschehen, aber sie geschehen 



^) Das Wort: Freiheit wird gewöhnlich dem Indeterminismus gleich- 
gesetzt, aber mit grossem Unrecht. Mit dem Begriff der Freiheit verbinden 
wir den Begriff einer gewissen Macht ; aber durch den Indeterminismus wird 
jede Macht über uns und die Aussenwelt aufgehoben, in dem Maasse, als 
das ViTollen zufällig eintritt. Wo Freiheit besteht, besteht auch eine gewisse 
Zurechnung, Verantwortlichkeit; die besteht aber nur mit dem Determinismus. 
Wir haben die Macht über unsere inneren Dispositionen, welche den Willen 
determiniren, sind Herren über unsere Zukunft; wir vermögen uns zu berathen, 
zu überlegen, wir besitzen daher die Freiheit der Wahl. Wir haben die Frei- 
heit, durch das Gute als Gutes bestimmt zu werden, das Gute kann von uns 
geliebt werden, wir können die Freiheit der sittlichen Vollkommenheit, der 
Heiligkeit erlangen. 



— 239 — 

in Folge von Umständen, die gegenwärtig bestehen, aber nicht 
immer bestanden haben und auch nicht immer bestehen werden. 
Darum schwanken die Zahlen der Selbstmorde von Jahr zu Jahr 
und die statistischen Ausweise wissen daher, entsprechend der 
Wirkungsweise der secundären Gesetze, nichts von einer erschreck- 
lichen „Constanz". ^) 

Vielleicht könnte Jemand gerade durch die Schwankungen in 
Angst versetzt werden und in den statistischen Daten einen Beweis 
für den Indeterminismus und in Folge dessen für den Fatalismus 
finden wollen. Man könnte die Unsicherheit im Voraussagen derart 
auffassen, als gäbe es objective Chancen, also eine objective In- 
determinirtheit, deren nothw endige Folge der Fatalismus sein müsste. 

Allein man darf subjective Chancen nicht für objective 
halten, die subjective Wahrscheinlichkeit nicht mit der mathe- 
matischen verwechseln. Für unser Wissen gibt es derzeit noch 
viele Schranken; wir wissen noch zu wenig, um genau voraus- 
sagen zu können; aber das Ungenügende des mensch- 
lichen Wissens darf nicht für ein allgemein giltiges, 
objectives Gesetz angesehen werden. Wir vermögen derzeit 
den Causalzusammenhang der socialen Erscheinungen noch nicht 
zu überblicken; daher ist es unsere Unkenntniss, die uns er- 
schreckt, nicht die Kenntniss, und es ist unsere Aufgabe, durch 
unausgesetzte Arbeit immer tiefer in den Gesammtmechanismus 
des Weltalls einzudringen, um schliesslich zu begreifen, wie das 
Ganze auf den Menschen wirkt. Nur durch die genaue Kennt- 



*) Quetelet weist so oft auf die Constanz der Selbstmordziffer u. s. f. 
hin; aber ein Blick in die statistischen Ausweise über längere Perioden 
genügt, um zu zeigen, dass von einer Constanz keine Eede sein kann. 

Quetelet sagt emphatisch: II est un budget qu'on paye avec une 
regularite effrayante, c'est celui des prisons, des bagnes et des echafauds 

In Deutschland hat A. Wagner diese Anschauung bekannt gemacht 
in seiner sonst so gediegenen statistischen Arbeit über die Gesetzmässigkeit in 
den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen. Das grosse Publicum 
wurde aber von Buckle aUarmirt, der auf Grund der statistischen Nachweise 
Quetelet's u. A. über den Selbstmord, unklare Ideen über den Determinismus 
verbreitet hat. 

Gegen diese falsche Auffassung des Problems hat sich Drobisch 
mit aller Entschiedenheit und mit grossem Erfolge gewendet in der Schrift : 
Die moralische Statistik und die menschliche Willensfreiheit, 1867. 



— 240 — 

niss des Alls und seiner Wirkungen auf den Menschen und 
durch die Kenntniss der Gesetze, welche die psychischen Phäno- 
mene des Menschen beherrschen, sind wir in den Stand gesetzt, 
mittelst thätigen Eingreifens in den Entwickelungsgang der Mensch- 
heit zur Freiheit und Vollkommenheit zu gelangen. Die Com- 
plication der auf den Menschen wirkenden Agentien ist zwar 
sehr gross und fast unübersehbar, trotzdem aber gestatten sie 
eine wissenschaftliche Behandlung, welche zeigt, dass die Hand- 
lungen des Menschen nicht ohne sein Zuthun geschehen, dass 
der Wille des Menschen zwar determinirt, deshalb aber nicht 
unfrei ist. Soweit es uns gelingt, die Ursachen und Motive der 
Willensbethätigungen zu analysiren, vermögen wir die Wirkungen 
der einzelnen Factoren annähernd zu messen und auf Grund 
dieser Messung unser ganzes Leben derart einzurichten, dass wir an 
der Verwirklichung der von der Ethik aufgestellten Ideale mit 
Erfolg glücklich und zufrieden arbeiten können. Wie jedes üebel 
kann daher auch die moderne Selbstmordneigung durch einsichts- 
volles Arbeiten beseitigt werden. 

§. 6. Vielleicht erwartet der Leser noch eine detaillirte 
Anleitung zur ThiBrapie der Selbstmordneigung. Man könnte 
sagen, unsere Hauptregel sei zu allgemein, zum Handeln brauche 
man speciellere, für den einzelnen Fall passende Bestimmungen. 

Die Klage ist berechtigt, aber der Vorwurf der Allgemein- 
heit trifft nicht nur dieses, sondern jedes sociologische Werk, 
welches sich mit der Therapie socialer Zustände beschäftigt. 
Der Theoretiker kann zumal da, wo sich's um Grösseres handelt, 
nie alle möglichen Einzelfälle berücksichtigen und muss es daher 
dem Praktiker überlassen, die allgemeine Norm auf den spe- 
ciellen Fall zu übertragen. Was wir thun konnten, haben wir 
gethan: wir haben mit aller möglichen Sorgfalt die einzelnen 
Ursachen des Selbstmordes darzulegen versucht, und wir können 
daher von der Therapeutik verlangen, diese Ursachen zu beheben. 

Dieser Mangel an speciellen Eegeln dürfte gerade bei dem 
wichtigsten Theile besonders fühlbar sein, nämlich da, wo es sich 
darum handelt, eine einheitliche Weltanschauung zur Geltung 
zu bringen, die Halbheit zu beseitigen und dem furchtbaren 
Culturkampfe ein Ende zu machen. Aber mit bestem Willen 
vermöchte ich auch hier kaum mehr als zwei Bestimmungen zu 



— 241 — 

geben, die schon lange vorher von ausgezeichneten Denkern ge- 
geben wurden. „Hüte dich, du fähigeres Individuum," sagt 
Lessing in seiner Erziehung des Menschengeschlechtes, „der 
du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuches (sc. der Bibel) 
stampfest und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mit- 
schüler merken zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen 
beginnst. Bis sie dir nach sind, diese schwächeren Mitschüler, — 
kehre lieber noch einmal selbst in dieses Elementarbuch zurück 
und untersuche, ob das, was du nur für Wendungen der Methode, 
für Lückenbüsser der Didaktik hältst, auch wohl nicht etwas 
Mehreres ist." Würden die Menschen gegen diese Eegel nicht 
Verstössen, es gäbe keinen Culturkampf, keine Selbstmordneigung. 
Auf ihrem Wege von der ursprünglichen Barbarei zur Bildung 
und wahren Aufklärung muss die Menschheit zahllose Mittel- 
zustände durchmachen; wäre es möglich, die grosse Masse syste- 
matisch, logisch, Schritt für Schritt vom Einfacheren zum Com- 
plicirteren, vom Leichteren zum Schwereren, vom Irrthum zur 
Wahrheit, von der naiven üeberzeugung zur bewussten Einsicht 
hinüberzuleiten, es gäbe keinen Kampf widerstreitender Ansichten, 
es gäbe keine Halbheit, jede neue Errungenschaft wäre die con- 
sequente Entwickelung älterer Culturstufen. 

Da aber einmal gegen diese Eegel so arg Verstössen wird, 
so entsteht die Frage, wie in diesem Ealle vorzugehen sei. Eück- 
wärts können und wollen' wir nicht gehen, wir müssen also, 
wenn wir nicht stehen bleiben wollen, vorwärts drängen. „Wenn 
einmal," sagt Tocqueville, „die religiösen Ansichten bei einem 
Volke erschüttert sind, so gibt es keinen Zweifel mehr, sondern 
man muss das Volk um jeden Preis zur Aufklärung drängen; 
denn, wenn ein aufgeklärtes und skeptisches Volk einen trau- 
rigen Anblick gewährt, so gibt es nichts Entsetzlicheres als eine 
Nation, die zugleich unwissend, roh und ungläubig ist." 

Mehr habe ich nicht zu sagen, und ich wünsche nur, dass 
dieses mein Buch den Leser zum Nachdenken anrege, denn 
wenn irgendwo, so ist es auf socialem Gebiete Aufgabe des 
Schriftstellers, dem Leser nicht Alles fertig zu bieten, ihn viel- 
mehr zum Denken — und Handeln anzuregen. 



Masaryk. Der Selbstmord. 16 



Berichtigungen. 



P. 17 Anm. 1. Bondin statt Baudin. 

P. 146, Z. 2 V. u. Tor „Die EDgländer" kommt der Satz : „Es könnte sich daher irgend 
ein Volk zn immer höherer Civilisation entwickeln, ohne dass sich die krankhafte Selbstmord- 
neigung nothwendig einstellen müsste, wie ja schon bei den modernen Nationen einige, trotz 
ihrer grossen Civilisation, eine bedeutend geringere Selbstmordfrequenz aufweisen, wie andere 
ebenso oder noch weniger civilisirte.** 



Autorenregister. 



A. 



Alzog 181. 
Armellino 128. 
'Arndts 109. 
Arnobias 152. 
Arnold 161. 



B. 



Baco 83, 170, 206. 

Baer 79. 

Bain 146. 

Balbi 218. 

Bancroft 215. 

Bariod 96. 

Beccaria 230. 

Becker (W. A.) 153, 230. 

Becker-Marquardt 148, 151, 153, 154. 

Beckers 169. 

Beneke 170. 

Bertillon 32, 109. 

Blanc 87, 139. 

Block 44, 86, 108. 

Blount 206. 

Bodio 37, 44. 

Boisguilbert 57. 

Boissier 154, 155. 

Bonard 184. 

Boudin 8, 10, 11, 17. 

Brachelli 197. 

Brandes 199, 201. 

Brigham 108. 

Brierre de Boismont 10, 15, 27, 45, 

47, 75, 87, 99, 128, 161. 
Buckle 160, 161, 203, 239. 
Bucknill 110. 
Baonafede 128. 



Burrow 47, 117. 
Byron 121. 



C. 



Cabanis 12. 

Calmeil 140. 

Casper 24, 27, 47, 87, 125, 127, 232. 

Cazauvieilh 23. 

Cbanning 161. 

Cbapman 107. 

Chaucer 78. 

Cheyne 12. 

Comte(A.)85,129, 182,187,207,227,233. 
Cremer 199. 

D. 

Darwin 145, 172. 
Delbrück 107. 
Denis 151. 
Descartes 181. 
Descuret 50, 99. 
Des Etang 50. 
DesmouUns 43. 
Diez 127. 
Diodorus Sic. 224. 
DöUinger 181, 212, 219. 
Drobisch 239. 
Drysdale 57. 
Da Bois-Reymond 167. 
Duglas 9. 
Duncker 224. 
Durand-Fardel 27. 

E. 

Eiler 194. 
Elam 22. 
Engel 36. 

Esquirol 12, 25, 26, 93, 96, 100, 101 , 1 16. 

16* 



— 244 — 



F. 

Pallmerayer 218. 

Falret 8, 26, 32, 103, 138. 

Farr 32. 

Ferrus 107. 

Flemming 78. 

Fod^r^ 8. 

Ford 47. 

Forester 202. 

Frank (Sebastian v. Wörth) 228. 

Friedländer 153, 154. 

Fröblich 109. 

Funck-Brentano 62, 181. 

G. 

Gentz 186. 

Gerland 174. 

Gibbon 151. 

Glatter 125. 

Goethe 120, 166, 168. 

Griesinger 96, 109, 118. 

Grimm 145. 

Grün (Anast.) 187. 

Güder 204. 

Gu^rin 128. 

Guerry 10. 

Gnislain 110. 

Guizot 167, 181. 

H. 

Häckel 51, 187. 

Hagenbacb 181. 

Hasse 110, 116. 

Haushofer 81, 108, 115. 

Hausner 36, 37, 87, 108, 117, 118, 143. 

Hausrath 153, 155. 

Hecker 121. 

Hettinger 181. 

Hettner 199. 

Heyfelder 27. 

Hitscb 108. 

Hobbes 206. 

Homer 120. 

Horaz 151, 153, 154. 

Hume 207. 

Huss 78. 



J. 



Jacobi 100. 
Juvenal 154. 



K. 



Kant 77. 

Kloeden 11, 202. 

Kolb 10, 11, 55, 68, 222. 

Koneg 45. 

Kraus 3, 12, 54. 

Krones 186. 

Kurz 181. 

L. 

Laborde 109. 

Lamennais 171. 

Lange 62. 

Langhaus 41. 

Laveleye 59. 

Lecky 62, 153, 158, 166, 228. 

Legoyt 27, 88. 

Le Play 181, 188. 

Lermontow 221. 

Lessing 241. 

Levasseur 67. 

Lichtenberg 171, 234. 

Lisle 26, 87, 128, 174. 

Livius 153, 154. 

Locke 206. 

Lombröso 38. 

Lucan 153. 

Lucrez 151. 

Luthardt 181. 

Maistre de 179. 

Mariana 130. 

Mariano 181. 

Maudsley 62, 98, 100, 102, 103. 

Mayr 36, 105, 107. 

Meyr 230. 

MiU (J. St.) 18, 84, 129, 146, 209. 

Möhler 181. 

Mommsen 150. 

Montesquieu 11. 



— 245 — 



Morean 102. 
Morel 78, 104. 
Morpurgo 44, 93. 

Mörsern 9, 12, 23, 26, 27, 43, 87, 88, 
143, 173. 

N. 

Nielsen (Basmus) 201. 

0. 

Oesterlen 27, 53, 78. 

OettiDgen v., 3, 10, 13, 27, 36, 74, 

87, 127. 
Oslander 12, 47, 161. 

P. 

Paine 208. 

Parent-Duchatelet 81. 
Peschel 145. 
Petersen 202. 
Petit 14. 

Pfleiderer (E.) 200. 
Pierquin 108. 
Platter 27. 
Plinius (d. Ä.) 153. 
Plutarch 224. 
Polybius 150. . 
Properz 153. 
Puschkin 221. 

Quetelet 93, 239. 

R. 

Eeid (Browne) 80. 
Kenan 157, 232. 
Renaudin 78. 
Review Quarterly 203. 
Review Salurday 203. 
Rheinstädter 139. 
Riggenbach 181. 
Roi, J. de le 155. 
Rousseau 157. 

Schimmer 11, 37, 52, 55. 
Schlager 102. 



Schömann 148. 
Schopenhauer 224. 
Schwaab 109. 
Schweizer v., 168. 
Schwicker 45. 
Seneca 153, 154. 
Shelley 209. 
Spencer 23. 
Springer 125. 
St.-Fare-Bontemps 41. 
Stephen (Leslie) 206. 
Strauss 166. 
Stricker 46. 
Süssmilch 23. 
SuUy 200. 
Szafkowsky 128. 

T. 

Tacitus 153, 154. 

Taine 182. 

Thiers 183. 

Tissot 13, 25, 32, 161. 

Tocqueville 47, 129, 217, 241. 

Treitschke 232. 

Tschirner 126. 

Tucker 57. 

Tuke 108, 110. 

Turgeniew 220. 

Tylor 145. 

V. 

Vauban 58. 
Virgil 154. 

W. 

Wächter 230. 

Wagner (A.) 9, 11, 26, 40, 43, 46, 52, 

55, 61, 71, 87, 92, 93, 131, 138, 

161, 173, 174, 239. 
Waitz 145. 
Wappäus 30. 

Winslow 51, 87, 106, 118, 208. 
Wuttke 145. 

Z. 

Ziller 101, 106. 
Zöllner 171. 



• • 



i * • . 



Druck von Adolf Holzbansen, 

k. k. Hof- und UniversitftU-Buchdrucker in Wien. 



s 



A*1Q*1252AA35 



/■ 




b89092S2883Sa 



A» 



/ 






^^«*